(Pop.: 999 – 317m NN)

Ein Hauch von Harz und feuchter Waldluft liegt in der Luft, wenn man den Weg nach Varna einschlägt. Das Dorf, das sich mit seinen 999 Einwohnern auf 317 Metern Höhe wie ein stilles Geheimnis an den südwestlichen Rand des Whisperwood schmiegt, scheint auf den ersten Blick tief in den Schlaf gesunken. Doch dieser Eindrug täuscht, denn Varna ist ein Ort mit einem überraschend lebendigen Puls, der vor allem dann hörbar wird, wenn die Schnitzer kommen. Der Whisperwood, der das Dorf umgibt, ist kein gewöhnlicher Wald. Sein Name ist Programm, denn unter seinen dichten Kronen ranken sich Legenden um das geheimnisvolle Flüstern der Bäume. Geologen führen das Phänomen auf bestimmte Gesteinsformationen im Untergrund zurück, doch die Bewohner des Landkreises Paulstedt wissen es besser, und die Besucher, die alljährlich zu Hunderten anreisen, kommen genau deshalb. In diesem akustischen Naturwunderland, das sich vom Paulstedter Buckel bis hinüber ins Blumenland erstreckt, hat sich Varna seinen festen Platz erobert – nicht mit Lautstärke, sondern mit der Kunst, dem Holz des Waldes eine neue Stimme zu geben.

Herzstück des dörflichen Lebens und sein Fenster zur Welt ist das legendäre Holzschnitzer-Festival. Einmal im Jahr, wenn das Laub des Whisperwood in sattem Gold und Rot erstrahlt, verwandelt sich der Dorfanger in eine einzige, große Freiluftwerkstatt. Künstler aus ganz Zentravia, aber auch aus den benachbarten Ländern Seeland und Bierland, reisen an, um aus den gewaltigen Stämmen gefällter Bäume lebendige Kunst entstehen zu lassen. Tage- und nächtelang erklingt dann das rhythmische Klopfen von Schlegeln und Stecheisen, während die Bildhauer mit konzentrierter Miene um die Wette arbeiten. Die Festivalnächte, in denen die Halbfertigskulpturen von Fackelschein und dem diffusen Licht der großen Holzfällerlaternen angestrahlt werden, sind von einer fast magischen Anspannung erfüllt. „Man kann dem Holz beim Flüstern zuhören“, sagt Hubert Schnier, ein Holzschnitzer aus Teistig, dessen eigene Werke oft von den Fabelwesen des Waldes inspiriert sind. Am Ende der Woche werden die fertigen Werke unter dem Jubel der Gemeinde versteigert – ein Höhepunkt, der selbst die sonst so beschauliche Stille des Dorfes für einen Abend in eine einzige große Feier verwandelt.

Doch Varna wäre nicht Varna, wäre sein Leben nur auf dieses eine Festival ausgerichtet. Der Ort ist tief in der Tradition verwurzelt, und das zeigt sich nirgendwo deutlicher als im Herzen der Gemeinde, der Kirche von Varna. Der schlichte romanische Bau aus grob behauenem Stein liegt etwas erhöht am nördlichen Ortsrand, wo der Wald noch einmal dichter wird. Einige Stufen führen zu dem schweren, eichenen Portal hinauf, dessen Eisenbeschläge vom Zahn der Zeit genarbt sind. Drinnen herrscht eine fast klösterliche Stille, die nur vom leisen Knarzen der Holzbänke unterbrochen wird.

Der wahre Schatz der Kirche hängt jedoch über dem Altar: ein wertvolles Kruzifix aus dem 13. Jahrhundert. Das Holz ist dunkel und von einer Patina überzogen, die ein Jahrtausend Geschichte zu erzählen scheint. Die Figur des Gekreuzigten ist von einer expressiven, fast schmerzhaften Schönheit, die die Besucher noch Jahrhunderte nach seiner Entstehung zu berühren vermag. Pfarrerin Jorinde Hellmann, die sonst in Teistig wirkt, hält hier jeden zweiten Sonntag im Monat einen Gottesdienst, der vor allem die ältere Bevölkerung des Ortes anzieht. Doch auch sie gesteht, dass sie vor dem mächtigen Kruzifix immer wieder innehalten muss.

Die Handwerkskunst ist das eigentliche Lebenselixier von Varna. Das zeigt sich nicht nur in den temporären Kunstwerken des Festivals, sondern auch im Alltag. Wer durch die ruhigen Straßen des Dorfes geht, deren Namen wie „Zum Blinkitz“ oder „Am Ahornhof“ eine tiefe Verbundenheit mit der Natur verraten, wird unweigerlich zum Betrieb „Varnaer Holzspielzeug“ geführt. In einer großen, hellen Werkstatt am östlichen Dorfausgang, direkt an der Z-10 nach Teistig, läuft die Produktion. Hier, unter der fachkundigen Leitung von Gesa Weber, werden aus heimischem Ahorn- und Buchenholz die traditionellen Bauklötze, Puppenmöbel und Zugsets gefertigt, die längst ihren Weg über die Grenzen Zentravias hinaus gefunden haben. Der Duft von frisch gesägtem Holz liegt beständig über dem Hof, und durch die großen Fenster kann man die Handwerker bei der Arbeit beobachten, wie sie mit ruhigen, präzisen Bewegungen die klaren Formen der Spielzeuge aus den Holzblöcken schleifen. Es ist eine Arbeit, die Zeit und Geduld erfordert – Eigenschaften, die in der schnelllebigen Welt außerhalb des Whisperwood selten geworden sind. Gesa Weber, die den Betrieb von ihrem Vater übernommen hat, schwört auf die Qualität des lokalen Holzes. „Das Ahornholz hier hat eine ganz besondere Dichte“, erklärt sie oft den Besuchern, die in den kleinen Werksverkauf kommen. „Es fühlt sich warm an und nimmt die Hände der Kinder an, ohne zu splittern. Das ist echtes Holz fürs Leben.“

