(Pop.: 2.558 – 65m NN)

Die Kreisstadt Südeck liegt im Südwesten des Landkreises am Dreiländereck zu Buthanien und Bierland: Abzweige sind nach Zollhof, Grenzbrücke und Anschlussstellen benannt, und auf den Parkplätzen stehen Fahrzeuge mit Kennfarben aus zwei Nachbarländern. In der Stadt selbst wird das selten ausformuliert. Man sieht es eher daran, dass am Morgen am Bahnhof viele dieselben Gesichter in Arbeitsjacken stehen, während am Nachmittag Lieferwagen mit fremden Kennfarben durchrollen und trotzdem jeder weiß, wer nur kurz „rüber“ muss und wer tatsächlich unterwegs ist. Und schon nach wenigen Kilometern ändern sich die Schilder an den Kreisverkehren, die Formulare in den Paketshops und das Sortiment in den Getränkekästen: Im Westen stehen andere Pfandzeichen auf den Kisten, im Süden andere Etiketten im Regal. Südeck ist Kreisstadt, aber nicht im Sinn eines Orts, der Besucher mit Schaufenstern festhält; es ist ein Ort, der mit Wegen, Terminen und Materialfluss arbeitet.

Dass Südeck Kreisstadt ist, zeigt sich an Wegen und Wartemarken: morgens die Schlange vor dem Schalter im Landratsamt, mittags das Stapeln der Aktenwagen im Archiv, nachmittags die Händler am Waaghaus, die noch schnell eine Prüfung erledigen, bevor sie weiterfahren. An der Hauptstraße 1 steht das Landratsamt, ein Bau mit einem Eingangsbereich, in dem oft noch Erde an den Schuhen hängt, weil viele direkt von Hof oder Baustelle kommen. Hinter der Glasdrehtür ist der Ton sachlich; am schwarzen Brett hängen Hinweise zu Jagdscheinen, Bauanträgen und den Sprechzeiten der Kreisveterinärin. Im Wartebereich sitzt regelmäßig Holger Vask, der als Fahrdienstunternehmer für mehrere Dörfer unterwegs ist, und die Nummern auf seinem Block wirken wie ein Fahrplan: „11:20 Amtsstraße, 12:10 Bahnhof, 14:30 Werkhof“.

Von dort geht es in die Archivgasse 4 zum Kreisarchiv. Der Lesesaal erinnert an einen Vereinsraum: Tische mit grünem Linoleum, Lampen mit schweren Füßen, ein Regal mit Findbüchern. Wer dort arbeitet, ist selten Tourist. Man sieht Vermesser, die alte Flurkarten vergleichen, und Wasserbauer, die nachsehen, wann an welchem Graben ein Wehr ersetzt wurde. Die Archivarin, Frau Ehmke, lässt niemanden mit nassen Jacken an die Kartons; sie legt kommentarlos ein Tuch hin und zeigt auf die Garderobe.

Am Marktplatz steht das alte Waaghaus. Es ist niedrig, mit breiten Türen, und an Markttagen wird es tatsächlich benutzt: Händler lassen Gewichte prüfen, nicht aus Folklore, sondern weil die Touren in Richtung Hauptstadt eng getaktet sind und niemand später mit einer Beanstandung wieder zurückfahren will. Vor dem Waaghaus ist ein Streifen Pflaster stets blanker als der Rest, weil dort die Karren drehen. Der Markt selbst ist überschaubar, aber dicht organisiert. Es gibt den Stand von Theo Marnitz mit Schrauben, Riemen und Handschuhen, den Gemüsewagen der Familie Ladek aus Kontros, eine mobile Metzgerei, die aus einem Kühlanhänger heraus verkauft, und einen Tisch mit Telefonhüllen und Ladekabeln, der immer dann läuft, wenn wieder ein Pendler sein Gerät im Zug liegen lässt. Hinter den Ständen hört man die üblichen Sätze: „Kannst du das bis morgen?“ und „Ich fahr nachher ohnehin rüber, gib’s mir mit.“

