
(Pop.: 458 – 103 m NN)
Als ich das erste Mal nach Ostufer fahre, kommt der Große Teich nicht plötzlich, sondern schiebt sich langsam in den Blick. Die B36 führt durch offene Felder, der Horizont bleibt flach, und dann taucht links das Wasser auf, erst als heller Streifen, dann als Fläche, die den Kopf automatisch nach vorne zieht. Kurz vor dem Ort wird die Straße etwas höher, man merkt den Deich, ohne ihn sofort als Bauwerk zu begreifen: ein langer Rücken aus Erde, Gras und Pfad, der die Häuser dahinter wie eine zweite Reihe schützt. Ostufer liegt am Ostufer des Großen Teiches, sieben Kilometer südöstlich von Teichmünde, und es hat diese nüchterne Lagebeschreibung verdient, weil hier vieles über Richtung und Abstand funktioniert. Wer mit der Bahn anreist, steigt in Teichmünde aus und nimmt den Bus oder fährt die letzten Kilometer mit dem Rad; am Ortseingang hängen an einem Zaun oft Zettel „Zimmer frei“ und „Angelkarte hier“.
Die Häuser stehen hinter dem niedrigen Deich, als hätten sie sich an ihn angelehnt. Davor, auf der Wasserseite, liegen Bootsschuppen und Netztrockengestelle. Holzlatten, quer gespannt, daran dunkle Netze, die im Wind nicht wehen, sondern schwer nachgeben. An einer Rampe ziehen Traktoren Anhänger bis an den Strand. Es ist kein spektakuläres Bild, eher ein täglicher Vorgang: jemand rangiert, jemand winkt, irgendwo klappert ein Kettenglied. Der Sand am Fuß der Rampe ist oft festgefahren, und neben den Reifenspuren stehen in einer Reihe hölzerne Pfähle, an denen Boote festgemacht werden, wenn der Wasserstand ungünstig ist. Ein alter Mann, der sich mir als Eckhard Susewind vorstellt, sagt trocken: „Hier liest man den Teich am Reifenabdruck.“ Er meint damit, dass sich an der Kante der Spur zeigt, ob das Wasser in der Nacht aufgestiegen ist.

Der Mittelpunkt von Ostufer ist nicht die Wasserkante, sondern der Anger. Er liegt ein Stück hinter dem Deich, damit er bei Sturm und hoher See nicht der erste ist, der Wasser abbekommt. Am Anger 5 sitzt der Dorfladen „Uferkram“. Das ist einer dieser Läden, die so tun, als seien sie klein, und doch alles können: Brot und Milch, Schrauben und Batterien, Regenponchos, Gummistiefel in drei Größen. Hinter dem Tresen hängt ein Brett mit Angelkarten und Gewässerregeln, daneben ein Regal mit Paketen und Briefen, denn „Uferkram“ ist auch Postausgabe. Die Betreiberin, Mila Otten, kennt in einem Ort mit 458 Einwohnern nicht nur Namen, sondern auch Abläufe. Sie legt mir eine Karte des Großen Teiches hin und fragt als Erstes nicht, woher ich komme, sondern ob ich rudern will oder nur schauen. Als ich „schauen“ sage, zieht sie eine kleine Schublade auf und gibt mir einen Zettel mit drei Punkten: „Deichweg, Vogelstand, Karte bei Lenk.“ Mehr Anleitung braucht man in Ostufer selten.
Auf dem Anger stehen Bänke, eine Schaukel, ein niedriger Aushangkasten der Freiwilligen Feuerwehr und ein Flaggenmast, der an ruhigen Tagen wie vergessen wirkt. Neben dem Laden ist ein kleiner Raum, der als Gemeindezimmer dient; dort stehen eine Kaffeemaschine, ein Regal mit Tassen und ein Stapel Prospekte, die niemand ordentlich sortiert, weil jeder ohnehin weiß, was drinsteht. Wenn ein mobiler Händler kommt – meist mit Obst oder Werkzeug – hält er hier. Und wenn im Herbst die Zugvögel ziehen, stehen hier am frühen Morgen Leute mit Fernglas um den Hals und Karten in der Hand, als hätten sie sich verabredet, obwohl sie sich zum ersten Mal sehen.

