
(Pop.: 657 – 297 m NN)
Sandig liegt auf dem Zento-Rücken, dort wo die Felder nicht mehr ganz eben wirken und die Böden an manchen Stellen heller werden. Auf der B36 kommt man aus Richtung Feldzig über offene Flächen, dann tauchen rechts und links kleine Kuppen auf, die im Sommer trocken aussehen und nach Regen trotzdem schnell wieder abtrocknen. Kurz vor dem Ort liegt ein Streifen Sand am Straßenrand, als hätte jemand Material ausgeschüttet und vergessen einzukehren. Viele sagen, Sandig habe seinen Namen nicht von einem Wort, sondern von einem Gefühl unter den Schuhen: Wer hier einen Hofweg betritt, merkt, dass der Boden nicht schmiert wie Lehm, sondern knirscht. Die Nähe zur Grenze spürt man an den Schildern und an den Gesprächen im Laden; Horchau liegt nur wenige Kilometer östlich, und manche Fahrten gehen morgens „kurz rüber“, ohne dass jemand daraus ein Thema macht.
Das Dorf selbst ist klein genug, dass man es zu Fuß zusammensetzen kann. Die B36 ist zugleich Durchfahrt und Hauptachse, und entlang dieser Straße stehen die älteren Häuser mit niedrigen Mauern, Scheunentoren und Vorgärten, in denen weniger Zierpflanzen als praktische Dinge zu sehen sind: Stapelholz, ein Ersatzreifen, eine Bank, auf der jemand die Stiefel ausklopft. Von der Hauptstraße zweigt „Am Sandbruch“ ab, ein Weg, der seinen Zweck schon im Namen trägt. Er führt hinaus zu den sandigen Kuppen und zur Glashütte, und an Werktagen erkennt man ihn an den Spuren: Transporter, die früh hinfahren, und mittags die Fahrräder der Lehrlinge, die am Rand angelehnt stehen.

Im Dorfkern gibt es keinen großen Platz, eher eine Aufweitung der Straße mit Bushaltestelle und Anschlagkasten. Daneben sitzt der Dorfladen, der schlicht „Sandiger Kram“ heißt und die Funktionen bündelt, die in einem Ort mit 657 Einwohnern nicht auf mehrere Adressen verteilt werden: Brotregal, Milch, Schrauben, Batterien, Tierfutter, ein kleines Kühlfach für Wurst und Käse. Hinter dem Tresen hängt ein Regalbrett mit Paketen, denn hier ist auch die Postausgabe, und auf einer Korktafel stecken Zettel für Fahrgemeinschaften, Brennholzangebote und Terminankündigungen der Feuerwehr. Betreiberin ist Ylva Krüger, die fast jeden mit Namen begrüßt und Besucher daran erkennt, dass sie beim Betreten zuerst die Augen über die Wand mit den Busfahrplänen wandern lassen. Wer nach einer Pension fragt, bekommt keinen Prospekt, sondern eine Telefonnummer auf einen Kassenbon geschrieben.

Die wichtigsten Tage in Sandig sind keine Feiertage, sondern Arbeitstage, weil das Dorf eine Adresse hat, die man im Kreis kennt: die „Sandiger Glashütte“ (Am Sandbruch 3). Schon von weitem sieht man an klaren Tagen den Rauchzug des Schmelzofens über den Feldern stehen, nicht als dramatische Wolke, eher als schmaler Strich, der verrät: Da läuft ein Ofen, da ist Hitze im Spiel. Die Hütte ist aus einfachen Hallen und einem älteren Kernbau zusammengesetzt, dessen Ziegel dunkler sind als der Rest. Auf dem Hof stehen Paletten mit Flaschen, Kisten mit Lampengläsern, Gestelle mit Fensterscheiben, und an einer Wand lehnen Metallrahmen, in die Glas später eingesetzt wird. Wer die Tür öffnet, hört zuerst das tiefe, gleichmäßige Geräusch des Ofens und das Klacken der Werkzeuge auf Stein und Metall.
