
(Pop.: 9.467 – 103m NN)
An einem Vormittag im Frühling steigt ein Reisender am Bahnhof Teicha aus einem Zug der Linie 108 der Bierona-Zentravia-Ferrovia, der gerade aus Seestadt eingetroffen ist. Der Zug rollt weiter Richtung Kleebaum, und der Bahnsteig wird rasch leer. Er bleibt einen Moment stehen, riecht leicht feuchte Luft, in der ein Hauch von Fisch und Metall liegt. Von hier oben sieht man den Großen Teich noch nicht, nur den den Rand des Seeland-Waldes. Rechts vom Bahnhofsvorplatz wartet der Bus, der nach Flutkanal und Ziehen fährt, doch er biegt nicht ein, sondern hält sich an die Marktgasse, die später vom Zento-Rücken herab in die Stadt kommt. Der Reisende entscheidet sich zu laufen, die paar Minuten in Richtung Zentrum, dorthin, wo die Seestraße und die Marktgasse sich kreuzen.
Auf dem Weg dorthin verändern sich die Häuser Schritt für Schritt. Zuerst stehen neben dem Bahnhof Zweckbauten mit flachen Dächern: ein Autohaus mit Gebrauchtwagen, eine kleine Kfz-Werkstatt, deren Tor offensteht, Ölgeruch mischt sich mit kalter Luft. Dann folgen Wohnhäuser mit Vorgärten, Wäsche auf den Leinen, Kinderfahrräder an den Zäunen. Je näher der Reisende dem Zentrum kommt, desto enger rücken die Fassaden zusammen. Die Marktgasse verengt sich, Kopfsteinpflaster beginnt, und plötzlich öffnet sich der rechteckige Marktplatz. Die Kirche St. Nautilus steht leicht vom Rand abgesetzt, ihr quadratischer Turm mit der Laternenstruktur ist von überall her sichtbar; er wirkt eher wie ein feststehendes Schiffsteil als wie ein Turm.

Der Reisende stellt seinen Koffer an der Ecke Markt/Seestraße ab. Vor ihm liegt ein Bild, das den Alltag der Stadt bündelt: Auf der Nordseite des Platzes die Bürgerhäuser mit breiten Torfahrten, durch die Lieferwagen in Hinterhöfe verschwinden. Aus einem dieser Tore schiebt ein Mann eine Palette mit Brotkisten – sie stammen von der Bäckerei Kaun & Sohn im Haus Markt 7. Der Duft von frischem Roggenbrot und Teig strömt bis auf die Mitte des Platzes. Vor dem Laden stehen schon Menschen, einige mit Arbeitshosen, andere mit Aktenmappe, dazwischen zwei Schüler mit Rucksack, die eilig in ihre Brötchentüten greifen, bevor sie zur Schule in der Zentrumsstraße weiterlaufen.
An der Südseite des Marktes öffnet die Gastwirtschaft „Zum Grenzseefischer“ gerade die Fenster, innen klappert Geschirr. Ein Koch trägt eine Kiste mit Eis und Fischen über die Schwelle, die Schuppen glänzen silbrig. Die Fische kommen aus dem Großen Teich, gefangen von Booten, die später am Hafen liegen werden. Der Reisende merkt sich den Ort für den Abend. Jetzt gilt seine Aufmerksamkeit dem Hotel Zento-Blick an der Ecke Marktgasse/Seestraße. Die Fassade ist schlicht, im Erdgeschoss leuchten die Scheiben des kleinen Cafés, in dem Hotelgäste und Leute aus der Stadt am Morgen an runden Tischen sitzen. Hinter dem Tresen hängt eine Fotografie des Großen Teichs bei Eis, Eissegler als dunkle Striche auf einer weißen Fläche.
Der Hotelier, ein Mann mittleren Alters mit kurzem Bart, nimmt den Namen des Reisenden auf und überreicht ihm einen Schlüssel mit einem schweren Anhänger aus Metall, auf dem eine stilisierte Welle eingeritzt ist. „Seeseite“, sagt er knapp. Das Zimmer im zweiten Stock zeigt auf das Wasser. Vom Fenster aus sieht der Reisende, wie die Seestraße sich entlang des Ufers zieht, wie die Uferpromenade sich anschließt und wie der Kleine Hafen als Einkerbung im Ufer liegt. Ausflugsboote liegen dort, noch mit Planen abgedeckt; die Saison beginnt erst. Weiter nördlich, kaum zu erkennen, reckt sich die Alte Schleusenmeisterei als langes Rechteck in den Himmel. Südlich davon verliert sich die Bebauung und geht in die erste Baumreihe des Seeland-Waldes über.
