Olaf Reinhardt, 10. Januar 2026 (Ihlefeld)

Eigentlich könnte der Winter eine Wohltat sein. Draußen liegt die Butha-Ebene still, die Felder sind blass und hart, als hätten sie den Atem angehalten. Im Weinberg passiert gerade nichts, was nicht bis nächste Woche warten könnte. Selbst die Obstbäume stehen da wie alte, geduldige Männer und sagen: „Nur keine Hektik, Olaf.“

Tja. Wenn doch nur das Haus dieselbe Meinung hätte.

Marta räumt um. Und wenn Marta „umräumt“, dann meint sie nicht: ein Regal zwei Meter nach links. Dann meint sie: eine neue Weltordnung. Heute hat sie vom Boden diesen alten Ikea-Schrank unserer Tochter Jule, Der Schrank lag in Einzelteilen auf dem Dachboden. Und nun soll das Ding im Wohnzimmer wieder auferstehen, zusammengebaut von Marta und Hannes, unserem älteren Sohn, der noch hier wohnt.

Jule hilft „auch“ – also, sie steht dabei und erklärt sehr ausführlich, wie es „eigentlich“ gedacht war. Mehr mit Worten als mit Händen. Das Wohnzimmer sieht entsprechend aus: Bretter, Dübel, Schrauben, diese flachen Tüten mit Beschlägen, die man nie wieder richtig zu bekommt. Überall liegt Anleitungspapier, als würden wir eine kleine Druckerei betreiben.

Und natürlich reicht das nicht.

„Olaf, du musst mal deinen Wäscheschrank ausräumen“, sagt Marta so, als wäre das eine Kleinigkeit wie Stiefel ausziehen. Der Schrank soll nämlich Hannes bekommen. Also stehe ich da, räume Hemden, Arbeitsklamotten, Socken, den ganzen Kram in Kisten, und während ich noch überlege, ob ich meine Pullis nach Farbe oder nach Jahreszeit stapeln soll, höre ich im Wohnzimmer schon wieder dieses metallische Klicken von irgendwas, das nicht da hineinpasst, wo es hingehört.

Irgendwann merke ich: Ich muss hier raus. Sonst werde ich entweder zum Meckerkopp oder – schlimmer – zum Mitbauer. Und bei Ikea-Möbeln ist man schneller schuld, als man gucken kann.

Also fliehe ich. Einkaufen. Ein erwachsener Mann, der auf den Hof gehört, fährt los, um sich vor einem Schrank zu retten.

Ich kaufe: gepökelte Rinderzunge, Mehl und Zucker, Bier und Studentenfutter. (Studentenfutter – als ob ich noch studieren würde. Ich habe Agrarwissenschaften hinter mir; das reicht für ein Leben. Aber die Mischung ist gut im Kuchen, das muss man zugeben.)

Als ich zurückkomme, steht das Wohnzimmer noch voller Teile, aber Marta ist in dieser konzentrierten, gefährlichen Laune: „Das wird heute fertig.“ Hannes schwitzt. Jule kommentiert. Ich schiebe mich mit den Tüten durch, als wäre ich ein Fremder im eigenen Haus, und verziehe mich in die Küche. Mein sicherster Ort.

Rinderzunge aufsetzen. Das ist wenigstens ehrliche Arbeit: Wasser, Gewürze, Geduld. Und weil ich irgendetwas brauche, das gelingt, rühre ich noch einen Teig an. Mehl, Zucker, Eier – der Teig wird schön schwer, so wie er sein muss, und dann versenke ich das Studentenfutter darin. Nüsse und Rosinen verschwinden im Rührteig wie kleine Schätze im Ackerboden. Das macht mich kurz zufrieden.

Und dann kommt die nächste Nummer.

Wir haben ja diese neugekaufte Mikrowelle mit „Heißluft“. Ich habe – naiv wie ein Anfänger – gedacht, Heißluft ist Heißluft. Also Kuchen rein, Programm an, ich höre dieses Brummen, fühle mich modern und denke: Siehst du, Olaf, du kannst auch Technik.

Kann ich nicht.

Die Heißluftfunktion ist zum Backen ungefähr so geeignet wie ein Traktor zum Schwimmen. Der Grill wird viel zu heiß. Nach kurzer Zeit riecht es nicht nach Kuchen, sondern nach drohender Katastrophe. Ich mache auf – und der Kuchen bräunt nicht, der schwärzt. Gerade noch rechtzeitig. Noch fünf Minuten, und ich hätte ein Mahnmal der Küchenmoderne gehabt.

Also: raus damit, ab in den richtigen Backofen. Der kann das. Der hat Würde. Da klappt es dann auch, ganz ruhig, wie es sein soll. Der Kuchen wird tatsächlich Kuchen.

Ich wollte heute eigentlich auch noch in Ruhe 2. Samuel 11–12 lesen und durchdenken. Dienstag im Bibelkreis soll ich das Gespräch moderieren – im Obstgarten wird’s diesmal wohl nicht, dafür ist es zu kalt, aber St. Ansgar ist ja auch nicht weit. Und ich will nicht unvorbereitet da sitzen, wenn es um David, um Schuld, um diese scharfe Geschichte mit Nathan geht. Das braucht Zeit. Das braucht einen klaren Kopf.

Den klaren Kopf hatte ich heute nicht.

Jetzt sitze ich hier und schreibe, während aus dem Wohnzimmer wieder dieses letzte, triumphierende „So!“ kommt. Der Schrank ist offenbar gleich fertig. Ich weiß schon, was als Nächstes kommt: Marta wird mich jeden Augenblick rufen, damit ich „mal eben“ meine Sachen da hineintue. Und der Kuchen ist auch gerade fertig. Und die Rinderzunge köchelt stoisch weiter, als wäre sie die Einzige hier, die das Leben verstanden hat.

Draußen Winterruhe. Drinnen Schrankkrieg.

Ach Stress.