Morgengrauen – das leise Rauschen des Sturmmeers
Kurz nach sechs Uhr streift Adele durch ihren weitläufigen Garten am Dorfrand von Deichstedt. Zwischen hoch aufragenden Stockrosen und salzresistenten Kohlköpfen sammelt sie noch taunasse Kräuter für ihren Tee. Die Sträucher ducken sich unter der frischen Brise, doch Adele arbeitet beharrlich – Gärtnern ist für sie Meditation und Krafttraining zugleich.

Vormittag – Besorgungen im Hafenviertel
Gegen halb neun macht sie sich auf den Weg hinunter zur Deichstraße und weiter zum Hafen. Ein kurzer Plausch mit den Fischern, dann organisiert sie sich Fischabfälle für den Kompost. Auf dem Rückweg schaut sie in der Fischverarbeitungsfabrik der Familie Hansen vorbei, um ihrem Neffen kurz zuzu­winken, der dort eine Lehre macht. Die Anlage ist einer der größten Arbeitgeber im Dorf und sorgt für geschäftiges Treiben schon in den frühen Stunden.

Mittag – Kulturelles Engagement
Um die Mittagszeit trifft man Adele oft am Leuchtturm von Deichstedt. Heute hilft sie dem ehrenamtlichen Team um den Zahnarzt Otto Schröder beim Aufbauen einer kleinen Ausstellung über historische Sturmwarnsignale. Ihrer kräftigen Statur ist es zu verdanken, dass selbst alte Messing-Signalhörner sicher den engen Turm hinaufgetragen werden. Zwischendurch tauscht sie Neuigkeiten mit der Malerin Helga aus, die an neuen Aquarellen für den Museumsshop arbeitet.

Nachmittag – eine Stunde für die Seele
Gegen drei kehrt Adele in ihr Haus zurück. Während im Dorf die Glocken von St. Ingo läuten, gönnt sie sich eine Stunde Ruhe: ein Schälchen Fischsuppe, dann legt sie die Beine hoch und liest die Wetterprognosen der Bergstation Silberblick. Ein plötzlicher Regenschauer wäre Gift für die abendliche Besucher­schlange vor dem Club.

Abend – Dienstantritt im „Stürmischen Seemann“
Kurz vor zwanzig Uhr schlüpft Adele in ihre wetterfeste Lederjacke und stapft entlang der Deichstraße zum Nachtclub Zum stürmischen Seemann. Ihr Auftreten ist freundlich, aber unmissverständlich: Betrunkene, die sich nicht anstellen wollen, stellt sie mit einem ruhigen „Erst zahlen, dann feiern“ in die Reihe zurück. Touristen, die nach der besten Fischgaststätte fragen, bekommen von ihr gleich noch Wegbeschreibungen zum „Fischerstübchen“ mit. Dass sie streng und zugleich herzlich ist, macht sie bei Stammgästen wie bei Urlaubern beliebt.

Nacht – letzte Runde und Heimweg
Gegen halb drei in der Früh schließt Adele die schwere Holztür des Clubs, verabschiedet das Bar-Team und atmet die salzige Kälte des Sturmmeers ein. Auf dem Heimweg blickt sie noch einmal hinüber zum beleuchteten Leuchtturm – ihr Wahrzeichen der Sicherheit. Zu Hause angekommen, gießt sie leise ein paar durstige Topfpflanzen, bevor sie erschöpft, aber zufrieden ins Bett fällt. Am Morgen wartet wieder ihr Garten – und ein weiterer Tag zwischen Rosen, Sturm und wummernden Bässen.