Der Name Südeck wird vor Ort gern mit einem alten Vermessungswitz erklärt. Ein „Eck“ sei hier immer ein Punkt gewesen, an dem man nicht diskutiert, sondern misst. In Erzählungen tauchen Grenzsteine als Arbeitsmittel auf, mit Kreidestrichen, Kerben und Notizen, die man im Regen schützen musste. Manche behaupten, der erste „Südecker“ sei kein Wirt und kein Bauer gewesen, sondern ein Schreiber, der an einer Ecke der damaligen Zuständigkeiten saß und Listen führte, wer welchen Graben zu räumen habe. Ob das stimmt, spielt im Alltag kaum eine Rolle; es passt zu einem Ort, in dem man praktische Zuständigkeiten gern höher gewichtet als große Erzählungen.

Die auffälligste Silhouette ist die Stadtkirche St. Severus am Kirchplatz 3. Der Backsteinbau mit breitem Turmhelm steht so, dass man ihn von mehreren Zufahrten aus als Orientierung nimmt. Pfarrerin Nele Woitke führt die Gemeinde ohne großes Programmvokabular. Sonntagsgottesdienst ist der feste Anker, dazu eine Handvoll Gruppen, die sich nach dem Kalender richten: Kirchenchor am Dienstag, Seniorenkreis im Gemeindehaus am Donnerstagnachmittag, Konfirmandenunterricht, der im Winter manchmal in die Sakristei ausweicht, weil der große Raum schwer zu heizen ist. Für das Kirchenfest im Sommer wird der Kirchplatz zur praktischen Bühne: Bänke, Kuchen, eine Tombola, bei der oft Werkzeuggutscheine mehr ziehen als Porzellan.

Hinter der Kirche liegt die „Kreisscheune“, ein umgebauter Speicher. Dort zeigt das Heimatkabinett Werkzeuge der Entwässerung, alte Karten der Gräben und eine Sammlung von Formularen aus dem Bauhofbetrieb, sauber beschriftet nach Jahrgängen und Abteilungen. Es gibt eine Vitrine mit Messlatten und einer Wasserwaage, die noch aus der Zeit stammt, als man Pegelstände auf Holzleisten ritzte. In einem Nebenraum hängt eine großformatige Karte der Ebene, an der Besucher mit Stecknadeln markieren dürfen, wo sie arbeiten oder herkommen; die Nadelköpfe sammeln sich auffällig an den Ausfallstraßen. Montags nutzt die Volkshochschule die Räume: Buchhaltung am großen Tisch, Metallgrundlagen im Werkraum. Dort lernt man nicht „Kunsthandwerk“, sondern Dinge, die in Südeck gebraucht werden: anzeichnen, bohren, entgraten, messen. Kursleiter ist oft Reto Klasen, der tagsüber in einer Werkstatt arbeitet und abends erklärt, warum ein Zehntel Millimeter manchmal den Unterschied macht, ob ein Teil wieder passt oder nicht.

Am Südrand, an der B42, sitzt der Bauhof Südeck (Bauhofstraße 8). Hofeinfahrt, Salzsilo, Container für Schilder und Absperrungen, dahinter die Garage, in der Maschinen stehen, die man in der Ebene braucht, bevor man sie bemerkt: Mulcher, Grabenfräse, Notstromaggregate. Wenn es im Herbst lange regnet, steht dort eine Reihe Pumpen bereit, und die Leute kennen die Namen der Geräte wie andere die Namen von Haustieren. Gleich daneben liegt die Maschinenring-Zentrale „Zento-Ring“ (Torstraße 12). Im Büro sind die Wände voller Kartenkopien und Listen. Wer hereinkommt, sieht auf den ersten Blick, dass Einsatzpläne hier nicht Dekoration sind. In der Erntezeit wird viel telefoniert, aber die eigentliche Koordination läuft über Zettel und kurze Anrufe: „Kannst du noch eine Stunde raus?“ – „Ich bring das Teil gleich mit.“ Ein paar Schritte weiter sitzt „Ketten & Lager“ von Ralf Gernitz. Das Geschäft ist schmal, aber tief, und in den Regalen liegt das, was in der Saison plötzlich fehlt: Dichtungen, Lager, Keilriemen, Ketten. Gernitz weiß, wer was fährt, ohne nachzufragen. Wenn ein Kunde sagt: „Ich hab’s eilig“, bekommt er keinen Spruch, sondern eine Kiste und die Frage: „Welcher Durchmesser?“