Die Kirche St. Berenike (Kirchweg 1) steht etwas abseits, so, dass man sie nicht übersehen kann, aber auch nicht zufällig hineinläuft. Sie hat keinen hohen Turm, nur einen Dachreiter, der beim Wind ein leises Klopfen erzeugt, wenn das Wetter umschlägt. Innen ist es schlicht, und genau deshalb fällt das Holzschild auf, das an der Wand hängt: die Namen der Familien, die beim Deichbau im letzten Jahrhundert geholfen haben. Einige Namen tauchen mehrfach auf, und Mila Otten erklärt mir später, warum: „Es waren nicht nur die Männer. Wer kochte, wer nähte, wer schaufelte – alles wurde notiert, damit es nicht verschwindet.“ An einem Mittwochabend probt der kleine Kirchenchor. Acht Leute, davon zwei, die erst seit ein paar Jahren in Ostufer wohnen, weil sie Ferienzimmer übernommen haben. Die Chorleiterin heißt Marit Welsch, tagsüber arbeitet sie als Küchenhilfe in der Uferstube. Als ich kurz in der offenen Tür stehen bleibe, winkt sie mich nicht hinein, sondern nickt nur, als wollte sie sagen: Du kannst zuhören, aber bleib im Rahmen.
Ostufer lebt vom kleinen Tourismus, und der wirkt hier nie wie ein eigener Wirtschaftszweig, eher wie eine zweite Nutzung von Dingen, die ohnehin da sind. Ferienzimmer werden in Wohnhäusern vermietet, manchmal in ehemaligen Kinderzimmern, manchmal in ausgebauten Dachräumen mit Blick über den Deich. In der Seestraße stehen zwei Häuser, die im Sommer eine kleine Schilderkette aufstellen: „Zimmer“ – „Frühstück“ – „Radschuppen“. Die Gäste kommen zum Rudern und Segeln, aber auch zum Beobachten. Am Großen Teich liegen im Herbst morgens oft Nebelbänke, und wenn die Sonne durchkommt, wird der Vogelzug sichtbar: lange Linien, kurze Keile, unordentliche Gruppen, die plötzlich Richtung wechseln. Ostufer hat dafür einen einfachen Beobachtungsstand am Deichweg, nicht mehr als eine hölzerne Plattform mit Geländer. Der Deichwart, Eckhard Susewind, hält dort manchmal eine Kiste mit ausgedruckten Bestimmungsblättern bereit, die er vom Naturschutzkreis Teichdorf bekommt. „Nimm dir eins, wenn du’s brauchst“, sagt er. „Und leg’s zurück, wenn’s nass wird.“

Essen geht in Ostufer meist über die „Uferstube Lenk“ (Seestraße 12). Drinnen ist es hell, die Tische stehen nah genug, dass man Gespräche mitbekommt, ohne sich dazu setzen zu müssen. Auf der Karte stehen Fisch und Kartoffeln in Varianten, die hier logisch sind: gebraten, als Suppe, als Eintopf, manchmal als kalte Platte für Leute, die früh wieder raus wollen. Berühmt ist die Karte an der Wand: der Große Teich mit Flachstellen, Untiefen und gefährlichen Stellen, alles mit roter Tinte markiert. Die Wirtin, Hedi Lenk, ergänzt diese Karte jedes Frühjahr. Wenn sich Sandbänke verschieben oder Pfahlreihen versetzt werden müssen, geht sie mit einem Bleistift hin, radiert, zieht neu. An einem Tisch sitzt ein Mann mit nasser Jacke und zeigt auf eine rote Markierung. „Da hab ich mir letztes Jahr den Kiel angeschlagen“, sagt er. Hedi Lenk antwortet nicht tröstend, sondern knapp: „Deswegen steht’s ja da.“
Von der Uferstube sind es wenige Schritte zurück zum Deich. Am Abend sieht man dort eine Szene, die man in Ostufer häufig erlebt: zwei Jugendliche schieben ein Ruderboot auf einem kleinen Wagen, ein älterer Mann steht daneben und prüft die Gurte, als ginge es um ein schweres Paket. Einer der Jungen heißt Sören Susewind, der Sohn des Deichwarts, und er trägt das Boot, als sei es leichter, wenn er nicht darüber nachdenkt. Hinter ihnen geht eine Familie mit Ferngläsern, die Kinder streiten leise darüber, wer den ersten Vogel gesehen hat. Niemand bleibt lange stehen, aber viele halten kurz an. Das ist die Art von Ort, an dem Wege oft am Wasser enden, auch wenn man nur zur Post wollte.
