Bergflos (Landkreis Talflos – Ackerland)

(Pop.: 752 – 750m NN)

Bergflos liegt dort, wo ein Tal noch kein Tal sein will: ganz oben am Floßbach, kurz unterhalb der Quelle, auf etwa 750 Metern. Die ersten Meter des Wassers sind hier kein Flusslauf, sondern ein Geflecht aus Quellaustritten, nassen Rinnen und kleinen Becken, die sich unter Wurzeln sammeln und dann als klarer Strang den Hang hinunterziehen. Das Dorf sitzt wie ein Riegel quer über dieser jungen Wasserspur. Wer mit der Floßbachbahn ankommt, steigt an einem kleinen Bahnhof aus, dessen Bahnsteig zugleich Holzrampe ist: links Personenwartehäuschen, rechts Stapelplätze, auf denen Stämme nach Längen sortiert liegen, mit Kreidestrichen und farbigen Klammern, damit später niemand streitet, was zu welcher Lieferung gehört. Bergflos zählt rund 750 Einwohner, und man merkt dem Ort an, dass er nicht aus einer Siedlungslaune entstand, sondern aus Arbeit.

Am Dorfplatz – eine breite, befestigte Fläche mit Brunnenrinne, Holzpfosten zum Anketten von Pferden und einem Anschlagkasten, der nie leer ist – beginnt die Bergstraße. Sie zieht in engen Kurven an der Hangkante entlang, vorbei an Schuppen, deren Tore so breit sind, dass früher ganze Floßteile hineingeschoben werden konnten. Ein Stück weiter steht das Gebäude, das alle nur „die Meisterei“ nennen: ein niedriger, langgestreckter Bau mit steinernem Sockel, in dem früher die Floßmeister die Holzlisten führten und die Mannschaften einteilten. Heute sitzt dort das Büro der Forstgenossenschaft; an den Wänden hängen noch die alten Tafeln mit Wasserständen und die abgegriffenen Stempelplatten für die Brandzeichen. Gleich gegenüber liegt die Bergfloser Stube am Dorfplatz 5 – unten Gaststube, hinten Küche, oben einige Zimmer mit Blick auf den Bachlauf, wenn man sich weit genug aus dem Fenster lehnt.

Der Ortsname wird in Bergflos gern erklärt, ohne dass sich alle auf dieselbe Erklärung einigen. Die nüchterne Version: „Berg“ ist hier kein Schmuck, sondern eine Richtungsangabe, und „Flos“ steht für das Floß, das am Quellhang seinen Anfang nimmt. Die andere Version wird eher abends erzählt, wenn jemand das dritte Glas abstellt: Ein früher Floßmeister soll beim ersten großen Holztrieb im Frühjahr so ungeduldig gewesen sein, dass er das unfertige Floß am Hang „aufbockte“, damit es nicht in den Quellsumpf rutscht. Ein Kind habe das „Berg-Floß“ auf der Wiese gesehen und den Namen in den nächsten Ort getragen; seitdem sei er geblieben. Was an diesen Geschichten stimmt, ist weniger wichtig als der Ton, in dem sie vorgetragen werden: Bergflos trägt seine Herkunft als Floßfahrer-Dorf sichtbar mit sich. Früher sammelte man hier die Stämme und schickte sie im Frühjahr über den Floßbach hinunter bis Talflos; heute übernimmt die Floßbachbahn diese Aufgabe, aber die alte Logik des Ortes – Holz, Wasser, Hang – bleibt dieselbe.

Die Floßbachbahn, offiziell AckB97, ist dabei mehr als Zubringer. In Ackero ist sie eine Regionalbahn unter vielen; in Bergflos ist sie Taktgeber. Wenn der Zug kommt, stehen zwei oder drei Leute schon am Zaun der Rampe: jemand aus der Forstgenossenschaft, jemand von der Werkstatt, manchmal auch ein Wirt, der Gäste abholt, die mit Rucksäcken und zu leichten Schuhen ankommen. Die Strecke zwischen Ackero und Bergflos misst gut 44 Kilometer und folgt auf weiten Abschnitten dem Wasserlauf, bevor sie sich in die oberen Lagen zieht. Wer nur kurz bleiben will, orientiert sich am Fahrplan: ab Bergflos fahren die Züge im Zweistundentakt Richtung Ackero, vom frühen Morgen bis in den Abend. Auf der Straße ist es die B32, die Bergflos anbindet; sie führt aus dem Tal heraus und weiter in Richtung Tornso sowie über Rechbergau zurück in belebtere Gegenden.

Der Frühling ist die Zeit, in der Bergflos am ehesten „Besuch“ merkt – nicht durch Menschenmassen, sondern durch ungewohnte Geräusche. Von März bis April läuft das Rafting auf dem Floßbach, eine Tour, die in Bergflos beginnt und nach Talflos führt. Der Ablauf ist so handfest wie das Material: Zuerst werden am Ufer im „Floßschuppen“ die Teile ausgegeben – Bohlen, Querhölzer, Seile, die schweren Knotenstangen. Dann bauen die Teams ihre Flöße zusammen, beaufsichtigt von Leuten, die das nicht als Abenteuersport, sondern als Fortsetzung einer alten Handbewegung begreifen. Einer der Guides ist oft Jaron Kessler, ein drahtiger Mann mit ständig nassen Händen, weil er beim Erklären jedes Seil kurz anfeuchtet, „damit es setzt“. Wenn die Flöße endlich im Wasser liegen, wirkt der Floßbach oben noch schmal und unberechenbar, später kommen ruhigere Abschnitte und dann wieder Stellen, an denen das Wasser am Rand aufschäumt, weil es über Steine zieht, die im Sommer trocken liegen.