Der Bahnhof Südeck ist Endpunkt der Linie 106 aus Bierona. Mit der Linie 93 geht es von hier aus weiter nach Zentro oder nach Rehstadt am Butha-Fluss. Morgens kommen Pendler, abends steigen Handwerker mit Werkzeugkisten aus, dazwischen sind es Kisten überhaupt: Material, Pakete, Ersatzteile, gelegentlich auch Getreideproben in sauberen Beuteln mit Etikett. Der Vorplatz ist funktional: Fahrradständer, ein Unterstand, ein Automat für Kaffee, der mehr genutzt wird, als man ihm ansieht. Neben dem Fahrkartenschalter sitzt oft die Postagentur, die Pakete annimmt, weil es praktisch ist, Wege zu bündeln. An Werktagen taucht gegen Mittag ein Lieferfahrer der „Südlog“, einer kleinen Spedition, auf und legt Sendungen in ein Regal hinter Glas, damit die Abholung auch nach Feierabend möglich ist.

Straßennamen in Südeck sind nicht dekorativ, sondern beschreiben oft, wohin man kommt: Bahnhofstraße, Torstraße, Bauhofstraße, Archivgasse. Dazu kommen kleinere Wege, die nach alten Fluren heißen, etwa der Mühlenstieg, obwohl längst keine Mühle mehr in der Stadt steht, oder der Waagweg, der den Hintereingang des Waaghauses erschließt. In der Kirchstraße wohnt der Schuhmacher Jannis Behr, der nicht nur Sohlen klebt, sondern auch Arbeitsschuhe mit Stahlkappen repariert, wenn jemand keine Zeit hat, neue zu holen. In der Lindenzeile betreibt Dr. Nora Feldmann eine Hausarztpraxis, die vormittags voll ist mit Pendlern, die „kurz vor der Schicht“ noch kommen. Daneben sitzt eine Bankfiliale mit nur zwei Schaltern und einem Automaten, der auffällig oft „außer Betrieb“ ist, weshalb man im Ort eine kleine Kultur des Bargeldmitnehmens pflegt.

Gäste übernachten in Südeck an Adressen, die auf frühe Abfahrten und späte Ankünfte eingerichtet sind. Der Gasthof „Waaghausstube“ (Marktplatz 8) stellt das Frühstück ab 5:30 Uhr bereit, und im Flur stehen oft Arbeitsstiefel neben Rollkoffern, weil Monteure und Pendler ähnliche Zeiten haben. Wer näher am Bahnverkehr bleiben will, nimmt die „Pension Gleisblick“ (Bahnhofstraße 9), ein schmales Haus mit acht Zimmern, in dem die Betreiberin Meike Lornitz die Schlüsselübergabe über einen kleinen Tresor am Eingang organisiert, wenn Züge verspätet sind. Familienzimmer gibt es bei „Zimmer am Kirchplatz“ (Kirchplatz 6), wo zwei Dachkammern an Wochenenden häufig von Angehörigen genutzt werden, die für Feste oder Behördengänge im Ort sind und nicht lange planen wollen. Essen läuft entsprechend ohne große Umwege: Mittags steht an der Ausfallstraße der Imbiss „B42-Teller“ (Bauhofstraße 21), geführt von Daria Kummel, mit Eintopf, belegten Broten und Kartoffeln mit Quark; vieles geht in Thermoboxen, weil die Kundschaft selten Zeit für lange Pausen hat. Abends sitzt man eher in der Gaststube „Zum Marktring“ (Hauptstraße 14), wo Gespräche mit einer Baustelle anfangen und beim Vereinskalender landen: Wer übernimmt den Tresendienst beim Feuerwehrfest, wer fährt am Wochenende zum Spiel, wer hat den Anhänger gesehen. Die Feuerwehr (Gerätehaus Südeck, Torstraße 18) ist dabei kein Hintergrund, sondern Teil der Vorsorge: In der Halle liegen Absperrmaterial, Sandsäcke und Pumpenzubehör, und an Regentagen schaut jemand kurz nach, ob die Aggregate startklar sind.

