(Pop.: 11.538 – 332 m NN)

Wenn der Zug – egal ob aus Norden aus Nudeltopf oder aus Osten aus den Städten am Rand des Zentralmassivs – in Teichdorf ausrollt, merkt man den Ort zuerst am Wasser. Nicht, weil man es sofort sieht – der Bahnhof liegt etwas erhöht an der Bahnhofstraße –, sondern weil es in der Luft steht: eine kühle Feuchte, die aus den Tälern heraufzieht, und ein Geräusch, das zwischen Häuserzeilen hängen bleibt wie in einem Hohlraum. Teichdorf liegt genau an der Stelle, an der drei Läufe zu einem werden. Kleiner Teichfluss, Teichbach und Altenbach kommen aus unterschiedlichen Richtungen, treffen sich unterhalb der Stadt und heißen ab da Teichfluß. Wer einmal auf der Bahnsteigkante steht und den ersten Bus abwarten muss, sieht die Leute, die das ganz selbstverständlich mitdenken: Forstarbeiter mit nassen Stiefeln, Schülerinnen mit Rucksäcken, ein Mann mit einer Geigenkiste, die er wie ein Werkzeugkasten trägt. An den Anschlagtafeln hängen Zettel für Mitfahrgelegenheiten Richtung Staracasa oder hinauf nach Altenroda, daneben der Fahrplan der Eilzüge, die Teichdorf an Nudeltopf und Bosheim anbinden.

Vom Bahnhof gehe ich meist zu Fuß hinunter Richtung Markt. Die Bahnhofstraße ist die Sorte Straße, auf der Lieferwagen kurz im Halteverbot stehen und niemand sich darüber aufregt, solange der Fahrer die Warnblinker anhat. An der Ecke zur Marktstraße sitzt eine Bäckerei mit Stehtischen am Fenster; morgens drängen sich dort Leute, die nur schnell ein Brötchen und einen Kaffee wollen, bevor sie weiter zur Kreisverwaltung müssen. Teichdorf ist Kreisstadt, und das merkt man nicht an großen Fassaden, sondern an der Dichte der Wege: um acht Uhr tragen zwei Angestellte Aktenkisten über die Straße, beim Bankautomaten steht ein älterer Mann und zählt Kleingeld ab, und im Erdgeschoss eines unscheinbaren Gebäudes klebt ein Schild „Meldewesen – Eingang Hof“. In Teichdorf wird viel erledigt, und zwar so, dass es nebenbei passiert.

Der Markt selbst liegt auf einer leichten Kuppe, gerade hoch genug, dass man von hier aus den Hang hinunter Richtung Wasser erahnt. Markt 1 ist das Rathaus, ein solides Haus mit einer Eingangstreppe, die im Winter oft sandig aussieht, weil die Leute den Sand aus dem Zento-Rücken in den Sohlen mitbringen. Gleich daneben steht das ehemalige Salzmagazin, heute Kreisarchiv. Ich habe mich beim ersten Besuch gewundert, warum im Innenhof Kisten stehen, als hätte jemand eine Umzugsfirma bestellt und vergessen wieder abzusagen. Ein Archivar hat mir später erklärt, dass die Aktenrollen aus den Gemeinden des Zentralmassivs im Winter hier trocknen: Feuchte Papiere, Schimmelgefahr, alte Tinte, die nicht gern noch einmal nass wird. Man sieht es dann wirklich: Kisten aus Holz, Deckel angelehnt, dazwischen Papierstreifen zum Beschriften, und jemand, der mit Handschuhen eine Rolle vorsichtig wendet wie einen Käse im Reifekeller. Das ist Teichdorf in einer Szene – Verwaltung als Handarbeit.

Ein paar Schritte weiter, am Kirchplatz 2, steht St. Jakob. Die Kirche wirkt im ersten Moment streng, ein Saalbau ohne Zier, und dann fällt der Westturm auf, älter, gotisch, ein Rest vom Vorgängerbau, als hätte man sich entschieden, wenigstens dieses Stück Vergangenheit nicht abzureißen. Im Turmraum hängt ein leichter Geruch nach Stein und Holz, und wenn man Glück hat, ist jemand vom Küsterdienst da und lässt einen kurz auf die Empore. Dort oben sieht man, wie der Alltag in den Kirchenraum hineinragt: ein Aushang für den Chor, ein Hinweis auf das Gemeindefest, eine Liste für die Kuchenplanung. Nach dem Gottesdienst bleiben die Leute nicht lange stehen, aber sie bleiben stehen – kurz, gezielt. Zwei Sätze über den Pegelstand, ein Satz über eine Baustelle an der SEE6, dann gehen sie auseinander, als wäre das die natürliche Zeiteinteilung eines Sonntags.

