
(Pop.: 7.523 – 351m NN)
Wer sich dem äußersten Nordosten des Kreises Drosen nähert, spürt, wie die Landschaft den Atem anhält. Auf 351 Metern über dem Meer, auf dem sanft gewellten Drosener Rücken, liegt Gasston mit seinen 7.523 Einwohnern wie eine helle Insel zwischen Feldern, Hecken und dem geheimnisvollen Zaubernebelhain, der knapp oberhalb der Stadtgrenze beginnt. Wenn am frühen Morgen Dunstschwaden vom Wald herabziehen, versteht man sofort, warum hier vieles mit Nebel, Duft und feiner Wahrnehmung zu tun hat.
Der Name Gasston sorgt bis heute für freundliche Debatten am Stammtisch. Die einen behaupten, er gehe auf einen alten Flurnamen zurück, der „Gars Ton“ bedeutete, eine Anspielung auf den lehmigen Boden. Andere erzählen von einem reisenden Glasbläser namens Gasto, der hier einst seinen Ofen aufschlug und dessen „Stein des Gasto“ zur Ortsbezeichnung wurde. Wahrscheinlicher ist eine nüchterne Erklärung aus der Frühzeit der Besiedlung, doch in Gasston liebt man die Version mit dem wandernden Handwerker. Sie passt besser zu einer Stadt, die zwischen Tradition und Technik pendelt.

Der alte Ortskern gruppiert sich um den Marktplatz, ein rechteckiger Platz mit Kopfsteinpflaster, auf dem mittwochs und samstags Markt gehalten wird. Bauern aus der Umgebung bringen Käse, Honig und Gemüse, und zwischen den Ständen diskutieren Rentner über Politik, während Kinder am Brunnenrand balancieren. Am Kirchweg 1 erhebt sich die Kirche St. Corvinius, ein heller Bau aus regionalem Sandstein. Der Turm mit seiner schiefergedeckten Haube ist schon von weitem sichtbar. Im Inneren fällt das Licht durch hohe Rundbogenfenster auf schlichte Holzbänke. Besonders bemerkenswert ist das geschnitzte Chorgestühl aus dem 18. Jahrhundert, das Szenen aus dem Leben des heiligen Corvinius zeigt, darunter die berühmte Darstellung mit dem Raben, der dem Heiligen ein Brot bringt. Pfarrerin Elena Markwardt, seit einigen Jahren im Amt, hat die Gemeinde belebt. Neben klassischen Gottesdiensten organisiert sie Sommerkonzerte und eine ökumenische Lichterprozession in den Zaubernebelhain, bei der hunderte Laternen wie Glühwürmchen durch die Dunkelheit wandern.

Gasston ist keine Museumsstadt. Sie arbeitet, tüftelt und denkt voraus. Am südlichen Stadtrand, wo moderne Hallen aus Glas und Stahl stehen, sitzt die Firma QuickCircuit Elektrotechnik. Das Unternehmen produziert hochpräzise Leiterplatten und Steuerungssysteme für die Elektroindustrie. Werktags strömen Mitarbeitende aus Gasston und den umliegenden Orten durch das Werkstor. In der Kantine spricht man über neue Projekte, über den letzten Heimsieg des Fußballvereins und über die Frage, ob der Nebel dieses Jahr früher einsetzt als sonst. QuickCircuit gilt als verlässlicher Arbeitgeber und bildet jedes Jahr mehrere Auszubildende aus.
Eng verknüpft mit der industriellen Seite ist das Zentrum für Mikro- und Nanotechnologie, das sich in einem flachen, futuristisch anmutenden Gebäudekomplex nahe der Z-8 befindet. Hier wird an winzigen Strukturen geforscht, die in Sensoren, Medizintechnik oder Umweltmessgeräten Anwendung finden. Besucher können nach Anmeldung an Führungen teilnehmen und durch Glaswände in Reinräume blicken, in denen Forschende in weißen Anzügen wie Figuren aus einem Science-Fiction-Film wirken. Dass ein Ort dieser Größe ein solches Institut beherbergt, verdankt Gasston seiner Lage zwischen ländlicher Ruhe und guter Anbindung an die größeren Städte der Region.

Trotz aller Technik bleibt die Natur stets präsent. Der Zaubernebelhain, ein Mischwald mit alten Buchen und seltenen Wildkräutern, beginnt oberhalb der Stadt. Ein beschilderter Rundweg führt in gut zwei Stunden durch lichte Abschnitte und moosige Senken. An feuchten Tagen steigt ein würziger Duft aus dem Boden, und man begegnet Kräutersammlerinnen mit Weidenkörben. Einige dieser Pflanzen landen später in der Küche des Gasthauses Zur Nebelmarke an der B55, Hausnummer 44. Abends werden hier Degustationsmenüs serviert, die mit Wildkräutern aus dem Hain arbeiten. Küchenchef Adrian Taler kombiniert Reh aus regionaler Jagd mit fermentierten Waldbeeren und einem Hauch von Waldmeister. Das Restaurant ist schlicht eingerichtet, mit viel Holz und Blick auf die vorbeiführende Straße. Wer einen Tisch möchte, reserviert besser frühzeitig.

