(Pop.: 980 – 305 m NN)

Pölau liegt auf dem Drosener Rücken, nur einen Feldkamm vom dichten Wolkenflüsterwald entfernt. Das Dorf zählt 980 Einwohner, doch an Werktagen wirkt es deutlich belebter: Lieferwagen aus den Obsthängen, Transporter der Fassbau-Lehrwerkstatt und Ausflügler, die an der Ausfahrtstraße für einen Kasten Rückenwein anhalten. Die Hanglage bestimmt seit Jahrhunderten das Sortiment. Schmale Rebzeilen stehen oberhalb des letzten Häusergürtels; sie liefern den hellen Rückenwein, der seinen Namen vom Höhenzug trägt. Unterhalb liegen Apfelterrassen und Mostgärten, in denen robuste Sorten wie Goldrinder und Herbstkalvill wachsen. Im April schneidet das Rebschnitt-Kollektiv „Kammkante“ die Stöcke zurück; drei Fachkräfte reisen dazu von Hof zu Hof, der Klang ihrer pneumatischen Scheren hallt über die Talrinne.

Am Kirchplatz 4 steht St. Gregorius, ein Quader aus hellem Sandstein mit einem Dach, das sich nur wenig über Traufhöhe erhebt. Innenraum und Turm bilden eine Einheit; die Glocke hängt sichtbar zwischen zwei Betonstegen und schlägt zur halben Stunde. Direkt davor plätschert ein niedriger Brunnen aus gehauenem Basalt. Seine vordere Kante trägt Kerben, jede markiert den Wasserstand eines Trockenjahres oder einer Nässeperiode. Dorfchronist Julius Markert – er wohnt schräg gegenüber in Haus 7 – führt Gäste gern zu dieser Laienmessstelle, legt einen Zollstock an und verweist auf die Linearität der Trockenjahre 2003, 2018 und 2022. Die Kerben entstanden nicht aus wissenschaftlichem Ehrgeiz, sondern weil der Brunnenmasons Lehrling 1952 fand, dass Wasser weder Zahlen noch Tabellen brauche, um verstanden zu werden.

Gegenüber, in der Ringstraße 9, befindet sich eine ehemalige Remise mit doppeltem Flügeltor. Heute arbeiten hier sechs Auszubildende der Fassbau-Lehrwerkstatt unter Anleitung von Meisterin Carla Henz. Spanten aus Kastanie werden geformt, mit Weidenruten umspannt, die Dauben in Wasserbecken gedämpft, dann mit alten Eichenspangen zusammengezogen. Der größte Teil der Fässer geht an Restaurants in Drosen und an Mostereien im ganzen Kreis. Einmal wöchentlich rollen zwei Fässer auf einem handgezogenen Bock zur Kirche, um den Rückenwein des benachbarten Weinhofs Engelhardt zu lagern; der abgeschrägte Weg heißt im Dorf schlicht „Fassgasse“.

Wer essen möchte, läuft zur Ausfahrtstraße 2. Dort bespielt das Restaurant „Tisch am Kamm“ einen Flachbau mit frontalem Fensterraster auf die Rebhänge. Küchenleiterin Nessa Böhl setzt ausschließlich Produkte aus maximal 25 Kilometern Entfernung ein: Rückenwein aus Meyen im Ausschank, Lammrücken aus Hartmannsfeld mit Thymianheu gegart, Bohnen und Wurzelgemüse aus Fulda, zum Dessert Apfelbrand-Sabayon, gebrannt in der kleinen Brennerei Pölau Ost. Die Speisekarte ändert sich wöchentlich; wer reserviert, erhält bei Ankunft ein Klemmbrett, auf dem drei Gänge fest notiert sind. So spart die Küche Bestellwege, und die Gäste lernen den Kreis aus einem Teller heraus kennen.

Die Kinder des Dorfs besuchen die Grundschule im acht Kilometer entfernten Caaschwitz. Ein Kleinbus holt sie um 7 Uhr am Kirchplatz; Fahrer Janosch Bleier ist zugleich Gemeindearbeiter und meldet unterwegs Schlaglöcher an das Bauamt in Drosen. Die Sekundarstufen folgen später nach Zentro, doch viele Jugendliche kehren nach der Ausbildung zurück, weil das Dorf Beschäftigung bietet. Hauptarbeitgeber ist die Obst- und Weinwirtschaft, dicht gefolgt von der Fassbauwerkstatt und mehreren Kleinbrennereien. Außerdem unterhält die Kreisverwaltung eine kleine Wetterstation am Waldrand, deren Daten das Regenarchiv des Brunnens ergänzen.

