
(Pop.: 529 – 98m NN)
Wer in Prießen ankommt, steigt meistens aus dem Zug der SeeLB90. Der Zug hält kurz, fast beiläufig, zwischen Wald und Wasser. Auf dem niedrigen Bahnsteig stehen zwei Bänke, dahinter ein flaches Empfangsgebäude, in dessen Fenster ein handgeschriebener Zettel hängt: „Nächster Zug nach Kleinros 10:12, nach Zentro 10:18“. Die Züge kommen stündlich, von früh bis Abend, und für viele im Dorf sind diese Zeiten so selbstverständlich wie die Glockenschläge der Kirche. Wenn der Zug abfährt, wird es schnell wieder ruhig. Nur das Klacken der Schranke an der Bahnhofstraße ist noch zu hören und, leiser, das Schlagen der Wellen unten am Grenzsee. Von hier aus führt der Weg über die Bahnhofstraße hinunter zum Wasser. Die Häuser stehen dicht, aber nicht gedrängt: verputzte Fassaden, Holzbalkone, einige alte Backsteinbauten mit tiefen Eingangsstufen. Im Hof eines hellen Hauses mit grünen Fensterläden hängen Netze zum Trocknen über einem Gestell; daneben steht ein alter Kahn auf Böcken, halb abgeschliffen, als wäre gestern daran gearbeitet worden. Ein Schild an der Ecke weist zum „Gasthof Am Steg“, dem Ankerpunkt des Ortes.
Der Gasthof liegt direkt am kleinen Hafen. Seine Wirtin, Marja Torsen, steht meist schon vor dem ersten Frühstück am Fenster und schaut hinunter auf den See. Von hier aus, aus dem Obergeschoss über der Gaststube, wirkt Prießen überschaubar: der kurze Bogen des Uferwegs, die drei schmalen Stege, die in den Grenzsee hinausreichen, und darüber, etwas versetzt, der Turm der St.-Frideborg-Kirche mit seinem kupfernen Dach, das auch an trüben Tagen einen matten Schimmer behält. Fischerboote liegen an den Pfählen, darunter die „Anna-Lu“ und die „Saarow 2“, kleine, flach gebaute Boote mit wettergegerbten Planken. Wenn Marja gegen sieben Uhr die Hintertür öffnet, riecht es nach Kaffeesatz, kaltem Rauch und Wasser. Die ersten Gäste sind oft Fischer, die sich auf dem Heimweg noch ein Brötchen und einen starken Kaffee holen. Sie kommen von den frühen Fahrten hinaus auf den Grenzsee, haben Netze eingeholt oder Reusen kontrolliert. Der Hafen von Prießen ist kein großer Umschlagplatz, eher ein Ausgangspunkt für diese kleinen Bewegungen: Fischfang, Bootstouren, gelegentliche Ausflugsfahrten mit Besuchern aus Zentro, die an einem Samstagmorgen mit der SeeLB90 anreisen. Der Uferweg verläuft in einem weiten Bogen entlang des Sees. Zur einen Seite stehen Häuser, zum Teil mit Pensionen oder Gästezimmern, zur anderen Seite liegt das Wasser, getrennt nur durch eine niedrige Mauer und einen schmalen Streifen Kies. An warmen Tagen sitzen dort Menschen auf Klappstühlen, die Füße fast im Wasser, und sehen den Booten zu. Am südlichen Ende des Wegs steht ein langer Schuppen: die Werkstatt von Hauke Bress, Bootsbauer in dritter Generation. In der offenen Tür ist oft der Schatten einer gebückten Gestalt zu sehen, die Holzleisten anpasst oder einen Rumpf abdichtet. Vor der Werkstatt liegen Bretter, Teerkanister, Spanten; der Geruch von Holz und Lack mischt sich mit dem des Sees.

Die St.-Frideborg-Kirche steht ein Stück oberhalb des Ufers, auf einer kleinen Anhöhe, die früher einmal eine natürliche Sandbank gewesen sein soll. Man erreicht sie über die Kirchstraße, die in einer leichten Kurve von der B6 abzweigt. Der Bau aus rötlichem Ziegel mit neugotischen Fenstern wirkt von außen größer, als es die Ortsgröße vermuten lässt. Ihr Turm mit dem kupfernen Dach ist weit über den Grenzsee hinaus sichtbar und dient den Booten als Orientierungspunkt; wer vom offenen Wasser her kommt, nimmt den grünlich schimmernden Helm als Fixpunkt, besonders, wenn abends die letzten Lichtreste an ihm hängenbleiben. Innen ist St. Frideborg einfach, aber nicht karg. Helle Wände, eine hölzerne Empore, ein geschnitzter Altar mit einem Bild, das keine dramatische Szene zeigt, sondern den See in ruhigem Wasser, ein Boot darauf und eine Gestalt am Ufer. Die Gemeinde ist überschaubar; nicht jeden Sonntag sind alle Bänke gefüllt. Doch zu den Feiertagen und Taufen kommen Menschen auch aus Berenburg und Tewitz herüber, manche mit dem ersten Zug, andere mit dem Auto über die B6. Nach dem Gottesdienst laufen viele hinunter zum Hafen, und mancher Mittag beginnt mit einem kurzen Blick vom Kirchhof auf das Wasser.
