Elifa, Samstag, 7. Februar 2026

Der Sturm hat sich gelegt; nur ein müdes Rauschen vom Westmeer dringt noch durch das angekippte Fenster meines Arbeitszimmers im dritten Stock des Hotel Küstenperle. Den ganzen Tag hat der Wind Schaumkronen gegen die Promenade gepeitscht, doch jetzt riecht die Luft nach nassem Holz und einem Hauch Seetang. Ich höre, wie irgendwo unten in der Küche der große Gulaschtopf leise gluckert – das beste Schlaflied, das eine Köchin kennt.

Der Morgen begann in aller Frühe, lange bevor die Gäste erwachten. Noch im Halbdunkel bin ich an den Schreibtisch, habe die Predigt ausgedruckt, die ich morgen in Bergelf halten will. Jede Seite gewendet und anschließend meinen Namen unter die letzte Zeile gesetzt. Es tut gut, wenn ein Manuskript endlich Gewicht bekommt, sich zwischen Daumen und Zeigefinger wie ein fertiger Gedanke anfühlt. Der Text zu Hesekiel 2 – 3 beschäftigt mich seit Wochen: „Mach deinen Mund auf und iss, was ich dir gebe“ – dieser kräftige Imperativ, der Prophet, der die Schriftrolle schluckt, voll von Klage, Seufzen – die aber süß wie Honig schmeckt. Während ich die Seiten ordnete, spürte ich fast, wie die Geschichte durch meine Finger wanderte, als wollte sie sagen: Auch du musst erst kosten, bevor du sprichst.

Vielleicht deshalb zog es mich danach sofort in die Hotelküche. Aus dem Gänseklein, das der Fischer gestern Abend übrig hatte, kochte ich einen dichten Eintopf: Selleriewürfel, Petersilienwurzel, ein Lorbeerblatt, Majoran, ein winziger Schuss Weißwein. Jonne kam noch verschlafen herein, ungekämmtes Haar, setzte sich an die Eckbank, schlürfte stumm. Später streunte auch Svea herein; wir wechselten nur zwei Sätze, aber der Duft über unseren dampfenden Tellern war Friedensangebot genug. Ich erinnerte mich an die Predigtnotiz: Angst vor Reaktion = Versuchung zur Anpassung – eine Mahnung, die in Familienküchen nicht weniger gilt als in Tempelruinen.

Nach dem Mittag räumte ich um, zog den gusseisernen Topf hervor und schichtete Rindfleisch, Zwiebeln, Paprika, Kraut, Kümmel. Der Gulasch durfte auf der kleinsten Flamme ziehen; ich komme kaum daran vorbei, ohne den Deckel anzuheben. Dampf, sämig und nach Paprika duftend, entweicht, legt sich über meine Brille und erinnert mich daran, dass manche Aromen – und bestimmte Wahrheiten – nur unter Hitze und Zeit Gestalt annehmen.

Zwischen all dem habe ich meine kleine Überraschung für morgen gebacken. Blätterteig in feine Streifen, spiralförmig gerollt, im Ofen aufgegangen, danach mit flüssigem Frühlingshonig glasiert. Winzige essbare Schriftrollen. Ich musste lachen, als ich sie auf das Abkühlgitter legte: So sieht also eine Predigt „to go“ aus. Vielleicht versteht die Kaffeerunde morgen in Bergelf den Wink: Gottes Wort will nicht nur gehört, sondern gekostet werden – süß sein, obwohl es Klage trägt. Genau das schimmert nun golden auf der Gebäckoberfläche.

Am Nachmittag schlenderte ich kurz an die Strandpromenade, brauchte Meerblick zum Durchatmen. Elifa zeigt außerhalb der Saison sein stilles Gesicht: 419 Bewohner, ein paar Möwen, die über den Klippen kreisen, und die sanft geschwungene Halbinsel, auf der der Ortsteil Bergelf thront . Von unten wirkte das Plateau wie eine wachsame Schulter über der Bucht. Ich stellte mir vor, wie ich morgen dort oben stehe, die Dorfkirche betrete, vorbei an den massiven Steinsäulen mit den feinen Schnitzereien, hinein unter die Holzdecke voller erzählender Tafeln. Das Rosettenfenster wird, wenn die Sonne mitspielt, ein Mosaik aus rubinroten und saphirblauen Tupfen auf den alten Stein werfen, und irgendwo darüber wartet die Orgel von 1623 auf ihren ersten Akkord . Ob ihre Klarheit meine Stimme trägt oder mich gnadenlos entlarvt? Ich bete um Ersteres – aber der zweite Ausgang würde mich daran erinnern, dass auch Hesekiel nicht gefragt wurde, ob er die Rolle schmecken wolle.