Für den späteren Abend empfiehlt sich die Blaue Lagune Bar nahe dem Marktplatz. Hinter einer unscheinbaren Fassade verbirgt sich ein Raum mit tiefblauen Wänden, gedämpftem Licht und einer beeindruckenden Auswahl an regionalen und internationalen Spirituosen. Hier trifft sich ein buntes Publikum: Ingenieurinnen vom Forschungszentrum, Landwirte aus den Randlagen, Studierende auf Heimaturlaub. Barkeeper Samir mixt Cocktails mit Kräuterinfusionen, die subtil an den Zaubernebelhain erinnern, ohne aufdringlich zu sein.
Der Alltag in Gasston spielt sich nicht nur zwischen Kirche, Werkhalle und Wald ab. An der Kreuzung von N55 und Z-8 liegt ein modernes Einkaufszentrum, das von den Einwohnern schlicht „das Center“ genannt wird. Offiziell heißt es Einkaufszentrum an der Kreuzung von N55 und Z-8. Neben einem Supermarkt gibt es hier eine Bäckerei, eine Postagentur, eine kleine Bankfiliale und ein Schreibwarengeschäft, das auch Schulbücher führt. Auf dem Parkplatz begegnet man Menschen aus den umliegenden Ortschaften, die ihre Besorgungen mit einem Besuch in Gasston verbinden.

Zu Gasston gehört auch der kleine Weiler Essteehaus, der an der Z-8 liegt und 24 Einwohner zählt. Auf 321 Metern über dem Meer wirkt Essteehaus fast wie eine Zeitkapsel. Einige Fachwerkhäuser, ein alter Brunnen und weite Felder prägen das Bild. Viele Bewohner arbeiten in Gasston, doch sie schätzen die Stille ihres Weilers. Einmal im Jahr organisieren sie ein Hoffest, zu dem auch die Gasstoner gern kommen. Dann stehen lange Tische zwischen Scheunen, und man hört Geschichten über die Zeit, als die Z-8 noch ein schmaler Feldweg war.
Verkehrstechnisch ist Gasston besser angebunden, als es die ruhige Lage vermuten lässt. Die Bahnlinie 112 der BZF verbindet die Stadt stündlich mit wichtigen Knotenpunkten der Region. Pendler erreichen morgens bequem ihre Arbeitsplätze in Richtung Bundorf oder Kreuzberg, während Ausflügler am Wochenende in die Gegenrichtung aufbrechen. Die Bundesstraße 55 führt nach Norden und Süden und macht Gasston auch für Autofahrende leicht erreichbar. Dennoch bleibt das Stadtbild frei von hektischem Durchgangsverkehr, da sich das Zentrum leicht abseits der Hauptachsen entwickelt hat.
Kulturell setzt Gasston auf eine Mischung aus Bodenständigkeit und Neugier. Im Gemeindehaus finden Theaterabende und Filmvorführungen statt, oft organisiert vom Kulturverein „Rückenwind“. Die Freiwillige Feuerwehr veranstaltet im Sommer ein Fest mit Musik und Grillständen, bei dem sich halb Gasston auf den Beinen befindet. Auf dem Sportplatz am westlichen Stadtrand trainieren Kinder und Jugendliche, während Eltern am Rand stehen und Ratschläge rufen, die nicht immer befolgt werden.
Wer Gasston besucht, sollte sich Zeit nehmen. Zeit für einen Spaziergang durch den alten Ortskern, für ein Gespräch auf dem Markt, für einen Blick in die Werkhallen der Moderne und für einen Teller voll Aromen aus dem Nebelwald. Gasston drängt sich nicht auf. Es entfaltet sich, Schicht um Schicht, wie ein sorgfältig gefertigtes Bauteil aus dem Forschungszentrum, nur dass hier nicht Silizium und Kupfer glänzen, sondern Geschichten, Menschen und ein Hauch von Nebel.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: BZF Bierona-Zentravia-Ferrovia Linie 112 stündlich 7:14-20:14 über Paulstedt nach Bundorf, 21:14 nach Paulstedt; 7:02-20:02 über Drosen und Wisnitz nach Kreuzberg, 21:02 nach Wisnitz, 22:02 nach Drosen
Straße: B55 (N: Varna 14km, S: Flemmingen 9km); Landstraße Z-8 (W: über Essteehaus 5km nach Wildeck 14km, O: weiter als L8 nach Klassimo im Blumenland 11km); Z-9 (NW: Teistig 11km)

