
(Pop.: 587 Einwohner – 499m NN)
Neuhaus liegt oben. Wenn man von der B361 heraufkommt, wird der Blick weiter und der Wind verlässlicher. Die Straße zieht über den Radieser Rücken, und kurz bevor die ersten Höfe erscheinen, öffnet sich links und rechts Weidefläche: Zaunpfähle, Heurundballen, ein paar Pferde, die auch dann den Kopf nicht heben, wenn ein Auto vorbeifährt. Neuhaus gehört zum Landkreis Dermbach, hat 587 Einwohner und liegt auf 499 Metern. Hier oben ist die Luft oft ein paar Grad kühler als unten, und selbst im Sommer bleibt morgens manchmal ein dünner Schleier über den Wiesen stehen, bis die Sonne ihn wegzieht.
Das Dorf wirkt nicht wie ein Platz mit Abzweigungen, sondern wie eine Reihe von Wegen, die auf dem Rücken entlanglaufen und dann in Zufahrten kippen. Wer mit dem Zug kommt, steigt aus der Zentralmassivbahn aus, die alle zwei Stunden hält. Der Bahnsteig ist klein, und viele Wege beginnen von dort aus mit demselben Griff: Jacke schließen, Mütze richten, Tasche besser umhängen, weil der Wind sofort da ist. Pendler fahren Richtung Kohla oder Althaus, und auf dem Rückweg sieht man oft am Gang, wer aus Neuhaus ist: zügig, mit einem Blick nach oben in den Himmel, als würde man nebenbei schon prüfen, ob es am Abend in der Kapelle trocken bleibt.
Mit dem Auto ist Neuhaus wegen des Autobahndreiecks in der Nähe für viele überraschend gut erreichbar. A6 und A5 liegen so, dass man schnell in Richtung Kohla oder hinunter Richtung Seestadt kommt. Trotzdem fühlt sich Neuhaus nicht wie ein Durchfahrtsort an. Die großen Straßen laufen außerhalb, im Dorf selbst geht es um kurze Strecken: zum Stall, zur Werkstattzeile, zum Laden, zur Kapelle, zur Feuerwehr. Und um die Frage, ob man heute noch schnell „runter“ muss oder ob alles Nötige hier oben zu organisieren ist.

Auffällig ist die Werkstattzeile am Hang, Neuhaus 12 bis 18. Wer den Abzweig nimmt, fährt auf eine gemeinsame Zufahrt, die sich wie ein kleiner Hof anfühlt: ein Streifen Asphalt, daneben Schotter, eine Ablagefläche für Paletten, und ein langer Unterstand, unter dem immer irgendetwas steht, das gerade dran ist. Hier teilen sich Sattler, Hufschmied und eine kleine Käsereifiliale die Adresse. Vormittags klappert es, ohne dass es hektisch wirkt. Man hört Hufschläge auf Gummi, das kurze Zischen von Wasser aus einem Schlauch, das Knarzen von Leder, wenn es gespannt wird.
Der Sattler heißt Bastian Kruse, 43. Seine Werkstatt riecht nach Leder, Wachs und Holzleim, und an der Wand hängen Sattelkammern, Riemen, Steigbügelriemen, ein halbes Dutzend Messer in einer Leiste. Bastian repariert nicht nur für Reiter aus Neuhaus, sondern auch für Leute aus den umliegenden Orten, die ihre Ausrüstung nicht wegwerfen wollen. Wenn jemand einen alten Sattel bringt, legt er ihn nicht gleich auf den Tisch, sondern stellt ihn erst auf den Bock und drückt an den Stellen, die nachgeben. Dann sagt er Sätze wie „das trägt noch“ oder „da muss ein neuer Baum rein“, und man merkt: Hier oben wird vieles länger genutzt, weil der Weg zum Ersatz nicht nur Geld, sondern auch Zeit kostet.
Gleich nebenan arbeitet der Hufschmied, Maris Heller, 36. Maris ist früh dran; wer morgens um sieben am Hang vorbeigeht, hört manchmal schon das Metall auf dem Amboss. Die Pferde stehen ruhig, weil sie Maris kennen, und weil der Ablauf immer gleich ist: Huf auskratzen, prüfen, beschlagen oder ausschneiden, kurz absetzen, wieder aufnehmen. Maris hat außerdem eine kleine Ecke für Reparaturen an Karren und Anhängern – nichts Großes, aber das, was im Alltag passiert: eine verbogene Strebe, ein Riss in einer Halterung. Dass so etwas hier gleich mitgemacht wird, ist typisch Neuhaus: Wege sparen, Dinge wieder fahrbereit machen, bevor sie zum Problem werden.