Kultur in Südeck hängt an Räumen, die im Alltag ohnehin genutzt werden. Einen großen Saalbau gibt es nicht, dafür ein kleines, fest eingerichtetes Kino: das „Lichtspiel Südeck“ (Archivgasse 7). Es besteht aus einem Vorführraum mit fester Leinwand an der Stirnwand, Stuhlreihen aus dem Vereinsbestand und einer Theke, an der keine großen Karten verkauft werden, sondern Flaschen und Tüten über den Tresen gehen. Im Winter läuft die Heizung so konstant, dass auch eine späte Vorstellung ohne Jacken bleibt, und genau deshalb verabredet man sich hier eher als im Freien. Das Publikum ist gemischt: Schüler, Bauhofleute, Rentner, eine Handvoll Pendler, die zwischen zwei Zügen noch Zeit finden. Nach dem Film spricht kaum jemand über „Kunst“, sondern über konkrete Dinge: wer wen erkannt hat, wer gelacht hat, wer zu laut mit der Chipstüte war, und ob die Pause gereicht hat, um kurz vor die Tür zu gehen. Wenn der Projektor streikt, ruft man nicht nach einem Techniker aus der Ferne; meist steht am nächsten Tag jemand aus einer Werkstatt am Gerät, weil in Südeck die Wege kurz sind und Reparaturen zum Stadtbetrieb gehören.

Aus Südeck stammen Biografien, die später weit weg wirken und trotzdem eine Spur hier behalten. Charlotte Patel, die heute als Barkeeperin in der Glitzernden Sterne Bar in Joketa arbeitet, wurde 1995 in Südeck geboren. Im Ort taucht ihr Name nicht auf Plaketten auf, eher in beiläufigen Geschichten: dass sie schon früh genau wusste, was in welcher Reihenfolge passieren muss, oder dass sie als Jugendliche bei Festen hinter dem Tresen mitgeholfen hat, bevor sie wegzog. Wenn jemand sie erwähnt, dann nicht, um Südeck größer zu machen, sondern um zu zeigen, dass die Stadt Menschen hervorbringt, die Abläufe beherrschen – ob in einer Werkstatt oder in einer Bar.

Südeck erschließt sich über das, was getan wird: Schilder werden ausgegeben, Gewichte geprüft, Ersatzteile geholt, Kurse besucht, Fahrzeuge repariert, und dazwischen laufen die Wege immer wieder zurück zum Marktplatz und zum Bahnhof. Wer als Reisender zwei Stunden bleibt und nicht nur durchfährt, sieht ein präzises Stück Alltag: den Wechsel zwischen Amt und Werkhof, die kleinen Pausen am Kiosk, das kurze Gespräch vor der Kirche, den Markt, der nicht inszeniert, sondern versorgt. Am Ende ist es oft nicht eine Ansicht, die hängen bleibt, sondern die Art, wie hier Dinge zusammenlaufen und wieder auseinandergehen – ohne großes Gerede, aber mit System.


Verkehrsverbindungen

Bahn: BthB93 stündlich 6:12-21:12 nach Zentro, 6:20-20:20 nach Rehstadt, 21:20 nach Priestewitz; BZF106 stündlich 6:05-21:05 nach Bierona
Straße: B42 (N: Zell 8km, S: Wansow 12km); B61 (W: Ackdorf 8km, O: Kontros 9km); Feldstraße entlang der Bahn NO nach Seena 12km