Mittwoch, 14. Januar 2026 – Lachwitz

15:33 Uhr. Ich bin heute ungewöhnlich früh aus der Firma rausgekommen – 15:20, und es fühlte sich fast an, als hätte ich irgendwo einen Termin vergessen. In Wahrheit war es schlicht ein seltener Tag, an dem die Dinge einmal rund liefen: keine ungeplanten Rückfragen aus der Fertigung, kein „Kannst du mal eben…“ aus dem Service, keine Last-Minute-Änderung, weil irgendwo ein Kunde kurzfristig eine andere Anschlussnorm braucht.

In der Entwicklung war es trotzdem nicht ruhig, eher konzentriert. Lena war wie immer schon vor mir im Büro und hatte ihre Skizzen zu den neuen Filtersätzen ausgebreitet, als wäre das der selbstverständlichste Zustand von Ordnung: überall Papier, Tabellen, Notizen – und doch findet sie alles sofort. Wir haben kurz über den Energieverbrauch gesprochen, über die kleinen Verluste, die sich im Betrieb am Ende summieren. Mir ging derweil der Gedanke an unsere Solarmodelle nicht aus dem Kopf. Es ist schon verrückt: Als ich hier anfing, war „Solar“ im Dorf noch so ein Begriff, den man höchstens im Zusammenhang mit einem Prospekt aus Western hörte. Und jetzt sitze ich da, rechne Wirkungsgrade nach, diskutiere über Pufferspeicher und Lastprofile – und weiß gleichzeitig, dass das am Ende nicht irgendein abstraktes Projekt ist, sondern hier in der Gegend tatsächlich gebraucht wird.

Auf dem Flur kam ich noch an Karin Müllers Büro vorbei. Die großen Glasfronten im Hauptgebäude spiegeln um diese Jahreszeit den ganzen Nachmittag in einem kalten, klaren Licht. Karin hat nur kurz genickt – nicht unfreundlich, eher in dieser Art, die signalisiert: „Ich sehe dich, und ich sehe auch, dass du arbeitest.“ Sie hat sich das hart erarbeitet. Und manchmal denke ich: Wenn ich mir heute Abend den Gemeindekirchenrat anschaue, wäre mir so eine Art von ruhiger, unaufgeregter Leitung auch dort lieber als manch anderes Temperament.

Der Heimweg war unspektakulär, und gerade deshalb gut. Lachwitz ist im Januar stiller, als es im Sommer sein kann. Weniger Besucher, weniger Betrieb am Hafen, weniger Stimmen. Dafür mehr Wind, der von der Küste her die Straßen hinaufzieht. Ich bin einen kleinen Umweg gegangen, wie ich es gern mache, wenn der Kopf noch zu sehr bei Pumpenkurven und Materiallisten hängt. An der Hafenstraße lag die „Zur Lachforelle“ schon in diesem Nachmittagsdämmer, der so tut, als wäre es fast Abend, obwohl es noch nicht einmal vier ist. Drinnen brennt dann meist schon Licht, und manchmal riecht man sogar von draußen die Küche – aber heute war ich nicht in der Stimmung für Gesellschaft. Heute ist ein Tag, an dem ich lieber erst einmal bei mir bleibe.

Und das ist wahrscheinlich der eigentliche Grund, weshalb ich jetzt hier sitze und schreibe: Heute Abend ist um 18:30 die konstituierende Sitzung des neuen Gemeindekirchenrates von St. Bertha. Seit November gehöre ich offiziell dazu. Das klingt immer noch ein bisschen fremd, wenn ich es aufschreibe. Ich, Marko Seidel, Ingenieur bei FlowTech, im Kirchenrat. Wenn Pfarrerin Frieda Reinhardt mich nicht so beharrlich ermutigt hätte, hätte ich mich vermutlich mit einem „Ich bin nicht der Typ dafür“ herausgeredet. Aber sie hat dieses Talent, einen nicht zu überreden, sondern auf eine Weise ernst zu nehmen, die einem selbst keine Ausrede mehr lässt. Als würde sie sagen: „Du musst nicht jemand anderes werden. Du musst nur da sein – als du.“

St. Bertha stand auf meinem Weg wie ein stilles Gegenüber. Der alte steinerne Turm, die schlichten Formen, die Glasfenster, die innen so warm wirken, wenn man abends Licht anmacht. Ich bin nicht reingegangen, aber ich habe kurz langsamer gemacht. Vielleicht, weil ich gemerkt habe, dass ich aufgeregt bin.