In Sandig erzählt man, der Ofen sei älter als mancher Familienname im Ort. Tatsächlich begann alles als Sandbruch am Rand des Dorfes, wo früher Material für Wege und Deichreparaturen geholt wurde. Irgendwann merkte man, dass sich der helle Sand gut für Glas eignet, und ein findiger Handwerker baute einen kleinen Schmelzofen. Die Geschichte wird heute in der Hütte weitergetragen, nicht als Museumsstück, sondern als Routine: Der Sand kommt aus der Gegend, dazu Zuschläge, die man in Säcken lagert, und dann entsteht in Hitze etwas, das später in Küchen, Werkstätten und Häusern landet. Die Glashütte fertigt dickwandige Flaschen, Lampengläser und Fensterscheiben. Wenn man sich die Produkte zeigen lässt, versteht man die Logik: dicke Flaschen für Betriebe, die robuste Verpackung brauchen, Lampengläser für Werkstätten und Treppenhäuser, Fensterscheiben in Standardmaßen, die in der Region schnell ersetzt werden können, wenn ein Sturm etwas erwischt. Werkmeister ist Ilja Faber, ein Mann mit ruhigen Händen, der beim Sprechen selten lauter wird als das Hintergrundgeräusch des Ofens. Er nimmt ein noch warmes Stück, hält es kurz gegen das Licht und erklärt mehr mit Bewegung als mit Worten: drehen, ansetzen, abkühlen lassen, prüfen.
Mittags, wenn die Arbeit kurz nachlässt, stehen die Leute der Glashütte oft draußen am Hofrand. Dort ist ein alter Tisch mit Kerben, auf dem Thermoskannen und Brotdosen landen. Man sieht, dass Sandig ein Dorf ist, in dem Berufe sichtbar werden: An manchen Jacken klebt feiner Staub, an anderen glänzt ein Rand von Glaspolitur. Lehrling Tomé Radies, der aus einer Familie vom Zento-Rücken stammt, zeigt Besuchern manchmal die „Fehlstücke“, die im Laden als zweite Wahl verkauft werden: Flaschen mit kleinen Blasen, Lampengläser mit minimalen Wellen. Die Einheimischen kaufen diese Stücke gern, weil sie wissen, dass sie funktionieren, und weil niemand in Sandig behauptet, alles müsse perfekt aussehen, um seinen Zweck zu erfüllen.
Der kleine Werksladen der Glashütte ist eine Art Schaufenster des Dorfes. Er hat kein großes Schild, nur eine Tafel an der Tür, auf der mit Kreide Öffnungszeiten stehen, die sich nach Schichten richten. Drinnen riecht es nach Holzregalen und noch warmer Luft. Auf einem Tisch liegen Fensterscheiben mit Aufklebern, daneben stehen Flaschen in Reihen. Ein Regal ist Lampengläsern vorbehalten, und wer genauer hinsieht, erkennt, dass manche Formen für konkrete Abnehmer gemacht werden: eine bestimmte Kragenform, die zu einer Halterung aus Weishaus passt, oder eine Flasche, die exakt in die Kisten eines Betriebs am Großen Teich geht. So entstehen in Sandig Verbindungen, die niemand groß ankündigt: Glas aus Sandig, Metall aus Weishaus, Holz aus dem Kreis, und am Ende ein fertiges Ding, das irgendwo eingesetzt wird.

