
(Pop.: 784 – 38 m NN)
Fährstedt liegt direkt am Ufer des Zento. Der Ort hängt an zwei Achsen, die man im Alltag ständig hört: an der B62, die am Fluss entlang Richtung Hauptstadt führt und nach Süden nach Ruppin im Bierland, und an der B61, die über die Zentobrücke die Stadt am Ostufer mit dem Westen des Landkreises verbindet. Unterhalb der Brücke stehen Weiden und Ufergebüsch, darüber ziehen Züge vorbei, weil die Zentobahn hier ebenfalls am Fluss orientiert ist. Der Bahnhof ist klein, mit zwei kurzen Bahnsteigen, einem Unterstand und einem Fahrplankasten; morgens sieht man Pendler nach Norden, abends kommen Leute mit Einkaufstaschen aus Zentro zurück. Neben dem Bahnsteig hängt ein Kasten mit Aushängen der Feuerwehr, der Angelgruppe und der Kirchengemeinde, weil es im Ort keinen eigenen Infopunkt gibt, der so zuverlässig gelesen wird.

Früher war die Fähre der Grund, hier anzuhalten. Ältere erzählen noch von Wintertagen, an denen das Seil der Fähre vereist war und man erst hacken musste, bevor jemand übersetzen konnte. Seit 1965 die Zentobrücke der B61 fertig ist, ist der Fährbetrieb auf einen Restbetrieb zusammengeschrumpft: Der Anleger wird für Arbeitsfahrten genutzt, wenn Geräte oder Material ans gegenüberliegende Ufer müssen, und im Sommer für den Ausflug der Schulklassen, weil man Kindern den Fluss gern praktisch zeigt. Der Anleger liegt am Uferweg; das hölzerne Wartepodest ist niedrig, damit man Kisten und Geräte direkt an Bord bekommt. Der Fährmann ist heute kein Vollzeitberuf mehr. Meist übernimmt Gunnar Pehm, der im Hauptjob bei einer Wasserbaufirma arbeitet und die Fahrten koordiniert, wenn auf der Westseite am Radweg etwas zu tun ist oder wenn ein Verein eine Genehmigung für eine Aktion am Ufer hat.

Direkt beim Anleger steht die alte Fährstube, heute wieder als Gasthaus „Zum Zentohemd“ (Uferweg 6) in Betrieb. Anke Drost führt die Küche so, dass sie zum Ort passt: mittags Eintopf, abends Fisch aus dem Fluss, wenn die Fänge es zulassen, dazu Kartoffeln und Brot, das sie aus einer Backstube in Ruppin liefern lässt. Im Gastraum hängen keine Kapitänsbilder, sondern Arbeitsstücke: ein altes Ruderblatt, ein Stück Tauwerk, eine Messlatte aus Holz. Drost kennt die Stammgäste nach Sitzplätzen. Am Fenster sitzen oft die Angler, weil man von dort die Brücke und den Uferbereich überblickt; am großen Tisch in der Mitte treffen sich Leute von der Feuerwehr oder vom Han-Revier, wenn es um Einsatzpläne oder Holzlose geht. Wer als Radfahrer kommt, findet hinten am Haus einen abschließbaren Schuppen für Räder und einen Schlauch zum Abspritzen, weil am Uferweg schnell Schlamm an Rahmen und Schuhen hängt.

Der Dorfkern liegt etwas höher hinter dem Uferbereich. Mittelpunkt ist die Dorfkirche St. Aurelian (Kirchsteig 1), ein schlichter Saalbau mit Turm und einer Uhr, die wegen der Feuchte regelmäßig nachgestellt werden muss. Der Küster, Rolf Mertin, führt im Vorraum ein Heft, in dem nicht nur Reparaturtage stehen, sondern auch, wann welche Arbeiten am Gebäude erledigt wurden: Turmleiter geprüft, Dachrinne gereinigt, Fensterkitt erneuert. In einem Dorf am Fluss gehören solche Listen zur Routine, weil Holz und Metall anders altern als in trockener Lage. Die Gemeinde ist klein, aber organisiert. Gottesdienste liegen so, dass auch Pendler teilnehmen können, und bei Trauungen wird oft das gesamte Dorf „mitgeplant“, weil Parkplatz, Kuchen und Sitzordnung nicht im Hintergrund passieren. Einmal im Jahr gibt es ein Kirchplatzfest mit Kuchenständen und einer Tombola, deren Preise eher nach Werkstatt aussehen: Taschenlampen, Werkzeugsets, warme Handschuhe, Gutscheine für das Gasthaus.
Unterhalb der Brücke steht in der Aue ein niedriger Beobachtungsstand aus Holz, gerade hoch genug, um über das Ufergras zu schauen. Dort teilen Angler und Wasserbauer ihre Pausen. Man erkennt das am Zubehör: Thermoskanne, Notizbuch, ein Maßband, daneben eine Rute oder ein Kescher. Wenn eine Baustelle am Ufer ansteht, sitzen dort die Leute, die die Lage einschätzen, bevor Material bestellt wird. Bei niedrigem Wasserstand sieht man vom Stand aus Sandbänke und Strömungskanten, bei höherem Wasser laufen die Wirbel dichter an die Böschung, und dann steht am Abend öfter jemand vom Wasserbauamt auf der Leiter, um Fotos zu machen.

