25. Oktober 2025.
Früh um sechs hat die Kaffeemaschine länger gerattert als mir lieb war. Unsere Tochter stand schon in der Küche, blass, die Tasse in der Hand, aber ohne einen Schluck zu trinken. Sie hat fast die ganze Nacht wachgelegen, sagte sie. Meine Frau und ich haben das Tablettenfach neu bestückt, Termine auf dem Zettel neben dem Kühlschrank sortiert, der Blick der Tochter blieb an dem morgigen Datum hängen. Ich habe ihr erklärt, dass ich heute für ein paar Stunden nach Western fahre, einfach, um den Kopf zu lüften und letzte Bilder für die Predigt zu sammeln. Sie nickte, erst ruhig, dann zornig, dann müde. Dieses Wechseln erschöpft sie und uns. Ich habe ihr versprochen, am späten Nachmittag wieder da zu sein und abends gemeinsam zu essen.
Mit der IE2001 um 9:26 Richtung Western, der Wagen war halb leer. In Westvorort stiegen zwei Schüler zu und drei Pendler mit Werkzeugkoffern. Die Fahrt durch die Ebene südlich von Western hat mir gutgetan; das Sturmgebirge blieb heute unter Wolken, nur am Rand ein heller Streifen. In Western bin ich zu Fuß in die Altstadt hinüber, über die Brücke, erst Skjoldholm, dann rüber nach Hjaltholm. Auf dem Alten Markt bauten Händler ihre Stände auf; in der Halle der Helden standen zwei Museumspädagogen an einer Vitrine mit Bronzezier, stritten sachlich über eine Datierung. Die St. Olavskirche war offen, die St. Magnus-Kathedrale geschlossen wegen einer Chorprobe am Abend. Später bin ich die Straße der Seefahrer entlang zum Ufer des Havstrøm gegangen, habe im Gasthaus „Zum Alten Drachen“ eine einfache Suppe gegessen und mich danach noch eine halbe Stunde in den Westerwald gesetzt. Das Konzerthaus lag mit seinem hellen Stein in der Ferne, drinnen probte Sinfonia Western laut Programmzettel Ravel; durch die Türen wehte ein Fetzen Flöte bis vor die Stufen. Ich habe mir die Namen notiert, die morgen in meinen Bildern auftauchen dürfen: die zwei Inseln, der Alte Markt, die beiden Kirchen, das Delta, der Wald am Wasser.
Auf dem Rückweg dachte ich an den Mann am Teich, der achtunddreißig Jahre da lag. Was bleibt von diesem Bild, wenn man am Abend wieder eine Tablettenbox aufklappt und versucht, zu dritt eine Mahlzeit ohne Streit zu schaffen. Ich habe mir in Western den Satz zweimal leise gesagt: „Willst du gesund werden?“ Er ist direkt, vielleicht hart, und doch wie eine Hand, die einen zieht. In der Bahn habe ich mir in der Randspalte der Predigt vermerkt, den Schritt vom Wasser weg zu betonen: „Steh auf, nimm deine Matte und geh umher.“ Nicht als Erfolgsgeschichte, sondern als erster, unsicherer Schritt mit wackligen Knien. Das passt zu uns daheim. Unsere Tochter kommt vormittags manchmal aus dem Zimmer, macht zwei Handgriffe im Haushalt und verschwindet wieder. Für Außenstehende ist das wenig. Für uns ist es eine Strecke.
Zu Hause gegen 16:11. Die Wohnung roch nach Tee. Meine Frau hatte einen Zettel hingelegt: „Bitte heute du: Apfelmus, Kartoffeln, Fisch.“ Die Tochter saß am Fensterbrett, die Kopfhörer schief, ich habe mich neben sie gestellt, nichts gesagt. Später hat sie mich angeschrien, weil ich die falsche Teesorte aufgebrüht habe, dann geweint, dann in kurzen Sätzen erzählt, dass sie heute früh das Bad geputzt hat und der Kopf danach sofort wieder zuging. Wir haben zusammen den Müll runtergebracht. Danach war sie erschöpft, aber in ihrem Blick lag für einen Moment kein Nebel.
Nach dem Essen habe ich die Predigt noch einmal laut gelesen, die Stelle mit dem Sabbat gestrichen, die morgen nicht mehr in den vorgegebenen Versen liegt, und mir stattdessen zwei Sätze zu den kleinen Wundern markiert: dass Hilfe manchmal ein Anruf ist, der klingelt, während man den Schlüssel nicht findet; dass es Tage gibt, an denen niemand „Danke“ sagt und doch etwas leichter ist als am Vortag. Heinrich bleibt in der Predigt als Spiegel für viele. Ich habe mir daneben notiert, morgen in Neuwalo den Segen langsam zu sprechen; die Gemeinde hat letzte Woche den neuen Flügel eingeweiht, ich war krank und fehlte, das hole ich nicht nach, aber ich schulde ihnen Ruhe.
