
(Pop.: 9.875 – 388 m NN)
Weishaus liegt nicht im Tal, sondern darüber. Wenn der Zug aus Richtung Seestadt die letzten Kurven nimmt, schiebt sich die Stadt als flacher Rücken ins Blickfeld: erst Werkhöfe und Gleise, dann eine Reihe Häuser entlang der Rückenstraße, darüber der Turm von St. Hedwig. Man steigt aus und hört zwei Dinge gleichzeitig – das Klacken von Weichen und den Wind, der über die Kante kommt. Hier oben ändert sich das Wetter oft schneller als unten in der Ebene: Wolkenfetzen ziehen über die Dächer, und in den Seitenstraßen steht manchmal noch Sonne, während am Bahnhof schon Jackenkragen hochgeschlagen werden.

Der Bahnhof ist für Weishaus mehr als Ankunftspunkt. Es ist ein Ort, an dem sich Richtungen sortieren. Eilzüge halten zu festen Zeiten, Regionalbahnen kommen im Takt, und zwischen den Gleisen laufen Menschen, die den Umstieg so routiniert machen, dass er wie eine Bewegung aus einem Guss wirkt: eine Frau mit einer Kuchenbox für den Spätdienst im Kulturhaus, zwei Monteure mit Werkzeugkoffern, ein Schüler mit Sporttasche, der kurz auf die Anzeigetafel schaut und dann losgeht, ohne zu rennen. In der kleinen Bahnhofsgaststube, die schlicht „Gleis 2“ heißt, schenkt Uwe Kallmann Kaffee aus, legt Brötchen auf ein Blech und hält dabei die Tür im Blick, weil er weiß, wann ein Schwung Pendler kommt. Wer das erste Mal hier ist, muss nicht lange suchen: Hinter dem Bahnhof setzt die B51 an, nach Westen Richtung Teichdorf, nach Osten Richtung Grenze; zur A4 ist es ober die B512 nicht weit. Auf den Parkplätzen stehen Kennzeichen aus dem Kreis, dazwischen Transporter, die morgens zur Industriestraße fahren.
Die Stadt folgt ihrem Rücken. Oben, nahe Kirchplatz und Rathaus, ist der Boden fester, die Wege gerader, die Gebäude stehen dichter. Unten, an der Kante zur Ebene und an den Übergängen in die Täler, liegen Sportplätze, Werkhöfe und jene Bereiche, die nach Metall und Holz riechen. Weishaus hat keine breite Altstadt, die man „besichtigt“, sondern Straßenzüge, die man benutzt: die Rückenstraße als Achse, der Kirchplatz als Halt, Seitenwege, die überraschend steil abfallen, sobald sie die Kante erwischen. In der Bäckerei „Rückenkrume“ an der Rückenstraße stehen vormittags Leute am Stehtisch und streichen Butter auf dicke Scheiben, während durch die Scheibe ein Bus zur B512 rollt. Nebenan sitzt ein Schreibwarenladen, der auch Pakete annimmt; an der Tür hängt ein Zettel, auf dem handschriftlich steht, wann der Paketfahrer kommt, weil das mehr zählt als ein offizieller Aushang.

St. Hedwig am Kirchplatz 1 ist ein Bau, der sich nicht klein macht. Der Turm ist breit, der Stein wirkt schwer, und innen ist der Raum so klar, dass er für Konzerte taugt. An manchen Abenden stehen Stühle in Reihen, vorne ein Notenpult, und die Stadtkapelle probt, bevor sie ins „Haus am Rücken“ umzieht. Der Organist, Martin Ebel, ist in Weishaus eine bekannte Figur: tagsüber arbeitet er in einer Werkstatt, abends sitzt er an den Tasten oder räumt gemeinsam mit Jugendlichen Stühle. Wenn die Kirche voll ist, hört man das Publikum nicht flüstern, sondern sich leise sortieren: Jacken werden gefaltet, Programme weitergereicht, jemand zeigt einem Nachbarn, wo noch ein Platz ist. Draußen am Kirchplatz bleibt man nach solchen Abenden kurz stehen, weil die Luft hier oben frisch ist und weil der Weg nach Hause oft über die Kante führt.

Das „Haus am Rücken“ (Rückenstraße 12) ist kein großes Kulturzentrum, eher ein städtischer Mehrzweckbau, der sich sein Profil über die Jahre erarbeitet hat. Lesungen, kleine Ausstellungen lokaler Handwerker, Proben, manchmal eine Vorführung alter Filmaufnahmen aus dem Kreis – und dazwischen die Alltagsnutzung: Vereinsabende, Elternabsprachen, ein Raum, in dem der Schachclub seine Bretter lagert. Leiterin ist Anke Sievert, die eine bemerkenswerte Mischung aus Ordnung und Improvisation beherrscht. Sie kann in fünf Minuten aus einem Proberaum einen Ausstellungsraum machen, weil sie weiß, welche Stellwände in welchem Schrank stehen und wer einen Transportwagen hat. Wenn im Winter die Straßen aus den Tälern hoch rutschig werden, hängt am Eingang ein Zettel: „Kakao steht bereit.“ Das ist nicht romantisch gemeint, sondern praktisch.

