
(Pop.: 325 – 286m NN)
Schon von weitem kündigt der gedrungene Kirchturm von Mühla den Ort an, lange bevor die ersten Schindeldächer zwischen den Bäumen auftauchen. Wer die schmale Ack11 von Hasselberg her nimmt, spürt den Wechsel sofort: Der Wald tritt zurück, der Mühlenbach zwängt sich durch ein flaches Wiesental, und auf 286 Metern Höhe liegt ein Dorf, das seinen Namen ernster nimmt, als es auf den ersten Blick scheint. 325 Menschen leben hier, verteilt auf ein gutes Dutzend Höfe und Häuser, und wer nach dem Ortsnamen fragt, bekommt von den Alten gern die Geschichte der Drei Mühlen erzählt – drei Wassermühlen, die einst am Bach klapperten und dem Flecken seinen Namen gaben. Die letzte von ihnen, die Untere Mühle gleich hinter der Brücke, mahlte noch bis in die 1960er Jahre Getreide; heute steht ihr morsches Wasserrad still, aber die Dorfjugend hat den Platz mit ein paar Bänken und einem ausrangierten Mühlstein in eine heimliche Aussichtsplattform verwandelt.
Mühlas eigentlicher Stolz aber liegt unsichtbar unter den Füßen: der Antares-Tunnel, ein 11,5 Kilometer langer Eisenbahntunnel, der das gesamte Westmassiv durchstößt und Ackerland mit dem Küstenkreis Andos verbindet. Als der Tunnel zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut wurde, war Mühla der logistische Knotenpunkt am östlichen Portal – von hier aus rollten Baumaterial, Maschinen und Arbeiter in den Berg hinein. Noch heute erinnert ein kleiner Gedenkstein neben dem Bahnwärterhäuschen an die Männer, die das Ding in den Fels getrieben haben, und an manchen Sommerabenden sieht man den hell erleuchteten Gegenzug in der Ferne wie ein unbestimmtes Versprechen aus dem Berg brechen. Der Bahnhof selbst ist ein schmuckloser Haltepunkt, an dem die Züge der Linie AckB101 alle zwei Stunden Richtung Ackero oder Andos halten – ein kurzer Pfiff, ein paar zusteigende Wanderer mit Rucksäcken, dann kehrt wieder Stille ein.
Die Seele des Dorfes teilen sich im Grunde zwei Häuser: das Gasthaus Mühlenblick in der Mühlenstraße 12 und der Berggasthof Antaresblick an der Bergstraße 6.
Der Mühlenblick ist eine jener Familienpensionen, bei denen man durch die niedrige Tür in eine Stube tritt und sofort den Duft von gebackenem Hefeteig in der Nase hat. Serviert wird, was der Mühlenbach hergibt – vor allem Forelle Müllerin mit Butter und Mandeln – und in der kalten Jahreszeit kommen Wildgerichte aus den umliegenden Wäldern auf den Tisch. Drei Gästezimmer mit knarrenden Dielen und handgestickten Bettbezügen laden zum Übernachten ein; reserviert wird am besten telefonisch bei Frau Krämer, der Schwägerin des Wirts, die den Gästetrakt seit dreißig Jahren führt.

Ein paar hundert Meter höher, an einem Hang mit unverstelltem Blick auf das Westmassiv, liegt der Berggasthof Antaresblick. Eberhard Wagner und seine Frau Ilsebil führen das Haus mit einer Gelassenheit, die sofort spüren lässt, dass hier niemand etwas beweisen muss. Der Gastraum ist rustikal und warm, im Winter knistert ein offenes Kaminfeuer, und wer sich nach einer langen Wanderung über die Hänge von Kastor oder Pollux an den Holztisch setzt, bestellt am besten die hausgemachte Kartoffelsuppe mit Wurst und ein Glas von Wagners selbstgebrautem Bier. Vegetarier bekommen frisches Gemüse aus der Region, und auf der kleinen Terrasse kann man sitzen, dem Plätschern eines Nebenbaches lauschen und dabei zusehen, wie die Schatten der Wolken über die gegenüberliegenden Gipfel wandern. Auch der Antaresblick bietet einige Gästezimmer – schlicht, mit Aussicht und bequemen Betten, sodass man morgens von der Sonne geweckt wird, die langsam hinter dem Antares hervorkriecht.
Die Kirche von Mühla steht ein wenig abseits der Hauptstraße, auf einer leichten Anhöhe, die im Frühjahr von wildem Flieder gesäumt wird. Architektonisch ist sie eine schlichte Saalkirche mit hellem Putz, einem gedrungenen Turm und einem Dach, das mehr als einmal geflickt werden musste. Innen riecht es nach altem Holz und Bienenwachs, und die Bänke sind so abgewetzt, dass man beim Hinsetzen automatisch leise wird. Pfarrerin Helene Dornbusch, die zweimal im Monat aus Bergstedtchen herüberkommt, hält ihre Predigten kurz und ihre Tür danach umso länger offen – bei Kaffee und Butterkuchen im Gemeindehaus nebenan bespricht man dann die Dinge, die im Dorf wirklich zählen: wessen Heuernte nass geworden ist, ob die neue Glocke endlich bezahlt werden kann und warum der Organist zum Erntedankfest immer dasselbe Lied spielt. Getauft wird im Mühlenbach, wenn das Wetter mitspielt, und die Konfirmanden pflanzen zur Erinnerung einen Apfelbaum auf der Streuobstwiese hinter dem Friedhof, eine Tradition, die inzwischen eine kleine Allee hervorgebracht hat.
