(Pop.: 677 – 288m NN)

Kurzdorf liegt nicht neben dem Radies-Wald, sondern darin. Wer von der B361 kommt, merkt den Wechsel an der Luft: weniger Feldgeruch, mehr feuchtes Holz, dazu der gleichmäßige Ton des Baches Quorzo, der hier noch schmal ist und trotzdem ständig da. Das Dorf gehört zum Landkreis Dermbach, hat 677 Einwohner und liegt auf 288 Metern. Es zieht sich als Straßendorf den Bach entlang, ohne einen Platz zu haben, der alles bündelt. Stattdessen reiht sich Haus an Haus, Hof an Hof, und dazwischen gibt es immer wieder kleine Zugänge ans Wasser: eine Böschung, ein Brettsteg, ein Stück Ufer, das jemand mit Steinen gefasst hat, weil es sonst bei jedem Starkregen ausfranst.

Ankommen kann man auf verschiedene Arten, aber Kurzdorf wirkt am stimmigsten, wenn man Zeit mitbringt. Die Zentralmassivbahn hält alle zwei Stunden; der Bahnsteig ist klein, die Wartebank steht so, dass man den Bach nicht sieht, aber hört. Wer mit dem Zug aussteigt, läuft ein paar Schritte und ist sofort in diesem typischen Kurzdorfer Geräuschmix: Wasser, das über Kies geht, ein Lieferwagen, der in der Hauptstraße zurücksetzt, und aus einer offenen Garage das kurze Aufheulen eines Motors, der nur „mal eben“ getestet wird. Mit dem Auto ist Kurzdorf wegen des Autobahndreiecks Neuhaus gut erreichbar – A6 und A5 sind nah genug, dass viele Bewohner ihre Wege danach planen. Im Dorf selbst wird es dann schnell wieder eng: die Hauptstraße ist Dorfstraße, Bachstraße und Durchfahrt in einem, und jeder hier kennt die Stellen, an denen zwei große Fahrzeuge besser nicht gleichzeitig durchwollen.

Kurzdorf ist kein Ort, der viel Schaufenster hat, aber es hat eine klare Arbeitsmitte: am Ende der Hauptstraße steht das „Kurzdorfer Milchwerk“ in der Hauptstraße 41. Von außen sieht man eine moderne Annahmehalle, saubere Rampen, Rohre, Tanks, dazu ein Anlieferhof, der wie ein kleiner Platz funktioniert. Dort stehen Bänke, nicht als Deko, sondern für Verkostungen. Wer zur richtigen Zeit kommt, sitzt zwischen Milchsammelwagen und Stapelkisten und probiert Schnittkäse, während nebenan ein Fahrer seine Papiere abgibt. Der Käse ist das Thema, über das in Kurzdorf viele sprechen, ohne dass es wie Marketing klingt: „Der von letzter Woche war fester“, sagt jemand, „weil’s nachts wieder kalt war“, sagt ein anderer, und das genügt als Erklärung.

Lea Wintjes, 37, leitet die Annahme und die Käseküche. Sie ist gelernte Milchtechnologin und hat zuvor in einer größeren Molkerei gearbeitet, bevor sie nach Kurzdorf zurückging, weil sie „den Rohstoff sehen“ wollte, wie sie es nennt. Bei ihr sieht man das am Umgang: Sie prüft die Milch nicht nur nach Zahlen, sondern nach Routine, die in der Hand steckt – Deckel auf, kurzer Blick, Geruch, dann erst das Protokoll. In der Käseküche wird Schnittkäse hergestellt und ein fester Ziegenkäse, der im Dorf inzwischen so selbstverständlich ist, dass manche ihn einfach „den Weißen“ nennen. Ziegenmilch kommt von zwei Betrieben aus der Umgebung, und wenn eine Lieferung ausfällt, weiß es Kurzdorf am selben Tag, weil dann am Milchwerk über Alternativen gesprochen wird: wer noch etwas hat, wer morgen nachliefert, wie man den Ansatz umstellt.

