
(Pop.: 62 – 744m NN)
Hanischwald liegt dort, wo der Kleine Teichfluss noch kein Fluss ist. Die Talstraße zieht von Teichquell nach Norden hinauf, wird schmaler, der Wald rückt näher, und irgendwann steht am Straßenrand ein hölzernes Schild, auf dem nur „Quelle“ steht. Hinter dem Schild hört man Wasser, bevor man es sieht: ein dünnes, gleichmäßiges Rinnen, das sich zwischen Steinen sammelt und dann unter Wurzeln verschwindet, um ein paar Meter weiter wieder aufzutauchen. Hanischwald selbst liegt auf 744 Metern, 62 Einwohner, wenige Häuser, die sich entlang der Talstraße und zweier kurzer Stichwege verteilen. Vieles ist hier auf frühe Stunden eingestellt. Wenn morgens die ersten Gäste aus den Hotels kommen, tragen sie Thermobecher oder kleine Rucksäcke, und man erkennt am Gang (und auch an den Skiern), ob jemand zur Loipe will oder nur zur Quelle.

Die Quelle ist kein umzäuntes Heiligtum, sondern ein Ort, der benutzt wird. Ein niedriger Holzsteg führt über das feuchte Uferstück, daneben steht eine Bank aus zwei Bohlen, deren Kanten von vielen Handschuhen glatt geworden sind. Auf einer Tafel hängt eine handgezeichnete Skizze der Quellmulde, aktualisiert von Reto Möller aus Teichquell, der hier oben regelmäßig nach dem Rechten sieht, wenn sich nach Starkregen Steine verlagern. Die Einheimischen nennen die Stelle „die Schale“, weil das Wasser in einer flachen Mulde sammelt, bevor es sich in ein schmales Bett schiebt. Kinder aus Hanischwald bringen dort im Sommer kleine Holzrindenboote zu Wasser; im Winter liegt die Stelle oft unter Schnee, und man sieht nur an einem dunkleren Fleck, dass darunter noch Bewegung ist.
Der Ortsname wird in Hanischwald selten erklärt, eher bestätigt. „Hani“ ist im Dorf ein geläufiger Kurzname, und es gibt tatsächlich eine alte Erzählung, dass ein Waldaufseher namens Hani hier die ersten Hütten gesetzt habe. Ob das stimmt, interessiert kaum jemanden. Der zweite Teil ist eindeutiger: Wald. Die Häuser stehen so nah an Fichten und Mischwald, dass man im Herbst Nadeln auf den Fensterbrettern findet, auch wenn man kaum lüftet. Viele Grundstücke haben keine Zäune, sondern Holzstapel als Grenze. Der Ort wirkt dadurch weniger wie eine Siedlung und mehr wie eine Reihe von bewohnten Lichtungen.

Zwei kleine Hotels sichern, dass Hanischwald nicht nur Durchgangsstelle zur Quelle ist, sondern auch Ausgangspunkt. Das „Hotel Quellrast“ (Talstraße 1) sitzt gleich am Ortseingang. Es ist ein schmales Haus mit einem Skiraum im Erdgeschoss und einem langen Regal für nasse Schuhe. Betreiberin ist Liane Hartwig, die Gäste nicht mit Prospekten begrüßt, sondern mit einer Frage nach dem Vorhaben: „Langlauf oder Löffel?“ Sie meint damit Loipe oder Schnitzkurs, und die Antwort bestimmt, ob man den Spind links oder rechts bekommt. Das zweite Haus, das „Waldhotel Hanischgrund“ (Quellweg 3), liegt ein paar Schritte näher an der Quelle, etwas abseits der Straße. Dort gibt es weniger Zimmer, dafür einen kleinen Frühstücksraum mit Blick in den Bestand, und im Winter hängt am Fenster oft ein Zettel: „Spurbericht 7:15“. Den schreibt Niko Janusch, der die erste Runde zur Quellschleife fährt und danach im Hotel kurz die Schneelage notiert, weil sich hier oben ein Zentimeter mehr oder weniger sofort in der Strecke zeigt.

Abends ist der Ort nicht laut, aber er hat einen Treffpunkt, der mehr ist als ein Schankraum: die Waldbar „Zum Harzglas“ (Forstplatz 2). Von außen wirkt sie wie eine Hütte mit großer Tür, innen ist es warm und praktisch. Über dem Ofen hängen Handschuhe an einer Stange, und an der Wand stehen Kreidestriche, mit denen man in manchen Wintern die Schneehöhen auf dem Forstplatz markiert hat. Wirt ist Silas Harnisch, der tagsüber Holz fährt und abends Gläser spült. In der Bar gibt es keine langen Cocktaillisten, sondern heiße Mischgetränke, Tee, Bier und eine kleine Karte mit Suppe und Brotzeit. Wenn Gäste nach einem langen Tag hereinkommen, stellt Silas oft ohne Nachfrage eine Schale Nüsse und ein Glas Wasser dazu. Man sitzt an großen Tischen, und Gespräche bleiben nah am Ort: welche Spur offen ist, wo es vereiste Stellen gibt, wer morgen früh nach Teichquell hinunter muss. Wer neu ist, wird nicht ausgefragt, aber fast automatisch in eine Runde gezogen, weil es in einem 62-Einwohner-Dorf kein echtes „Fremd“ gibt, nur „noch nicht bekannt“.

