
(Pop.: 478 – 312m NN)
Afro liegt auf einer Kuppe über dem Quellgraben, 312 Meter hoch, und wirkt auf den ersten Blick wie ein Haufendorf, das sich eng um eine Handvoll Wege gelegt hat. Die Dächer stehen dicht, dahinter öffnen sich Weiden, die in flachen Wellen über den Radieser Rücken laufen. Unten im Einschnitt zieht der Quellgraben als schmaler, kühler Bach durchs Gras; im Frühjahr steht er manchmal breit in den Mulden, im Sommer hört man ihn eher, als dass man ihn sieht. 478 Menschen leben hier, und viele von ihnen haben irgendeinen Bezug zu Schafen – als Halter, als Helfer bei der Schur, als jemand, der Wolle sortiert oder Garn verkauft.
Wer mit dem Zug kommt, landet über die ZMB 19 in einem Takt, der gut zu Afro passt: alle zwei Stunden ein Kommen und Gehen. Der Bahnhof ist kein großer Knoten, aber er ist zuverlässig genug, dass manche ihre Einkäufe und Termine danach legen. Mit dem Auto ist Afro über die B51 schnell zu erreichen; Richtung Westen liegt Toruma, Richtung Osten Dermbach. Wer nach Norden raus will, fährt über die SEE13 weiter, die irgendwann als NL205 Richtung Greno ausgeschildert ist. Die A5 ist in der Nähe, aber im Ort selbst ist davon wenig zu merken. Auf der Dorfstraße ist es eher der Rhythmus von Transportern, Anhängern und gelegentlichen Traktoren, der den Tag strukturiert.
Die Dorfstraße zieht als Rückgrat über die Kuppe. Es gibt keinen Marktplatz im klassischen Sinn, aber einen kleinen Platz vor der Bushaltestelle, und genau dort passiert vieles. Die Haltestelle ist ein Unterstand mit Bank, daneben ein Brett mit Aushängen: Weideplan, Termine der Feuerwehr, eine Liste für Mitfahrgelegenheiten nach Dermbach, und manchmal ein Zettel „Wolle abzugeben“. Am Abend stehen hier oft zwei oder drei Schäfer zusammen, nicht aus Geselligkeit, sondern weil sich Weiden absprechen lassen, wenn man sich sieht. Einer davon ist Hannes Senk, 44, Schäfer und Mitbetreiber des Hofladens an der Dorfstraße 6. Er kommt meist mit einem Notizbuch, das nach Regen und Kaffee riecht, und hakt ab, wer diese Woche wo steht. Wenn er redet, dann in kurzen Sätzen: „Kuppe oben ist noch zu nass“, „Am Graben wächst’s gut“, „Morgen früh rüber“. Wer daneben auf der Bank sitzt und wartet, bekommt die wichtigsten Informationen des Dorfes gratis mit.

Dorfstraße 6 ist in Afro eine Adresse, die viele kennen, auch außerhalb des Ortes. Dort arbeitet das „Afroer Wollwerk“, eine Kombination aus Waschen, Kardieren und einfachem Filzen. Von außen wirkt es wie ein Zweckbau, der an einen älteren Hof angelehnt wurde: großes Tor, ein paar Abluftrohre, dahinter ein Innenraum, in dem Wasser, Seife und Wolle die Hauptrollen spielen. Wenn die Waschbottiche laufen, hängt ein warmer, feuchter Geruch in der Luft, der an nasse Schafwolle erinnert und an das Holz der Trockengestelle. Drinnen sind die Abläufe eingespielt. Wolle wird gewogen, grob vorsortiert, gewaschen, getrocknet, kardiert. Am Ende entstehen Vliese, Filzplatten, manchmal einfache Einlagen und Sitzkissen – nichts, was geschniegelt wirken soll, eher Dinge, die im Alltag halten.
Betreiberin ist Marlene Senk, 46. Sie hat früher in Dermbach im Wollwerk gearbeitet und kennt die Qualitätsstufen nicht nur als Theorie. In Afro organisiert sie die Arbeit so, dass auch kleine Mengen sinnvoll verarbeitet werden: ein Sack Wolle vom Nachbarn, zwei Säcke von einem Hof am Ortsrand, eine Lieferung, die für Dermbach vorbereitet wird. Denn ein Teil der Schafwolle aus Afro geht weiterhin an das Dermbacher Wollwerk. Das ist kein Widerspruch, sondern Arbeitsteilung: Afro wäscht, kardiert und filzt auf kleiner Skala; Dermbach übernimmt größere Chargen und andere Verarbeitungsschritte. Wenn ein Laster Richtung Kreisstadt fährt, sieht man ihn oft kurz auf der Dorfstraße stehen, weil noch ein Sack aus einer Garage geholt wird.