Straßennamen spiegeln Arbeitswege wider. Die Kelterstraße führt von den obersten Weinreihen zur Presshalle, die Mostgasse verbindet drei Apfelhöfe mit der Hauptstraße, und die Ausfahrtstraße folgt schnurgerade der alten Fuhrwerksroute hinunter zur A1-Auffahrt. Dort zweigt die Z-13 nach Süden ab, quert die Weinhänge und erreicht nach 6,5 Kilometern Drosedorf. Westlich bringt die Z-16 die Bevölkerung in zehn Minuten nach Caaschwitz. Trotz Nähe zur Autobahn ist Verkehrslärm selten ein Thema, da der Wolkenflüsterwald als Schallschirm fungiert; nur bei Nordostwind dringen Geräusche in das Tal.

Die Pölauer Brennereien arbeiten in kleinen Chargen. Brennmeisterin Ella Klose destilliert Apfelbrand in einer kupfernen Kolonne, füllt ihn in 100-Milliliter-Flaschen und versieht jede Charge mit einer Seriennummer, die zugleich die Parzelle des Obstgartens verrät. Besucher dürfen freitags am Kupferkessel schnuppern; ein steiler Geruch nach Kernobst und Hefe erfüllt die Luft. Der Mostbetrieb Wiesensteg verarbeitet überschüssige Ernte in gepressten Saft, der in schlanken Literflaschen mit einem Etikett aus der Druckgasse in Drosen in den Verkauf geht. Im Lager riecht es nach Holz, Alkohol und warmem Papier.

Kulturell ist der Jahreskalender überschaubar, aber deutlich strukturiert. Am zweiten Märzwochenende findet der Rebschnitttag statt, an dem die Scherenkolonne demonstriert, wie altholzarmes Schnittbild aussieht. Im Juli wird das Brunnenfest gefeiert: Der Wasserspiegel wird öffentlich gemessen, dann liest der Chronist trocken Zahlen vor, während Kinder Papierboote schwimmen lassen. Mitte Oktober brennt die Fassbauwerkstatt ein „Daubenfeuer“ zum Abschluss der Traubenlese; Flammen lodern, und der erste Apfelbrand des Jahres läuft in eine gus­seiserne Pfanne, aus der Gäste einen Löffel voll dampfendem Likör kosten dürfen.

Übernachtungsmöglichkeiten beschränken sich auf vier Gästezimmer des Weinhofs Engelhardt und zwei Ferienwohnungen im Obsthof Krass. Die Zimmer tragen Namen wie „Südhang“ oder „Spindelpress“, sind schlicht mit Lärchenholz ausgestattet und bieten Blick auf Rebzeilen, die bei Nebel aus dem Dunst ragen. Frühstück umfasst Sauerteigbrot, Quark und dünn aufgeschnittenen Blechkuchen, dazu ein Glas frischen Most. Wer länger bleibt, mietet beim Dorfladen an der Hauptstraße ein Elektrolastenrad, um Kästen zum Wochenmarkt in Mehlis oder Hartmannsfeld zu bringen.

Die Feuerwehr hat ein einstöckiges Gerätehaus mit Verladerampe aus Stahl; Übungen finden donnerstags statt, anschließend geht die Mannschaft für ein Bier an den Tisch am Kamm. Ein kleiner Sportplatz mit empfindlich geneigten Längsbahnen dient im Herbst den Traubenroller-Wettkämpfen: Teams versuchen, einen Bottich Trauben ohne Umkippen die Böschung hinabzurollen. Dabei entstehen jedes Jahr neue Beulen, die später in der Fassbauwerkstatt ausgebeult werden – ein geschlossener Kreislauf auch in sportlicher Hinsicht.

Ein Spaziergang von der Kirche zum Waldrand dauert knapp dreißig Minuten. Der Pfad passiert die Parzellenrand-Steine, an denen jede Generation die Leseerträge in Milliliter pro Stock eingraviert, und endet an einem Felsvorsprung, den man „Kamm“ nennt. Von hier sieht man die A1-Brückenpfeiler, das silbrige Band der Z-16 und – bei klarem Wetter – den roten Dachfirst der Drosener Altstadt. Unter den Füßen liegt Pölau: Rebhänge, Mostgärten, Fasswerkstatt, Brunnen, dazu weicher Waldboden, der nach Harz und Apfelholz riecht. Das Dorf ist kein romantischer Rückzugsort, aber ein Beispiel, wie handwerkliche Dichte, klare Wege und regionale Gastronomie in 980 Einwohnern stecken können.


Verkehrsverbindungen:
Straße: A1 (W: über Zentro nach Ackero, O: Nova); Z-13 (N: Zur A1 und nach Meyen 16km, S: Drosedorf 6,5km); Z-16 (W: Caaschwitz 8km, O: Fuka 4km)