Olaf Reinhardt, 11. Januar 2026 (Ihlefeld)

Wenn man es nüchtern betrachtet: Wir leben noch. Das ist nach diesem Wochenende schon eine erwähnenswerte Zwischenbilanz.

Jules Ikea-Schrank, der gestern noch als Einzelteile-Lawine das Wohnzimmer besetzt hatte, steht tatsächlich. Mehr noch: Er steht jetzt als mein neuer Wäscheschrank im Schlafzimmer. Ich habe ihn gestern Abend noch eingeräumt, geschniegelt und geordnet, als könnte Ordnung im Schrank irgendwie Ordnung im Kopf machen. Der Schrank riecht nach Pressspan und Sieg, und ich musste mir eingestehen: Er tut, was er soll.

Mein alter Schrank tut das auch – nur eben derzeit im Wohnzimmer. Dort blockiert er den freien Blick auf den Fernseher, als hätte er sich aus Trotz genau so gestellt. Marta sagt, das sei nur „übergangsweise“. Ich kenne dieses Wort inzwischen. „Übergangsweise“ ist bei uns eine Zeiteinheit, die sich nicht in Tagen, sondern in Nerven bemisst.

Heute ging das Chaos weiter – allerdings erst später. Bevor der Fernseher wieder freigegeben werden konnte, musste der Schrank ja in Hannes’ Zimmer wandern. Und damit er dort überhaupt hinpasst, musste zunächst die Kommode aus Hannes’ Zimmer ausgeräumt und rausgeschleppt werden.

Nur: Hannes schläft am Wochenende bis mittags. Verdientermaßen. Unter der Woche macht er seine Ausbildung zum Elektriker, steht früh auf, kommt müde zurück, und ich sehe ja, dass ihn das fordert. Also kein Groll. Aber es bedeutet: Der Vormittag war still. Selten genug.

Ich habe die Ruhe genutzt und mich endlich mit 2. Samuel 11–12 beschäftigt. David, Bathseba, Uria – die Geschichte hat diese unangenehme Klarheit, die einem nicht erlaubt, auf Abstand zu bleiben. Man liest das nicht wie ein altes Drama, man liest es wie einen Spiegel, den man nicht bestellt hat. Nathan kommt dann wie ein Schlag: nicht laut, nicht schreiend, aber so präzise, dass man sich fragt, wie Worte so schneiden können.

Danach habe ich gekocht. Das ist mein zweites Gebet: Hände beschäftigen, Kopf wird ruhiger.

Die Rinderzunge habe ich in Scheiben geschnitten und im Sud wieder erwärmt. Kartoffeln gekocht. Erbsen blanchiert, dann in Butter geschwenkt, bis sie glänzen, als wollten sie beweisen, dass auch Gemüse Würde hat. Butter geschmolzen, ein bisschen davon über die Zunge – so, dass es nicht schwimmt, aber auch nicht trocken bleibt. Und für Jule, die vegetarisch bleibt, habe ich ein veganes Soja-Schnitzel angebraten. Ich habe mich bemüht, es nicht wie eine Beilage zu behandeln, sondern wie ein eigenes Essen. Jule hat es gelobt, und ich habe es als diplomatischen Erfolg verbucht.

Das Mittagessen war wirklich klasse. Einen Moment lang saßen wir da wie normale Leute: Teller, Wärme, keine Schrauben, keine Dübel, keine Diskussion über Türwinkel und Bodenkammern.

Nachmittags dann: erneutes Schrank-Chaos.

Als Hannes endlich auftauchte – zerzaust, halb wach, aber guten Willens – ging es an die Kommode. Irgendwann war sie ausgeräumt, aber dann stellte sich heraus: Sie passt nicht durch die Tür und schon gar nicht um die Ecke in die Bodenkammer hinein. Und dann begann das, was man offiziell „umräumen“ nennt und in Wahrheit eine Art kontrollierte Verwüstung ist.

Wenn Marta umräumt, dann räumt sie um.

