Hasendorf, 24. Dezember 2025 – Tagebuch von Martin Hagedorn
Der Tag beginnt ruhig. Frost liegt auf dem Hof, die Luft steht, nur aus der Fleischerei weiter unten zieht schon früh Rauch herüber. Sabine ist seit dem Morgen ein wenig angespannter als sonst. Um 15:00 Uhr ist Christvesper mit Krippenspiel, und sie hat Kirchdienst. Ich bleibe zu Hause. Sie zieht sich ordentlich an, legt das Gesangbuch in die Tasche, prüft noch einmal den Schlüssel. Ein kurzer Kuss an der Tür, dann ist sie weg. Später erzählt sie, dass eines der Kinder im Krippenspiel seinen Text vergessen hat und der Engel zu früh eingesetzt hat. Sie lacht dabei, müde, aber zufrieden.
Um 16:30 Uhr gehen wir gemeinsam los. Kirchenchor. Sabine singt Alt, ich Bass. Die Kirche ist gut gefüllt, mehr als sonst im Jahr. Jonas und Lena sind nicht da. Auch nicht bei der früheren Vesper. Ich frage nicht nach, Sabine auch nicht. Jeder weiß es ohnehin. Der Chor singt sauber, konzentriert. Alles sitzt. Und trotzdem ärgert es mich, dass „Stille Nacht“ fehlt. Ausgerechnet heute. Stattdessen ein neues Schlusslied, korrekt, ordentlich, aber ohne dieses eine Gewicht, das der Abend braucht. Ich singe mit, aber innerlich bleibe ich unruhig.
Zu Hause steht das Abendbrot bereit. Lammbratwürste, Sauerkraut, Kartoffeln. Eigentlich wollten wir im Esszimmer essen, aber der Tisch ist nicht aufgeräumt. Lenas Sachen liegen noch dort: Teller, Papier, irgendwas vom Studium. Wir räumen nicht mehr um. Essen im unaufgeräumten Raum, zwischen Stapeln und Resten des Alltags. Es stört niemanden wirklich. Jonas sagt wenig, Lena noch weniger. Aber alle sitzen am Tisch, und das zählt.
Die Bescherung läuft wie immer. Keine großen Überraschungen, aber ehrliche Freude. Sabine lächelt, Jonas wirkt gelöst, Lena umarmt uns beide länger als sonst. Danach ziehen sich die Kinder in ihre Zimmer zurück, Türen schließen sich leise. Sabine setzt sich mit einem Buch aufs Sofa, die Lesebrille auf der Nase, die Füße untergezogen.
Ich hole die Gans aus der Kühlung, reibe sie ein, prüfe noch einmal Salz, Beifuß, Füllung. Alles für morgen. Jetzt sitze ich hier am Küchentisch und schreibe. Es war kein perfekter Abend. Aber es war unser Heiligabend. Und das reicht.

