Ackdorf, 28. Dezember 2025, Sonntagmorgen,

    Heute wird die gute Stube dran glauben. Der Tisch steht seit Wochen wieder in der Ecke, weil ich nach dem letzten Rommé-Abend nicht mehr die Ruhe hatte, alles zurückzuschieben, und die zwei Stühle mit den wackligen Filzgleitern stehen noch immer vor dem Fenster, als würde dort jemand täglich sitzen und auf die Dorfallee hinausschauen. Bevor Gaston und Klara zum Mittagessen kommen, muss das ordentlich werden: den Tisch in die Mitte, die vier passenden Stühle dazu (nicht die aus der Küche mit den ausgeblichenen Sitzkissen), die Bank an die Wand, damit man beim Aufstehen nicht gleich gegen den Ofenschirm stößt. Die Kommode bekommt wieder ihren Platz neben der Tür, sonst legt Gaston beim Hereinkommen bestimmt wie zuletzt seine Handschuhe auf die Notenmappe, und Klara sucht dann eine Viertelstunde nach ihrem Bleistift.

    Das Essen macht mir heute keinen Stress, weil der Palak Paneer schon gestern fertig geworden ist. Der Topf steht kalt, der Spinat ist durchgezogen, und der Paneer ist in Würfel geschnitten, wie Klara das mag – nicht zu groß, damit er beim Erwärmen nicht außen hart und innen kalt bleibt. Heute muss ich nur noch Reis kochen und entscheiden, ob ich die Gurken ranhole oder es lasse. Ich habe mir extra auf einen Zettel geschrieben: „Nicht vergessen: Sahne erst am Ende, sonst wird’s stumpf.“ Der Zettel liegt auf dem Brett, auf dem ich sonst die Ware für den Laden abstelle, wenn ich morgens kurz durchzähle.

    Nach dem Essen wollen wir mit dem Zug nach Rehstadt. Ich habe mir die Verbindung der Buthabahn herausgesucht: Linie 93, die Rehstadt mit Priestewitz und weiter Richtung Zentro verbindet. Wenn man den Fahrplan anschaut, ist es beruhigend, dass stündlich etwas fährt – da muss man nicht nervös werden, falls Gaston wieder in der Küche stehen bleibt und über irgendeinen Satz aus der Predigt nachdenkt, während Klara bereits die Jacke anhat.

    St. Bartholomä Rehstadt

    In Rehstadt will Klara unbedingt die Stadtkirche St. Bartholomäus sehen. Die steht an der Kirchplatzgasse, und man kommt wohl gut hin, wenn man von der Butha-Allee abbiegt. Um 15 Uhr ist dort ein Orgelkonzert, und Klara hat das gestern schon so gesagt, als wäre es ein Termin beim Zahnarzt: „Punkt drei muss man sitzen, Edeltrude.“ Gaston hat gelacht und meinte nur, er werde sich benehmen und nicht während des ersten Stücks die Programme auf- und zuklappen. Ich hoffe, er hält sich daran – Klara hat dafür ein Ohr.

    Ich bin gespannt auf die Kirche, weil sie anscheinend aus dem 13. Jahrhundert stammt und man an ihr mehrere Bauphasen sieht: romanisch am Anfang, dann gotisch und barock dazwischen, so wie ein Haus, an dem jede Generation einmal herumgebaut hat, nur eben über Jahrhunderte. Es soll Glasfenster geben, die Geschichten über den Namenspatron zeigen, und einen Altar aus dem 16. Jahrhundert, von einem unbekannten Meister. Gaston interessiert sich sowieso immer für alles, was älter ist als seine eigenen Kirchenbücher, und Klara wird beim ersten Schritt in den Raum die Decke ansehen und sofort wissen, ob es hallt, ob es trägt, ob es „zu trocken“ ist – ihr Wort, nicht meins.

    Praktisch muss ich heute an drei Dinge denken, bevor wir überhaupt loskommen: erstens die Stube, zweitens das Essen, drittens der Laden. Ich werde nachher ein Schild an die Tür hängen, dass mittags zu ist. Sonntags kommen zwar nicht viele, aber irgendwer braucht immer Hefe oder ein Paket Butter, und dann stehen sie vor verschlossener Tür und drücken die Nase gegen die Scheibe, als wäre ich plötzlich verschwunden. Wenn ich es schaffe, räume ich auch gleich den kleinen Stapel zurück, der sich beim Bücherbaum wieder angesammelt hat – zwei Taschenbücher und ein zerlesenes Kochheft, das jemand in die Telefonzelle gelegt hat. Das kann warten, aber wenn es schon da liegt, sehe ich es die ganze Zeit.

    Für später am Abend lege ich die Rommé-Karten schon mal auf die Kommode, damit ich nicht nach der Rückfahrt noch im Schrank kramen muss. Gaston spielt ordentlich, aber er tut immer so, als könnte er nicht zählen, wenn er gerade dabei ist, besonders freundlich zu sein. Klara ist das Gegenteil: Sie sagt nichts, schaut auf die Karten und legt dann so, dass man genau merkt, dass sie mitgedacht hat. Ich werde wieder den Bleistift bereitlegen, um die Punkte aufzuschreiben, und den alten Block, den ich nur dafür benutze. Wenn alles klappt, kommen wir nach dem Konzert wieder hier an, trinken noch etwas Warmes in der Küche, und dann setzen wir uns an den Tisch in der guten Stube – genau an den Tisch, den ich jetzt gleich aus der Ecke ziehen werde.

    Jetzt mache ich erst einmal die Fenster kurz auf, auch wenn es kalt ist, und dann geht’s ans Schieben. Wenn ich Glück habe, quietscht heute nichts. Wenn ich Pech habe, rutscht mir der Teppich wieder weg, und ich stehe da wie beim Tanzen ohne Musik. Sollte Gaston das sehen, wird er irgendeinen Satz über Geduld sagen. Klara wird nur fragen, ob ich Filz unter die Beine gemacht habe. Und wahrscheinlich hat sie recht.

    Edeltrude Berger