Die Bergkirche St. Hildegard in Oberburg steht an der Schulstraße 12, am Nordhang des Grenzburger Höhenzuges, unmittelbar oberhalb des ehemaligen Festplatzes. Gegenüber, nur durch den Lindenweg getrennt, liegt das Gemeindehaus der Evangelischen Kirche zu Oberburg, in dem auch die Jugendarbeit und die wöchentlichen Umweltgespräche stattfinden. Nördlich begrenzt die alte Grenzburger Landstraße das Grundstück; im Süden fällt das Gelände zum Willow Run ab.

Die Kirche ist der heiligen Hildegard von Brooklin gewidmet, der Mystikerin, Äbtissin und Naturforscherin, deren Verehrung sich in Oberburg seit dem frühen 19. Jahrhundert entwickelt hat. Der Legende nach soll eine Bauernfamilie aus dem Nachbardorf Niederburg im Winter 1813 ein Marienbildnis in der Nähe der heutigen Kirche gefunden haben, in dessen Rahmen kleine Pflanzen und Heilkräuter steckten – ein Zeichen, so die örtliche Überlieferung, dass die Heilige Hildegard ihre Kraft auch hierher gebracht habe. Dieses Bildnis wurde 1821 in einer hölzernen Kapelle in der Nähe von Niederburg aufbewahrt, bis die Oberburger Gemeinde 1848 den Beschluss fasste, eine größere Kirche zu bauen und die heilige Hildegard als Schutzpatronin zu wählen.
Das heutige Kirchgebäude entstand in mehreren Bauphasen: Den Grundstein legte Baumeister Friedrich Talberg im Jahr 1851 auf den Fundamenten einer spätmittelalterlichen Wallfahrtskapelle, die dem heiligen Kilian geweiht war. Die Arbeiten zogen sich über Jahre hin, immer wieder verzögert durch knappe Mittel und durch politische Umbrüche im Grenzburger Landkreis. 1854 konnte der Rohbau vollendet werden, doch erst 1862 wurde der Turm mit seiner markanten, achteckigen Laterne fertiggestellt, deren Kupferdach heute weit sichtbar ist. 1870 wurde der Innenraum gestaltet; die hölzerne Empore und die Orgelbühne stammen aus dieser Zeit und wurden von der Oberburger Schreinerfamilie Meißner gefertigt. In den 1920er-Jahren erhielt die Kirche ihre farbigen Glasfenster, die biblische Szenen und Motive aus dem Leben der heiligen Hildegard zeigen, darunter eine Darstellung ihrer Vision der „Großen Gottesblitze“. Nach den Bürgerkriegen mussten umfangreiche Reparaturen am Dach und am Turm vorgenommen werden, weil das Kupfer durch Witterungseinflüsse stark korrodiert war. In den 1980er-Jahren wurde der Altarraum umgestaltet, um Platz für eine neue Orgel mit 28 Registern zu schaffen, die seither Konzerte und Gemeindegottesdienste bereichert. Eine grundlegende Außenrenovierung unter Leitung der Denkmalpflegerin Dr. Anna Korff aus Grenzburg wurde 2018 abgeschlossen; dabei kam der originale Grauwacke-Verputz wieder zum Vorschein.

Die Gemeinde St. Hildegard ist – gemessen an der Größe des Ortes – ungewöhnlich aktiv. Pfarrer Johann Schmidt, der seit 2015 hier wirkt, ist weit über Oberburg hinaus bekannt für seine offene Predigtform und seine Zusammenarbeit mit ökumenischen und weltlichen Gruppen im Landkreis Grenzburg. Schmidt, 48 Jahre alt und zuvor in Niederburg tätig, hat das Profil der Gemeinde insbesondere in den Bereichen Umweltethik und intergenerationelle Vernetzung geschärft. Die Kantorin, Maria Lehmann, leitet nicht nur den Chor, sondern veranstaltet regelmäßig Musikabende, in denen klassische Werke mit zeitgenössischen Arrangements kombiniert werden; ihre Chorproben finden jeden Mittwochabend im Gemeindehaus statt und sind offen für alle Interessierten aus Oberburg und Umgebung. Der Küster, Georg Tiedemann, ist gleichzeitig der Hüter der Kirchenglocken: Seit über dreißig Jahren kontrolliert er wöchentlich die Mechanik und stimmt die Glocken bei besonderen Anlässen von Hand nach. Der Posaunenchor, den er vor zwei Jahrzehnten gegründet hat, tritt bei regionalen Gottesdiensten ebenso auf wie bei den Festen in Grenzquell oder an den Tagen der offenen Tür am Schloss Niederburg.
Neben diesen festen Mitarbeiter:innen engagieren sich zahlreiche Gemeindeglieder mit unterschiedlichen Beiträgen am kirchlichen Leben. Die Lehrerin und Kirchenälteste Friederike Brandt leitet die Lesungen und Vorträge in der Reihe „Wort und Welt“, die einmal im Monat im Gemeindehaus stattfinden. In dieser Reihe sprechen nicht nur Theolog:innen, sondern auch lokale Autor:innen, Naturwissenschaftler:innen und Historiker:innen über Themen, die von Grenzburger Landschaftsgeschichte bis zur Bedeutung von Wasser in religiösen Traditionen reichen. So trat im Herbst 2024 der Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Martin Fischer aus Butha auf und referierte über „Heilige Orte in der Grenzburger Erzähllandschaft“, mit einem besonderen Schwerpunkt auf der Legende von Hildegard und der Grenzquellquelle.

