
(Pop.: 148 – 287m NN)
Jena liegt im Landkreis Dermbach im Seeland am Südhang des Radieser Rücken. Mit 148 Einwohnern wirkt der Ort wie eine lockere Reihe von Höfen, die sich an den oberen Weg setzt, statt sich um einen Platz zu sammeln. Die Zufahrt führt in einen alten Hohlweg, dessen Böschungen das Auto oder Fahrrad automatisch langsamer machen: die Kurven sind eng, die Sicht ist kurz, und nach Regen liegt Laub in den Rinnen, das nicht gleich wieder verschwindet. Abends gibt es wenig Straßenlicht. Zwischen den Höfen wird es schnell ruhig, und man hört eher eine Tür, die ins Schloss fällt, als irgendetwas Städtisches.
Am westlichen Ortsausgang beginnt der Jenzig, ein schmales Wäldchen, etwa einen Kilometer breit und vier Kilometer lang. Hinter dem letzten Hof wechseln Feldrand und Böschung in Wald: Kiefern stehen neben Laubinseln, der Boden ist stellenweise weich, und an manchen Tagen bleibt es dort spürbar feuchter als draußen. Im Jenzig entspringen Gerabach und Samobach. Wer die Quellmulden kennt, sieht nicht „eine Quelle“, sondern nassen Boden, aus dem sich eine schmale Rinne bildet. Kinder gehen im Frühjahr dorthin, weil man mit Stöcken das Wasser freilegen kann und weil es ein Ort ist, an dem man merkt, wie schnell sich Spuren im Boden verändern. Später, unten im Ort, taucht das im Gespräch wieder auf: ob es im Jenzig „noch nass“ ist, ob ein Ast querliegt, ob ein Pfad nach einem Sturm zugewachsen ist.
Trotz der Randlage ist Jena nicht abgeschottet. Vier Kilometer östlich vom Dorf verläuft die A5; ihr gleichmäßiges Rauschen ist je nach Wind mal kaum da, mal in der Nacht deutlicher als am Tag. Die SEE11 bindet Jena nach Norden und Süden, und die SEE6 ist als Querroute erreichbar. Für die Bewohner ist das weniger „Verkehrslage“ als Tagesplanung: Wer einkaufen will, fährt meist nach Osten nach Teichdorf oder nach Süden nach Seestadt. Vor Ort gibt es keine Filiale, keinen Laden, keine Bäckertheke. Was Jena hat, ist ein Hof, der einen Teil des Alltags abfängt – ohne daraus ein Geschäft mit Öffnungszeiten zu machen.

Das ist der Hof Jena 3. Unter einem kleinen Vordach neben der Einfahrt steht ein Kühlschrank, weiß, an einer Ecke mit Klebeband geflickt. Innen liegen Eierkartons, ein paar Gläser und kleine Becher, die mit Filzstift beschriftet sind. Heike Riedel, 44, betreibt diesen Kühlschrankverkauf. Sie hält Ziegen hinter dem Schuppen und füllt Frischkäse in kleine Becher ab; im Herbst presst sie Apfelsaft, wenn genug Obst zusammenkommt. Ihr Partner Lars, 47, arbeitet tagsüber in einer Werkstatt in Frunse und sortiert abends die leeren Kisten, wischt den Kühlschrank aus und legt den Zettel neu hin: „Bitte passend. Wenn leer, morgen wieder.“ Manchmal holt man sich dort nur Eier und trifft niemanden. Manchmal steht Heike gerade mit Gummistiefeln am Tor und sagt im gleichen Satz, dass der Schulbus heute wegen Nebel später kam und dass sie morgen ohnehin nach Seestadt fährt, falls jemand mitmuss.
Die Dorfstruktur passt zu diesem reduzierten Angebot. Jena hat keine geschlossene Ortsmitte, sondern einen Wendeplatz, an dem der Schulbus dreht, und einen Unterstand mit Aushangbrett. Daneben steht eine Bank, deren Holz an der Kante glänzt, weil sie oft benutzt wird. Im Winter liegt in einem kleinen Kasten neben dem Unterstand ein Satz Ersatzhandschuhe, den irgendwer dort deponiert hat und den niemand als „Eigentum“ betrachtet. An den Aushängen steht selten Werbung. Meistens geht es um Termine: die nächste Übung der kleinen Löschgruppe, eine gemeinsame Aktion am Wall, ein Hinweis, dass der Wasserhahn am Unterstand tropft und jemand bitte einen passenden Schlüssel mitbringen möge.

