
(Pop.: 1.478 Einwohner – 501m NN)
Novacasa liegt hoch, auf 501 Metern, und trotzdem nicht abgehoben. Wer von Dermbach über die B51 heraufkommt, merkt zuerst den Wechsel im Material: unten noch breite Weiden, glatte Fahrbahnkanten, Höfe mit langen Zäunen – hier oben mehr Stein am Wegesrand, enger gefasste Einfahrten, Mauern aus Bruchstein, die nicht dekorieren, sondern Böschungen halten. Novacasa ist mit 1.478 Einwohnern das größte Dorf außerhalb der Kreisstadt, und es wirkt entsprechend: Es gibt nicht nur „den einen“ Treffpunkt, sondern mehrere Orte, an denen man zu unterschiedlichen Tageszeiten zuverlässig Leute trifft.
Der Bahnhof ist einer davon. Die Zentralmassivbahn, Linie ZMB 18A, kommt stündlich, und am Morgen stehen dort nicht nur Pendler, sondern auch Schüler und Werkleute mit Brotdosen. Der Bahnsteig ist lang genug, dass man nicht dicht gedrängt warten muss. Vor dem kleinen Stationsgebäude hängt ein Fahrplankasten, daneben ein Klemmbrett mit Aushängen – nicht von einer Tourismusstelle, sondern von Vereinen und Betrieben: „Werkstraße: Lehrling gesucht“, „Freiwillige Feuerwehr: Übung Dienstag“, „Handarbeitskreis im Gemeindehaus“. Man sieht, wer wohin gehört, ohne dass jemand es erklären muss. Steffen Reuter, 47, arbeitet hier als Zugbegleiter auf der Strecke und ist derjenige, der im Dorf am ehesten die Verbindungslage im Blick hat. Wenn es Verspätung gibt, steht er oft schon vor dem Kasten, weil er die Rückfragen kennt, bevor sie gestellt werden: „Der nächste kommt trotzdem, nur später“, sagt er dann zu einem wartenden Paar und schaut dabei nicht auf sein Handy, sondern auf die Gleise, als ließe sich Zeit dort ablesen.
Vom Bahnhof führt die Bahnhofstraße in den Ort. Novacasa hat einen unteren Teil im Tal des Neubachs, wo die Höfe breiter stehen und die Weiden näher ans Dorf rücken, und einen oberen Teil am Rand der ersten steinigeren Lagen Richtung Zentralmassiv. Dieser Übergang ist nicht nur Landschaft, sondern Alltag. Unten stehen Milchkühe und Schafe, oben stapelt jemand Brennholz unter einem Vordach, und an den Garagentoren lehnen oft Leitern, weil Dachrinnen hier schneller voller Nadeln und Laub sind. Die Waldstraße nach Osten in Richtung Teichquell beginnt nicht als „Ausflugsroute“, sondern als praktischer Weg: Wer nach oben muss, fährt dort hinein, und wer zu Fuß geht, merkt nach wenigen Minuten, dass die Höfe weiter auseinander rücken.

Mitten im Ort, ein Stück oberhalb der Hauptachse, liegt die Kirche St. Aldomar am Kirchhang 4. Der Kirchhang ist keine poetische Adresse, sondern eine Beschreibung: Man steigt ein paar Meter, und plötzlich steht man vor einem Vorhof, der den Blick zurück ins Tal freigibt. Auffällig ist der alte Stein im Vorhof, ein flacher Block, in den Zeichen eingeritzt sind. Die Linien wirken nicht wie moderne Spielerei, eher wie etwas, das lange im Boden lag und dann wieder auftauchte. Im Dorf wird er als Fundstück aus frühen Grenzzeiten gedeutet. Niemand hält daneben Vorträge, aber man sieht, wie Besucher unwillkürlich langsamer werden und mit dem Finger über die Vertiefungen fahren. Pfarrerin ist Kerstin Valo, 40. Sie hält die Kirche offen, wenn sie es schafft, und man merkt ihr an, dass sie eher auf klare Abläufe setzt als auf große Gesten: kurze Andachten, kleine Gruppen, verlässliche Termine. Nach dem Gottesdienst stehen viele nicht lange im Kirchenschiff, sondern im Vorhof, weil sich dort Gespräche ergeben – sowohl über „Glaubensfragen“, als auch über das, was ansteht: wer am Wochenende bei der Wiesenpflege hilft, wer Holz für die Kapelle in Neuhaus mitnimmt, wer noch eine Mitfahrgelegenheit nach Dermbach braucht.