An Bildungseinrichtungen besitzt Mühla, wie es sich für ein Dorf dieser Größe gehört, lediglich eine kleine Grundschule in einem umgebauten Fachwerkhaus neben der Kirche. 17 Kinder aus Mühla und dem benachbarten Hasendorf lernen hier in einer jahrgangsgemischten Klasse bei Lehrer Markus Feldkamp, der selbst in Mühla geboren wurde und jeden Morgen mit dem alten Hollandrad von seinem Hof am Waldrand herunterrollt. Sobald es auf die weiterführende Schule geht, steigen die Kinder in den Bus nach Bergstedtchen, das mit seinen rund 4.500 Einwohnern und dem kleinen Museum am Mühlenbach das eigentliche Zentrum des oberen Tals bildet. Ein eigener Kindergarten existiert nicht; die Kleinsten werden von drei Tagesmüttern betreut, die sich die Betreuung in einem ehemaligen Stallgebäude teilen, das liebevoll Zwergenstube getauft wurde.
Handwerk und Landwirtschaft prägen das Arbeitsleben. Die Tischlerei Gebr. Holler am östlichen Ortsrand fertigt Fensterrahmen und Bänke für die gesamte Umgebung, und der Hof von Bauer Friedrich Albers liefert Milch an die kleine Käserei im Nachbarort Hausen, die wiederum den Hausener Bergschmaus veredelt. Ein paar Einwohner pendeln über die Ack10 in die Gewerbegebiete von Ackero; die meisten aber arbeiten, wo sie wohnen, und verdienen sich notfalls mit Forstwirtschaft oder einem Zimmer für Wanderer ein Zubrot.
Das Gemeindeleben spielt sich vor allem im Dorfgemeinschaftshaus ab, das im Winter seinen alten Kohleofen anwirft und donnerstags den Mühlaer Chor proben lässt. Der Feuerwehrverein teilt sich das Gebäude mit dem örtlichen Wanderverein, und einmal im Jahr, zum Mühlenfest am ersten Augustwochenende, wird die Straße zwischen Brücke und Kirche gesperrt, ein Zelt aufgestellt, und es gibt Bratwurst, selbstgepressten Apfelsaft und eine Tombola, deren Hauptpreis meist ein Räucherschinken aus Hasendorf ist – was wiederum einige Hasendorfer dazu bewegt, über den schmalen Waldweg herüberzulaufen und sich unter die Mühlaer zu mischen.
Für den täglichen Bedarf sorgt ein kleiner Dorfladen in der Bachstraße, der gleichzeitig als Paketshop, Postannahmestelle und inoffizielle Nachrichtenbörse fungiert. Inhaberin Rita Sommer bestellt auf Wunsch auch Dinge, die nicht im Regal stehen, und wer sein Brot vergessen hat, bekommt morgens frische Brötchen aus Bergstedtchen geliefert. Ein Bankautomat existiert nicht; fürs Nötigste reicht ein Sparschwein auf Ritas Ladentheke, in das die Leute ihr Wechselgeld werfen, wenn sie es eilig haben. Die nächste Arztpraxis findet sich in Hasselberg, aber für kleinere Wehwehchen kommt einmal pro Woche Dr. Lorenz Vorberg mit seinem alten Auto ins Gemeindehaus und richtet eine Sprechstunde ein, deren Wartezeit man mit Gesprächen über das Wetter und den Zustand der Wege überbrückt.
Übernachtungsmöglichkeiten bieten neben den beiden Gasthöfen auch zwei Privatzimmer auf Bauernhöfen an: Familie Albers vermietet unter dem Namen Heubodenblick eine kleine Dachkammer mit Waschgelegenheit, und bei Marlies Fink am Kräuterhof kann man wohnen und gleich noch getrocknete Bergkräuter und selbst gemachte Salben mitnehmen. Für kulturelle Ausflüge lohnt sich ein Abstecher nach Bergstedtchen mit seinem Heimatmuseum oder nach Hausen, wo unter den Hängen von Kastor, Pollux und Antares das jährliche Bergfest gefeiert wird. Wer dagegen einfach nur sitzen, schauen und zur Ruhe kommen möchte, bleibt in Mühla, holt sich ein kühles Bier im Biergarten des Antaresblicks und beobachtet, wie das letzte Licht des Tages den Antares in ein tiefes Rot taucht.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: AckB101 aller 2 Stunden 7:13 – 21:13 nach Ackero, 6:50 – 20:50 nach Andos
Straße: Ack10 (N: Hausen); Ack11 (W: Hasselberg, O: Bergstedtchen) Waldweg nach Hasendorf
Land: Ackerland
Landkreis: Talflos
Postleitzahl: ACK-5160 Mühla im Westmasssiv