Teichdorf hat eine merkwürdige Nähe zur Vergangenheit, ohne daraus ein großes Programm zu machen. Das merkt man im Seeländischen Institut für Vor- und Frühgeschichte, das in einem Gebäude nahe der Altstadt sitzt, nicht weit vom Markt, mit einem Eingang, den man leicht übersieht, wenn man nicht weiß, wonach man sucht. Drinnen stehen Vitrinen mit Funden aus den Tälern: Keramikscherben, Metallstücke, Knochenfragmente, alles mit kleinen Nummern und Karten. Der Ton der Mitarbeitenden ist ruhig, als spräche man in einem Labor und in einer Stube zugleich. Einmal habe ich eine Gruppe Schulkinder beobachtet, wie sie vor einer Karte standen, auf der alte Wege eingezeichnet sind. Der Betreuer zeigt nicht „die Vergangenheit“, er zeigt, wie man Spuren liest: wo ein Bach früher anders lief, wo ein Rücken als Grenze diente, wo ein Lagerplatz am Wasser lag. Wenn man danach wieder auf die Straße tritt, sieht man Teichdorf anders – nicht romantischer, eher genauer.

Die Wasserlinien selbst findet man, wenn man vom Markt abwärts zur Teichuferstraße geht. Teichdorf hat mehrere Brücken in kurzer Folge, und jede hat ihren eigenen Zweck. Eine ist breit genug für die Lastwagen, die aus Richtung Althaus kommen; eine zweite führt die Busse weiter nach Weishaus; die dritte ist eine niedrige Fußgängerbrücke, die nach Regen manchmal feucht glänzt, weil die Bohlen das Wasser nicht sofort abgeben. Am Ufer steht ein kleines Pegelhaus, mehr Messstation als Sehenswürdigkeit, aber Leute bleiben trotzdem stehen, wenn der Stand hoch ist. Dann wird nicht fotografiert, sondern verglichen: „Letztes Jahr war es bis zur zweiten Markierung.“ Ein Mann erklärt seinem Sohn, warum Treibholz an einem Rechen hängen bleibt. Ein anderer deutet auf eine Stelle, an der man die alte Uferbefestigung erkennt.

Zu Teichdorf gehört auch der Klang. Ich bin in Teichdorf zuerst wegen der Orgelwerkstatt gelandet, weil jemand in Seestadt mir gesagt hatte, dass man hier nicht nur repariert, sondern wirklich baut. Die Werkstatt liegt in einer Seitenstraße, mit einem Tor, das tagsüber halb offen steht. Drinnen riecht es nach Leim, Holzstaub und Metall. Auf einer Werkbank liegen Pfeifen in Reihen, daneben Filzstreifen, Lederstücke, eine Dose mit Schrauben, die alle gleich aussehen und doch offenbar nicht austauschbar sind. Der Werkstattmeister – ein Mann, der mit wenigen Worten auskommt – klopft an eine Pfeife, hört kurz hin, und legt sie weg, als hätte er gerade entschieden, ob sie heute gut gelaunt ist. Nebenan arbeitet eine kleine Familie an Streichinstrumenten: Geigenhälse, Bögen, ein Stapel Deckenbretter, die aussehen wie Brennholz, bis man begreift, dass sie später einmal in einem Konzertsaal stehen werden, in der Hand eines Menschen, der Teichdorf nie gesehen hat. Wenn man dort eine Stunde verbringt, nimmt man beim Herausgehen jedes Geräusch anders wahr: das Klacken einer Ampel, das Schleifen von Reifen auf nasser Straße, das Summen eines Trafos.

