(Pop.: 328 – 375m NN)

Manchmal sind es die kleinen Abzweige, die einen zu den größten Überraschungen führen. Im sonst so von der Schwerindustrie geprägten Kreis Paulstedt, wo der Dunst der Hochöfen von Paulstedt den Himmel färbt, liegt ein stiller, fast verträumter Kontrast: das Dorf Klaro. Mit seinen knapp über dreihundert Einwohnern, die auf einer Höhe von 328 bis 375 Metern am südöstlichen Rand des Zentralmassivs leben, ist es der Inbegriff eines abgeschiedenen Arbeitsortes. Die Landstraße B5, die von Kornutal herauf- und dann nach Paulstedt hinabführt, durchschneidet die Siedlung fast wie ein gedanklicher Strich – auf der einen Seite das Dorf mit dem Bahnhof, auf der anderen der Beginn des dichten Bergwaldes.

Das Herz von Klaro schlägt jedoch nicht im Takt der Natur, sondern im Rhythmus einer einzigen, alles überragenden Industrie: der Glasfaser-Manufaktur „Klarosil“. Seit ihrer Gründung in den 1970er Jahren prägt die Fabrik das Gesicht des Ortes. Die lange, moderne Werkshalle mit ihrer bläulich schimmernden Glasfront liegt am südöstlichen Ortsausgang, direkt an der B51. Um sie herum gruppieren sich die schmucklosen, aber gepflegten Wohnhäuser der Arbeiter, deren Gärten oft voller Dahlien und Stockrosen stehen – ein Stück Idyll, das dem industriellen Kern des Dorfes die Schärfe nimmt. Wer durch die ruhige Faserstraße geht, begegnet mit hoher Wahrscheinlichkeit dem langjährigen Produktionsleiter, Herrn Gunnar Vogler, der mit seiner Brötchentüte unter dem Arm von der Bäckerei nach Hause eilt und immer ein freundliches Wort für Auswärtige übrighat.

Die Geschichte des Ortes ist untrennbar mit der Verarbeitung von Quarzsand verbunden, der in den umliegenden Steinbrüchen des Massivs gewonnen wird. Die Legende will wissen, dass der erste Fabrikant, ein gewisser Leonhard Klimt, das Dorf nach seiner Frau benannte. Andere behaupten, der Name leite sich von einem Flurnamen ab, der so viel wie „heller Stein“ bedeutet. Was auch immer stimmt: Die Menschen hier sind Pragmatiker. Das zeigt sich auch im geistlichen Zentrum des Dorfes. Die Kirche von Klaro ist ein schlichter, verputzter Saalbau aus dem Jahr 1900, der fast ein wenig verloren hinter einer hohen Lindenallee an der Kirchstraße 1 steht. Sie hat keine Türme, nur einen kleinen Dachreiter mit einer Glocke. Drinnen ist es still und lichtdurchflutet, die Buntglasfenster zeigen keine Heiligen, sondern Muster aus geometrischen Formen – ein stiller Verweis auf die optischen Gesetze der Glasfaser. Pfarrer Benjamin Tetzlaff hält hier jeden zweiten Sonntag im Monat einen Gottesdienst ab, der von den Fabrikarbeitern, aber auch von den älteren Damen aus der Klaros-Rentnerinitiative besucht wird.

Doch das eigentliche Juwel, das die wenigen Touristen hierherlockt, liegt anderthalb Kilometer südöstlich des Dorfes, versteckt hinter einem Fichtenforst: die „Klaroer Schweiz“. Der Name ist ein wenig hochgegriffen, aber die bizarre Sandsteinfelsen-Landschaft mit ihren tiefen Schluchten und überhängenden Wänden ist in der Tat von einer faszinierenden, fast unwirklichen Schönheit. Vor Ort erklärt ein Hinweisschild der Gemeinde Paulstedt, dass die Formation durch die Verwitterung eines uralten Flussbetts entstand. Der Legende nach sollen sich hier im Mittelalter die Ritter der nahen Burg Kornutal vor dem Feind versteckt haben. Heute ist es ein Paradies für Geologen und Wanderer. Der Weg dorthin ist ausgeschildert, und ein schmaler, wurzeliger Pfad führt hinauf zum „Klaroer Turm“ – einem hölzernen Aussichtsgerüst, von dem aus man bei klarer Sicht einen atemberaubenden Panoramablick über die Wipfel des Whisperwood bis hin zu den rauchenden Schloten von Paulstedt und den sanften Hügeln des Kornutals hat.

Das Leben in Klaro findet vor allem in der Gaststätte „Zur frischen Quelle“ statt. Das Wirtshaus in der Hauptstraße 12 ist mehr als nur eine Kneipe; es ist das Wohnzimmer des Dorfes. Hier sitzen die Schichtarbeiter von Klarosil nach Feierabend an langen Holztischen, und Wirtin Gerlinde Auerbach serviert deftige zentravische Küche, allen voran den berühmten „Bergmannshappen“ – eine dicke Scheibe Schwarzbrot mit Schmalz, Zwiebeln und hausgemachter Blutwurst. Eine Übernachtungsmöglichkeit bietet das einzige Gästezimmer des Dorfes, das liebevoll eingerichtete „Zimmer unterm Dach“ bei Familie Renate und Georg Fechner (Kirchweg 4, Tel. Z-2200/417). Hier wacht man über den Dächern von Klaro auf und hört den leisen, konstanten Singsang der Spinnerei, der wie ein zweiter Herzschlag durch die Nacht summt.

Angebunden ist der Ort hervorragend, auch wenn er abseits der Hauptverkehrsader liegt. Die Zentralmassivbahn (Linie 18A) hält stündlich am kleinen Bahnhof am südlichen Ortsrand. Für den täglichen Bedarf gibt es keinen Supermarkt, aber den „Klaroer Dorfladen“ (Hauptstraße 5), der von Marlies Grünberg geführt wird. Hier gibt es alles, was das Herz begehrt: frische Brötchen, Zeitungen, eine Postagentur und die neuesten Klatschgeschichten. Wer vergisst, dass samstags um 10 Uhr schon geschlossen ist, muss nach Paulstedt oder Kornutal fahren. So klein es ist, Klaro ist ein Ort mit Charakter – ein ruhiger Flecken Erde, in dem die Arbeit zwar laut ist, aber die Uhren noch anders ticken. Ein lohnender Zwischenstopp für alle, die das andere, das stillere Gesicht des Kreises Paulstedt suchen.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Regionalbahnen: Linie 18A (Zentralmassivbahn) stündlich 6:27-20:27 über Novatal nach Blue River, 21:27 nach Novatal; 6:21-19:21 über Weishaus, Münchhausen nach Nudeltopf, 20:21 nach Münchhausen, 21:21 nach Weishaus
Straße: B5 (NW: Kornutal 4km; SO: Paulstedt 11,5km); Z-9 (S: Forstdorf 10km)

LandZentravia
LandkreisPaulstedt
Postleitzahl: Z-2200