Im Alltag verläuft das Leben in Prießen an einigen klaren Linien. Die B6 verbindet den Ort nach Nordwesten mit Berenburg und nach Südosten mit Saarow. Auf der Straße fahren Holzlaster, Lieferwagen, der Bus hinauf nach Tewitz. Manche Kinder aus Prießen gehen dort zur Schule. Morgens sammeln sie sich an der Haltestelle gegenüber dem Dorfladen, Schulranzen auf dem Rücken, Fahrradhelme in der Hand. Der Bus kommt aus Berenburg, nimmt sie mit in den Wald hinauf, über die SEE25 nach Norden. Für sie ist der Grenzsee Hintergrund, nicht Mittelpunkt: Sie wachsen mit dem Blick auf das Wasser auf, aber ihre Geschichten spielen auf Pausenhöfen in Tewitz, zwischen Högelstein-Wall und Bahnhof.

Der Dorfladen selbst liegt an der Kreuzung von Seeweg und Kirchstraße. Er ist klein, mit einem Postschalter in der Ecke, einer Kiste mit frischem Fisch vom Hafen und Regalen, in denen Honiggläser aus Teeheim neben Konserven stehen. Einmal in der Woche kommt der Händler aus Tewitz mit seinem Lieferwagen, lädt Kisten ab, nimmt andere mit. Vor dem Laden stehen zwei Holzbänke, auf denen am Vormittag ältere Bewohner sitzen, Einkaufstaschen zu ihren Füßen, und den Fluss der wenigen Autos kommentieren. Hinter dem Laden beginnt ein schmaler Pfad, der in den Wald führt. Prießen liegt zwischen Wasser und Bäumen; schon wenige Schritte von den letzten Häusern entfernt steht man unter hohen Stämmen, hört kaum noch die Züge auf der SeeLB90, die im Stundenrhythmus aus dem Wald auftauchen und wieder darin verschwinden. Manche Bewohner arbeiten in den Forstbetrieben rund um Arnsheim, andere pendeln mit dem Zug nach Zentro, Kleinros oder in eine der anderen Ortschaften entlang der Linie.
Zurück am Hafen beginnt am Nachmittag eine andere Schicht des Lebens. Die Ausflügler kommen, manche mit Rucksäcken, andere mit kleinen Kühlboxen. Zwei Boote bieten Fahrten über den Grenzsee an: die „Nordian“ und die „Prießensee“, offene Boote mit Bänken und leisen Motoren. Die Skipper, beide aus dem Ort, kennen jeden Stein am Ufer, jedes Flachwasser. Sie erzählen den Gästen vom Runenfest an der Steinmark, vom Blick auf Berenburgs Schleuse XII, von der Linie der Wälder, die den See einfassen.
Abends kehren die Boote zurück, Menschen steigen aus, müde und leicht salzig vom Wind. Im Gasthof „Am Steg“ füllen sich die Tische. Marja trägt Teller mit gebratenem Fisch, Kartoffeln, einfachem Salat. Die Gespräche mischen sich mit dem Schlagen der Kirchenglocken, die den Tagesabschluss ankündigen. Wer auf der Terrasse sitzt, sieht den Turm der St.-Frideborg-Kirche im letzten Licht, das Kupferdach leicht gedämpft, nicht glänzend, eher wie ein ruhiger Punkt über den Dächern.
Später, wenn die Küche geschlossen hat und die letzten Gäste über den Seeweg nach Hause gehen, steht Marja manchmal noch einen Moment am Steg. Der Hafen ist dann fast leer, nur das Rucken der Festmacher, das leichte Klatschen von Wasser an Holz. Am gegenüberliegenden Ufer sind keine Lichter zu sehen, nur die dunkle Linie des Waldes. Hinter ihr, in den Gassen von Prießen, klicken vereinzelt Türen, ein Hund bellt. Vom Bahnhof oben an der Strecke erklingt in der Ferne das kurze Pfeifen eines einfahrenden Zuges – ein leiser Hinweis darauf, dass der Ort nicht aus der Welt gefallen ist, sondern nur ein wenig beiseite liegt.
Bahn: SeeLB90 stündlich 6:12 – 21:12 nach Kleinros, 6:18 – 21:18 nach Zentro
Ch.: B6 (NW: Berenburg 11km, SO: Saarow 6,5km); SEE25 (N: Tewitz 13km)

