Der Bootsverleih Zento‑Fahrten liegt in Lauscha am östlichen Ufer des Zento, dort, wo der Fluss nach der Mündung des Horchbachs breiter wird und die Strömung eine ruhige Linie zieht. Der Steg besteht aus dunklem Holz, das an manchen Stellen vom Wasser ausgeblichen ist. Zwischen den Planken wachsen kleine Grasbüschel, die sich im Wind bewegen, als würden sie den Rhythmus der Boote imitieren. Hinter dem Steg steht eine niedrige Hütte mit einem Schornstein, aus dem an kühlen Tagen dünner Rauch steigt. In der Hütte riecht es nach Öl, nassem Holz und Tee, den Jorek Sandmann in einem alten Metallkessel warm hält. Der Bootsverleih wirkt wie ein Ort, der sich nicht anpasst, sondern einfach bleibt, wie er ist.
Die Boote liegen in zwei Reihen am Ufer. Die vordere Reihe besteht aus drei Kanus, deren Rümpfe in Rot, Grün und einem blassen Gelb gestrichen sind. Das gelbe Kanu trägt den Namen „Horchbach‑Läufer“, weil es angeblich einmal bis weit in den Bach hinein gefahren wurde, bevor der Wasserstand sank. Dahinter liegen zwei Ruderboote, schwerer und breiter, mit Sitzbänken aus hellem Holz. Eines davon heißt „Venera“, benannt nach der Schutzfigur des Ortes, und auf der Innenseite des Bugs ist ein kleiner geschnitzter Stab eingelassen, den ein unbekannter Dorfbewohner dort befestigt hat. Weiter hinten liegen zwei Motorboote, die Jorek nur an erfahrene Besucher verleiht. Das ältere der beiden, „Z‑2“, hat eine Delle an der linken Seite, die von einem Zusammenstoß mit einem treibenden Baumstamm stammt. Jorek erzählt die Geschichte gern, aber jedes Mal anders, sodass niemand weiß, was wirklich passiert ist.
Jorek Sandmann selbst ist ein Mann, der den Fluss nicht beobachtet, sondern liest. Sein Gesicht ist von Wind und Wasser gezeichnet, und sein grauer Bart wirkt wie ein Stück Treibholz, das sich an ihm festgesetzt hat. Früher arbeitete er als Mechaniker für die Bahn, bevor er den Bootsverleih übernahm. Die Verbindung zur Bahn blieb: Er repariert noch immer gelegentlich Geräte im Olifantus‑Verlag, der gegenüber dem Bahnhof liegt, und prüft dort GPS‑Daten für digitale Karten. Wenn er vom Verlag zurück zum Fluss geht, nimmt er stets denselben Weg über die Horchbachgasse, als würde er kontrollieren, ob die Steine noch an ihrem Platz liegen.
Viele Geschichten ranken sich um Jorek. Eine erzählt von einer Gruppe Jugendlicher aus Keinas, die eines Sommers ein Kanu mieteten und zu weit flussaufwärts fuhren. Als sie nicht zurückkehrten, stieg Jorek in die „Venera“ und fand sie schließlich an einer Sandbank, wo sie versuchten, ein Lagerfeuer zu entzünden. Er brachte sie wortlos zurück, und am nächsten Tag stand ein Korb mit Honiggläsern vor seiner Hütte – ein Geschenk der Imker vom Horchbach, die die Jugendlichen kannten. Eine andere Geschichte berichtet von einer älteren Frau aus Petra, die jedes Jahr ein Motorboot mietet, um an eine bestimmte Stelle im Fluss zu fahren. Dort wirft sie Blumen ins Wasser. Niemand weiß, warum, aber Jorek hält jedes Mal den Motor an und wartet, bis sie fertig ist.
An manchen Tagen hilft ihm ein junger Mann namens Rian Brecht, ein Neffe des pensionierten Lehrers Hanno Brecht, dessen Modelle alter Flussschiffe im Heimatmuseum stehen. Rian studiert eigentlich in Zentro, kommt aber im Sommer zurück nach Lauscha. Er hat die Angewohnheit, die Boote mit einem Tuch abzuwischen, das er immer in der Gesäßtasche trägt. Wenn er mit Jorek zusammenarbeitet, sprechen sie kaum. Beide scheinen zu wissen, was der andere tun wird, bevor es geschieht.
Die Lage des Bootsverleihs macht ihn zu einem Ausgangspunkt für viele kleine Begebenheiten. Wanderer, die vom Uferweg kommen, setzen sich oft auf die Bank neben der Hütte, um ihre Schuhe auszuziehen und die Füße ins Wasser zu halten. Kinder aus der Grundschule werfen Stöcke ins Wasser und beobachten, wie sie unter dem Steg verschwinden. Pfarrerin Livia Mertens nutzt gelegentlich ein Kanu, um für die Abendandachten am Fluss einen geeigneten Platz zu finden. Und Selma Rautenberg aus dem Zentohaus bringt manchmal eine Schüssel mit Fischresten vorbei, die Jorek an die Katzen verfüttert, die sich rund um den Steg angesiedelt haben.
Besucher, die ein Boot mieten möchten, finden am Eingang der Hütte eine kleine Tafel mit handgeschriebenen Preisen. Jorek aktualisiert sie selten, weil er sagt, dass der Fluss sich auch nicht ständig ändere. Die Öffnungszeiten hängen von der Jahreszeit ab: Im Sommer ist der Verleih meist von morgens bis zum frühen Abend geöffnet, im Frühjahr und Herbst nur an Tagen, an denen der Wasserstand stabil ist. Schwimmwesten liegen in einer Holzkiste bereit, und wer keine Erfahrung hat, bekommt eine kurze Einweisung. Jorek zeigt dann, wie man das Paddel hält, wie man gegen die Strömung ansetzt und wie man erkennt, ob ein Ast unter der Wasseroberfläche treibt. Er spricht dabei ruhig, ohne Eile, als würde er davon ausgehen, dass der Fluss selbst den Rest erklärt.
Der Bootsverleih Zento‑Fahrten ist kein Ort für große Abenteuer, sondern für kleine Wege, die man selbst bestimmen kann. Wer hier ein Boot nimmt, fährt nicht nur auf dem Wasser, sondern durch Geschichten, die sich zwischen Steg, Fluss und Dorf bewegen. Und wenn man zurückkehrt, steht Jorek meist schon am Ufer, die Hände in den Taschen, und nickt einem zu, als hätte er gewusst, wann man wieder anlegt.