Ein zweiter Fixpunkt ist die Werkstraße. Dort sitzt „Novacasa Holzspiel“ in der Werkstraße 1, der Betrieb, der den Ort wirtschaftlich prägt. Man erkennt das Gebäude nicht an einem riesigen Schild, sondern am Klang: Sägen, die nicht dauerhaft kreischen, sondern in kurzen Arbeitsgängen laufen, dazu das dumpfe Klopfen von Pressen und das helle Geräusch von Holzstücken, die in Kisten fallen. Hergestellt werden Bauklötze, kleine Zugtiere und einfache Puzzles aus Buchenholz. Nichts davon ist filigran – die Kanten sind sauber, die Formen klar, und genau das macht die Sachen robust. Werksleiterin ist Ylva Brandt, 35, gelernte Holztechnikerin. Sie geht morgens zuerst durch die Halle, prüft mit einem Blick, ob die Absaugung läuft und ob an den Arbeitsplätzen alles dort liegt, wo es hingehört. Ihr Stil ist unaufgeregt, aber konsequent: Wenn ein Stapel nicht stimmt, wird er nicht „später“ gerichtet, sondern sofort, weil sonst der ganze Tag nachzieht.
Im Werksladen gibt es eine Ecke, in der Kinder die Stücke selbst schleifen dürfen. Das ist keine Animation, sondern ein niedriger Tisch mit Schleifpapier, ein paar Klemmen und ein Schild: „Bitte nur unter Aufsicht.“ An Samstagen sieht man dort Familien, die eigentlich „nur kurz“ schauen wollten. Kinder sitzen dann auf Hockern und reiben an einem Holzpferd, bis die Oberfläche gleichmäßig wird. Neben ihnen steht oft jemand aus der Belegschaft und erklärt, worauf es ankommt: nicht drücken, lieber in langen Zügen, und wenn es staubt, einmal abklopfen. Mara Linde, 26, arbeitet im Werksladen, nimmt Kasse und erklärt dabei unaufdringlich, warum sich ein Puzzle anders anfühlt, wenn die Teile zu frisch aus der Maschine kommen. Sie ist auch diejenige, die den kleinen Abfallkorb am Schleiftisch leert, weil sich dort die Späne schnell sammeln.
Novacasa lebt von dieser Mischung aus Handwerk und Landwirtschaft. Die Milch aus den umliegenden Weiden geht nach Radies, das ist ein fester Rhythmus. Der Sammelwagen fährt früh, und wer an der B51 wohnt, hört ihn oft noch, bevor man ihn sieht. Gleichzeitig bleibt ein Teil der Wertschöpfung im Ort, weil Holz und Stein hier bereits eine größere Rolle spielen als weiter westlich. Man sieht es an den Höfen am oberen Rand: kleinere Weiden, mehr Lagerflächen für Holz, Schuppen, in denen nicht Heu, sondern Bretter und Balken liegen. Einige Bewohner arbeiten tagsüber im Holzspielwerk, andere pendeln nach Dermbach oder Richtung Zentralmassivbahnlinie weiter, und abends mischt sich das auf den Straßen wieder zusammen.

Einkaufen funktioniert in Novacasa besser als in den kleineren Dörfern, aber immer noch auf Dorfmaß. Es gibt den „Bachladen“ an der Bachstraße 6, ein Krämerladen mit Postlösung und Paketannahme, in dem neben Brot und Milch auch Schrauben, Dichtungsringe und Batterien liegen – Dinge, die man sonst erst in Dermbach holen würde. Betreiber ist Viktor Noll, 51. Er kennt viele Kunden beim Namen und stellt Fragen, die zugleich Service sind: „Soll ich dir das gleich als Paket rausgeben?“ oder „Brauchst du Wechselgeld für den Markt?“ Der Markt selbst ist klein und findet einmal wöchentlich am Feuerwehrhaus statt, eher als Reihe von Ständen: ein Gemüsewagen, ein Käsetisch aus Radies, ein Imker aus dem Umland. Dort wird nicht lange geschlendert, aber man bleibt oft länger stehen, weil jemand von der Werkstraße kommt und noch schnell zwei Dinge erzählt, bevor er nach Hause fährt.
Für Kinder gibt es eine Grundschule im Ort und eine Kita am Rand der Weiden. Das merkt man nachmittags: Fahrräder an Zäunen, Rucksäcke auf dem Rücken, Gruppen, die über die Brücke am Bach laufen. Der Sportplatz liegt etwas außerhalb, damit es Platz gibt. Abends trainiert dort der SV Novacasa, und daneben steht ein Container, in dem Bälle, Leiberl und ein Erste-Hilfe-Kasten liegen. Wenn die Freiwillige Feuerwehr übt, ist der Platz davor voll: Fahrzeuge rangieren, Schläuche werden gerollt, und am Rand stehen Leute, die nicht mitmachen, aber trotzdem da sind. In Novacasa ist „zuschauen“ keine passive Sache – man hält kurz ein Tor auf, trägt eine Kiste, gibt eine Info weiter.

Wer als Gast kommt, findet in Novacasa mehrere Möglichkeiten zu übernachten: eine kleine Pension an der Bahnhofstraße, die oft von Bahnreisenden genutzt wird, und Gästezimmer auf zwei Höfen am Ortsrand. Abends essen viele im Gasthaus „Aldomar-Stube“ in der Kirchhangstraße, wo es einfache Gerichte gibt und fast immer etwas mit Kartoffeln, weil das hier funktioniert: Radieser Käse auf dem Brot, Wurst aus der Umgebung, dazu eine Suppe, wenn das Wetter umschlägt. Wer noch hinaus will, nimmt die Waldstraße Richtung Teichquell ein Stück, nicht unbedingt bis zum Ziel, sondern so weit, bis der Ort hinter den Bäumen verschwindet und man nur noch Schritte und Wind hört.
Novacasa ist groß genug, um sich selbst zu tragen, und nah genug an Dermbach, um nicht alles vor Ort haben zu müssen. Der Ort bleibt in Erinnerung als Übergang: unten Weide und Milch, oben Holz und Stein, dazwischen Kirche und Vorhofstein, der Fragen offenlässt, ohne es geheimnisvoll zu machen. Dazu die Werkstraße mit einem Betrieb, der nicht nur Arbeit bietet, sondern auch eine Tür offen lässt – in Form eines Werksladens, in dem Kinder Schleifpapier in die Hand bekommen und am Ende etwas mitnehmen, das nach Buche riecht und in der Tasche ein wenig nach Staub.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: Zentralmassivbahn ZMB 18A stündlich 6:48 – 20:48 nach Nudeltopf, 21:48 nach Münchhausen, 7:00 – 19:00 nach Blue River, 20:00 nach Novatal, 21:00 nach Kornutal, 21:00 nach Althaus
Straße: B51 (N: Dermbach 4,5km, S: Althaus 9km); SEE2 (W: Neubach 2km), Waldstraße (O: Teichquell 11km)