Später, als die Sonne höher steht, geht der Reisende hinunter zur Uferpromenade. Die Seestraße führt ihn direkt dorthin. Auf der einen Seite Läden mit Bootszubehör, ein Geschäft für Outdoor-Kleidung, in dessen Schaufenster wetterfeste Jacken und Angelstühle stehen, daneben ein kleiner Supermarkt mit Obstkisten vor der Tür. Auf der anderen Seite öffnet sich der Blick auf den Großen Teich. Die Promenade ist mit einfachen Bänken bestückt, ein Geländer trennt sie vom Wasser. Am Hafen liegt die „Teicha I“, ein flaches Ausflugsboot mit Deckbänken. Ein Arbeiter ist damit beschäftigt, die Rettungsringe zu prüfen; später wird das Boot Fahrgäste nach Seestadt und weiter an den Kleinen Teich bringen.
Am Hafenhäuschen hängt der Fahrplan. Der Reisende verfolgt die Linien mit dem Finger: stündliche Fahrten nach Seestadt in der Saison, kommunale Verbindung, die auch Pendler nutzen. Über dem Schalterfenster klebt ein Plakat mit dem Hinweis auf das „Teichfest“, das jedes Jahr im Spätsommer stattfindet. Dann seien, so erzählt die Frau im Schalter, die Teichzander im „Grenzseefischer“ schon Wochen vorher vorbestellt, und auf der Promenade stünden Stände mit geräuchertem Fisch, Holzspielzeug und Brot aus Kauns Backstube.

Vom Hafen aus ist es nur ein kurzer Weg hinüber zur Kirche St. Nautilus. Der Reisende geht die Marktgasse wieder hinauf, biegt auf den Marktplatz ein und überquert ihn. Die Tür der Kirche steht offen. Drinnen ist es kühl, die flache Holzdecke spannt sich wie ein umgedrehter Schiffsrumpf über den Raum. In den Balkenfeldern sind einfache Muster gemalt, Wellenlinien, Fische, Pflanzen. An den Wänden hängen Votivtafeln, kleine gerahmte Bilder: ein Boot, das sich gegen hohe Wellen stemmt; eine Schleuse mit aufgetürmtem Eis; eine Frau, die am Ufer steht und ein Tuch schwenkt. Unter jedem Bild eine knappe Inschrift, manchmal nur ein Datum und das Wort „Dank“. Der quadratische Turm über dem Eingang wirkt von innen wie ein Schacht aus Stein. Ganz oben, unsichtbar für den Besucher, hängt die schwimmende Glocke, von der in der Stadt so oft erzählt wird. Eine ältere Frau, die gerade Kerzen anzündet, berichtet dem Reisenden, dass sie nur noch an drei Tagen im Jahr geläutet wird: am Tag der Sturmflut, am Teichfest und an Allerheiligen.
Hinter der Kirche zieht sich die Speicherstraße nach Osten. Der Alte Kornspeicher steht etwas zurückgesetzt, sein schmales, hohes Volumen wirkt neben den Wohnhäusern fast überzogen, aber es passt zur Geschichte der Stadt. Im Erdgeschoss ist das Foyer des Kulturzentrums eingerichtet, Stuhlreihen stehen bereit für eine Lesung am Abend. An einer Wand hängen historische Fotos: Männer, die Säcke die schmale Treppe hinauftragen, Frauen in Schürzen vor dem Speicher, Kinder auf Getreidehaufen. Der Reisende steigt die schmale Holztreppe hinauf bis zum Dachboden. Zwischen den Balken ist ein Fenster geöffnet, durch das man hinunter auf die Dächer und hinüber zum Hafen blickt. So erschließt sich der Zusammenhang von Feld, Speicher und Hafen in einem Blick.
Am Nachmittag wechselt der Reisende die Seite der Stadt. Von der Uferpromenade aus führt ein Weg hinüber zum Stadtrand, wo der Seeland-Wald beginnt. Ein Holzschild weist auf den „Wasserwege-Pfad“ hin. Der Pfad läuft zunächst dicht an den letzten Gärten vorbei, in denen Bohnenstangen und Frühbeete stehen. Dann stehen plötzlich die ersten Kiefern. Der Boden wird weicher, nadelig. Tafeln erklären, wie das Wasser im Wald versickert, in kleinen Rinnen zusammenläuft und schließlich in den Flutkanal gelangt. Der Reisende geht über den „Baum- und Quellsteg“, eine Holzbrücke über einen Moorbereich. Kinder balancieren dort auf dem Geländer, Eltern halten sie am Rucksack fest. Durch die Spalten zwischen den Bohlen sieht man dunkles Wasser und abgestürzte Äste. Die Stadt wirkt weit weg, obwohl sie nur wenige Gehminuten entfernt liegt.
