
(Pop.: 1.987 – 138 m NN)
Funsel liegt dort, wo der Teichfluß breit genug wird, um sich Zeit zu lassen. Auf halber Strecke zwischen Teichdorf und Teichmünde gelegen zieht sich das Dorf an einem einzigen Band entlang, der Teichstraße, und links und rechts davon öffnen sich Felder, Weidenstücke und Schilfgürtel, die den Fluss wie in Abschnitte schneiden. Wer über die B511 ankommt, merkt es an der Luft: feucht, manchmal nach nassem Holz, und mit dem feinen Rascheln von Schilf, das selbst dann zu hören ist, wenn kein Auto mehr vorbeifährt. An den Ufern stehen Weiden mit niedrigen Kronen, darunter Pfade, die von Radfahrern und Leuten benutzt werden, die morgens zum Wehr gehen. Der Ort liegt niedrig in der Ebene, 138 Meter, und wenn Regen vom Zentralmassiv herunterzieht, sieht man zuerst, wie sich die Farbe des Wassers ändert, noch bevor man den Pegel am Wehr abliest.
Der Name Funsel wird im Dorf gern mit einer Handbewegung erklärt, nicht mit einem Lexikon. „Funseln“, sagt Karl-Heinz Pott, der seit Jahrzehnten im Ruderclub ist, „das waren früher die Lampen am Wehr.“ Wenn Nebel über den Fluss kommt und Boote vom Großen Teich herauf mussten, hingen Leute Laternen an Pfosten, damit man die Einfahrt zur Wehrpassage fand. Ob das wirklich die Herkunft ist, lässt sich diskutieren, aber sie passt zu Funsel, weil hier vieles aus praktischen Lösungen entstanden ist. Die Teichstraße ist dafür das beste Beispiel: Häuserfronten, Hofeinfahrten, Schuppen und kleine Läden reihen sich ohne große Lücken, und hinter manchen Toren sieht man sofort, womit die Leute zu tun haben – Netze auf Leinen, Ruderblätter, Holzreste, Drahtrollen.

Vor der Kirche St. Urban (Kirchplatz 1) weitet sich die Teichstraße zu einem Platz, der groß genug ist, dass der Bus kurz halten kann und dass beim Dorffest ein paar Buden hinpassen. Der Turm von St. Urban ist die Art Orientierung, die auf Karten nicht beschrieben werden muss. Radfahrer nennen ihn „den Zeiger“: Wer ihn sieht, weiß, wie weit es noch bis zur Brücke oder zum Gasthaus ist, und auf dem Fluss erkennt man ihn als feste Marke über dem Schilfgürtel. Die Kirche selbst ist schlicht, der Eingang vom Platz aus erreichbar, und im Inneren hängt an einer Seitenwand eine Tafel mit Namen von Vereinsmitgliedern, die Boote gestiftet oder repariert haben. Küsterin Rike Lauer stellt vor Gottesdiensten oft eine Kiste mit Kerzen hinaus, weil viele Leute nur kurz reinkommen, wenn sie ohnehin am Platz vorbeigehen. Im Jahreslauf ist das Hafenfest von Teichmünde weit genug weg, dass es in Funsel keine Konkurrenz ist; hier hat St. Urban seinen eigenen Termin: Ein Sonntag im Spätsommer, an dem nach dem Gottesdienst eine kleine Bootswache am Ufer steht und die Kinder ihre selbstgebauten Modelle auf den Fluss setzen dürfen – eine Tradition, die im Dorf fast automatisch zur nächsten führt.

Wer Funsel verstehen will, geht einmal an den nördlichen Ortsrand zur alten Mühle. Das unterschlächtige Rad läuft nicht immer, aber es steht so nah am Wasser, dass man den Sinn sofort erkennt: früher Mahlen, heute Erinnerung und Werkstatt.

Am Mühlenweg 2 sitzt die „Funseler Holzspielzeug-Werkstatt Harke“. Wenn die Tür offen ist, riecht es nach Holzstaub und Leinöl, und auf dem Arbeitstisch liegen Teichboote in verschiedenen Stadien – roh, halb geschliffen, fertig lackiert. Jana Harke arbeitet mit wenigen Maschinen, dafür mit vielen Lehren: kleine Schablonen, mit denen sie Rümpfe nachzieht, Steckverbindungen prüft, Kanten bricht. Neben den Booten entstehen Stecktiere und Bauklötze, die im Dorf nicht „Spielzeug“ heißen, sondern „die Dinger für die Kleinen“. Im Herbst veranstaltet die Werkstatt einen Verkaufstag. Dann stehen Tische vor der Mühle, und die Kinder laufen mit frisch gekauften Booten direkt ans Wasser, um zu testen, ob sie geradeaus treiben oder ob ein Kiel nachgeschliffen werden muss. Manchmal kniet Jana Harke selbst am Ufer, dreht ein Boot um, streicht mit dem Daumen über eine Kante und sagt: „Da ist noch ein Grat.“ In Funsel sind solche Sätze keine Kritik, sondern ein Teil des Vergnügens.

