Die Kirche St. Gregorius-Bach in Ausschnittdorf steht am Kirchweg 2, etwa zweihundert Meter östlich der Gewerbestraße, wo die Hallen der Medienbeobachtung stehen. Das Gelände fällt von hier aus sanft ab zum Murmur River, dessen Lauf man an den Weidenreihen erkennen kann, die das Ufer säumen. Gegenüber der Kirche, auf der anderen Seite des unbefestigten Weges, liegen drei Wohnhäuser aus verputztem Backstein, in denen Mitglieder des Kirchenchors und der Küster wohnen. Die nächste Nachbarin ist die Familie Krombach, die hinter ihrem Haus eine kleine Mostpresse betreibt und der Gemeinde jedes Jahr im Herbst die ersten Flaschen Apfelsaft für das Erntedankfest stiftet.
Der Patron der Kirche ist eine doppelte Widmung, die in Zentravia selten vorkommt. Gregorius meint hier nicht nur Papst Gregor den Großen, sondern ist bewusst mit dem Namen Bach verbunden – eine Entscheidung des Pfarrers und des Kirchenvorstands aus dem Jahr 1928, als man das alte, baufällige Vorgängergebäude durch einen Neubau ersetzte. Die Kombination sollte den doppelten Auftrag der Gemeinde ausdrücken: die gregorianische Tradition der geordneten Liturgie und die Bach’sche Kunst der musikalischen Durchdringung des Glaubens. Tatsächlich ist der Namenszusatz „Bach“ im Volksmund längt zum alleinigen Namensgeber geworden; die meisten Dorfbewohner sagen einfach „zur Bach“, wenn sie den Gottesdienst meinen.
Das Gebäude selbst ist ein schlichter, rechteckiger Saalbau aus hellgrauem Putz, der von außen eher an eine große Scheune erinnert denn an ein kirchliches Monument. Der Turm ist gedrungen und nicht viel höher als der First des Kirchenschiffs; er trägt ein flaches Zeltdach mit einer kleinen Laterne, in der zwei Glocken hängen. Die größere von ihnen, 1952 gegossen, trägt die Inschrift „Lobet ihn mit Psaltern und Harfen“ – ein Zitat, das der damalige Kantor wählte, der selbst ein passionierter Lautenspieler war. Das Mauerwerk zeigt an der Südseite deutliche Spuren einer Verstärkung aus den siebziger Jahren, als man den Bau nach einem feuchten Winterfundament neu unterfangen musste. Die Fenster sind hoch und schmal, in Blei gefasst, aber ohne Farbverglasung; sie lassen viel Licht herein, sodass der Raum innen hell und nüchtern wirkt. Die Holzbalkendecke ist dunkel geölt, die Bankreihen aus Kiefer sind einfach gezimmert und tragen an den Wangen kleine Messingschilder mit den Namen von Familien, die über Generationen hinweg „ihre“ Bank unterhalten – ein Brauch, den Pfarrerin Luise Hartmann bewusst fortführt, weil er die Kontinuität der Gemeinde sichtbar macht.
Pfarrerin Hartmann, eine Frau um die fünfzig mit kurzem grauen Haar und einer Vorliebe für grobgestrickte Pullover, kam vor elf Jahren aus der Hauptstadt Zentro nach Ausschnittdorf. Sie hatte zuvor an der Lucidianischen Universität als Assistentin im Fach Praktische Theologie gearbeitet und wechselte bewusst aufs Land, weil sie „das Predigen nicht länger an Modellen üben, sondern an echten Leuten erproben“ wollte, wie sie einmal in einem Gespräch sagte. Ihre Predigten sind berühmt für die Art, wie sie biblische Texte mit den lokalen Gegebenheiten verknüpft. Wenn sie über das Gleichnis vom Sämann spricht, fragt sie, ob der Same auch in den trockenen Sommern aufgeht, wenn der Maispreis fällt; wenn sie von der Stillung des Sturms erzählt, vergleicht sie die Jünger im Boot mit den Mitarbeitern der Medienfirma, die morgens um halb sieben vor den Scannern sitzen und den Nachrichtenstrom auszuhalten haben. Sie kennt fast alle der 982 Einwohner mit Vornamen und notiert sich in einem kleinen Heft, wer krank ist, wer eine Prüfung vor sich hat oder wessen Traktor gerade repariert werden muss. An den Mittwochnachmittagen ist ihr Sprechzimmer im Pfarrhaus offen für jedermann; dann kommen Leute, die einen Brief an das Amt in Drosen aufsetzen wollen oder einfach nur reden müssen.