Die dritte Tür in der Zeile gehört zur Käsereifiliale. Sie ist eine Art Außenposten der Käsearbeit aus dem Waldtal, nur eben hier oben, wo die Temperaturen für die Reifung gut zu halten sind. Drinnen stehen Regale, ein Kühlsystem, ein kleiner Raum mit Waschbecken und Bürsten. Einmal am Tag kommt eine Lieferung, und jemand dreht die Laibe, prüft die Rinde, wischt Salzlake ab. Dana Wintjes, 29, betreut die Filiale; sie führt ein Heft mit Chargen und Daten, aber sie entscheidet vor allem mit Blick und Hand: zu feucht, zu trocken, noch eine Woche, noch zwei. Ein paar Sorten kann man direkt dort kaufen, schlicht verpackt, mit einem Etikett, auf dem mehr Datum als Design steht. Oft stehen draußen zwei Menschen auf der Bank und teilen ein Stück Käse, während in der Zufahrt ein Hufschmiedekunde wartet. Diese Bank ist nicht als „Verkostung“ geplant, sie ist einfach praktisch.

Neuhaus hat auch einen Ort, an dem es leiser wird: die Kapelle am Wiesenrand. Sie steht nicht mitten im Dorf, sondern etwas abseits, erreichbar über einen kurzen Weg, den viele nur „Kapellensteig“ nennen. Im Sommer gibt es dort kurze Andachten. Man kommt nicht in Sonntagskleidung, sondern so, wie man gerade ist: mit Arbeitshänden, manchmal mit Gummistiefeln, oft mit einer Jacke über dem Arm, falls der Wind dreht. Die Andachten sind knapp gehalten, und danach wird gesammelt – nicht für ein großes Bauprojekt, sondern für Bergwiesenpflege. Es geht um Zäune, um Freischneiden, um das, was die Wiesen offen hält. Man sieht das Ergebnis nicht sofort, aber jeder hier weiß, wie schnell eine Fläche zuwächst, wenn man sich nicht kümmert.
Der Alltag in Neuhaus ist entsprechend bodenständig organisiert. Einen großen Supermarkt gibt es nicht. Es gibt den „Rückenladen“ an der Hauptstraße, eine Kombination aus Dorfladen und Poststelle. Kathi Menz, 52, führt ihn, verkauft Brot, Milch, Konserven, Tierfutter, und nimmt Pakete an. Vor der Tür stehen zwei Stehtische; dort wartet man auf den Schulbus, auf eine Mitfahrgelegenheit oder einfach auf jemanden, der „gleich“ etwas abholen wollte. Der Geldautomat hängt an der Wand neben dem Eingang, und wenn er mal streikt, weiß Kathi, wann der Techniker ohnehin über die A5 heraufkommt. Neuhaus ist nicht groß genug für viele Angebote, aber groß genug, dass sich solche Funktionen lohnen.
Am Nachmittag trifft man sich oft am Sportplatz, der eher eine breite Wiese mit Toren und einem kleinen Container ist. Kinder spielen, Jugendliche sitzen am Rand und schauen zu, ohne sich zu verstecken. Neben dem Sportplatz steht das Feuerwehrhaus. Wenn das Tor offen ist, hängen Schläuche, und jemand prüft Kupplungen oder räumt ein Fach neu. Die Feuerwehrleute in Neuhaus sind nicht viele, aber sie haben diese Art von Routine, die man erst bemerkt, wenn sie fehlt: Geräte sind da, wo sie hingehören, und wenn es im Winter glatt ist, weiß man, wer als Erstes die Streukiste am Kapellensteig nachfüllt.
Übernachten kann man in Neuhaus, aber nicht als Hotelaufenthalt. Es gibt Gästezimmer auf zwei Höfen, und eine kleine Pension über dem „Rückenladen“, die vor allem Monteure nutzen, die am Autobahndreieck oder auf den Höfen zu tun haben. Frühstück ist Kaffee, Brot, Käse aus der Filiale, manchmal ein Ei, das jemand mitgebracht hat, weil man sich hier solche Dinge nicht groß ankündigt. Wer abends essen will, landet oft im „Wiesenblick“, einem kleinen Gasthaus an der Hauptstraße, wo es einfache Gerichte gibt und viel über den Tag geredet wird: wer heute in der Werkstattzeile war, wer morgen nach Frunse muss, ob die ZMB20 pünktlich lief.
Neuhaus bleibt als Ort in Erinnerung, der seine Höhe nicht als Aussicht verkauft, sondern als Arbeits- und Lebensbedingung. Die Weiden liegen offen, der Wind ist Teil des Tages, und die Werkstattzeile am Hang zeigt, wie viel sich hier über Können organisiert: Leder, Hufe, Käse, alles in Reichweite derselben Zufahrt. Dazu die Kapelle am Wiesenrand, die im Sommer Menschen zusammenbringt, ohne lange Programme. Wer ein, zwei Tage hier ist, merkt schnell: Neuhaus funktioniert über wenige, verlässliche Punkte – und über die Bereitschaft, Dinge zu pflegen, statt sie zu ersetzen.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: ZMB20 aller zwei Stunden 7:00 – 21:00 nach Kohla, 7:42 – 21:42 nach Althaus
Straße: Autobahndreieck Neuhaus: A6 (W: Kohla), A5 (N: Nudeltopf, S: Seestadt); B361 (W: Kurzdorf 7km, O: Althaus 5km), SEE15 (S: Frunse 11km, N: Neubach 9km)

