Arvid Nokes – Neimlis – Freitag, 27. März 2026, Nachmittag
Ich habe heute Nachmittag den Fragebogen von Fenja Wulf noch einmal gründlich durchgelesen. Er lag seit Tagen auf meiner Werkbank, zwischen einer halboffenen Kiste Impeller und dem Notizblock, auf dem ich mir aufschreibe, welche Außenborder gerade wieder dieses typische „Nach-Starkwind-Kratzen“ haben. Jedes Mal, wenn ich den Zettel sah, dachte ich: Später. Heute war später. Es ist merkwürdig, wie so ein paar harmlose Fragen einen Menschen aus dem Takt bringen können. Ich bin Mechaniker, kein Schreiber. Ich kann dir sagen, warum ein Zweitakter bei Kälte anders klingt, aber nicht, wie ich „Atmosphäre“ oder „Identität“ in Worte fassen soll. Und doch war ich ja dabei, bei dieser Rüstzeit in Abflußstedt, im Hotel „Zum Abfluss“, mit Blick auf den Grenzfluss, der morgens so ruhig dalag, als würde er uns zuhören. Vielleicht ist es genau das, was Fenja will: dass wir uns erinnern, nicht nur an das, was wir getan haben, sondern an das, was es mit uns gemacht hat.
Anreise und Ort
Ich bin mit der Seelandbahn gefahren, 17:24 ab Neimlis, der Zug war fast leer. Der Abendnebel hing schon über dem Grenzsee, und als wir in Abflußstedt ankamen, war die Luft feucht und roch nach Schnee. Ich erinnere mich, dass ich dachte: Gut gewählt, Fenja. Ein Ort, der nicht so tut, als wäre er etwas anderes. Vielleicht schreibe ich das auch so. Es klingt ehrlich.

Unterkunft und Umgebung
Das Hotel „Zum Abfluss“ ist kein Ort, der Eindruck schinden will. Die Zimmer sind schlicht, die Wände dünn, und wenn morgens die ersten Züge durchfahren, vibriert das Bett leicht. Aber die Küche war gut, und der Blick auf den Fluss hat uns irgendwie geerdet. Ich glaube, das ist der Satz, den ich Fenja geben werde: „Der Ort hat uns geerdet.“ Und es stimmt. Wenn man den Grenzfluss sieht, wie er den See verlässt und in die Ebene zieht, dann versteht man, dass alles weitergeht, ob man bereit ist oder nicht.
Der erste Tag – Ankommen, Glaube und Identität
Ich habe mich schwergetan mit der Andacht. Nicht, weil sie schlecht war – Fenja kann das –, sondern weil ich mich selten in solchen Runden öffne. Aber als wir über „Fundament“ sprachen, musste ich an die Votivtafeln in St. Corvinius denken, an die Geschichten von Leuten, die nach Starkwindlagen gerettet wurden. Fundament ist das, was bleibt, wenn der Wind dreht. Vielleicht schreibe ich das. Es klingt fast zu poetisch für mich, aber es ist wahr. Was meine persönlichen Stärken angeht – ich weiß nicht. Die anderen sagten, ich sei ruhig, wenn es hektisch wird. Dass ich Dinge zu Ende bringe. Ich habe nur genickt. Ich bin Mechaniker. Wenn etwas kaputt ist, repariere ich es. Wenn etwas läuft, lasse ich es laufen. Vielleicht ist das auch im GKR so.
Der Samstag – Arbeit an unserer Gemeinde
Das war der anstrengendste Tag. Wir haben über Zuständigkeiten gesprochen, über Prioritäten, über das, was wir schaffen können und das, was wir uns nur einreden. Ich habe gemerkt, wie sehr wir alle an Grenzen stoßen – Zeit, Kraft, Leute. Marit Ohl, unsere Küsterin, war zum ersten Mal dabei, und ich fand es gut, wie klar sie Dinge benannt hat. Sie sieht die Gemeinde aus einem anderen Winkel, einem praktischen. Mich hat überrascht, wie viel wir tatsächlich schon tun. Man merkt das im Alltag nicht. Man sieht nur, was fehlt. Aber an diesem Samstag sahen wir auch, was da ist.

Freizeitgestaltung – Gemeinschaft erleben
Abends sind wir am Fluss entlanggelaufen, bis zur Kaimauer. Die Lichter spiegelten sich im Wasser, und irgendwo spielte jemand leise Musik aus einem offenen Fenster. Wir haben gelacht, über Dinge, die nichts mit Gemeinde zu tun hatten. Das tat gut. Gemeinschaft entsteht nicht in Sitzungen, sondern in solchen Momenten. Ich könnte schreiben: „Wir haben erlebt, dass wir miteinander können, auch ohne Tagesordnung.“
Ergebnisse der Rüstzeit
Das ist der schwierigste Teil. Nicht, weil es nichts gab, sondern weil es so viel war. Wir haben beschlossen, klarere Prioritäten zu setzen. Nicht alles gleichzeitig, nicht alles sofort. Wir wollen eine Art 6‑Jahres‑Planung beginnen, damit wir nicht jedes Jahr neu überlegen, was wichtig ist. Und wir wollen Zuständigkeiten klarer benennen, damit nicht immer dieselben alles tragen.
Ich habe gesagt, dass wir lernen müssen, Dinge auch mal liegenzulassen. Nicht aus Faulheit, sondern aus Verantwortung. Wenn man zu viel will, geht etwas kaputt – im Motor wie im Menschen. Vielleicht schreibe ich: „Wir haben gelernt, dass Entlastung kein Luxus ist, sondern Voraussetzung für gute Arbeit.“
Sonntag und Abschluss
Der Abschlussgottesdienst war ruhig. Kein großes Pathos. Nur wir, ein paar Lieder, ein Gebet. Ich erinnere mich an das Licht, das durch die Fenster fiel, und daran, dass ich dachte: Es ist gut, dass wir das gemacht haben.
Was bleibt?
Für mich bleibt die Erkenntnis, dass ich Teil von etwas bin, das größer ist als meine Werkstatt, größer als Neimlis, größer als die Boote, die ich repariere. Ich nehme mit, dass wir als GKR nicht perfekt sein müssen, aber ehrlich. Dass wir einander brauchen. Und dass Hoffnung manchmal einfach bedeutet, dass man weitermacht. Ich freue mich auf die nächsten Schritte. Nicht, weil sie leicht werden, sondern weil wir sie gemeinsam gehen.
Ich glaube, so werde ich es Fenja geben. Vielleicht kürzer, vielleicht mit weniger Abschweifungen. Aber im Kern so. Und wenn sie fragt, warum ich so lange gebraucht habe, sage ich ihr:
Weil manche Dinge Zeit brauchen, bis sie Worte werden.