Trotzdem ist Teichdorf nicht nur Arbeit. An Markttagen – meist vormittags – wird der Platz vor dem Rathaus voll. Ein Stand verkauft Käse aus den Gebirgsdörfern, ein anderer Honig, der nach Wald schmeckt, ohne dass jemand so ein Wort benutzt; man sagt einfach „der dunkle“. Es gibt einen Wagen mit Werkzeugen, ein kleiner Tisch mit Büchern, und eine Frau, die Strümpfe verkauft und jeden Kunden beim Namen zu kennen scheint. Wer nur kurz durch will, muss sich zwischen Gesprächen hindurchschieben: zwei Männer diskutieren über die B51 und eine Umleitung, eine Mutter schickt ihr Kind zum „noch schnell Brot holen“, ein junger Mann trägt eine Kiste mit Glasflaschen, vermutlich aus einer der Hütten im Kreis. Am Rand des Markts sitzt ein Imbisswagen, der mittags Suppe ausgibt. Das ist kein Ereignis, eher eine Gewohnheit: Man isst, man redet, man geht.

Am späten Nachmittag verlagert sich das Leben in die kleineren Orte. Es gibt ein Feuerwehrhaus, das man an den offenen Toren erkennt, wenn geübt wird; man hört dann das metallische Klacken von Kupplungen und das kurze Rufen von Kommandos. Hinter der Schule – Teichdorf hat genug Größe für mehrere Schulformen, und man merkt es an den Schulbussen und Fahrradständern – liegt ein Sportplatz, auf dem unter der Woche Training stattfindet. Eltern stehen am Rand, nicht in großen Gruppen, eher in kleinen Inseln. Einer zeigt auf den Himmel und sagt, dass es „wieder vom Massiv runterzieht“. So wird Wetter hier beschrieben: nicht als Stimmung, sondern als Richtung.

Abends esse ich oft in einem der Gasthäuser nahe dem Wasser, wo man durch die Fenster sieht, wie die Lichter an den Brücken sich im Fluss ziehen. Die Speisekarten sind kurz. Fisch kommt aus Teichmünde, Kartoffeln aus der Ebene, Fleisch aus den Dörfern am Rücken. Man bestellt nicht kompliziert, und das macht es leicht, länger sitzen zu bleiben. Am Nebentisch erzählt jemand von einer Aktenrolle, die im Archiv „nach Teich“ roch, als man sie öffnete, und alle lachen, weil sie sich genau vorstellen können, was gemeint ist. Eine andere Geschichte, die ich mehrfach gehört habe, handelt vom alten gotischen Turm von St. Jakob: Angeblich soll beim Umbau jemand vorgeschlagen haben, den Turm abzutragen und neu zu bauen, „gerader“. Der damalige Baumeister soll nur gesagt haben: „Der Turm steht, weil er weiß, wie der Wind hier läuft.“ Ob das stimmt, ist egal. Es ist eine gute Art, über Teichdorf zu sprechen.

Wenn ich nachts zurück zur Bahnhofstraße gehe, ist die Stadt stiller, aber nicht leer. Ein letzter Regionalzug rollt durch, irgendwo klappert eine Werkstatttür, und am Ufer steht jemand am Geländer und schaut auf den Pegel, als müsste er sich vergewissern, dass der Teichfluß noch da ist. Teichdorf ist kein Ort, der sich aufdrängt. Er liegt am Zusammenfluss, hält die Wege offen ins Zentralmassiv und hinunter zum Großen Teich, sammelt Papier und Holz, Klang und Handwerk, und verteilt es wieder. Wer nur durchfährt, sieht eine Kreisstadt. Wer bleibt, merkt, dass hier vieles aufeinander trifft, ohne sich zu vermischen – und genau darin liegt der Reiz, wiederzukommen.

Verkehrsverbindungen:

Bahn: Eilzüge Zentralmassivbahn aller 7:03, 11:03, 15:03, 19:03 nach Nudeltopf, 7:46, 11:46, 15:46 nach Bosheim, 19:46 nach Polausi, Regionalbahnen der ZMB18A stündlich 6:27-20:27 nach Nudeltopf, 21:27 nach Münchhausen, 6:21-19:21 nach Bosheim, 20:21 nach Novatal, 21:21 nach Kornutal

Straße: B51 (NW: Althaus 12km, O: Weishaus 9km); B511 (SW: Funsel 8km); SEE6 (W: Frunse 9km, O: Hammer 6km); SEE19 (N: Altenroda 5km), SEE21 (NO: Staracasa 6km)