Das zweite Thema in Hanischwald ist die Schnitzschule, und sie ist keine Folklore-Attraktion, sondern ein Handwerk, das hier passt. Die „Schnitzschule Hanischwald“ (Schnitzweg 1) liegt in einem umgebauten Forsthaus mit Werkraum und überdachtem Hof. Alle 14 Tage beginnt ein Kurs. Dann kommen Leute mit Stoffbeuteln, in denen Messerrollen stecken, und am Nachmittag liegen vor der Tür Holzstücke, die nach Harz riechen. Kursleiter ist Bjarne Hansch, der wenig über „Kunst“ spricht und viel über Fasern. Er zeigt zuerst, wie man einen Rohling anzeichnet, dann, wie man mit dem Messer die Richtung der Jahresringe liest. In den ersten Stunden entstehen Holzlöffel, später einfache Figuren: Tiere, kleine Boote, manchmal ein Signalstein als Miniatur, weil viele die Geschichten aus Tons kennen. Ein Eigenheit der Schule ist die „Tauschbank“ im Hof: Dort legen Einheimische Holzreste ab – Birke, Ahorn, Fichte – und Kursteilnehmer dürfen sich bedienen, wenn sie im Gegenzug einen fertigen Löffel oder ein kleines Stück für das Regal im Gemeindehaus dalassen. So wächst im Laufe der Zeit eine Sammlung, die nicht im Museum steht, sondern im Alltag: Löffel mit Namen, Figuren mit Kerben, die an Wegmarkierungen erinnern.
Sehenswürdigkeiten sind in Hanischwald selten als Objekt markiert. Auffällig ist eher die Art, wie der Ort seine Wege organisiert. Direkt hinter den letzten Häusern beginnt eine kurze Rundloipe, die im Winter täglich gespurt wird, wenn Schnee liegt. Sie heißt „Quellschleife“ und wird an einem kleinen Pfosten angezeigt, auf dem mit Filzstift Zeiten stehen, die jemand immer wieder überschreibt. Von der Quellschleife gehen längere Strecken ab, die nach Waldfels oder Richtung Donau führen; die Übergänge sind mit einfachen Farbmarkierungen an Bäumen gekennzeichnet. Im Sommer werden dieselben Strecken zu Wanderwegen, und dann hängen an manchen Pfosten kleine Dosen, in denen Gästebücher liegen. Man schreibt hinein, nicht „tolle Natur“, sondern Sätze wie: „Steg nach Regen rutschig“ oder „Sturmholz bei Kilometer 2“. Das ist in Hanischwald der Ton: Hinweise, die nützen.
Ein kleines, handfestes Bauwerk ist der Quellfang am Rand des Ortes. Das ist kein großes Wasserwerk, eher eine steinerne Fassung mit einem Überlauf, der verhindert, dass bei Starkregen alles unterspült. Auf dem Deckstein sind Initialen eingeritzt, und an einem Sommerabend zeigt Silas Harnisch Gästen gern die Stelle und sagt: „Wenn’s hier drückt, merkt’s Teichquell am nächsten Tag.“ Damit meint er nicht Romantik, sondern Hydrologie: Was oben passiert, kommt unten an. Vielleicht ist das der Grund, warum Hanischwald trotz seiner Größe nicht abseits wirkt. Es ist oben, aber es ist verbunden.
Wer in Hanischwald übernachtet, erlebt oft dieselbe Szene: Nachmittags Ankunft, kurzer Gang zur Quelle, abends Waldbar, morgens früh raus. Im Winter knirscht Schnee auf dem Forstplatz, und die ersten Spuren entstehen, bevor die Sonne über die Baumlinie kommt. Im Sommer liegt der Duft von feuchtem Holz in der Luft, und man hört die Quelle als leises Grundgeräusch. Und dazwischen ist die Schnitzschule, in der Messer über Holz gehen und am Ende etwas in die Tasche wandert, das man nicht gekauft, sondern gemacht hat. Hanischwald lässt sich am besten so verstehen: ein kleines Dorf direkt am Ursprung des Flusses, mit zwei Hotels für Leute, die oben starten wollen, einer Waldbar, die Wärme und Gespräch liefert, und einer Schnitzschule, in der aus einem Stück Holz ein Löffel wird, der später vielleicht im „Hotel Quellenhof“ in Teichquell beim Frühstück benutzt wird.
Ch.: Talstraße (S: Teichquell 3km)