Es ist eine angenehme Art von Spannung: neugierig, erwartungsvoll. Gleichzeitig: vorsichtig. Ich weiß ja, wie solche Gremien laufen können. Auf dem Papier sind es Tagesordnungspunkte, Wahlgänge, Zuständigkeiten. In echt sind es Menschen, Biografien, Eitelkeiten, alte Geschichten, die plötzlich wieder auftauchen. Und genau deshalb hängt mein Gedanke seit Tagen an einer Frage: Wer wird Vorsitzende oder Vorsitzender?

Wenn es nach manchen im Dorf ginge, wäre das wohl Max Müller. Max ist präsent, Max ist zuverlässig, Max ist – das muss man fair sagen – bei vielen beliebt. Er macht seinen Job, er engagiert sich, er trainiert sogar die Jugendmannschaft. Und trotzdem hoffe ich inständig, dass er nicht gewählt wird. Nicht, weil ich ihn nicht respektiere, sondern weil ich nicht möchte, dass St. Bertha sich anfühlt wie eine Dienststelle. Kirche ist kein Ort, an dem man „durchregiert“. Kirche ist ein Ort, an dem man zuhört – auch dann, wenn es unordentlich wird. Max kann zuhören, ja. Aber er hat gleichzeitig diese natürliche Tendenz, Dinge zu strukturieren, zu kontrollieren, zu sichern. Und in einem Sicherheitskonzept ist das goldrichtig. In einem geistlichen Leitungsgremium kann es schnell das Klima verändern.

Ich frage mich, welche Aufgaben konkret auf mich zukommen. Finanzen? Bau? Öffentlichkeitsarbeit? Jugend? Diakonie? Wahrscheinlich von allem ein bisschen. Und dann eben das, was nie im Protokoll steht: Gespräche, Spannungen, kleine Krisen, die man nur bemerkt, wenn man hinschaut. Vielleicht ist das auch der Punkt, an dem ich mich einbringen kann – nicht als „der Techniker“, sondern als jemand, der gewohnt ist, Probleme nicht nur zu benennen, sondern Lösungen zu bauen. Und gleichzeitig zu wissen, dass Menschen keine Maschinen sind, bei denen man nur die richtigen Schrauben nachzieht.

Ein Gedanke lässt mich dabei nicht los: Wie gut es wäre, wenn wir in der Gemeinde stärker die Dinge verbinden würden, die hier sowieso zusammengehören. FlowTech hängt am Dorf, am Lachbach, an den Leuten – nicht nur wirtschaftlich. Wir haben unsere Aktionen am Bach, wir haben Kooperationen, wir kennen die Gesichter. Warum sollte Kirche nicht genauso selbstverständlich Teil dieses Geflechts sein, ohne sich anzubiedern? Frieda macht das ohnehin – still, verlässlich. Vielleicht kann der neue Kirchenrat dafür sorgen, dass das weniger an Einzelpersonen hängt und mehr zu einer Haltung wird.

Draußen höre ich gerade die Sturmlandbahn – das typische Geräusch, wenn die Linie durch den Ort läuft. Ein kurzer Moment, in dem mir bewusst wird, wie klein Lachwitz ist und wie weit die Welt gleichzeitig reichen kann: von hier nach Western, nach Nordfähre, und wieder zurück. Und heute Abend reicht meine kleine Welt einmal bis in den Gemeindesaal.

Ich werde jetzt den Stift weglegen, mir einen Wecker stellen und ein Mittagsschläfchen machen – so ein richtiges, mit Jacke über der Stuhllehne und dem Gefühl, dass man es sich ausnahmsweise erlauben darf.

  • Um 17:45 Kaffee, einmal kurz frisch machen, und dann rüber zu St. Bertha.
  • 18:30. Konstituierende Sitzung. Und ich bin tatsächlich gespannt, was daraus wird.