(Pop.: 782 Einwohner – 368 m NN)

Meyen liegt auf 368 Metern Höhe auf einem breiten Rückenplateau, dort, wo der Drosener Rücken nach Westen hin abflacht und in offene Ackerflächen übergeht. Im Süden schiebt sich der dunkle Rand des Wolkenflüsterwaldes an den Ort, im Norden sieht man bei klarer Sicht die helleren Felder Richtung Casekirchen. Die Häuser stehen auf der windzugewandten Seite des Hangs; an Tagen mit Südwestwind hört man das Rauschen der Baumkronen wie ein ständiges Hintergrundgeräusch. Durch den Ort führen die Z-13 von Flemmingen her und die Z-14 nach Seifartsdorf, außerdem hält an der Bahnlinie 112 im Stundenrhythmus ein Zug, der Pendler nach Drosen oder weiter Richtung Kreuzberg bringt. Viele Reisende steigen in Meyen zu, nachdem sie auf den Weinbergen oberhalb des Ortes noch einen letzten Blick über den Rücken geworfen haben.

Im Mittelpunkt liegt ein kleiner Marktplatz, eher eine aufgeräumte Kreuzung als ein Platz im städtischen Sinn. Unter einem flachen Ziegeldach steht die alte Marktwaage, eine Plattform mit seitlichem Zeiger und eisernem Haken. Bauern fahren ihre Traktoren direkt darauf, wenn sie Trauben oder Gemüse zur Genossenschaft bringen; der Zeiger wandert langsam, und wer danebensteht, kann die Tonnage direkt von der Skala ablesen. An Markttagen hängt der Waagemeister eine Tafel mit Preisen an die Pfosten, dann reihen sich Kisten mit Rückenwein, Kartoffeln und Waldhonig unter dem Dach auf. Kinder aus der Grundschule nebenan benutzen die Waage im Sachkundeunterricht, um Erntemengen mit den Zahlen in ihren Heften zu vergleichen.

An der Westseite des Platzes liegt die Rathausstube (Hauptstraße 6), ein zweigeschossiges Haus mit Holzgiebel, das früher ein Gasthof war. Heute bündelt es die Funktionen, die ein Ort mit 782 Einwohnern braucht: Im vorderen Raum sitzt vormittags die Gemeindeschreiberin und erledigt Meldeangelegenheiten, hinten gibt es einen kleinen Besprechungstisch für den Ortsrat. Ein Schrank voller Aktenordner steht neben einem Regal mit Broschüren über den Wolkenflüsterwald und Fahrplänen der Linie 112. Donnerstags verwandelt sich die Rathausstube am Abend in ein „offenes Büro“: Winzer bringen ihre Notizbücher mit, eine Beraterin der Landwirtschaftskammer hält Sprechstunde zu Rebschnitt, Pflanzenschutz und Direktvermarktung. In der Ecke steht ein Probiertisch, an dem nach Sitzungsende zwei oder drei Rückenweine offen stehen; wer länger bleibt, hilft meistens beim Zuschieben der schweren Fensterläden.

Die Kirche St. Melethia (Kirchplatz 1) steht wenige Schritte abseits der Hauptstraße auf einem leichten Geländerücken. Der Bau ist aus hellem Bruchstein gesetzt, mit einem Turm, der sich schlank über die Dächer schiebt und bei Nebel eine markante Silhouette abgibt. Innen spannt sich ein Tonnengewölbe über ein schlichtes Schiff; an den Wänden hängen Votivtafeln mit Weintraubenmotiven. Pastorin Elin Marberger hält hier sonntags einen Gottesdienst, der je nach Jahreszeit andere Schwerpunkte hat. Im Frühjahr werden Rebschnittmesser gesegnet, im Herbst bringt man die ersten Trauben in Körben nach vorne und stellt sie vor den Altar. Am sehnlich erwarteten „Melethia-Sonntag“ Mitte September füllt sich die Kirche mit Bewohnern aus den Nachbardörfern; nach dem Schlusslied zieht die Gemeinde auf den Kirchplatz, wo die Musikgruppe der Schule auf Weinfässern trommelt.

Der Rückenwein von Meyen hat in der Region einen eigenen Klang. Die Reben stehen in einem Gürtel oberhalb des Dorfes, dort, wo der Boden steiniger wird und sich tagsüber Wärme speichert. Kleine Terrassen folgen der Kontur des Hangs; die meisten gehören Familien, die ihre Parzellen seit Generationen bewirtschaften. In der Keltergasse am Ortsrand haben drei Betriebe ihre Presshäuser in einer Reihe: die Weingüter Larch, Benau und „Auf dem Kamm“. In der Lesezeit kommen abends Traktoren mit Traubenmulden aus dem Wolkenflüsterwald herauf, deren Räder feuchtes Laub hinterlassen. Die Genossenschaft füllt einen hellen, säurebetonten Wein ab, der in Drosen in vielen Restaurants glasweise ausgeschenkt wird; die Etiketten werden in der Satzwerkstatt in Pölau vorbereitet und tragen neben dem Namen auch kleine Höhenlinien des Drosener Rückens.

Meyen besitzt eine Grundschule mit zwei Gebäuden: einem älteren Klassentrakt aus den 1960er-Jahren und einem neuen Holzmodul, der als Mehrzweckraum dient. Im Schulhof steht ein Klettergerüst, das aus ehemaligen Rebenpfählen zusammengesetzt wurde; die Kinder nennen es „Weinleiter“. Im Unterricht spielen Themen wie Klimawandel und Wasserspeicherung auf den Hängen eine besondere Rolle. Mehrmals im Jahr kommen Studierende aus Zentro, um Messstationen für Bodentemperatur und Niederschlag vorzustellen und gemeinsam mit den Kindern Versuchsreihen anzulegen.