Weishaus lebt wirtschaftlich zwischen Holz und Dienstleistung, und beides hat man ständig vor Augen. In der Industriestraße 4 sitzt die „Weishäuser Möbelmontage“. Morgens kommen Lieferungen auf Paletten, mittags fahren Lkw ab, in denen Serienmöbel stehen, die zuvor in Hallen zusammengesetzt, verpackt und etikettiert wurden. Man sieht Mitarbeitende in Arbeitswesten, die die Handgriffe so sicher können, dass dabei noch Platz für Gespräche bleibt: über den nächsten Schichtwechsel, über eine neue Schraubencharge, über eine Reklamation, die wieder reinkam. Werkstattleiterin Selma Kurnaz läuft mit einem Stift hinterm Ohr durch die Halle, prüft Kanten, klickt einen Karton auf, und wenn etwas nicht stimmt, wird es nicht diskutiert, sondern neu gemacht.
Rundherum sitzen kleinere Betriebe, die das ergänzen: eine Werkstatt, die Metallbeschläge für Möbel fertigt, eine, die Glaslampen montiert – keine filigranen Kunstobjekte, sondern robuste Leuchten für Werkstätten, Treppenhäuser und Küchen. In einer Seitenstraße repariert eine Instrumentenwerkstatt Klarinetten und Trompeten; der Besitzer, Joris Hempel, hat oft ein Ventilbad auf der Werkbank stehen und begrüßt Kundschaft nicht mit Smalltalk, sondern mit der Frage: „Klemmt’s oder pfeift’s?“
Der Rhythmus der Stadt wird auch von den Straßen bestimmt. Die B51 zieht wie eine Klammer durch den Rücken, und wer zur Grenze fährt, hält hier oft noch an: Tankstelle, Bäcker, Geldautomat. Die Dorfburger Straße führt nach Norden in die Täler, und wenn es regnet, sieht man an der Kreuzung die ersten matschigen Reifenprofile. Der Siebacher Weg geht nach Süden, wo die Ebene beginnt; dort fahren morgens landwirtschaftliche Fahrzeuge und am Nachmittag der Schulbus. Die B512 ist eine der Verbindungen, die Weishaus mit den Dörfern auf dem Zento-Rücken verknüpft. An der Bushaltestelle beim Werkhof hängen Fahrpläne, die jemand mit Klebeband geflickt hat; daneben stehen meist zwei Jugendliche, die ihre Fahrräder schieben, weil sie „nur kurz“ in die Stadt müssen.
Für Besucher wirkt Weishaus im ersten Moment sachlich. Man hat nicht sofort einen „Fotopunkt“, sondern eher eine Abfolge von Orten, die Sinn ergeben, sobald man sie nacheinander benutzt. Wer trotzdem einen Blick sucht, geht an den Rand des Rückens, dort wo ein schmaler Weg hinter den Sportplätzen entlangläuft. Von hier sieht man die Ebene nach Süden flach werden, und nach Norden schließen Wälder und Einschnitte an, in denen Straßen verschwinden. Auf einer Bank sitzt am späten Nachmittag oft jemand wie Heiner Brast, der früher bei der Bahn war und sich die Züge noch nach Geräusch merkt. Er sagt dann Sätze wie: „Der Eilzug ist heute leicht spät“, ohne auf die Uhr zu schauen, und meist hat er recht.
Essen und Übernachten sind in Weishaus unaufgeregt, aber zuverlässig. In der „Rückenstube“ nahe dem Kirchplatz gibt es Eintopf, Braten, Nudeln, und an der Wand hängt ein Plan der Region, auf dem jemand die Haltestellen der Busse mit Filzstift markiert hat. Wer länger bleibt, nimmt häufig ein Zimmer in der Pension „Hedwigsruh“ in einer Seitenstraße der Rückenstraße; die Betreiberin, Petra Domann, legt morgens Zeitungen auf den Tisch und fragt Gäste, ob sie früh zum Bahnhof müssen. Für Durchreisende gibt es nahe der A4 ein schlichtes Hotel, das vor allem von Monteuren genutzt wird; abends steht man dort am Raucherbereich und hört, welche Strecke am nächsten Tag ansteht – Seestadt, Teichdorf, „rüber zur B51“, manchmal auch ein Auftrag, der Richtung Osten geht.
Weishaus ist am stärksten, wenn man es als Knoten erlebt und nicht als Ziel mit Programm. Morgens am Bahnsteig, mittags an der Industriestraße, abends im Kulturhaus oder in St. Hedwig, wenn der Raum sich mit Musik füllt. Dazwischen die kleinen Dinge: der Paketshop, die Bibliotheksecke im Gemeindehaus, die Feuerwehr, deren Tor an Übungstagen offensteht. Die Stadt bindet Rücken und Täler zusammen, ohne viel darüber zu reden. Man merkt es daran, wie selbstverständlich Menschen hier von einem Verkehrsmittel ins nächste wechseln, wie Werkstattarbeit und Kulturabend nebeneinander passen, und wie der Wind auf dem Kirchplatz fast immer präsent ist, als würde er daran erinnern, dass Weishaus nicht unten liegt, sondern oben auf seiner Linie.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: Eilzüge der Zentralmassivbahn 6:55, 10:55, 14:55, 18:55 nach Nudeltopf, 7:54, 11:54, 15:54 nach Bosheim, 19:54 nach Polausi; Regionalbahnen ZMB18A stündlich 6:19-20:19 nach Nudeltopf, 21:19 nach Münchhausen, 6:31-19:31 nach Blue River, 20:31 nach Novatal, 21:31 nach Kornutal; ZMB22 stündlich 6:35-21:35 nach Seestadt
Straße: Autobahn A4 (W: Seestadt, O: Tremo); B51 (W: Teichdorf 9km, O: Zunig (Zentravia) 18,5km); B512 (S: Giesen 9km), Siebacher Weg (S: Siebach 8km), Dorfburger Straße (N: Dorfburg 4,5km)

