Die Kirche St. Venera steht an der Bahnhofstraße 14 in Lauscha, wenige Schritte unterhalb des kleinen Backsteinbahnhofs, dessen Züge im Stundentakt die Verbindung nach Ferkelau und Zentro sichern. Wer vom Bahnsteig kommt, sieht zuerst das kupferne Turmdach, das sich über die Dächer der umliegenden Häuser hebt. Gegenüber liegt das langgestreckte Gebäude des Olifantus‑Verlags, dessen hohe Fenster das Licht des Zento aufnehmen. Seit Jahren gehört es zum Ortsbild, dass Mitarbeitende des Verlags in der Mittagspause auf den Stufen der Kirche sitzen, weil der Platz dort windgeschützt ist. Rechts der Kirche steht das alte Pfarrhaus, ein zweigeschossiger Bau mit schmalem Garten, in dem Kräuter wachsen, die Pfarrerin Livia Mertens für das Gemeindefrühstück nutzt. Links führt ein schmaler Weg zum Heimatmuseum, dessen graues Schieferdach vom Kirchhof aus gut zu sehen ist.

Die Kirche ist der heiligen Venera gewidmet, einer Gestalt, die in Lauscha eine besondere Rolle spielt. Der Überlieferung nach soll ein früher Siedler namens Venerus von der Horchbachklamm eine kleine Holzkapelle errichtet haben, nachdem er bei einem Hochwasser am Zento nur knapp dem Tod entkam. Die Bewohner deuteten sein Überleben als Zeichen, und aus dem Namen Venerus entwickelte sich im Laufe der Zeit die Verehrung einer Schutzfigur, die man Venera nannte. Die Gemeinde erzählt, dass Venera für Menschen einsteht, die an Flüssen leben und mit wechselnden Wasserständen umgehen müssen. Noch heute hängt im Eingangsbereich der Kirche eine geschnitzte Tafel, die Venera mit einem Stab zeigt, der in den Fluss getaucht ist. Das Werk stammt von Gerold Manke, dem ehemaligen Steinmetz aus der Horchbachgasse, der auch die Reliefs an seinem eigenen Haus geschaffen hat.
Das Kirchgebäude selbst entstand in mehreren Etappen. Der älteste Teil ist der Chorraum aus dem 17. Jahrhundert, dessen Fundament aus Flusssteinen besteht, die damals aus dem Zento geborgen wurden. Der Turm kam erst später hinzu, als die Gemeinde im 19. Jahrhundert wuchs und ein sichtbares Zeichen ihres Zusammenhalts setzen wollte. Die Kupferplatten für das Dach stammen aus einer aufgegebenen Mine im Zentralmassiv. Dorfbewohner trugen sie auf dem Rücken herab, weil die Wege für Fuhrwerke zu steil waren. Im Kirchenarchiv liegt ein Heft mit den Namen der Helfer, darunter auch Vorfahren der heutigen Familien Weller, Rautenberg und Brecht. Der Innenraum wurde in den 1920er Jahren erneuert. Die Holzbänke stammen aus einer Werkstatt in Petra, der Altar aus einer kleinen Schnitzerei in Horchau. Ein Fenster im Seitenschiff zeigt den Horchbach, wie er zwischen Steinen herabfließt. Es wurde von einer Glasmalerin aus Ausschnittdorf gefertigt, die damals ein Atelier im dortigen Kulturhaus hatte.

Pfarrerin Livia Mertens leitet die Gemeinde seit drei Jahren. Sie ist in Lauscha bekannt, weil sie neben ihrer Tätigkeit als Geistliche auch als Kartografin im Olifantus‑Verlag arbeitet. Viele Besucher wundern sich, wenn sie sie an Werktagen mit Lineal und Transparentpapier im Verlagsfenster sehen. Mertens sagt, dass das Zeichnen ihr hilft, die Landschaft zu verstehen, und dass Predigten manchmal aus denselben Linien entstehen wie Karten. Unterstützt wird sie vom Kantor Jannis Rehfeld, einem ruhigen Mann aus Ausschnittdorf, der früher im dortigen Jugendzentrum Musikworkshops leitete. Rehfeld spielt die Orgel mit sicherer Hand und hat ein kleines Ensemble aufgebaut, das aus Schülerinnen der Grundschule und älteren Gemeindemitgliedern besteht. Der Küster heißt Malte Hergert, ein gelernter Elektriker, der sich um die Glockenanlage, die Beleuchtung und den Garten kümmert. Er wohnt in einem kleinen Haus am Hang und kommt jeden Morgen vor sieben Uhr zur Kirche, um die Türen zu öffnen. Hergert ist dafür bekannt, dass er während der Wintermonate die Wege rund um die Kirche selbst freischaufelt, weil er sagt, dass niemand auf dem Weg zum Gebet ausrutschen soll.