Jugendgruppen-Treffen und ökumenische Projekte gehören ebenso zum Gemeindeleben. Jeden Freitag trifft sich die Jugendgruppe „AufWind“ im Pfarrgarten, wo unter der Leitung von Jugendlichen wie Lina Schneider und Paul Reuter diskutiert wird, wie Glaube, soziales Engagement und Umweltverantwortung zusammengehen können. Die Treffen sind lebhaft: Themen reichen von nachhaltiger Landwirtschaft in der Region Oberburg bis zu Planungen für das nächste Umweltfestival auf der Wiese hinter der Baude am Hundehaufen. Einmal im Jahr organisiert „AufWind“ zusammen mit dem Pfarrteam eine mehrtägige Radtour entlang der alten Grenzburger Landschaftspfade, bei der ökumenische Andachten an verschiedenen Stationen stattfinden und lokale Landwirt:innen als Gastgeber:innen agieren.
Auch im Bereich Umwelt- und Schöpfungspflege ist die Kirchengemeinde aktiv. Seit 2020 betreut ein ökumenisches Team, initiiert von Pfarrer Schmidt und unterstützt durch Gemeindeglied Dr. Karin Herzog, ein Streuobstwiesenprojekt auf der Hangterrasse nördlich der Kirche. Dort wurden alte Sorten gepflanzt, die typisch sind für den Landkreis Grenzburg, und ein Lehrpfad mit Informationstafeln über Klima, Boden und Biodiversität eingerichtet. Schulklassen aus Oberburg und Nachbardörfern besuchen die Wiese im Rahmen von Unterrichtseinheiten zu Ökologie und nachhaltiger Landnutzung. Jedes Jahr im Oktober wird das „Fest der Ernte und Schöpfung“ gefeiert, ein ökumenischer Gottesdienst unter freiem Himmel, begleitet von einem Markt mit regionalen Produkten und Workshops zur Permakultur.
Ein weiterer Akteur in der Kirchengemeinde ist der pensionierte Förster Hermann Ludwig, der regelmäßig sonntags als Gastsprecher über Waldpflege, Artenvielfalt und die Bedeutung der alten Grenzburger Wälder spricht. Seine engagierten Ausführungen, oft untermalt durch anschauliche Zeichnungen und Exkursionen, ziehen Menschen aus der ganzen Region an. Ebenfalls erwähnt werden muss die örtliche Fördervereinigung „Freunde der St. Hildegard“, deren Vorsitzende, Elisabeth Meyer, seit Gründung 1998 unermüdlich Fundraising-Aktionen und Publikationen zur Geschichte der Kirche organisiert hat. Dank dieser Arbeit konnten wichtige Restaurierungen finanziert werden, wie die Erneuerung der historischen Glasfenster im Kirchenschiff 2004 und die Ausstattung des Kirchensaals mit einer barrierefreien Empore.
Im Jahreslauf spielt die Bergkirche St. Hildegard eine zentrale Rolle im kulturellen und spirituellen Leben Oberburgs. Höhepunkte sind der Hildegardstag am 17. September, an dem Pilgergruppen aus der Region ankommen, um gemeinsam Gottesdienste, Workshops zu Kräuterkunde und Singen zu erleben; der Adventsmarkt im Dezember, bei dem kirchliche und weltliche Stände rund um das Gemeindehaus aufgebaut sind; und die ökumenische Friedenswoche im Frühjahr, in der Vorträge, Diskussionsrunden und ein gemeinsamer Chorabend unter dem Thema „Frieden in der Grenzlandschaft“ stehen.
So ist die Bergkirche St. Hildegard nicht nur ein Bauwerk mit langer Geschichte, sondern ein lebendiger Mittelpunkt, in dem Glauben, Gemeinschaft und Engagement ineinandergreifen – getragen von Menschen aus Oberburg, dem Landkreis Grenzburg und darüber hinaus, die hier gemeinsam über Zeiten und Generationen hinweg Orientierung und Austausch finden.