Ein zweiter Ort liegt ein Stück weiter südlich am Wehr. „Am Wehr 6“ steht auf einem Schild, das schon ein paar Male neu lackiert wurde: Reusenbauerei Nitsch. Die Werkstatt wirkt von außen unscheinbar – ein langes Gebäude, Hof mit Pfählen, Drahtrollen, ein Stapel Bügel aus Metall –, aber drinnen ist es wie in einem präzisen Handwerk, das mit Wasser zu tun hat, ohne nass zu sein. Timo Nitsch fertigt Bügel, Drahtkörbe und Pfähle für Reusen, die am Großen Teich und flussaufwärts genutzt werden. An der Wand hängt eine Skizze mit Maßen, die seit Jahren gleich aussieht, nur die Notizen daneben ändern sich: „neuer Draht“, „leichterer Bügel“, „Knotenprobe“. Im Frühjahr liegt am Wehr oft Material bereit, weil sich nach der Schneeschmelze Treibgut staut. Dann kommen Leute vorbei, schauen kurz auf die Leitbalken und sagen Sätze wie: „Heute wird’s hängen bleiben.“ Nitsch’ Werkstatt ist dann nicht nur Produktion, sondern auch Treffpunkt; jemand bringt eine Reuse mit kaputtem Bügel, jemand anderes braucht Pfähle, und zwischendurch steht einer am Tor und zeigt mit dem Kinn auf den Fluss, als wäre das eine Nachricht.
Der Alltag in Funsel spielt sich zwischen diesen Funktionsorten ab. Es gibt eine kleine Arztpraxis in der Teichstraße, Dr. Nela Woithe, die vormittags Sprechstunde hat und nachmittags Hausbesuche macht; vor der Tür steht oft ein Fahrrad, weil viele im Dorf ihre Wege so erledigen. Neben dem Dorfladen am Kirchplatz ist eine Postausgabe untergebracht, und wer Pakete holt, bleibt selten ohne Gespräch: „Ist das für die Werkstatt?“ – „Nein, für den Jungen, der zieht nach Seestadt.“ Eine Bäckerei mit Stehtischfenster – „Backstube Henn“ – ist morgens voll, weil die Leute dort ihren ersten Kaffee nehmen, bevor sie zur Arbeit fahren: nach Teichdorf, nach Teichmünde, manche auch hoch Richtung Weishaus. Der Sportplatz liegt etwas außerhalb, hinter einer Reihe Weiden, und am Rand steht ein Container, der als Geräteraum dient; am Wochenende trainiert dort die Jugendmannschaft, und man erkennt an den Autos, dass auch Eltern aus den Nachbarorten mitkommen.

Am deutlichsten wird das Gemeindeleben abends im Gasthaus „Zum Alten Wehr“ (Teichstraße 19). Der Schankraum ist zugleich Vereinszimmer des Ruderclubs, und das ist wörtlich zu nehmen: An einer Wand hängen Paddel, auf einem Regal liegen Protokollbücher, und über der Tür hängt ein vergilbtes Foto von einem Boot, das offenbar vor Jahren einen Wettkampf gewonnen hat. Wirtin Sanna Greve kocht bodenständig – Suppe, Braten, Kartoffelgerichte – und sie weiß, wer nach der Arbeit schweigt und wer reden will. Wenn der Ruderclub Sitzung hat, stehen auf den Tischen Krüge und Bleistifte, und Karl-Heinz Pott liest die Tagesordnung vor, als wäre das eine Fahrplanansage. Danach wird nicht über große Themen diskutiert, sondern über das, was im Dorf zählt: ob das Ufer am Bootssteg nachgebessert werden muss, ob das Material für die Frühjahrstour schon da ist, ob der neue Jugendliche im Verein ein Boot übernehmen kann. Wer als Gast dazukommt, sitzt nicht abseits; man rückt zusammen, fragt, woher man kommt, und endet schnell bei Strecken: „Bist du heute von Teichmünde rauf?“ – „Oder von Teichdorf runter?“
Funsel hat keine großen Sehenswürdigkeiten, die man abhakt, aber es hat Szenen, die man mitnimmt. Ein Morgen, an dem Nebel über dem Fluss hängt und der Turm von St. Urban wie ein heller Block darüber steht. Ein Nachmittag am Mühlenweg, wenn Kinder ihre Holzboote zu Wasser lassen und ein Erwachsener heimlich prüft, ob sie wirklich schwimmen. Ein Frühlingstag am Wehr, wenn Treibgut sich staut und die Wasserwacht aus Teichmünde kurz vorbeikommt, weil man sich kennt und weil man weiß, dass der Fluss nicht an Gemeindegrenzen hält. Und ein Abend im „Alten Wehr“, an dem jemand in Arbeitskleidung hereinkommt, die Jacke über den Stuhl hängt und ohne Umschweife fragt, ob morgen jemand nach Teichdorf fährt. So bleibt Funsel in Erinnerung: als Dorf am Teichfluß, das seine lange Teichstraße wie eine Hauptader nutzt und in dem Holz, Draht, Wasser und Vereinsleben ganz selbstverständlich zusammengehören.
Straße: Autobahn A4 (SW: Seestadt, O: Tremo); A5 (N: Nudeltopf, S: Zentro); B511 (N: Teichdorf 8km, S: Teichmünde 10km); SEE14 (NW: Frunse 6km, O: Siebach 8,5km)

