(Pop.: 758 – 217m NN)

Altro, ein Dorf mit 758 Einwohnern im Landkreis Altenow, liegt auf 217 Metern Höhe in der weiten, offenen Landschaft der Seelandebene, etwa sieben Kilometer nördlich von Melos. Der Ort zieht sich als typisches Straßendorf über fast zwei Kilometer entlang der alten Landstraße SEE7, die von Melos nach Zajin führt. Auf beiden Seiten der Straße reihen sich langgestreckte Gehöfte, meist aus Feldstein und Holz errichtet, mit breiten Scheunentoren und schiefergedeckten Dächern. Zwischen den Häusern liegen kleine Gärten mit Apfel- und Pflaumenbäumen, die im Frühjahr in Blüte stehen und den Ort mit süßem Duft erfüllen. Hinter den Höfen beginnen die Felder, die sanft ansteigen, bis sie am westlichen Horizont in die Randböschung des Haugwaldes und des Schittinger Auenwaldes übergehen. Dort, wo das Land sumpfiger wird, finden sich schmale Entwässerungsgräben, in denen im Sommer Frösche quaken und Schilf sich im Wind bewegt.

Altro ist ein Dorf der Bauern und Mühlenleute. Das Leben folgt hier dem Rhythmus der Jahreszeiten: Aussaat, Heuernte, Dreschen, Ruhe. Zentrum des wirtschaftlichen Lebens ist der Hof „Sperlmann & Sohn“, der an der nördlichen Ausfahrt des Dorfes liegt. Der Hof wurde 1889 gegründet und ist bis heute in Familienbesitz. Die Sperlmanns bauen alte Getreidesorten an – Roggen, Emmer, Einkorn und eine besonders widerstandsfähige Weizensorte, die sie „Seelandgold“ nennen. In einer kleinen Mühle, die an den Hof anschließt, wird das Korn zu Mehl verarbeitet. Das Produkt, bekannt als „Altro-Mehl“, ist in Altenow und den umliegenden Dörfern begehrt und wird von mehreren Bäckereien verwendet, besonders für das dunkle Bauernbrot, das im Seeland fast zu jeder Mahlzeit gehört. Die Mühle ist ein einstöckiges Gebäude aus rotem Backstein, mit einem schmalen Schornstein, aus dem an Backtagen leichter Rauch aufsteigt. Drinnen steht die alte Mahlmaschine, Baujahr 1924, noch immer in Betrieb, wenn auch inzwischen elektrisch angetrieben. Besucher können nach Absprache eine Führung bekommen; Hofbesitzer Ralf Sperlmann erklärt gern den Ablauf, vom Korn bis zum fertigen Mehl, und reicht am Ende ein Stück frisch gebackenes Brot mit Butter.

Neben der Landwirtschaft ist Viehzucht von Bedeutung. Fast jeder Hof hält Kühe, Schweine oder Hühner, und man hört auf den Straßen oft das Rufen der Hirten, wenn die Tiere von den Weiden zurückkehren. Die Milchsammelstelle am südlichen Dorfrand wurde in den 1990er-Jahren geschlossen, doch der kleine Hofladen von Familie Nehring verkauft noch immer frische Milch, Eier und Käse. Er liegt gleich gegenüber der Bushaltestelle, wo morgens der Linienbus Richtung Altenow hält.

Im Zentrum des Dorfes, wo sich die Straße leicht krümmt, steht die Kapelle St. Timo. Sie ist klein, kaum zwanzig Meter lang, und aus rötlichen Ziegeln erbaut. Der niedrige Dachreiter trägt eine schlichte Glocke, deren Klang an klaren Tagen weit über die Felder trägt. Die Geschichte der Kapelle reicht weit zurück: Sie wurde im 12. Jahrhundert auf den Fundamenten eines älteren Heiligtums errichtet, das vermutlich heidnischen Ursprungs war. Man erzählt, die Wikinger hätten hier, weitab vom Fluss, eine Opferstätte gehabt, an der sie Tiere darbrachten, bevor sie auf ihren Booten weiterzogen. Bei Renovierungsarbeiten im Jahr 1976 fand man unter dem Boden der Apsis verkohlte Holzreste und Knochenfragmente – wahrscheinlich Überreste eines solchen Altars. Diese Funde wurden später ins Museum am Grenzbach in Altenow gebracht, wo sie heute in einer eigenen Vitrine ausgestellt sind. In Altro selbst erinnert eine kleine Tafel an die Entdeckung. St. Timo ist auch Mittelpunkt des dörflichen Lebens. Jeden Sonntagvormittag versammeln sich hier die Bewohner, und nach dem Gottesdienst bleiben viele noch auf dem kleinen Platz davor stehen, um Neuigkeiten auszutauschen. Der Platz wird von drei Linden gesäumt und ist Treffpunkt zu Festen und Märkten. Besonders lebendig ist es im Sommer, wenn das „Altroer Feldfest“ stattfindet. Dann werden alte Maschinen gezeigt – Dreschwagen, Pflüge, ein dampfbetriebener Traktor aus den 1920er-Jahren –, und am Abend gibt es Tanz und Musik.

Die Kinder von Altro besuchen die Schule im benachbarten Melos, sieben Kilometer südlich. Jeden Morgen fährt der gelbe Schulbus über die Landstraße SEE7, vorbei an Feldern, durch kleine Senken und über Holzbrücken, die in den Frühstunden vom Nebel umhüllt sind. Für viele der Kinder ist dieser tägliche Weg ein kleines Abenteuer, besonders im Winter, wenn Schnee die Straße bedeckt und der Busfahrer – meist der pensionierte Landwirt Helmar Jenk – Geschichten aus früheren Zeiten erzählt.

Altro ist ein stiller Ort. Nach Einbruch der Dunkelheit hört man wenig außer den Rufen der Eulen und das ferne Rauschen des Windes im Auenwald. Einige Häuser sind modernisiert, andere zeigen noch die Spuren vergangener Jahrzehnte: verwitterte Holztüren, schiefe Fensterrahmen, geschnitzte Balken mit alten Hauszeichen. Viele Familien leben hier seit Generationen, und die Namen wiederholen sich auf den Briefkästen – Sperlmann, Nehring, Jenk, Trube. Die Umgebung lädt zu Wanderungen ein: Entlang des Schittinger Auenwaldes verläuft ein alter Fahrweg, auf dem einst Mühlenwagen fuhren. Heute ist er ein beliebter Pfad für Spaziergänger, die dort Reiher und Kraniche beobachten.

Ch.: SEE7 (N: Zajin 4km, S: Melos 7km); SEE20 (W: Monos 11km, O: Berno 8km)