Neben dem Wollwerk betreibt die Familie Senk einen Hofladen, der in Afro fast so wichtig ist wie die Bushaltestelle. Die Tür steht tagsüber oft offen. Drinnen hängen Garnspulen in Reihen, nach Stärke sortiert, nicht nach Farben. Auf einem Tisch liegen grobe Decken, fest gewebt, ohne Fransen, und daneben Körbe mit Filzstücken, die als Topfuntersetzer oder Sitzauflage genutzt werden. Wer eine Decke kauft, bekommt keine Verkaufsshow, sondern eine kurze Erklärung: wie sie gewaschen werden sollte, warum sie anfangs noch etwas „arbeitet“, und welche Ecke im Haus am besten dafür ist. Im Laden arbeitet auch Jule Senk, 18, Marlenes Tochter, Schülerin, die nachmittags dort steht und die Pakete für den Versand vorbereitet. Sie kann sehr genau sagen, welches Garn für Socken taugt und welches für einen groben Schal, weil sie es selbst ausprobiert – und weil in Afro viele Dinge über Machen gelernt werden, nicht über Beschreiben.
Afro hat noch andere kleine Adressen, die man sich merkt. An der Quellgasse 2 liegt eine Werkstatt, die Schermaschinen wartet und Messer schleift. Sie gehört Ralf Degen, 53, der früher Landmaschinen repariert hat und sich dann auf alles spezialisiert hat, was in der Schursaison ausfällt. Vor seiner Tür steht im Frühsommer oft eine Kiste mit Ersatzteilen, und wer ihn nicht erreicht, legt eine Maschine mit Zettel ab: Name, Nummer, „zieht nicht mehr“. Ralf ruft zurück, wenn er sie geöffnet hat, und sagt dann Sätze wie: „Nur das Lager“ oder „das Kabel ist durch“, und damit ist das Problem meistens schon halb gelöst.
Das Gemeindeleben in Afro ist bodenständig. Es gibt ein kleines Gerätehaus der Feuerwehr am Platzweg 1, direkt hinter der Bushaltestelle. Wenn das Tor offen ist, sieht man, dass es hier nicht um Parade geht: Schläuche hängen zum Trocknen, Helme liegen in einem Regal, und auf einem Tisch steht ein Eimer mit Schrauben, weil gerade etwas repariert wird. Übungsabende enden oft nicht im Gerätehaus, sondern am Platz vor der Haltestelle, weil man dort ohnehin zusammensteht. Wer vorbeigeht, bekommt manchmal einen Gruß und manchmal gleich eine Frage: „Kannst du am Samstag die Absperrung halten?“ Denn Afro hat ein paar Termine im Jahr, die ohne viele Worte funktionieren – etwa das gemeinsame Sortieren und Pressen von Wolle vor einer größeren Lieferung oder das Aufstellen der Weidezäune am Quellgraben, wenn das Gras richtig anzieht.

Neben der Kirche gibt es eine kleine Kapelle am Hang, die „Quellkapelle“ an der Hangstraße 9. Sie ist schlicht: ein Raum, Holzbänke, ein kleines Fenster, das morgens Licht auf den Boden wirft. Einmal im Monat wird dort eine kurze Andacht gehalten, oft verbunden mit einer Sammlung für die Pflege der Grabenränder. Das ist in Afro nicht romantisch, sondern praktisch: Wenn die Ufer zuwachsen, wird der Quellgraben schneller zum Problem, und dann steht bei Starkregen Wasser dort, wo es niemand braucht.
Für Besucher ist Afro kein Ort, der laute Angebote macht, aber er hat Dinge, die man gut sehen kann, wenn man sich Zeit nimmt. Ein Rundgang beginnt fast automatisch am Platz vor der Bushaltestelle, führt die Dorfstraße entlang zur Nummer 6, vorbei am Hofladen, weiter zur Quellgasse und dann hinunter zum Graben. Unten am Wasser gibt es einen schmalen Pfad, der im Frühjahr feucht ist und im Sommer nach Minze riecht, weil am Rand Kräuter wachsen, die niemand gepflanzt hat. Von dort sieht man die Kuppe mit den Häusern, und man versteht, warum die Schäfer ihre Pläne am liebsten dort oben machen: Man hat Überblick, und man ist schnell in alle Richtungen weg.
Essen in Afro ist schlicht. Es gibt keinen Gasthof mit großer Karte, aber eine kleine Stube neben dem Hofladen, die an zwei Abenden in der Woche geöffnet ist. Dort gibt es Suppe, Brot, manchmal Wurst aus der Umgebung, und fast immer Tee. Wer mehr will, fährt nach Dermbach. Übernachten geht in Gästezimmern: bei Familie Degen an der Quellgasse ein kleines Zimmer mit Blick auf die Weide, bei einer Vermietung am Hangweg, die oft von Leuten genutzt wird, die wegen Bahnanschluss oder Arbeit im Wollbereich hier sind. Morgens ist es ruhig genug, dass man die ersten Fahrzeuge auf der B51 eher ahnt als hört.
Afro bleibt als Ort in Erinnerung, der nicht groß wirkt, aber klar organisiert ist. Der Quellgraben gibt dem Dorf seine Form, die Kuppe seinen Überblick. Das Wollwerk an der Dorfstraße 6 und der Hofladen daneben zeigen, wie sich Arbeit vor Ort bündelt, ohne zur Fabrik zu werden. Und der kleine Platz an der Bushaltestelle ist das, was in vielen Orten ein Marktplatz wäre: eine Stelle, an der man sich trifft, Absprachen macht, kurz stehen bleibt – und danach wieder weitergeht, weil der Tag in Afro selten aus langen Umwegen besteht.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: ZMB 19 aller 2 Stunden 6:30 – 20:30 nach Viehdorf, 6:18 – 20:18 nach Xylopolis, 22:18 nach Dermbach
Straße: Autobahn A5 (N: Nudeltopf, S: Seestadt); B51 (W: Toruma 3km, O: Dermbach 6km); SEE13 (weiter als NL205 N: Greno (Nudelland) 9km)