An ihrer Seite arbeitet Kantor Matthias Greiner, ein Mann Ende dreißig, der in Paulstedt aufwuchs und in Zentro Kirchenmusik studierte. Er ist jeden Donnerstagabend im Gemeindesaal, um mit dem Chor zu proben – einem Ensemble von etwa fünfzehn Leuten, darunter die Bäuerin Ella Schöne, der Mediendokumentarist Tobias Fink und der Rentner Horst Ramlow, der früher bei der Post war und nun die Noten austeilt. Greiner hat es durchgesetzt, dass im Chor nicht nur die klassischen Kantaten gesungen werden, sondern auch alte zentravische Lieder aus dem Umland, die er in Archiven aufgestöbert hat. Sein Ehrgeiz ist es, zu jedem Erntedank eine Messe aufzuführen, bei der die Instrumente genau die Klangfarbe treffen, die Bach vorgesehen hätte – auch wenn er dafür manchmal bis nach Drosen fahren muss, um einen Fagottisten zu leihen.
Küster ist Henrik Pöhler, ein gelernter Schreiner, der vor zwanzig Jahren aus Pölau hierher heiratete. Er öffnet morgens um halb acht die Kirche, heizt im Winter den kleinen Ofen in der Sakristei und sorgt dafür, dass die Glocken pünktlich läuten. Sein Amt versteht er praktisch: Er repariert die Bänke, wenn eine Lehne wackelt, streicht alle drei Jahre die Außentür und notiert in einem Schulheft, wann die Kerzen nachbestellt werden müssen. Im Sommer mäht er den Friedhof neben der Kirche mit einem alten Aufsitzmäher, den die Gemeinde vor Jahren von einem Bauern übernahm. Pöhler ist auch derjenige, der die Lesehütte am Murmur River im Blick behält; wenn dort ein Brett morsch wird oder das Dach undicht ist, holt er seinen Werkzeugkasten und flickt es, meist noch am selben Tag.
Die Kirchengemeinde lebt nicht nur vom Sonntagsgottesdienst, sondern von einer Reihe von Aktivitäten, die Menschen zusammenbringen, die sonst wenig miteinander zu tun hätten. Viermal im Jahr veranstaltet der Frauenkreis einen karitativen Basar im Gemeindesaal. Dann backen die Bäuerinnen Kuchen, die Konfirmanden basteln Kerzen aus Bienenwachs, und die Mitarbeiter der Medienfirma stiften aussortierte Fachzeitschriften, die für wenig Geld verkauft werden. Der Erlös geht an die Tafel in Drosen, die damit Lebensmittel für bedürftige Familien kauft. Organisiert wird der Basar von Renate Kessler, einer rüstigen Achtzigjährigen, die früher einmal die Dorfschule leitete und heute noch jedes Gemeindemitglied mit Namen und Geburtsdatum kennt.

Ein ungewöhnliches Angebot sind die Taufvorbereitungskurse, die Pfarrerin Hartmann zusammen mit jungen Eltern durchführt. Sie finden nicht im Gemeindehaus statt, sondern in den Wohnungen der Familien, oft am Küchentisch. Hartmann bringt eine Schale mit Wasser mit und lässt die Eltern erzählen, woher sie kommen, was ihnen wichtig ist und warum sie ihr Kind taufen lassen wollen. Aus diesen Gesprächen sind in den letzten Jahren mehrere Patenschaften entstanden, die über die reine Taufpatenrolle hinausgehen: Einige der jungen Väter helfen jetzt beim Aufbau des Sommerfestes, eine Mutter singt gelegentlich im Chor mit.
Seit drei Jahren gibt es einen Smartphone- und Computerkurs für Senioren, den der achtzehnjährige Konfirmand Leon Mazurek ins Leben rief. Mazurek, dessen Eltern in der Medienfirma arbeiten, zeigte den älteren Gemeindegliedern, wie man mit dem Handy fotografiert, eine Nachricht verschickt oder im Internet nach Fahrplänen sucht. Der Kurs findet jeden zweiten Samstag im Gemeindesaal statt und ist so beliebt, dass inzwischen eine Warteliste existiert. Die Teilnehmer bringen ihre eigenen Geräte mit, und Mazurek wird unterstützt von zwei weiteren Jugendlichen, die dafür von der Gemeinde eine kleine Aufwandsentschädigung bekommen. Die älteste Teilnehmerin, die 92-jährige Frieda Gollnow, hat auf diesem Weg gelernt, ihren Enkeln in Zentro regelmäßig Fotos von ihren selbstgestrickten Socken zu schicken.