Die Liebe zur Natur manifestiert sich in Varna auf eine ganz besondere Weise: im Tierfreigelände. Ein Stück außerhalb des Dorfes, dicht am Fuße eines sanften Hügels, hat man einen eingezäunten Waldbereich geschaffen, der den Besuchern die scheuen Bewohner des Whisperwood näherbringt. Auf einem gut ausgebauten Rundweg kann man in aller Stille die Tierwelt beobachten. Der größte Stolz des Geländes sind die Luchse und Wildkatzen, die hier in einem artgerechten Gehege leben und erfolgreich wiederangesiedelt wurden. Erik Vogelsang, der pensionierte Förster, der das Gelände ehrenamtlich betreut, kennt jede Katze mit Namen. Er erzählt von den nächtlichen Pirschzügen der scheuen Jäger und weiß, dass der Anblick eines Luchses im ersten Morgenlicht für viele Besucher zum unvergesslichen Erlebnis wird. Es ist eine ruhige, kontemplative Atmosphäre, die perfekt zum Charakter des Ortes passt.

Wenn nach einem langen Spaziergang durch den flüsternden Wald oder einem Tag voller Holzschnitzereien der Hunger kommt, ist die Gaststätte „Zum grünen Jäger“ der richtige Anlaufpunkt. Das Wirtshaus, ein gedrungener, verputzter Bau mit tief heruntergezogenem Dach, liegt genau an der Kreuzung der B55 und der Z-10, dem verkehrstechnischen Nabel des Dorfes. Drinnen gehen die Geräusche der modernen Welt schnell im Gemurmel der Gäste unter. Die holzvertäfelte Gaststube ist ein klassischer Treffpunkt für Jäger und Wanderer, die hier ihre Erlebnisse austauschen. An der Theke steht Wirt Konstantin Auerbach, ein stiller, kräftiger Mann, der die besten Waldpilzgerichte der ganzen Region zubereitet. Sein „Jägertopf“ mit frischen Pfifferlingen und hausgemachten Spätzle ist eine Institution, und die Gäste loben die deftige, ehrliche Küche. Hier trifft man den örtlichen Jagdpächter Ludwig Koller beim gemütlichen Schwatz, hört die neuesten Geschichten über einen besonders kapitalen Hirsch, oder erfährt von den Plänen des Heimatvereins.

Für den Reisenden, der länger bleiben möchte, bietet Varna einfache, aber saubere Unterkünfte. Der Campingplatz am Ortsrand unterhalb des Tierfreigeländes ist ein schlichtes Paradies für Naturliebhaber. Von hier aus kann man morgens direkt in den Whisperwood starten, dem Flüstern der Bäume lauschen und vielleicht sogar einem scheuen Luchs auf der Pirsch begegnen. Die sanitären Anlagen sind zweckmäßig, der Platzwart Jürgen Sowa ist ein wandelndes Lexikon für die besten Wanderwege in der Umgebung.

Von Varna aus ist man in wenigen Minuten mit dem Auto in den umliegenden Ortschaften. Wer es in die Kreisstadt Paulstedt (13 km) mit seiner imposanten Eisenhütte schaffen will, fährt die B55 nach Norden, und wer den Reiz der Kleinstadt Teistig (4 km) mit seiner berühmten Glashütte erleben will, erreicht sie im Westen über die Z-10.

Der Ort selbst hat keine eigene Bankfiliale, aber die Postagentur im Dorfladen von Marta Schönfeld (Dorfstraße 3) ist die zentrale Anlaufstelle für den täglichen Bedarf, Briefmarken und Pakete. Die ärztliche Versorgung ist durch die Praxis von Dr. Hugo Wikström gewährleistet, der jeden Dienstag und Donnerstag seine Sprechstunde in den Räumen neben der Feuerwehr abhält. Die Feuerwehr selbst ist ein wichtiger sozialer Anker, ihr Kommandant Théo Renaud organisiert das alljährliche Maibaumsetzen, das die Dorfgemeinschaft fest zusammenschweißt.

Varna ist kein Ort für hektischen Tourismus. Es ist ein Ziel für die Ruhesuchenden, für die Kunsthandwerksliebhaber und für diejenigen, die die tiefe, ursprüngliche Verbindung zwischen Mensch und Natur noch einmal neu erleben wollen. In der Stille des Whisperwood, im Duft des frischen Holzes und im warmen Licht der romanischen Kirche offenbart sich der ganze, unverfälschte Zauber eines Zentravias, das abseits der großen Straßen seinen ganz eigenen, unvergesslichen Rhythmus lebt.


Verkehrsverbindungen:
Straße: B55 (S: Gasston 14km, N: Paulstedt 13km); Z-10 (W: Teistig 4km, O: als L10 nach Brenin 16km)