Zurück im Zentrum fällt auf, wie eng hier Institutionen und Alltag beieinanderliegen. Gegenüber vom Landratsamt in der Marktgasse befindet sich die Stadtbibliothek in einem früheren Kontorhaus. Die Bibliothek füllt nicht viele Räume, aber in einem der Zimmer sitzen Jugendliche um einen Tisch mit Laptops. Sie bereiten Präsentationen für die Gemeinschaftsschule Teicha vor, deren Gebäude in der Schulstraße liegt, zwei Querstraßen vom Markt entfernt. Morgens kommen Schülerinnen und Schüler aus Nolenau und Flutkanal mit dem Bus, die Haltestelle liegt am Bahnhofsvorplatz. Der Busfahrplan hängt auch in der Bäckerei Kaun & Sohn an der Wand, gleich neben einer Liste der Brot- und Brötchensorten. Wer den ersten Bus verpasst, steht dort oft noch mit einem Kaffee in der Hand, bevor er zum nächsten fährt.
In einer Seitenstraße der Seestraße, der Werftgasse, arbeitet die kleine Bootswerkstatt „Teichaer Werftbetrieb“. Das Gelände ist schmal, hinein geschoben zwischen zwei Wohnhäuser. Man sieht Gabelstapler, aufgebockte Rümpfe, Männer und Frauen in ölverschmierten Hosen, die an Motoren schrauben oder Planken schleifen. Hier werden nicht nur Ausflugsboote gewartet, sondern auch private Segelboote und Arbeitskähne vom Flutkanal. Im Hof hängt eine Tafel mit einem Verweis auf den örtlichen Wassersportverein, der am nördlichen Stadtrand eine einfache Anlage hat. Der Verein nutzt im Sommer den Großen Teich für Regatten, im Winter ziehen einige Mitglieder nach Ziehen weiter, wenn das Eis trägt.

Am frühen Abend kehrt der Reisende in den „Zum Grenzseefischer“ zurück. Der Gastraum ist schlicht, Holztische ohne Tischdecken, an den Wänden Fotos von alten Booten und von der Sturmflut, bei der das Wasser durch die Straßen lief. Ein Bild zeigt die Marktgasse als Kanal; ein Mann am Nebentisch erzählt, seine Großmutter habe damals im zweiten Stock gewohnt und sei mit einem Nachbarn per Ruderboot zur Kirche gefahren, um dort mit anzupacken. Auf der Speisekarte stehen Teichzander mit Kartoffeln, Barschspieße, eine kräftige Fischsuppe. Viele Gäste kennt die Bedienung beim Namen, doch auch der Fremde wird ohne Neugier aufgenommen. Als er erwähnt, dass er aus Buthanien kommt, fragt kaum jemand weiter. Fremde sind hier nichts Ungewöhnliches; der See bringt sie regelmäßig.
Später, als die Laterne von St. Nautilus leuchtet und sich ihr Licht als schwacher Strich auf der Wasseroberfläche abzeichnet, geht der Reisende noch einmal hinunter zum Hafen. Die „Teicha I“ liegt fest, die Leinen sind doppelt belegt. Es ist stiller geworden. Nur aus einem Fenster des Landratsamts scheint noch Licht, jemand sitzt spät an einem Schreibtisch. Entlang der Seestraße fahren noch vereinzelt Autos, vielleicht aus Richtung A5, vielleicht vom Abenddienst in Seestadt zurück. Die Luft riecht nach Wasser und leicht nach Rauch aus Schornsteinen.
Der Reisende hat das Gefühl, dass Teicha immer in Bewegung ist, aber nicht hastig. Schiffe kommen und gehen, Züge rollen stündlich ein und aus, Busse verteilen Menschen in die Dörfer. Dazwischen halten sich feste Punkte: der Turm von St. Nautilus, der Kornspeicher, die Alte Schleusenmeisterei am nördlichen Ende der Promenade. Am Rand stehen der Wald und die Felder, die die Stadt begrenzen und zugleich öffnen. Die Geschichten, die hier erzählt werden – von Sturmfluten, Grenzverschiebungen, guten Fangtagen und misslungenen Schleusungen – hängen wie eine zweite Schicht über Straßen und Plätzen. Wer länger bleibt, lernt, sie an Gesichtern, an Hauswänden und an kleinen Andenken im Eissegelmuseum in Ziehen abzulesen. Doch für den ersten Tag reicht es, über die Promenade zurück zum Hotel zu gehen, an der Rezeption einen Schlüssel in die Schale fallen zu hören und zu wissen: Am nächsten Morgen wird unten in der Stadt wieder die Bäckerei ihren Ofen anwerfen, der Zug BZF108 wird am Bahnhof einlaufen, und der Große Teich wird an die Ufer von Teicha schlagen wie an einen vertrauten Rand.
Verkehrsverbindungen
Bahn: BZF108 stündlich 6:15 – 21:15 nach Seestadt, 6:34 – 21:34 nach Kleebaum
Ch.: Autobahn A5 (N: Seestadt – Nudeltopf, SO: Zentro – Bierona); B512 (W: Flutkanal 9km, NO: Nolenau 4km); SEE24 (O: Vogelhain 24km); SEE25 (NW: Ziehen 5km)