Zurück im Hotel – das Haus lebte weiter in seinem unaufgeregten Rhythmus. Zwei Gäste aus Ackero riefen an der Rezeption an: Sunrise-Yoga auf dem Balkon bitte. Ich notierte acht Uhr statt sieben; Touristen unterschätzen die Februarkälte am Meer. Die Spülmaschine summte, Markus stapelte Handtücher im Spa, im Restaurant polierte Li Mei die Gläser, und aus der Wäscherei roch es frisch nach Lavendel. Manchmal staune ich, dass ein Gebäude so viele Herzen schlagen lassen kann, ohne auseinanderzufallen. Vielleicht ist das der praktische Teil von Ezechiels Vision: Der Thron Gottes hatte Räder, er war mobil; auch hier, zwischen Rezeptkarten und Reservierungslisten, will das Wort landen – nicht als Starrheit, sondern als beweglicher Klang.

Später setzte ich mich wieder an den Schreibtisch, die Predigt vor mir, der Tee neben der Lampe. Ich strich noch einmal jene Sätze an, die mir selbst am meisten wehtun: „Du wirst unter ihnen wohnen wie unter Dornen, aber fürchte dich nicht“. Ich dachte an Konflikte im Team, an Sveas Sorgen, die einen unvermittelt treffen wie Skorpionsstachel. Kann ich glaubhaft von Furchtlosigkeit reden, wenn mein Herz beim leisesten Hotel-Alarm verrückt spielt? Ich schrieb in die Randspalte: Mut ist nicht Puls 60, Mut ist Puls 140 und trotzdem stehen. Dann malte ich ein winziges Rädchen daneben, Erinnerung an den rollenden Thron – Gott geht mit, sagt der Text, bis an den Kebar-Kanal und bis an die Spülstraße im Küstenperle. Und wenn Gott rollt, darf auch meine Predigt rollen: morgen von Blatt auf Lippen, dann von Ohren ins Herz, vielleicht in die Hände, die den Gulasch schöpfen.

Inzwischen ist das Haus still. Svea hört vermutlich leise Musik, Jonne schickt mir von oben eine Nachricht, dass er „nur noch kurz“ an seinem Projekt arbeitet. Markus löscht die letzten Lichter im Spa und kommt gleich hoch. Ich sitze hier, die Finger riechen nach Kümmel und Honig, und ich merke, wie gut es tut, dass der Tag ein Ende findet. Der Gulasch hat seine Hitze gefunden, das Gebäck ist verstaut, und die Predigt wartet im Ledermäppchen. Gleich werde ich mir einen alten Schwarz-Weiß-Film auf dem Laptop gönnen – irgendetwas mit Dialogen, die nicht schreien müssen, um zu treffen. Dann werde ich schlafen, mit offenem Fenster vielleicht, damit der ruhige Atem des Westmeers mich daran erinnert, dass ruach auch Atem heißt – derselbe, der Ezechiel auf die Füße stellte, derselbe, der mich morgen durch den Gottesdienst tragen soll.

Gott, gib mir genug Atem für den nächsten Schritt, genug Süßes – nicht zu fürchten, genug Geduld wie der Topf auf dem Herd. Wenn Dein Wort wirklich rollen will, dann mach mich zu einem guten Rad, geschmiert mit Honig und Kümmel, bereit, eine kleine Strecke zu tragen. Und lass die Gemeinde morgen spüren, dass der Duft von Gulasch, die Farbe der Fenster und die Schärfe des Propheten zusammengehören wie Sand, Wasser und Salz.

Ich schließe jetzt, bevor die Nacht noch tiefer wird. Der Wind ist fast völlig verstummt; nur das Meer rauscht leise, als blättere jemand eine letzte Seite um.

Lina