
(Pop.: 1.478 – 103m NN)
Ziehen ist ein kompaktes Dorf mit 1.478 Einwohnern an der Ostküste des Großen Teichs, eingebettet in den Ziehener Küstenwald. Die Häuser stehen zwischen hohen Kiefern und Buchen, die bis knapp vor den Strand reichen und das Dorf wie einen schmalen Saum zwischen Wald und Wasser erscheinen lassen. Die SEE25 verbindet Ziehen nach Süden mit Teicha (4 km) und nach Norden mit weiteren Siedlungen am Ostufer des Großen Teichs, die SEE22 führt nach Osten hin in einem Bogen durch Felder und kleinere Waldstücke hinauf nach Nolenau (5 km). Für den Autoverkehr wirkt Ziehen wie eine kurze Unterbrechung zwischen Waldpassagen, doch wer hier anhält, merkt rasch, dass der Ort stärker vom See und den Jahreszeiten geprägt ist als von der Straße.
Das Zentrum von Ziehen ist eine kleine, unregelmäßige Lichtung, an der sich Bushaltestelle, Lebensmittelladen und Kiosk drängen. Der Bus aus Teicha hält hier im Stundentakt, pendelt weiter Richtung Ostufer und nimmt morgens Schüler aus dem Dorf mit, die in Teicha zur Schule gehen. Der Lebensmittelladen „Zentmarkt Ziehen“ liegt in einem eingeschossigen Gebäude mit breiter Glasfront, davor ein Vordach, unter dem im Sommer Getränkekisten und Obstkörbe stehen. Betreiberin ist Rada Goll, die zugleich eine kleine Postagentur führt und Pakete aus Teicha annimmt. Im Laden hängen zwischen Konservendosen, Brotregalen und Kühltheke Fotos von Eissegelrennen vergangener Jahre, daneben ein Aushang des „Eis- und Segelvereins Ziehen“ mit Trainingszeiten. Nebenan steht der Kiosk, ein Holzbau mit Klappladen; im Sommer bildet sich davor eine Schlange von Kindern mit nassen Haaren und Sand an den Füßen, die Eis, Limonade und bunte Luftmatratzen kaufen. Im Winter ist der Kiosk nur an Wochenenden geöffnet, dann mit heißem Tee und Suppe im Angebot.

Von der Lichtung führt ein breiter Fußweg, leicht abschüssig, hinunter zum Großen Teich. Zwischen den Stämmen der Kiefern blitzt das Wasser durch, und der Boden geht langsam von festem Waldboden in sandigen Untergrund über. Am Ende öffnet sich der Blick auf den Badestrand: ein breiter Streifen aus Sand und Kies, der sich in einem leichten Bogen der Küstenlinie anpasst. Ein Holzsteg ragt weit in den Großen Teich hinein, an seinen Seiten liegen an Leinen Ruderboote, Paddelboote und im Sommer mehrere kleine Segeljollen mit eingerollten Segeln. Der Steg dient zudem als Treffpunkt: Jugendliche sitzen mit den Füßen im Wasser auf den Planken, Familien stellen Klappstühle auf, Angler lehnen ihre Ruten gegen das Geländer am Ende des Stegs.
Am Rand des Strandes verläuft ein schmaler, befestigter Weg, der in südlicher Richtung als Uferpfad bis nahe an die Gemeindegrenze zu Teicha reicht und nach Norden in unregelmäßigen Abständen Badestellen und kleinere Stege am Ostufer erschließt. Mehrere Ferienhäuser und Zimmervermietungen stehen etwas zurückgesetzt hinter dem Schilfgürtel; sie sind meist einfache Holzhäuser mit schmalen Terrassen, deren Betreiber Namenstafeln wie „Pension Am Eisweg“ oder „Zimmer bei Familie Hager“ anbringen. In den Sommermonaten kommen vor allem Familien aus Teicha, Seestadt und den Dörfern nördlich des Großen Teichs nach Ziehen, viele lediglich für einen Tag, andere für eine Woche. Am frühen Abend wirkt der Strand dann wie ein halb geleerter Saal: verstreute Handtücher, Sandburgen, ein vergessenes Plastikboot, während weiter draußen auf dem Wasser noch ein Paddelboot träge in Richtung Steg zurückgleitet.

Eine besondere Rolle spielt in Ziehen die „Halle am Eis“, ein länglicher Holzbau direkt am Ufer, wenige Schritte vom Steg entfernt. Ihre Längsseite zeigt zum See, große Schiebetore lassen sich vollständig öffnen. Im Inneren riecht es nach Holzstaub, Harz, altem Öl und kalter Luft, die durch die Ritzen zieht. In der hinteren Hälfte der Halle lagern die Eissegel-Schlitten auf Gestellen; einige sind alt, mit Holzkufen und schlichten Rahmensegeln, andere aus Metall und Glasfaser gebaut. Vorne, zum See hin, ist das Eissegelmuseum eingerichtet. Auf einfachen Tafeln sind die Anfänge des Eissegelns auf dem Großen Teich dokumentiert, die ersten Konstruktionen mit improvisierten Kufen unter ausgedienten Ruderbooten, später die Ausweitung zu organisierten Wettkämpfen. Alte Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen dicht eingepackte Männer und Frauen auf breiten Schlitten, deren Segel sich vor den Häusern von Ziehen und Teicha abzeichnen. Daneben sind moderne Rennschlitten ausgestellt, deren Rahmen schmal und kantig wirkt. Ein handgemalter Kursplan des Großen Teichs hängt an der Wand; rote Linien markieren die traditionellen Rennstrecken, einige führen in langen Bögen bis nah an die Ufer von Teicha und weiter Richtung Flutkanal.