Plötzlich standen Dinge im Flur, von denen ich nicht mehr wusste, dass wir sie besitzen: die alte Kiste mit den Weihnachtslichtern, die seit Jahren nur noch zur Hälfte leuchten; ein Karton mit „Kabeln“, der offenbar ein Eigenleben führt; zwei Decken, die nach dem Sommerurlaub 2018 riechen; und diese eine Vase, die ich immer „schön“ finde, aber nie weiß, wohin damit. Die Bodenkammer wurde in wenigen Minuten vom Lagerraum zum Schlachtfeld und wieder zurück – nur in anderer Ordnung.

Und dann, als die Kommode endlich ein Stück verrückt war, kam das eigentliche Museum: Was da in Hannes’ Zimmer hinter der seit zehn Jahren nicht bewegten Kommode wieder auftauchte, war erstaunlich.

Da lag ein altes Handy mit gesprungenem Display, wahrscheinlich sein erstes Smartphone, inklusive Ladegerät, das seit 2015 niemand mehr gesehen hat. Ein Bund loser Schlüssel, bei denen keiner wusste, wozu sie gehören – bis Marta meinte: „Das ist doch der Schlüssel vom Briefkasten der alten Gartenlaube!“ (Natürlich.) Zwei vergessene Ausbildungshefte aus der Schulzeit, fein säuberlich beschriftet, als hätte er damals schon geahnt, dass man Dinge später beweisen muss. Ein einzelner Inliner, nur einer, als hätte der zweite irgendwann beschlossen auszuwandern. Dazu ein zerdrückter Tennisball, ein paar Münzen (vor zehn Jahren genug für zwei Bier aus dem Späti, aber nicht in der Gegenwart), und ganz hinten, in einem Staubnest, eine kleine Plastiktüte mit Lego-Figuren – als hätte seine Kindheit dort auf ihn gewartet.

Hannes schaute das alles an und sagte nur: „Krass.“ Das war seine Form der Archäologie.

Als wäre das nicht genug, war ein Schubfach der Kommode verzogen. Es klemmte wie ein beleidigtes Tier. Also musste repariert werden: Schrauben nachziehen, Holz richten, ein bisschen Gewalt mit Fingerspitzengefühl. Ich habe mir dabei gedacht, dass man in diesem Haus regelmäßig entweder Möbel repariert oder Beziehungen. Oft beides.

Und dann kam der Hauptakt: Mein alter Schrank sollte in Hannes’ Zimmer. Das Ding ist sauschwer. So schwer, dass man beim Anheben sofort über eine Lebensversicherung nachdenkt. Wir haben uns zu dritt daran versucht – Marta dirigiert, Hannes hebt, ich fluche innerlich – und erstaunlicherweise hat es geklappt. Nicht elegant, nicht geräuschlos, aber ohne dass etwas ernsthaft zu Bruch ging. Das zählt als Erfolg.

Danach: Aufräumen. Und jetzt sieht es leidlich aus. „Leidlich“ ist heute ein Kompliment. Im Wohnzimmer ist wieder Sicht auf den Fernseher, als wäre ein Vorhang weggezogen worden. Nur Hannes’ Sachen liegen noch überall herum – der „Junge“ ist 24, aber das Kind braucht offenbar erstmal eine Pause. Ich lasse ihn. Er hat heute geschleppt, gesucht, sortiert, und ich sehe ja, dass in ihm irgendwo noch ein Rest Wochenende wohnt, der nicht kampflos auszieht.

Für mich ist Feierabend. Ich war noch beim Späti, habe mir ein Bier geholt, sitze jetzt in der Küche, und hier ist es endlich still. Kein Dübelklirren, kein „Wo ist denn…?“, kein „Das stand doch…!“.

Nur ich, das Bier, und das leise Gefühl: Morgen räumt keiner um.

Wenn doch, dann ziehe ich aus. In die Scheune. Oder nach Kurzau. Hauptsache irgendwohin, wo die Möbel bleiben, wo sie sind.