(Pop.: 358 – 169m NN)

Nolenau liegt höher als der Große Teich, auf 169 Metern, an der Stelle, wo die Landschaft beginnt, sich zum Zento-Rücken zu heben. Das Dorf selbst besteht aus wenigen Höfen, die locker um eine dreieckige Grünfläche gruppiert sind. In ihrer Mitte steht eine Linde, deren Äste so tief hängen, dass Kinder sich im Sommer darunter verstecken und Erwachsene den Kopf einziehen müssen, wenn sie den schmalen Trampelpfad unter dem Baum benutzen. Bänke stehen im Schatten, ein hydrantrotes Pumpengehäuse neben einem Sandkasten, der zwar offiziell für die Kinder ist, aber genauso gut als Ablage für Einkaufstaschen taugt. An dieser Grünfläche kreuzen sich die wichtigsten Wege: die Dorfstraße, die als B512 weiter nach Teicha führt, der Ziehener Weg (SEE22) und der schmale Fahrweg, der als Nolenauer Höhe den Hang hinauf zur Alten Wacht zieht.

An der Ostseite der Grünfläche steht der Dorfladen Nolenau. Von außen ist noch gut zu erkennen, dass es einmal ein Stadel war: ein breites Tor, jetzt verglast, das Dach etwas tiefer gezogen als bei den Nachbarhäusern. Über der Tür hängt ein schlichtes Emailschild mit der Aufschrift „Dorfladen Nolenau – Familie Trost“. Morgens, wenn die Busverbindung aus Teicha die ersten Pendler bringt, ist hier schon Betrieb. Vor dem Laden halten ein paar Fahrräder, der Paketwagen steht halb auf dem Randstreifen. Innen sind die Regale eng gestellt, Dosenware und Mehl, Obstkisten und ein Kühlregal mit Milch, Butter und Käse. In der hinteren Kühltheke liegen auf Holzbrettern die Käserollen, für die Nolenau im ganzen Landkreis bekannt ist: runde Laibe in verschiedenen Reifungsgraden, kleine Ziegenkäse mit Kräuterrand, größere Kuhmilchkäse mit leicht rissiger Rinde.

Hinter dem Laden beginnt der Hof der Familie Trost. Durch eine halb geöffnete Tür sieht man in den Käseraum, wo Edelstahlkannen aufgereiht stehen und in einem Becken frische Formen zum Abtropfen bereitliegen. Die Milch stammt von Höfen, die sich die Hänge zum Zento-Rücken hinaufziehen; früh am Morgen kommen kleinere Traktoren und Transporter über den Feldweg „Zentpfad“ heran, liefern Milch ab und nehmen im Gegenzug Käselaibe mit zurück, die sie in Teicha auf dem Markt oder direkt an Gastwirtschaften verkaufen. Wer im Laden einkauft, bekommt auf Wunsch eine schmale Scheibe zum Probieren abgeschnitten, einfach auf Butterbrot gelegt und über die Theke gereicht.

Um die Linde herum liegen die Höfe wie ein lockerer Ring. Der Hof der Familie Brenner an der Südseite hat ein breites Wohnhaus mit schiefergedecktem Dach, dahinter stehen Silos und Maschinenhallen. Getreidefelder ziehen sich von hier aus hinab Richtung Teicha. Am westlichen Rand der Grünfläche steht ein langes, etwas schief wirkendes Haus mit dunkel gestrichenem Holzgiebel – im Dorf heißt es „das krumme Haus am Lindenplatz“. Hier wohnt die alte Frau Mertin, die früher die inoffizielle Dorfchronistin war. In ihrem Fensterbrett stehen kleine Modelle der Alten Wacht und der Aussichtsplattform Zento-Blick, von Hand aus Holz geschnitzt. Kinder bleiben oft davor stehen, bevor sie über den Platz rennen.

Eine eigene Kirche besitzt Nolenau nicht. Die meisten Begräbnisse, Taufen und größeren Gottesdienste finden in Teicha statt, in St. Nautilus. Doch am nördlichen Rand des Dorfes, nahe der Kreuzung zur SEE22, steht eine kleine Kapelle, die als „Feldkapelle Nolenau“ bekannt ist. Es ist ein schlichter Bau aus hellem Putz mit einem hölzernen Dachreiter, darin eine kleine Glocke. Innen befinden sich ein einfacher Holzaltar, ein Bild des Zento-Rückens und einige Bänke. Einmal im Monat hält der Pfarrer aus Teicha hier eine Andacht, oft im Anschluss an einen Spaziergang zur Alten Wacht. An Erntedank schmücken die Bewohner die Kapelle mit Getreidegarben und Körben voller Hülsenfrüchte; diese wachsen auf den fruchtbaren Böden rund um das Dorf, die in den Tafeln am Zento-Blick als typische Böden der Zento-Hänge beschrieben werden.

Die Alte Wacht Nolenau liegt auf einem kleinen Hügel östlich des Dorfes. Ein steiniger Weg, der Wachtsteig, führt von der Dorfstraße aus hinauf. Unterwegs hat man freie Sicht über die Felder, die sich in breiten Streifen den Hang hinauf- und hinunterziehen. Auf der Kuppe stehen nur noch niedrige Steinreste: das runde Fundament eines Turms, ein Mauerzug, der in den Boden übergeht. Informationstafeln zeigen Zeichnungen von früher, als hier Zöllner den Verkehr über die Kammwege kontrollierten, als Zentravia noch deutlich spürbarer Grenze war. Kinder aus Nolenau haben ihre eigene Geschichte: Wenn im Herbst der Wind scharf über den Hügel zieht, legen sie die Ohren an die Steine und schwören, ferne Hornsignale zu hören. Ob sich diese Töne wirklich in den Steinen fangen oder nur in der Fantasie entstehen, bleibt offen, aber fast jedes Nolenauer Kind hat eine Version dieser Erzählung.