Neben Holz und Wasser prägt ein zweites Handwerk den Ort: Glas. Die Glasbläserei Bergflos in der Bergstraße 12 ist tagsüber an einem gleichmäßigen Rauschen zu erkennen, das aus dem Ofenraum kommt, und an der Art, wie Menschen vor den Fenstern stehen bleiben, ohne gleich einzutreten – erst schauen, dann klopfen. Im Verkaufsraum liegen Serien von Gebrauchsgläsern neben Einzelstücken: dickwandige Krüge mit eingezogenem Rand, schmale Kelche, Flaschen mit kleinen Luftblasen, die absichtlich nicht „korrigiert“ werden. In der Werkstatt arbeiten meist drei bis vier Leute gleichzeitig, und wer Glück hat, sieht, wie ein glühender Tropfen am Ende der Pfeife erst zu einer Kugel, dann zu einem Zylinder wird, bevor die Form ihn zwingt. Bekannt ist die Werkstatt dafür, dass sie spezielle Gläser für den Lancre Apple Jack herstellt; sie müssen stabil sein, aber so dünn am Rand, dass der Geruch nicht verloren geht, wenn man das Glas nur kurz anhebt.

Wer im Dorf herumläuft, merkt schnell, dass Bergflos nicht nur aus „einer“ Straße besteht. Da gibt es den Quellweg, der zum Quellhaus führt – ein kleines, gemauertes Gebäude mit Metalltür, an dem die Leute im Sommer Wasserflaschen füllen. Es gibt die Bahnhofstraße, die eher ein Arbeitsweg ist: Sägewerkstatt, Reifenstapel, ein Hof, der im Frühjahr nur „der Trockenplatz“ heißt, weil dort Paddel und Schwimmwesten an Leinen hängen. Und es gibt die Kammstraße, die aus dem Ort hinaus Richtung Gebirgsrücken zieht. Von hier führen Bergstraßen weiter hinauf zum Kamm des Westmassivs und in Richtung Brass Eck, der mit seinen 1258 Metern über dem Tal steht. Oben, nahe einer Wegbiegung, hängt an einem Pfosten ein Blechkasten mit Einträgen: Wetter, Sicht, manchmal ein kurzer Hinweis, ob der letzte Abschnitt noch Schnee hält oder ob die Forstleute gerade arbeiten.

Das Gemeindeleben ist entsprechend praktisch organisiert. Es gibt eine kleine Schule, die man im Ort „die Quellschule“ nennt – ein zweigeschossiger Bau mit Werkraum im Erdgeschoss, weil Holzarbeiten hier nicht als „AG“, sondern als Grundkenntnis gelten. Daneben steht die Kita, deren Zaun aus alten, glattgeschliffenen Floßstangen gebaut ist. Am Rand des Dorfplatzes sitzt die freiwillige Feuerwehr; ihr Gerätehaus ist zugleich Treffpunkt für den Abend, wenn drinnen die Helme trocknen und draußen jemand an einer Motorsäge herumfragt, warum sie „unter Last“ ausgeht. Für Besucher wirkt das alles zurückhaltend, aber nicht verschlossen: In Bergflos spricht man schnell über das, was man tut, und langsam über das, was man ist.

Wer bleibt, bleibt meist wegen der Wege – und weil der Ort das richtige Maß an Infrastruktur hat, ohne sich dafür groß aufzubauen. In der Bergfloser Stube bekommt man mittags eine Suppe, die mehr nach Wurzelgemüse als nach Rezept schmeckt, und abends oft etwas, das aus dem Wald kommt: Pilze, eingelegt oder gebraten, dazu Brot aus dem Dorfbackhaus, das zweimal pro Woche angeworfen wird. Im kleinen Laden am Dorfplatz – offiziell „Kram & Paket“, weil dort auch die Postabholung läuft – stehen neben Mehl, Batterien und Schrauben auch Ersatzschnüre für Wanderstöcke und Regenponchos, die in Bergflos niemand „Outdoor“, sondern schlicht „nützlich“ nennt. Wer ein Souvenir sucht, landet am Ende doch wieder bei Glas: ein schlichtes Trinkglas mit winziger, eingearbeiteter Wellenlinie, die nur sichtbar wird, wenn man es gegen das Licht hält – eine Erinnerung daran, dass in Bergflos alles mit einem Bach beginnt.

Ch.: B32 (W: Tornso 14km, O: Rechbergau 7km); Waldwege nach Brass Neck, Bad Ass, Westgebirgsdorf

B.: AckB97 alle 2 Stunden 7:01 – 21:01 nach Ackero