Direkt neben dem Milchwerk gibt es eine kleine Tür mit einem Schild „Verkauf“. Drinnen steht kein Laden im klassischen Sinn, eher ein Tresen, ein Kühlschrank, ein Regal mit Käsemessern und Gläsern. Marita Seelig, 59, verkauft dort zweimal pro Woche; sie war früher in der Verwaltung der Gemeinde und kennt noch jeden Hofnamen. Wer bei ihr einkauft, bekommt nicht nur Käse, sondern eine klare Auskunft, wann die nächste Verkostung ist und ob die Bänke draußen frei sind, weil „heute die Schulklasse kommt“. Für Gäste ist das der einfachste Einstieg in Kurzdorf: hinsetzen, probieren, zuhören. Es ist ein Ort, an dem man die Dorfstruktur versteht, weil Landwirte, Pendler und Spaziergänger denselben Platz nutzen, ohne einander zu stören.

Kurzdorf hat auch diese zweite, weniger geordnete Mitte: den alten Dreschschuppen. Er steht etwas zurückgesetzt, erreichbar über einen kurzen Abzweig, den viele nur „Dreschweg“ nennen. Das Gebäude ist groß, Holz und Wellblech, innen riecht es nach Staub, altem Stroh und Kabelisolierung. Die Dorfjugend nutzt den Schuppen als Proberaum. Das klingt nach harmloser Freizeit, führt aber in der Erntezeit regelmäßig zu Diskussionen. Wenn Mähdrescher und Anhänger spät abends noch laufen und gleichzeitig aus dem Schuppen Schlagzeug und Bass kommen, ist es nicht die Lautstärke allein, sondern die Frage nach Prioritäten: Arbeit, die wartet, oder Musik, die endlich einen Platz hat. Den Schlüssel zum Schuppen verwaltet Timo Bracht, 28, Elektriker und nebenbei Jugendwart im Sportverein. Er ist derjenige, der nach den Proben kontrolliert, ob die Sicherung wieder drin ist und ob niemand das Stroh in der Ecke als Sitzkissen missbraucht hat. In manchen Nächten steht er mit zwei älteren Landwirten vor der Tür und verhandelt nicht über „Lärm“, sondern über Zeiten: „Bis zehn“, sagt der eine, „bis halb elf“, sagt Timo, und am Ende findet man eine Lösung, die am nächsten Tag nicht noch einmal erklärt werden muss.

Das öffentliche Leben verteilt sich in Kurzdorf auf mehrere kleine Orte. Es gibt ein Feuerwehrhaus an der Hauptstraße, erkennbar an dem Tor, das oft offensteht, weil jemand am Fahrzeug arbeitet oder Schläuche trocknet. Daneben liegt ein kleiner Platz, auf dem im Sommer ein Tor steht und im Herbst manchmal Kisten gestapelt werden, wenn jemand Äpfel sortiert. Ein richtiger Supermarkt fehlt, aber es gibt einen Dorfladen mit Postschalter in der Nähe der Haltestelle: „Bachladen Kurzdorf“, geführt von Ronja Ahlfeld, 45. Sie verkauft Brot, Grundbedarf, Tierfutter, und sie nimmt Pakete an. Vor dem Laden stehen zwei Stehtische, an denen man eher wartet als sitzt: auf den Bus, auf einen Anruf, auf jemanden, der „gleich“ noch vorbeikommt. Wer Bargeld braucht, nutzt den Automaten an der Ladenwand, der zuverlässig funktioniert, solange der Wald nicht gerade wieder eine Leitung erwischt hat.

