
(Pop.: 478 – 239m NN)
Kaname liegt im Nordosten des Landkreises Dermbach auf 239 Metern, und wer ankommt, merkt zuerst das, was nicht natürlich wirkt: eine gerade Wasserlinie, die sich durch die Felder zieht. Der Nudelbach-Kohla-Verbindungskanal ist hier nicht Hintergrund, sondern Struktur. An manchen Tagen liegt er glatt wie eine Glasscheibe zwischen den Böschungen, an anderen läuft er mit feinem Kräuseln, weil Wind über das offene Land kommt und keine Hecke ihn lange bremst. Der Kanal ist 66 Kilometer lang und verbindet die Flüsse Nudelbach und Kohla; in Kaname sieht man, wofür er da ist: Abzweige, Schieber, kleine Messlatten am Ufer und die Wege der Beregnungswagen, die in der Randzone zur Kohlwüste ihre Runden drehen. Wenn es trocken ist, hängen morgens oft noch Tröpfchen an den Gräsern der Böschung, während auf dem Feld nebenan schon Staub steht.
Die B51 führt westwärts Richtung Haseneck und ostwärts nach Toruma; Kaname liegt dazwischen und hat trotzdem eine eigene Taktung. Das merkt man am Geräuschbild: ein Lieferwagen, der am Kanal hält, ein Traktor, der langsam in eine Einfahrt abbiegt, dann wieder Minuten, in denen nur Wasser und Vögel zu hören sind. Wer mit der Bahn kommt, nutzt die ZMB 19, die alle zwei Stunden fährt. Am Bahnsteig stehen keine Menschenmengen, aber es gibt diese verlässliche Reihe an Gesichtern: Pendler mit Thermobecher, Jugendliche mit Rucksack, ein Marktfahrer, der seine Kisten im Blick behält. Der späte Zug nach Dermbach ist im Dorf so bekannt, dass er oft nicht „der Zug“ heißt, sondern „der Zweiundzwanziger“.

Kaname selbst ist kein Ort mit großer Ausdehnung. Die Häuser sitzen nah an den Wegen, und vieles orientiert sich am Wasser. Die Grabenstraße läuft parallel zum Kanal, und dort steht die Adresse, die außerhalb des Ortes am häufigsten genannt wird: „Kanamer Kisten“ in der Grabenstraße 12. Das ist kein Hofladen für Ausflügler, sondern ein Gemüsehändler, der Märkte im nördlichen Seeland und im ländlichen Kohlonia beliefert. Geführt wird der Betrieb von der Familie Harto. Ramin Harto, 52, ist derjenige, der morgens als Erster auf dem Hof ist, die Ladepläne prüft und entscheidet, welche Kisten zuerst rausgehen. Seine Schwester Kaja Harto, 48, organisiert die Bestellungen, telefoniert mit Marktständen und schreibt die Lieferlisten so, dass auch Aushilfen sie verstehen. Auf dem Hof stehen Paletten mit Gemüse, das nach Erde riecht, nicht nach Verpackung: Möhren, Lauch, Kohl, Kartoffeln in großen Säcken. Hinter dem Schuppen sieht man die Sortierbänder, und wenn es viel zu tun gibt, läuft das Ganze wie ein stiller Ablauf: waschen, prüfen, in Kisten legen, stapeln, raus.
Manchmal bleibt ein Transporter mit offenen Türen stehen, weil gerade noch etwas nachgewogen wird. Dann steht jemand mit einem Bleistift hinterm Ohr am Rand, streicht Zahlen durch, schreibt neue daneben. Das ist oft Lene Harto, 19, Ramins Tochter, die nach der Schule im Betrieb mitarbeitet. Sie ist schnell im Kopf, aber sie schaut auch auf Details: welche Salatköpfe druckempfindlich sind, welche Kiste lieber oben liegt, weil sonst unten die Ware leidet. Wenn ein Kind aus dem Dorf vorbeikommt, darf es eine Kiste mit leichten Sachen tragen – nicht als Nettigkeit, sondern weil hier früh gelernt wird, wie man anfasst, ohne zu quetschen.
Der Kanal macht Kaname nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozial. Es gibt am Ufer Stellen, an denen man automatisch langsamer geht: eine kleine Ausbuchtung mit einer hölzernen Sitzbank, eine Betonplatte, auf der im Sommer Kinder ihre Füße ins Wasser hängen lassen, und eine schlichte Schleuse, die eher nach Technik als nach Ausflugsziel aussieht. Dort trifft man am späten Nachmittag oft Ewald Pries, 67, früher Wasserbauhelfer, heute der Mann, der „mal schaut“, wenn irgendwo ein Schieber klemmt. Ewald hat einen Schlüsselbund, der schwer in der Jackentasche hängt, und er hat diese ruhige Art, an Anlagen zu stehen, ohne sie zu dramatisieren. Wenn er erklärt, wie viel Wasser heute in die Randzone geht, klingt das nicht nach Fachvortrag, sondern nach Alltag: „Heute mehr, morgen weniger, sonst kippt’s.“ Wer länger zuhört, merkt, wie viel Verantwortung an so einem geraden Wasserband hängen kann.