Zur Gemeinde gehören viele Menschen, die im Ort oder im Landkreis Ferkelau aktiv sind. Die pensionierte Lehrerin Hanno Brecht, der im Heimatmuseum seine Modelle alter Flussschiffe zeigt, sitzt jeden Sonntag in der dritten Bankreihe und liest die Lesung. Mira Kallweit, die Leiterin der Laienspielgruppe, organisiert jedes Jahr ein kleines Theaterstück im Kirchhof, bei dem Kinder Szenen aus der Geschichte Lauschas darstellen. Auch Mitarbeitende des Olifantus‑Verlags sind eng mit der Gemeinde verbunden. Torben Weller, der junge Autor, hilft beim Gemeindebrief. Selma Rautenberg, die Wirtin des Zentohauses, bringt zu besonderen Anlässen Fischsuppe für das Gemeinschaftsfrühstück mit. Jorek Sandmann, der Bootsverleiher, kümmert sich um die Lautsprecheranlage für die Abendandachten am Fluss. Selbst Lina Manke, die Buchhalterin des Verlags, übernimmt einmal im Monat den Kirchkaffee und bringt Gebäck mit, das sie nach einem Rezept ihres Vaters backt.
Die Aktivitäten der Gemeinde sind vielfältig. Nach jedem Sonntagsgottesdienst findet im Gemeindesaal ein gemeinsames Frühstück statt. Die Tische werden von Ehrenamtlichen gedeckt, und oft bringen Familien Brot, Käse oder Honig mit. Der Honig stammt meist von den Imkern am Horchbach, deren Bienenstöcke im Frühjahr stark summen. Pfarrerin Mertens nutzt diese Treffen, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Viele Besucher aus Keinas oder Horchau bleiben nach dem Frühstück noch im Kirchhof, um sich auszutauschen. Besonders beliebt sind die Abendandachten am Fluss. Im Sommer sitzen die Menschen auf Decken am Ufer des Zento, während der Chor singt und der Wind über das Wasser streicht. Rehfeld begleitet die Lieder mit einem kleinen tragbaren Harmonium, das er aus Ausschnittdorf mitgebracht hat. Die Andachten ziehen auch Menschen an, die sonst selten in die Kirche gehen. Manche kommen mit Booten aus dem südlichen Uferbereich und legen am Steg an, den Sandmann für solche Abende freihält.
Ein weiteres Highlight sind die Orgelkonzerte, die zweimal im Jahr stattfinden. Rehfeld lädt dazu Musikerinnen und Musiker aus dem Landkreis ein, darunter auch die Organistin Tabea Schirner aus Zentro, die für ihre Improvisationen bekannt ist. Die Konzerte sind gut besucht, und oft stehen Menschen im Seitenschiff, weil die Bänke nicht ausreichen. Die Einnahmen fließen in die Restaurierung des Turms, dessen Kupferplatten regelmäßig überprüft werden müssen. Der letzte größere Abschnitt wurde von Tarek Manke, dem Schreiner aus der Horchbachgasse, begleitet, der das Gerüst mitgebaut hat.
Die Kirche St. Venera ist eng mit den Institutionen des Ortes verknüpft. Die Grundschule nutzt den Kirchhof für Projekttage, bei denen Kinder Pflanzen bestimmen oder Geschichten aus der Ortschronik hören. Das Heimatmuseum arbeitet mit der Gemeinde zusammen, wenn es um Führungen zur Ortsgeschichte geht. Der Olifantus‑Verlag stellt historische Karten für Ausstellungen bereit, und die Kreisverwaltung in Ferkelau schickt regelmäßig Gruppen, die sich über die Baugeschichte informieren. Auch aus Ausschnittdorf kommen immer wieder Gäste, darunter Mitglieder des Kulturhauses, die sich für die Glasmalerei im Seitenschiff interessieren.
So bildet die Kirche St. Venera einen Mittelpunkt, an dem sich Wege kreuzen: Wege von Menschen, die am Fluss leben, Wege von Mitarbeitenden des Verlags, Wege von Kindern, die im Chor singen, Wege von Besucherinnen und Besuchern, die den Ort erkunden. Wer an einem frühen Abend am Zento steht und den Blick zum kupfernen Dach hebt, versteht, warum die Gemeinde ihre Kirche nicht nur als Gebäude sieht, sondern als Teil eines Geflechts aus Geschichten, Arbeit und Begegnungen, das Lauscha prägt.