Neben der Schule liegt das Feuerwehrhaus mit einem Löschfahrzeug und einem Schlauchturm. Die Freiwillige Feuerwehr ist in Meyen zugleich Kulturverein; sie organisiert das Maifeuer auf einer freien Fläche am Waldrand und das Rückenweinfest im Oktober. Beim Fest werden entlang der Hauptstraße Stehtische aus halbierten Fässern aufgebaut, die Fackeln in alten Glasballons werfen warmes Licht auf die Fassreifen. In der Mitte des Abends wird traditionell die Waage auf dem Marktstandplatz noch einmal in Betrieb genommen: Diesmal wiegt man nicht Lastwagen, sondern den gesamten Ortsrat, der sich auf die Plattform stellt, während die Zuschauermenge wettet, ob der Zeiger über oder unter einer bestimmten Marke stehen bleibt.

Für Besucher bietet der Ort einige einfache, aber zweckmäßige Übernachtungsmöglichkeiten. Zwei Winzerhöfe vermieten Zimmer über den Kellern; die Gäste werden morgens von der Kühlanlage geweckt und frühstücken mit Blick auf Reben und Waldkante. Außerdem gibt es eine kleine Pension an der Z-13 mit vier Zimmern, die vor allem von Wanderern genutzt wird, die den Wolkenflüsterwald über die markierten Pfade erkunden wollen. Diese Pfade beginnen am Nordrand des Waldes, nur zehn Gehminuten vom Ortskern entfernt. Ein Informationskasten erklärt die Entstehung des Rückens und markiert Rundwege von zwei bis sechs Stunden Länge.

Die Versorgung ist auf das Nötige konzentriert. Ein Dorfladen in der Hauptstraße führt Grundnahrungsmittel, Rückenwein aus allen drei Weingütern und Honig aus Waldständen am Südhang. Die Bäckerei „Rückenkruste“ backt ein helles Brot mit Traubenkernmehl, das besonders gut zu Käse aus Hartmannsfeld passen soll. Zweimal pro Woche hält ein Metzgerwagen aus der Ebene, und ein mobiler Gemüsestand aus Casekirchen bringt spezielle Sorten, die in Meyen nicht angebaut werden. In der Nähe der Rathausstube betreibt ein junger Koch ein kleines Weinbistro; auf einer Tafel stehen drei Gerichte, oft Eintopf oder Flammkuchen, dazu wechselnde offene Rückenweine.

Die Bahnstation liegt etwas unterhalb des Dorfes an der Linie 112. Ein kurzer Fußweg führt vom Ort entlang einer Baumreihe zur Unterführung. In den frühen Morgenstunden sind die Züge gut besetzt: Winzer fahren zu Terminen in Drosen, Schüler in weiterführende Schulen und Beschäftigte der Einrichtungen im Zentralmassiv pendeln über Paulstedt nach Bundorf. Später am Tag steigen Wandergruppen aus Kreuzberg zu, die vom Bahnhof direkt in den Wald aufbrechen und abends mit Weinflaschen im Rucksack wiederkehren.

Eine Anekdote zum Ortsnamen erzählen die Meyener gern auf dem Rückenweinfest. Demnach stammt „Meyen“ vom alten Wort „Megen“ für Vorrat, weil die ersten Siedler hier auf dem Rücken Getreide und Wein lagerten, bevor sie ihn die Hänge hinab in die Ebene brachten. Andere sehen einen Bezug zum Monat Mai und verweisen darauf, dass die Reben hier meist eine Woche früher austreiben als an den nördlicheren Hängen. Sicher ist nur, dass der Ort sich über seine Hanglage definiert: Weinberge oben, Waldkante dahinter, Marktstandplatz und Kirche in der Mitte, Felder und Bahnlinie darunter.

Ein Spaziergang durch Meyen beginnt meist am Kirchplatz, führt über die Hauptstraße zur Waage und weiter zur Rathausstube, von dort über die Keltergasse hinauf in die Rebhänge. Oben steht eine einfache Bank aus Kastanienholz, in die die Jahreszahlen großer Leseernten eingeritzt sind. Von hier schweift der Blick über den Wolkenflüsterwald, die Bahntrasse und die verstreute Lichterkette der Dörfer im Kreis Drosen. Wer an einem klaren Abend dort sitzt, versteht schnell, warum der helle Rückenwein des Ortes nicht nur in Drosen, sondern in weiten Teilen Zentravias auf den Karten steht: Er schmeckt nach Hangwind, Waldrand und der leichten Neigung der Felder, auf denen Meyen sich eingerichtet hat.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Bierona-Zentravia-Ferrovia Linie 112 stündlich 7:03-20:03 über Paulstedt nach Bundorf ins Zentralmasssiv, 21:03 nach Paulstedt; 7:13-20:13 über Drosen und Wisnitz nach Kreuzberg, 21:13 nach Wisnitz, 22:13 nach Drosen
Straße: Landesstraße Z-13 (NO: Flemmingen 5km, S: Pölau 15,5km); Z-14 (W: Casekirchen 12km, O: Seifartsdorf 4km); Feldweg (NW: Wildeck 20km)