Ziehen kennt zwei deutliche Jahreszeiten: den sommerlichen Badeort und das Winterdorf der Eissegler. In manchen Jahren bleibt der See lange eisfrei, dann bleibt es bei Trainingsterminen auf dem Land, Technikabenden in der Halle und einem „Eisfest“ ohne Rennen. Wenn jedoch die Temperaturen kräftig fallen, stehen an klaren Morgen die Einwohner bereits früh am Ufer und prüfen das Eis. Sobald die Dicke stimmt, zeichnet der Eis- und Segelverein Ziehen die ersten Probestrecken mit farbigen Markierungsstangen ein. Die Schlitten werden aus der Halle geholt, Kufen geschliffen, Spannschlösser kontrolliert. An Wettkampftagen stehen Besucher dicht gedrängt am Ufer, Kinder rennen entlang der Markierungen, der Kiosk verkauft heißen Tee und Kaffee, und auf dem Eis schießen die Schlitten mit knappen Geräuschen über die glatte Fläche.
Abseits von Strand und Halle breitet sich der Ziehener Küstenwald aus. Zwischen den Häusern zieht sich ein Netz schmaler Wege und Trampelpfade, die Hintergärten mit dem Wald verbinden. Einige Höfe, etwa am Waldweg und an der Nordstraße, reichen mit ihren Grundstücken direkt bis in die Bäume hinein. Holzstapel liegen sauber geschichtet, in Schuppen stehen Kanus und alte Segel, die auf ihren nächsten Einsatz warten. Die Feuerwehr von Ziehen hat ihr kleines Gerätehaus am Rand der Lichtung; bei Alarm rücken die Wagen meist zu Wald- oder Uferbereichen aus, wenn Lagerfeuer außer Kontrolle geraten oder Sturmschäden beseitigt werden müssen. Ein kleiner Bolzplatz mit zwei Toren liegt zwischen Wald und Dorf, auf leicht unebenem Grund; hier trainiert der lokale Jugendfußball, oft mit Blick auf die Baumstämme, die Schatten über das Feld ziehen.
Die kirchliche Bindung des Dorfes richtet sich nach Teicha, wo die Kirche St. Nautilus steht. Einmal im Monat findet dennoch eine Andacht in der Halle am Eis statt, meist im späten Herbst, bevor die ersten Frosttage kommen. Dann werden Bänke aus dem Dorf herbeigetragen, der Pfarrer aus Teicha stellt ein einfaches Pult auf, und zwischen den Schlitten spricht er über Vertrauen und Vorsicht auf dünnem Eis. Viele in Ziehen beschreiben diesen Termin als inoffiziellen Saisonstart, eine Mischung aus Segensempfang und Vereinsversammlung.
Der Alltag im Dorf wird von wenigen, aber markanten Betrieben geprägt. Neben dem Lebensmittelladen gibt es eine kleine Bäckerei, die „Backstube Ziehen“, in einem Anbau an einem Wohnhaus in der Seestraße. Dort werden morgens einfache Brötchen und Blechkuchen gebacken, die am Strand besonders beliebt sind. Ein Bootsverleih, der im Winter geschlossen bleibt, betreibt im Sommer vom Steg aus den Verleih der Ruder- und Paddelboote; im Hinterhof des Hauses der Familie Leu in der Küstenstraße lagern die Boote über den Winter unter Planen. Einige Einwohner arbeiten im Tourismus, als Vermieter von Zimmern und Ferienhäusern, als Saisonkräfte am Kiosk oder im Bootsverleih. Viele pendeln allerdings mit dem Bus oder eigenen Wagen nach Teicha, Nolenau oder in Richtung Ostufer, wo kleinere Werkstätten und Betriebe liegen.
Trotz der Ausrichtung auf Gäste hat Ziehen einen klaren Alltagsrhythmus, der sich nicht nur nach Ferienzeiten richtet. Morgens füllt sich die Bushaltestelle mit Schülerinnen, Schülern und Berufspendlern, mittags bringen Eltern Kinder aus der Region zum Schwimmkurs am Strand, nachmittags kehren ältere Bewohner von kurzen Spaziergängen durch den Küstenwald zurück. Im Herbst sammeln viele Ziehener Pilze in den Waldstücken südlich des Dorfes, in Absprache mit den Forstleuten aus dem Kreis Teicha; Pfifferlinge, Steinpilze und Maronen werden in Küchen zu einfachen Gerichten verarbeitet oder an Bekannte in Teicha weitergegeben.
So wirkt Ziehen trotz seiner überschaubaren Größe wie ein Knotenpunkt zwischen Wald, Wasser und den Wegen des Landkreises. Die SEE25 und SEE22 bringen Verkehr, aber das eigentliche Geflecht des Dorfes bilden der Steg, der Strand, die Halle am Eis und die Lichtung mit Laden und Kiosk. Wer im Sommer nur zum Baden kommt, sieht vor allem den breiten Sand- und Kiesstreifen. Wer im Winter hier steht, wenn die Schlitten über das Eis schießen, versteht, warum Ziehen in vielen Erzählungen des Landkreises nicht nur als Badeort, sondern auch als Ort des Windes und der Kufen gilt.
Ch.: SEE25 (S: Teicha 4km, N: Ostufer 5km); SEE22 (O: Nolenau 5km)