Eine Kirche gibt es auch, klein, am oberen Abschnitt der Hauptstraße, wo der Bach näher an die Häuser rückt. Innen ist es schlicht: helle Wände, Holzbänke, ein paar Erinnerungsstücke an Familien, die seit Generationen hier wohnen. Die Gemeinde ist nicht groß, aber die Kirche bleibt ein Fixpunkt für bestimmte Termine. Zu den praktischen Anlässen gehört das Erntedankwochenende, an dem das Milchwerk eine kleine Spendenkiste für den Jugendraum aufstellt und der Chor aus Dermbach herüberkommt. Danach sitzt man nicht lange im Kirchenschiff, sondern eher draußen am Bach oder im Gasthaus, wenn man ohnehin weiterreden will.

Kurzdorf hat nämlich ein Wirtshaus im eigenen Ort: die „Quorzo-Stube“ an der Hauptstraße 18, ein Raum mit Tresen und wenigen Tischen. Serviert wird einfach, aber konsequent: Suppen, Braten, Käseplatte – natürlich mit Produkten aus dem Milchwerk, ohne dass es groß betont wird. Und dann gibt es diese zweite Adresse, die im Dorf immer wieder fällt, obwohl sie nicht in Kurzdorf liegt: das Gasthaus „Zum Radieser Tor“ in Dermbach. In Kurzdorf wohnt ein Mechaniker, der dort ab und zu reinschaut. Er heißt Eike Dörner, 51, spezialisiert auf Landmaschinenhydraulik, und er ist einer, der selten lange sitzt. Wenn er im „Radieser Tor“ auftaucht, trinkt er ein Bier, fragt nach zwei Leuten am Nebentisch, ob die Ersatzteile angekommen sind, und fährt wieder – nicht unhöflich, sondern weil sein Alltag aus Terminen besteht, die niemand sieht, bis eine Maschine stillsteht.

Für Gäste ist Kurzdorf kein Ort mit Hotelkomplexen. Es gibt zwei, drei Zimmervermietungen: bei Familie Wintjes am Bachwinkel 6 ein Dachgeschosszimmer, das morgens nach Kaffee riecht, und bei den Ahlfelds hinter dem Laden ein kleines Gästezimmer, das oft Monteure nutzen, die am Autobahndreieck zu tun haben. Wer zu Fuß unterwegs ist, geht gern vom Ort aus in den Radies-Wald hinein. Der Weg folgt zunächst dem Bach, dann steigen die Pfade an, und nach wenigen Minuten wird es stiller. Man trifft Pilzsammler, Spaziergänger mit Hund, manchmal jemanden mit einem Eimer, weil es im Wald Stellen mit Beeren gibt, die im Dorf genau bekannt sind, aber selten erklärt werden.

Kurzdorf wirkt am Ende wie ein Ort, der seine Lage ernst nimmt: Waldtal statt Ebene, Bach statt Feldgraben, Arbeit statt Ausflugsprogramm. Das Milchwerk am Ende der Hauptstraße gibt dem Dorf ein Ziel und einen Treffpunkt. Der Dreschschuppen gibt der Jugend einen Raum, der immer wieder neu ausgehandelt wird. Und die Hauptstraße hält alles zusammen, von der ersten Hofeinfahrt bis zu den Bänken am Anlieferhof. Wer hier zwei Tage bleibt, nimmt weniger „Sehenswürdigkeiten“ mit als eine genaue Vorstellung davon, wie Kurzdorf funktioniert: über Wege, die man mehrfach geht, über Orte, an denen man sich trifft, und über Produkte, die nicht als Souvenir gedacht sind, sondern als Teil des Alltags.

Verkehrsverbindungen:

Bahn: ZMB20 aller zwei Stunden 7:09 – 21:09 nach Kohla, 7:33 – 21:33 nach Althaus

Straße: Autobahndreieck Neuhaus: A6 (W: Kohla), A5 (N: Nudeltopf, S: Seestadt); B361 (W: Quorzo 10km, O: Neuhaus 7km), SEE11 (S: Jena 10km, N: Radies 9km)