Vom Hügel der Alten Wacht aus zweigt der markierte Weg zum Zento-Blick ab. Eine knappe Stunde braucht man von Nolenau aus zu Fuß. Zunächst läuft der Pfad über Feldraine, vorbei an Weidezäunen und einem kleinen Wäldchen, dann verschmälert er sich und folgt dichter den Konturen des Hangs. Schließlich tritt man an eine Kante: Hier ragt eine einfache Stahlkonstruktion, die Aussichtsplattform Zento-Blick, einige Meter über den Abhang hinaus. An klaren Tagen sieht man von hier den gesamten Landkreis Teicha wie auf einer Karte aus menschlicher Höhe: im Westen das Glitzern des Großen Teichs, die Uferfront von Teicha als helle Linie, weiter südlich die Öffnung des Flutkanals. Hinter der Kreisstadt liegt der dunkle Block des Seeland-Waldes, und weiter rechts, hinter dem Zento-Rücken, öffnen sich das Tal des Zento in Zentravia und Silhouetten des Westmassivs. Tafeln erklären, warum der Zento-Rücken die Wolken teilt, warum Regen auf der einen Seite anders fällt als auf der anderen, und wie die Böden um Nolenau zu ihren Erträgen kommen.

Für viele Wanderer ist Nolenau lediglich eine Station auf dem Weg zum Zento-Blick. Morgens starten sie am Hafen von Teicha, laufen über Feldwege nach Norden, und wenn sie die ersten Häuser von Nolenau erreichen, führt sie der Duft aus dem Dorfladen hinein. Dort bekommen sie belegte Brote, Käse, Wasserflaschen. Oft stehen sie dann mit ihren Rucksäcken unter der Linde, den Blick auf die Hügel gerichtet, bevor sie weiterziehen. Für die Menschen im Dorf sind diese Wanderer ein Teil des Alltags geworden. Frau Trost hat hinten im Laden eine Kiste mit Wanderkarten, die sie gegen Pfand ausgibt, und an der Pinnwand hängen Zettel mit Kontaktdaten von Zimmervermietungen in Teicha und Flutkanal.

Nolenau hat keine eigene Schule mehr. Früher stand am Rand des Dorfes ein kleines Schulhaus aus Fachwerk, heute ist dort die örtliche Feuerwehr untergebracht – ein schlichter Bau mit einem Tor, davor ein Übungsplatz mit Schlauchrollen und Leitern. Die Kinder fahren mit dem Bus nach Teicha in die Schule; der Bus hält an der Kreuzung Dorfstraße/B512, und wenn er am Nachmittag zurückkommt, laufen die Kinder in kleinen Gruppen den Berg hinauf, die Schultaschen schlenkernd. Eine kleine Kita-Gruppe gibt es im ehemaligen Bürgermeisterhaus an der Nordseite der Grünfläche, betrieben in Kooperation mit der Kreisstadt; man hört oft die Stimmen der Kleinsten über den Platz, wenn sie unter der Linde Kreidebilder auf den Asphalt malen.

Beruflich dreht sich in Nolenau vieles um Landwirtschaft und kleine Handwerksbetriebe. Die Brenners bewirtschaften ihre Felder mit Getreide und Hülsenfrüchten, die Hofgemeinschaft Lenk an der Nolenauer Höhe setzt auf eine Mischung aus Ziegenhaltung und Gemüsebau. Eine kleine Werkstatt in der Scheune der Familie Krüger repariert Landmaschinen und gelegentlich Fahrräder von Wanderern, die unterwegs eine Panne haben. Einige Bewohner pendeln die fünf Kilometer nach Teicha, arbeiten im Landratsamt, in Geschäften oder bei Betrieben am Stadtrand. Andere fahren auf der SEE22 Richtung Ziehen oder weiter auf der B512 nach Feldzig. Die Busverbindung ist nicht dicht, aber regelmäßig genug, um Arzttermine, Einkäufe und Behördengänge zu organisieren.

Abends verändert sich das Bild des Dorfes. Wenn die Sonne hinter dem Zento-Rücken tiefer sinkt, liegt die Grünfläche im Schatten der Linde. Traktoren kehren von den Feldern zurück, auf Anhängern klappern Kisten und Geräte. Im Dorfladen werden die Lichter gedimmt, die Trosts zählen die Kasse, räumen leere Kisten nach hinten. Auf den Höfen werden noch Tiere versorgt, Schubkarren quietschen, Wasser plätschert in Tröge. Aus einem Fenster im krummen Haus klingt leise Radio, eine Nachrichtensendung, die über Ereignisse berichtet, die weit außerhalb des Kreises liegen.

Nolenau wirkt dann wie ein Ort, der nicht laut auf sich aufmerksam macht, aber in sich geschlossen ist. Die Wege führen klar: hinunter nach Teicha, hinüber nach Ziehen, hinauf zur Alten Wacht und weiter zum Zento-Blick. Doch wer länger bleibt als nur für eine Wanderpause, merkt, dass das Dorf mehr ist als ein Punkt auf diesen Routen. Es ist ein Ort, an dem Käse in einem alten Stadel reift, an dem Kinder in Steinen nach Hornsignalen lauschen, an dem eine Linde die Mitte markiert und der Himmel über dem Zento-Rücken jeden Tag ein wenig anders aussieht.

Straße: B512 (SW: Teicha 5km, N: Feldzig 8km); SEE22 (W: Ziehen 5km, O: Flugdorf 17km)