Die Kirche St. Walburga steht in der Kirchgasse 1 und wirkt auf den ersten Blick wie ein klarer Bau aus hellem Bruchstein, ohne Verzierungsüberschuss. Der Turm ist das Markenzeichen. Im Turm hängt eine kleine Glocke, die in Kaname nicht zu Beerdigungen oder zu regelmäßigen Sonntagen läutet, sondern nur bei Wasserfesten. Das ist hier nicht Folklore, sondern ein Termin, der mit dem Kanal zu tun hat: wenn die Saison beginnt, wenn eine größere Wartung abgeschlossen ist, wenn das erste Wasser wieder sauber durchläuft. Dann stehen Menschen im Kirchhof, nicht in Festkleidung, sondern so, wie man aus der Arbeit kommt, und die Glocke klingt kurz und hell, eher wie ein Zeichen als wie ein Geläut. Die Schlüssel zur Kirche hat Britta Lorn, 61, Küsterin im Nebenamt und Bibliotheksbeauftragte des Gemeindehauses. Sie öffnet bei Bedarf, stellt eine Vase hin, legt ein paar Stühle zurecht und achtet darauf, dass das Innere nicht museal wird. Drinnen fällt ein Detail auf: in einer Bankreihe sind die Armlehnen glatt abgegriffen, als hätte dort über Jahrzehnte jemand mit denselben Bewegungen gesessen und gewartet.
Das Gemeindehaus liegt ein paar Schritte entfernt, und dort spielt sich das ab, was in einem Ort dieser Größe funktioniert: ein Handarbeitskreis, der nicht über Muster spricht, sondern über Garnstärken, ein Kinderkreis, der im Winter Bastelmaterial sammelt, und eine Gruppe, die sich „Kanalrunde“ nennt und einmal im Monat die Böschung abläuft, Müll aufsammelt und schaut, ob irgendwo ein Zaun offensteht. Leiter dieser Runde ist Hannes Ufer, 38, angestellt bei „Kanamer Kisten“ als Fahrer und zugleich jemand, der im Dorf viel vernetzt. Hannes kennt die Wege, weil er sie täglich fährt, und er kennt die Leute, weil er sie täglich trifft. Wenn er sagt, „am Samstag um neun am Schleusensteg“, dann kommen tatsächlich welche, nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil das hier sichtbar wirkt: ein sauberer Uferweg, eine offene Stelle, die wieder zu ist, ein Stück Draht, das niemandem mehr in den Reifen geht.

Kaname hat keine große Einkaufsstraße. Es gibt den „Kanal-Laden“ in der Dorfstraße 4, eine Mischung aus Lebensmittelladen, Paketannahme und kleiner Poststelle. Betreiberin ist Senta Wilk, 45, gelernte Verkäuferin, die in Dermbach gearbeitet hat und in Kaname übernommen hat, als der alte Krämer aufhörte. Bei ihr gibt es Brot, Milch, Konserven, Batterien, Tierfutter – und die Dinge, die man sonst vergisst: Dichtungsband, Schrauben, Klebeband. Vormittags stehen dort Handwerker in Arbeitskleidung und holen Kaffee aus dem Automaten neben dem Kühlschrank. Der Laden ist auch der Ort, an dem Neuigkeiten ohne Aufregung kursieren: „Der Kanal wird morgen abgestellt, zwei Stunden“, „Die ZMB 19 ist später“, „Der Marktstand braucht noch Helfer.“
Ein Gasthof im klassischen Sinn ist in Kaname kleiner dimensioniert. Es gibt die „Schieberstube“ an der B51, ein Lokal mit zwei Räumen, in dem abends gekocht wird, was sich in der Umgebung bewährt: Kartoffelgerichte, Eintöpfe, ein Fischgericht, wenn jemand aus dem Norden etwas mitbringt. Wirt ist Jonas Behn, 34, der früher in Seestadt in einer Küche gearbeitet hat und zurückkam, weil er einen Ort wollte, in dem man die Gäste nach zwei Wochen kennt. In der Schieberstube hängen keine Sprüche, sondern eine Tafel mit Tagesessen und Abholzeiten. Wenn Markttag ist, sitzen dort Fahrer, die vor dem frühen Aufbruch noch etwas Warmes brauchen. An manchen Abenden kommt ein kleines Bläsertrio aus Toruma vorbei, weil jemand ein Horn zur Reparatur abgibt und danach bleibt. Dann liegt plötzlich Musik in der Luft, nicht als Konzert, sondern als Nebengeräusch, während nebenan jemand über Bewässerungspläne spricht.
Übernachten kann man in Kaname in zwei Gästezimmern, die eher für Durchreisende und Marktleute gedacht sind. Bei Familie Pries an der Kirchgasse gibt es ein Zimmer mit Blick auf den Kanal; morgens sieht man vom Fenster aus die ersten Lieferwagen bei „Kanamer Kisten“ anrollen. Wer länger bleibt, versteht schnell, dass Kaname nicht von Sehenswürdigkeiten im üblichen Sinn lebt, sondern von wiederkehrenden Abläufen, die sich gut beobachten lassen: Wasserstände, Lieferlisten, Markttermine, die kurzen Gespräche an der Schleuse, das Läuten der kleinen Glocke, wenn es wirklich Anlass gibt.
Am späten Nachmittag ist der Uferweg der beste Ort, um Kaname zu begreifen. Man sieht Kinder auf Fahrrädern, die einen Umweg nehmen, nur um am Wasser entlang zu fahren. Man sieht einen Beregnungswagen in der Ferne und weiß, dass irgendwo ein Schieber geöffnet wurde. Man sieht eine Palette Gemüse vor der Grabenstraße 12 und ahnt, dass morgen früh wieder Kisten in Richtung Markt unterwegs sind. Kaname wirkt dann nicht groß, aber klar: ein Dorf, das am Kanal hängt, weil der Kanal hier nicht Kulisse ist, sondern Infrastruktur – und weil sich um diese Infrastruktur ein Alltag gebildet hat, in dem viele kleine Rollen zusammenpassen.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: ZMB 19 aller 2 Stunden 6:44 – 20:44 nach Viehdorf, 6:04 – 20:04 nach Xylopolis, 22:04 nach Dermbach
Straße: B51 (W: Haseneck 2km, O: Toruma 6km)