Später am Abend liefen die Vorbereitungen im Kopf wie eine einfache Litanei: Wecker 6:30, letzte Fassung ausdrucken, Talar prüfen, Fahrtweg. In all dem habe ich ein kleines Gebet gesetzt, ohne viele Worte. Wenn der Mann am Wasser nach achtunddreißig Jahren aufsteht, steht er gegen Gewohnheit, Scham, Müdigkeit auf. Das ist näher an unserer Küche als mir lieb ist. Morgen werde ich den Satz so sprechen, als gälte er zuerst mir: Steh auf, nimm, was dich gehalten hat, und geh ein paar Schritte. Danach sehen wir weiter.
26. Oktober 2025, nach dem Gottesdienst.
In der St. Ansgar-Kirche in Neuwalo beim waren heute 38 Menschen in den Bänken; ich habe sie nicht gezählt, sondern mir nach dem Segen die Namenslisten vom Willkommensdienst zeigen lassen. Der Mittelblock war voll, die Seitenbänke zur Hälfte. Unsere Tochter saß hinten am Pult, Kopfhörer halb auf, die Finger ruhig auf dem Fader vom Kanzelmikro. Einmal hob sie den Pegel, als ich leiser wurde, einmal nahm sie das Rauschen aus dem Saalmikro, ohne dass jemand es vorn merkte. Ich habe sie im Schlusslied kurz angesehen, sie hat nicht zurückgesehen, aber ich sah, wie sie beruhigter atmete.
Die Predigt ist getragen worden. Beim Kirchenkaffee stand zuerst Herr Kroll neben mir, der seit dem Hüftgelenkwechsel mit Stock geht. „Das mit den wackligen Knien, Herr Pfarrer, das war’s“, sagte er, und tippte mit dem Stock gegen seine Wade. Dann Frau Greven, deren Bruder im Pflegeheim liegt: „Ich habe den Satz mit der Matte für mich umgebaut: Ich trage heute nur eine kleine Matte.“ Später kam der junge Hausmeister aus der Grundschule, Nils, der sonst selten bleibt. Er fragte, ob man das ‚Wunder‘ auch zählen müsse, wenn es nur ein guter Vormittag sei. Ich habe gesagt: „Wenn Sie es merken, dann zählt es.“ Er nickte und steckte sich zwei Butterkekse ein. Ein Kind schenkte mir eine Zeichnung vom „Teich mit fünf Dächern“; die Dächer waren rot, der Teich grün, Jesus hatte blaue Schuhe.
Technisch gab es zwei Bemerkungen: Herr Hennig meinte, die Lesung sei am Anfang zu leise gewesen; unsere Tochter sagte später, der Lektor habe zu weit vom Mikro gestanden. Beim Schlusschoral rutschte einmal der Gemeindemikroständer, sie fing das mit einem schnellen Handgriff ab. Ich war stolz, habe das Wort aber geschluckt. Stattdessen habe ich ihr im Flur den Mantel abgenommen und „Danke für heute“ gesagt. Sie antwortete: „Geht schon“, und lächelte kurz, ein schmaler Streifen.
Jetzt schmort die Lammkeule seit elf Uhr in der Röhre, Rosmarin, Knoblauch, ein Schuss Apfelwein. Die Bohnen warten blanchiert in der Schüssel, die Kartoffeln kochen im großen Topf, zwei Lorbeerblätter treiben oben. Der Küchentisch wirkt heute weniger voll: Predigtmanuskript beiseite, nur das Tranchiermesser liegt schon bereit. Unsere Tochter hat den Timer gestellt und sich mit einer Tasse Tee an das Fenster gesetzt; sie sagt, der Kopf sei „okay müde“ und nicht „schlecht müde“. Meine Frau deckt, zählt Teller, stellt die große Schüssel in die Mitte, die wir seit Jahren für solche Sonntage nehmen.
Ich habe mir von der Predigt zwei Sätze auf einen Zettel notiert, die mit an den Kühlschrank dürfen: „Erster Schritt, auch wenn die Knie wackeln“ und „Kleine Wunder sind gültig“. Sie passen in die Küche, zwischen Einkaufszettel und Tablettenbox. Draußen ist es grau geworden; der Duft aus dem Ofen füllt den Flur, und ich denke daran, dass der Mann am Teich seine Matte unter den Arm nahm, ohne Plan für den Nachmittag. Es reicht, dass er ging. Heute reicht es, dass wir zu dritt am Tisch sitzen, dass die Keule saftig wird, die Bohnen nicht zu weich sind, und dass am Ende jemand „war gut“ sagt, egal wer. Danach mache ich den Abwasch und lege mich eine halbe Stunde hin. Am Abend schreibe ich eine Dankesmail an die Mesnerin und den Willkommensdienst, und an unsere Tochter lege ich still eine Notiz: „Sound heute sicher. Danke.“