Am Ortsausgang Richtung Ruppin im Bierland liegt die Feinmechanik „Müller & Söhne“ (B62, Abzweig Werftweg). Die Werkhalle ist klein, aber innen stehen Drehbank, Fräse und Messplatz so, dass man sofort merkt, wofür hier gearbeitet wird: Pumpenwellen, Dichtflansche, Lagergehäuse für die Wasserwirtschaft. Der Inhaber, Jörg Müller, hat die Aufträge in Ordnern nach Flussabschnitten sortiert, weil die Lieferlisten bis Zentro gehen, zu den Werkhöfen am Wasser. Morgens kommen Kurierfahrer mit Teilen in Kisten, nachmittags gehen reparierte Wellen zurück. Wer in der Halle steht, hört nicht Musik, sondern das kurze Anlaufen von Maschinen und das Klicken der Messuhr. In der Erntezeit bestellt auch der Kreis Gerätebau dort Kleinteile, weil sich die Werkstatt an enge Termine gewöhnt hat.
Westlich des Flusses beginnt der Lange Han, ein langgezogenes Waldstück, das vom Ort aus über Feldwege und den Uferweg erreichbar ist. Die Forststelle „Han-Revier“ (Hanweg 3) liegt in Fährstedt am Ufer und nicht im Wald, obwohl es bis zum Waldrand rund zwei Kilometer sind. Das hat mit Erreichbarkeit zu tun: Dienstfahrzeuge, Anhänger und Holzabholung laufen über die festen Straßen, und am Fluss lassen sich Transporte leichter bündeln. Revierleiterin Lene Kopp gibt dort Brennholzlose aus, führt Listen über Wegepflege und organisiert im Herbst die Abholung der Holzpolter. Im Vorraum hängt eine große Karte des Waldstreifens mit Markierungen für Sperrungen nach Sturm. Wer eine Genehmigung braucht, bekommt nicht nur einen Stempel, sondern auch eine Wegbeschreibung, welche Zufahrt bei Nässe tragfähig bleibt.
Der Radweg auf der Westseite des Zento ist beliebt, weil er flach ist und an mehreren Stellen kurze Abstecher zu Uferbänken und Rastplätzen erlaubt. Am Uferweg gibt es eine kleine Kiesfläche mit Fahrradständern und einem Handpumpenständer; dort steht auch eine Tafel mit Routenhinweisen, die Gunnar Pehm einmal im Jahr neu beschriftet. Übernachten kann man in wenigen Adressen, die vor allem Radfahrer, Monteure und Familien nutzen: „Gästezimmer Drost“ (Uferweg 6, Hinterhaus) mit zwei Zimmern über der ehemaligen Vorratskammer der Fährstube, und „Auenquartier Mertin“ (Kirchsteig 3) mit drei Zimmern, das der Küster nebenbei betreibt. Frühstück gibt es früh, weil viele weiterfahren oder den Zug nehmen.
Fährstedt hat keinen großen Laden, aber eine Grundversorgung, die auf Pendlerzeiten abgestimmt ist. Im „Uferkiosk Klee“ (B61, Brückenzufahrt 2) verkauft Sabine Klee morgens Kaffee, belegte Brötchen, Angelkarten für Tagesgäste und Kleinteile wie Batterien oder Flickzeug. Pakete können dort abgegeben werden; ein Regal hinter dem Tresen dient als Abholstation, weil viele tagsüber nicht da sind. Ein Arzt ist nicht dauerhaft im Ort, aber einmal pro Woche findet im Gemeinderaum der Kirche eine Sprechstunde statt; die Organisation läuft über den Aushangkasten am Bahnhof.
Wer sich für den Fluss als Verkehrsraum interessiert, landet spätestens bei Ruppin. Dort zeigt das Museum der Zento-Schiffer die bekannten Strömungskarten des Zento und betreibt eine interaktive Station, bei der Besucher eine virtuelle Flussfahrt steuern. In Fährstedt wird diese Station oft erwähnt, weil zwei der gefürchteten Abschnitte dort auftauchen: die „Schrägwelle von Fährstedt“ und das „Doppelwehr von Zentro“. Jugendliche aus dem Ort fahren gelegentlich nach Ruppin, setzen sich an die Kurbeln und versuchen, die Passage ohne Fehler zu schaffen. In der Fährstube wird danach diskutiert, ob die Simulation den Fluss „richtig“ trifft; die Angler sprechen über Strömungskanten, die Wasserbauer über Wirbel, und Anke Drost stellt die Teller hin, während am Nebentisch jemand mit den Fingern eine Linie auf die Tischplatte zeichnet, um zu zeigen, wie die Schrägwelle steht.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: Zentobahn (Linie 11) stündlich 7:55-20:55 nach Bierona, 21:55 nach Ruppin; 6:52-18:52 über Zentro und Seestadt nach Kohla, 19:52 nach Teichfurt, 20:52 nach Südteich
Straße: B61 (W: Kontros 7km, O: Fichtchen 15km); B62 (NO: Zentro 18km, S: Ruppin 9km). Feldstraße (NW: Seena 16km, NO: Mehlis 20km) Auf der Westseite des Zento verläuft ein beliebter Radweg immer am Ufer des Zento lang.