Die Verbindungen der Kirchengemeinde reichen weit über das Dorf hinaus. Der Kreis Drosen unterhält eine enge Beziehung zur Kirche, weil hier viele der Angestellten aus der Kreisverwaltung wohnen oder ihre Kinder taufen lassen. Der Landrat Konrad Weishaupt, selbst in Seifartsdorf zu Hause, kommt gelegentlich zu den Abendandachten in der Karwoche und hat schon mehrfach die Schirmherrschaft für das Gemeindefest übernommen. Auch das Institut für Pflanzenbiologie und Biodiversität in Flemmingen arbeitet mit der Gemeinde zusammen: Jedes Jahr im Frühling pflanzen die Konfirmanden unter Anleitung von Institutsmitarbeitern eine neue Blühwiese auf dem Friedhof an, um Insekten zu fördern. Die Forscherin Dr. Maja Schönherr, die in Flemmingen lebt, hält im Gemeindehaus Vorträge über heimische Wildkräuter und zeigt, welche davon auf dem Friedhof wachsen und für Grabgestaltung genutzt werden können.
In der Medienfirma an der Gewerbestraße sitzt mit Benedikt Wrede ein Mann im Aufsichtsrat, der zugleich Mitglied des Kirchenvorstands ist. Er hat durchgesetzt, dass die Firma der Gemeinde kostenlos einen Serverplatz zur Verfügung stellt, auf dem die Gottesdiensttermine und die wöchentlichen Mitteilungen gespeichert werden. Außerdem druckt die firmeneigene Kopierstation jeden Monat das Gemeindeblatt – zweihundert Exemplare auf grauem Recyclingpapier, die der Küster dann in die Briefkästen verteilt. Wrede selbst singt Bass im Chor, obwohl er nach eigenen Angaben „nicht den richtigen Ton treffe“, aber seine Frau sagt, er brumme wenigstens laut genug, dass man ihn höre.
Mit Gasston, einer Stadt im Nordosten des Landkreises, gibt es eine Partnerschaft mit der dortigen Kirchengemeinde St. Corvinius. Zweimal im Jahr treffen sich die Chöre beider Kirchen zu einem gemeinsamen Singen, abwechselnd in Ausschnittdorf und in Gasston. Dann wird im Anschluss gegessen, was die Frauen mitgebracht haben, und die Männer stehen draußen und besprechen die Ernte oder die neuesten Entwicklungen an der Autobahn. Der Pfarrer von Gasston, ein stiller Mann namens Urban Teichmann, tauscht sich regelmäßig mit Luise Hartmann über die Taufkurse aus; die beiden haben ein gemeinsames Konzept entwickelt, das inzwischen in mehreren Dörfern des Kreises übernommen wurde.
Der Kirchenchor ist regelmäßig in der Stadtkirche St. Lucian in Drosen zu Gast. Bei dem jährlichen Chorfest, das Ensembles aus dem ganzen Kreis zusammenführt, singen die Ausschnittdorfer immer am Samstagnachmittag, bevor dann am Abend die großen Chöre aus Fuka und Meyen auftreten. Die Organisation dieses Festes liegt in den Händen von Ingrid Pöhler, der Frau des Küsters, die im Kirchenvorstand für Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Sie schreibt handschriftliche Einladungen an alle beteiligten Gemeinden, notiert, wer welches Gericht zum Buffet beisteuert, und sorgt dafür, dass genügend Stühle im Gemeindesaal stehen.
Am nördlichen Ortsrand, dort wo die Zauberbirken beginnen, hat die Gemeinde vor fünf Jahren einen Kreuzweg angelegt. Es sind vierzehn schlichte Holzsäulen, jede mit einer kleinen Skulptur versehen, die der Bildhauer Thomas Angenendt aus Flemmingen schnitzte. Angenendt, der in seiner Werkstatt in der Werkstraße hauptsächlich Möbel restauriert, arbeitete zwei Winter lang an den Figuren und verlangte als Bezahlung nur, dass die Gemeinde ihm dafür jedes Jahr im Herbst einen Korb mit Äpfeln und Nüssen aus den Gärten der Mitglieder schickt. Der Kreuzweg endet an einer kleinen Lichtung, auf der ein einfaches Holzkreuz steht – ein Ort, der in der Passionszeit für Andachten genutzt wird und sonst Wanderern als Rastplatz dient.
Die Kirche St. Gregorius-Bach ist in Ausschnittdorf kein Bauwerk, das man aus der Ferne ansteuert. Sie ist der Ort, an dem die Woche beginnt, an dem getauft, getraut und getrauert wird, und an dem sich die Fäden des Dorflebens kreuzen. Wer an einem Sonntagmorgen durch das schmiedeeiserne Tor am Kirchweg 2 tritt, hört vielleicht schon den Chor proben oder sieht den Küster die Kerzen richten. Und wenn dann die Glocken läuten, klingt ihr Klang bis hinaus auf die Felder, zu den Hallen der Medienfirma und hinunter an den Murmur River, wo die Lesehütte steht – ein Geräusch, das so selbstverständlich zum Dorf gehört wie der Traktor am Morgen oder das Surren der Scanner in der Gewerbestraße.