Zum Ortsnamen erzählt man in Ostufer gern eine kleine, trockene Anekdote. „Früher hieß es einfach: Wir wohnen am Ostufer“, sagt Mila Otten, als wäre das die ganze Geschichte. „Dann kam jemand von der Verwaltung und wollte wissen: Ostufer wovon? Und die Leute sagten: vom Teich, was denn sonst.“ Ob das stimmt, lässt sich nicht belegen, aber es passt zu einem Dorf, das sich nicht gern kompliziert macht. In der Geschichte des Ortes steckt ohnehin mehr Arbeit als Symbolik: Deichbau, Reparaturen nach Stürmen, Holzpfähle, die ersetzt werden müssen, und die Frage, wer wann den Deichweg mäht. Einmal im Jahr gibt es den „Deichtag“, an dem sich viele Bewohner mit Handschuhen und Werkzeug treffen, um Pfosten zu richten, Treibgut zu sammeln und den Weg auszubessern. Danach steht am Anger ein großer Topf Suppe, und jemand stellt eine Kiste mit alten Fotos auf den Tisch. Meist sind es Bilder vom Deichbau, von Booten, von Menschen, die in Arbeitskleidung vor dem Wasser stehen.
Dienstleistungen sind in Ostufer so organisiert, wie man es in einem Ort dieser Größe erwartet: Die Post läuft über den „Uferkram“, die nächste Bahnstation ist in Teichmünde, und wenn man einen Arzt braucht, kommt an zwei Vormittagen in der Woche eine Ärztin aus dem Kreis ins Gemeindezimmer und nimmt Termine, die Mila Otten auf einer Liste führt. Einen Bankautomaten gibt es nicht im Ort, aber im Laden kann man sich Bargeld auszahlen lassen, wenn man einkauft. Für vieles fährt man über die B36, aber Ostufer wirkt nie wie ein Dorf, das ständig wegfährt. Eher wie eines, das weiß, wann es genug ist, den Tag am Wasser zu verbringen.
Wenn ich am Ende meines Besuchs noch einmal über den Deichweg gehe, fällt mir auf, wie viele Spuren hier ohne große Worte lesbar sind: Netze, die zum Trocknen hängen, ein Boot, dessen Bug frisch gestrichen ist, rote Markierungen auf der Karte in der Uferstube, Namen auf dem Holzschild in St. Berenike. Ostufer hat keinen großen Platz für Attraktionen, aber viele kleine Belege dafür, wie ein Dorf am Großen Teich lebt. Man schaut übers Wasser, man repariert, man wartet Wind und Pegel ab, man kocht Fisch und Kartoffeln, und man trifft sich am Anger, weil dort alles zusammenläuft, was im Alltag gebraucht wird.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: Nächste Bahnstation ist Teichmünde
Straße: Autobahn A5 (N: Nudeltopf, S: Zentro); B36 (W: Teichmünde 7km, O: Feldzig 12km); SEE25 (S: Ziehen 5km)