Nicht weit von den Höfen beginnt der Nordprovinz-Wall. Er ist ein niedriger Erdwall mit vorgelagertem Graben und zieht sich als alte Linie durchs Gelände. Man deutet ihn als frühe Grenzsicherung gegen Überfälle, und vor Ort reicht dafür oft schon der Blick: Der Graben liegt so, dass man sich ihn als Hindernis vorstellen kann, und der Wall ist hoch genug, um Bewegung dahinter zu brechen. Im Frühjahr sammeln Kinder dort Tonscherben. Das ist kein offizieller Fundplatz mit Absperrung, eher eine Gewohnheit, die sich hält, weil der Boden nach dem Winter offenliegt und immer wieder kleine Bruchstücke freigibt. Die Scherben landen in Jackentaschen, werden auf dem Heimweg auf einem Baumstumpf ausgekippt und nach „Randstück“ oder „nur Splitter“ sortiert – so ernst, wie Kinder es eben nehmen, wenn etwas plötzlich Bedeutung bekommt.
Dass es dabei nicht nur um Spiel geht, zeigt sich, wenn das Kreisarchiv aus Dermbach ins Dorf kommt. Anja Vollmer, 38, Archivarin, taucht einmal im Jahr in Jena auf, meistens an einem Nachmittag, an dem sowieso jemand am Unterstand sitzt. Sie bringt Kartons, kleine Tütchen, Etiketten und ein Klemmbrett. Anja lässt die Funde ausbreiten, erklärt, woran man gebrannten Ton erkennt, wie man Ränder von Bodenstücken unterscheidet, und was an einer Rille im Material „Zufall“ und was „Handwerk“ sein kann. Manchmal sucht das Archiv gerade bestimmte Fragmente, weil in einer Kiste eine Serie nicht mehr vollständig ist. Dann nimmt Anja ein, zwei Stücke mit, notiert Namen und Fundstelle so genau, wie es im Dorf eben möglich ist („hinter dem zweiten Knick am Graben“) und verspricht, beim nächsten Mal zu sagen, was daraus geworden ist. Danach gehen die Kinder am Wall anders entlang: weniger trampelnd, mehr schauend.
Wer nach Jena kommt, bleibt selten im Auto sitzen. Der Ort funktioniert über kurze Wege, die nicht ausgeschildert werden müssen. Der Hohlweg, der Wall, die Pfade in den Jenzig – das sind Strecken, die man schnell kennenlernt, weil sie tatsächlich benutzt werden. Im Jenzig gibt es Stellen, an denen der Boden auch im Sommer weich bleibt. Nach einem Sturm liegen manchmal Äste quer, und dann sieht man am nächsten Tag, dass jemand sie beiseitegezogen hat. So entstehen kleine, praktische Eingriffe, die nicht diskutiert werden. Wer dort spaziert, merkt auch, wie nah das Wasser an allem ist: Ein kleiner verstopfter Abfluss reicht, und ein Wegstück wird zur nassen Stelle, die man umgeht, bis jemand mit einer Schaufel kommt.

Arbeit in Jena ist entsprechend selten als „Betrieb“ sichtbar. Es gibt einzelne Werkstätten und viel Reparaturarbeit, die über Nachbarn läuft. Tomás Kerl, 52, ist Schreiner und arbeitet in einer Scheune am Hohlweg. Er richtet Türen, die sich gesetzt haben, setzt Fensterrahmen instand, ersetzt eine knarrende Stufe, ohne gleich die ganze Treppe neu zu bauen. Vor seiner Scheune lehnen zugeschnittene Bretter, und auf der Werkbank liegt oft ein Bleistift mit abgenutztem Radiergummi. Tomás nimmt Aufträge aus Jena und aus den umliegenden Orten an, aber er ist niemand, der Schilder aufstellt. Wer ihn braucht, weiß, wo das Scheunentor klemmt und wie man klopfen muss, damit er es hört.
Gemeinschaft zeigt sich in Jena in kleinen, festen Abläufen. Die Löschgruppe ist nicht groß, aber zuverlässig. Wenn das Tor am Gerätehaus offensteht, hängen Schläuche zum Trocknen, und jemand prüft still, ob die Kupplungen sauber sind. Im Sommer gibt es ein Grillen am Wendeplatz, ohne Bühne, ohne Programm. Zwei Tische werden zusammengestellt, jemand bringt Brot, jemand anderes eine Kiste Getränke, und die Gespräche sind so praktisch wie die Wege: wer morgen nach Teichdorf fährt, wer nach Seestadt muss, wer im Jenzig gesehen hat, dass eine Quellrinne wieder Laub angesammelt hat.
Übernachten kann man in Jena in Gästezimmern auf zwei Höfen. Die Zimmer sind schlicht, mit Blick über die Ebene oder zum Hang. Morgens gibt es Kaffee, Brot, manchmal Käse vom Hof Jena 3, und einen kurzen Hinweis, ob im Hohlweg Nebel steht. Wer abends essen will, plant vorher und nimmt sich etwas mit oder fährt wieder hinunter. Jena selbst bietet dafür keinen Imbiss und keine Kneipe, aber es bietet einen Tagesabschluss, der oft aus einem Gang zum Wall oder in den Jenzig besteht – nicht als „Attraktion“, sondern weil es nahe liegt und weil man nach ein paar Minuten merkt, wie schnell der Ort wieder hinter einem verschwindet.
Jena ist ein Dorf, das mit wenig auskommt und damit nicht kokettiert. Der Hohlweg, der Nordprovinz-Wall, der Unterstand am Wendeplatz und der Kühlschrankverkauf am Hof Jena 3 reichen, um den Alltag zu organisieren. Der Jenzig am westlichen Ortsausgang gibt dem Ort zusätzlich eine Rückseite: Wald, Quellmulden, Wege, die jemand freihält, ohne darüber zu reden. Wer das annimmt, versteht schnell, warum Jena nicht nach „Angebot“ wirkt, sondern nach Absprachen – und warum eine Handvoll Tonscherben im Frühjahr ausreicht, um im Dorf für ein paar Tage wieder über Vergangenheit, Boden und Wasser zu sprechen.
Ch.: Autobahn A5 (S: Seestadt, N: Nudeltopf); SEE6 (W: Umpferstedt 10km, O: Frunse 9km); SEE11 (N: Kurzdorf 10km, S: Gera 5km)