Sandig hat eine Kirche, die eher Dorfraum als Landmarke ist. St. Katharina steht an einem kurzen Abzweig der Hauptstraße, ein schlichter Bau mit hellem Putz und einem kleinen Dachreiter. Innen sind die Fenster bemerkenswert: nicht bunt im Sinne von Bildern, sondern mit klaren, leicht unregelmäßigen Scheiben, die aus der Glashütte stammen. Wenn Licht durch sie fällt, sieht man, dass Glas nicht immer ganz plan ist, und genau das macht den Raum lebendig. Pfarrer Janko Leun hat den Brauch eingeführt, einmal im Jahr einen „Ofensegen“ zu halten: nicht als Spektakel, sondern als kurzer Gottesdienst für die Leute, die mit Hitze und Material arbeiten. Danach steht man im Vorraum, trinkt Tee aus Bechern, und irgendwer sagt einen Satz wie: „Hauptsache, der Ofen hält durch den Winter.“
Das öffentliche Leben verteilt sich in Sandig auf wenige Orte. Neben dem Dorfladen steht das Gemeindehaus, ein flacher Bau mit Mehrzweckraum, in dem Sitzungen, Geburtstage und der Bastelnachmittag der Kita stattfinden. Die Kita heißt „Sandkiste“ und hat einen Hof mit niedrigen Spielgeräten, die so gebaut sind, dass der Wind nicht alles umweht. Die Freiwillige Feuerwehr sitzt am Ortsrand in einem roten Zweckbau; an Übungsabenden hört man das Tor hochrollen und sieht die reflektierenden Streifen der Jacken im Licht der Fahrzeughalle. Einen Sportplatz gibt es auch, eher als Wiese mit Toren und einem kleinen Container für Geräte. Wenn gespielt wird, stehen am Rand Klappstühle, und jemand bringt eine Thermoskanne mit, weil in Sandig auch beim Sport die Versorgung eine Frage der Mitnahme ist.

Wer übernachten will, findet keine Hotelreihe, aber zwei, drei Möglichkeiten, die sich herumsprechen. Über dem Gasthof „Zur Glashütte“ an der Hauptstraße gibt es einfache Zimmer; unten kocht Bente Lührmann Eintopf, Braten und Kartoffelgerichte, und an der Wand hängen Fotos vom Sandbruch und von der Hütte in früheren Zeiten. In einem ehemaligen Vorarbeiterhaus am Weg „Am Sandbruch“ vermietet Familie Vaska zwei Ferienzimmer. Gäste sind oft Leute, die auf dem Zento-Rücken unterwegs sind, oder Besucher, die eine Führung in der Glashütte gebucht haben. Im Herbst kommen auch Vogelbeobachter vorbei, die vom Großen Teich herüberfahren und in der offenen Landschaft Richtung Sandig den Zug verfolgen. Dann stehen morgens Ferngläser am Fensterbrett, und abends liegen Karten auf dem Tisch, auf denen jemand Windrichtungen notiert.
Eine typische Szene in Sandig spielt sich am späten Nachmittag ab, wenn die Sonne tief steht und die Felder flacher wirken als sie sind. Auf der Hauptstraße hält der Bus, zwei Schüler steigen aus und gehen Richtung Kita, wo ein Elternteil wartet. Gleichzeitig fährt ein Lieferwagen von der Glashütte los, die Scheiben im Laderaum klirren nicht, weil sie in Gestellen stehen. Am Dorfladen lehnt jemand ein Fahrrad an, holt ein Paket ab, tauscht zwei Sätze mit Ylva Krüger, und dann gehen die Wege auseinander: einer zur B36 Richtung Feldzig, einer den Feldweg hinaus zur Kuppe, einer zum Feuerwehrhaus. Sandig zeigt sich in solchen Momenten als Dorf am Rand und zugleich an einer Linie: westlich der Kreis, östlich die Grenze, dazwischen Felder, Kuppen und eine Glashütte, die den Tagesrhythmus mit Hitze und Material mitbestimmt. Wenn am Abend der Rauchzug des Ofens noch einmal sichtbar wird, ist das keine Kulisse, sondern ein Zeichen: In Sandig läuft noch eine Schicht, und irgendwo in einer Halle entsteht gerade eine Flasche, ein Lampenglas oder eine Scheibe, die morgen ihren Weg über den Rücken nimmt.
Straße: B36 (W: Feldzig 11km, O: Horchau 7km); SEE14 (W: Giesen 11km), Feldweg zur B51 nach Weishaus (19km)

