(Pop.: 875 – 288m NN)

Siedlung wirkt, als hätte jemand den Radieser Rücken einmal mit dem Lineal abgetastet und dann entschieden: Hier wird neu gebaut, ordentlich, mit Platz. Die Straßen laufen gerade, die Grundstücke sind breit, die Gärten tief genug, dass hinter vielen Häusern noch ein zweites Leben beginnt: Holzstapel, kleine Folientunnel, ein Anhänger, der seit Wochen auf denselben Reifen steht, und irgendwo fast immer ein Wasserfass, weil oben auf dem Rücken der Wind schnell trocknet. 875 Menschen leben hier auf 288 Metern Meereshöhe, und obwohl der Ort nicht alt ist, hat er schon diese Routine, die man nicht planen kann: Wer wann fährt, wer wem Werkzeug leiht, wer an welcher Ecke stehen bleibt, wenn er nur „kurz“ etwas wissen will.

Der Ortsrhythmus hängt an zwei Straßen, die fast wie Koordinaten wirken. Die SEE2 schneidet Siedlung von West nach Ost, die SEE9 läuft von Nord nach Süd, und an der Kreuzung ist das Dorf am dichtesten, ohne dass es einen Marktplatz bräuchte. Dort steht oft ein Imbisswagen, der mehr ist als Essen auf die Hand. Wenn mittags die ersten Transporter wieder auftauchen und nachmittags die Schulkinder in kleinen Gruppen nach Hause laufen, schiebt der Wagen seine Klappe hoch. Anja Klose, 41, betreibt ihn; sie hat früher in Dermbach in einer Kantine gearbeitet und steht jetzt hier, weil „man am Kreuz mehr hört als in jedem Büro“, wie sie sagt. Sie verkauft Bratwurst, Kartoffelecken und belegte Brötchen, aber nebenbei verteilt sie Informationen: Wer heute in Dermbach beim Wollwerk ablädt, wer auf der SEE9 eine Panne hatte, welcher Landwirt eine Melkmaschine „dringend“ braucht. Man muss dort nicht lange bleiben, um mitzubekommen, was im Kreis läuft – es reicht, fünf Minuten an der Klappe zu stehen und zuzuhören.

Dass Siedlung diesen Ruf hat, liegt auch an der Werkstatt am Siedlungsring 5. Das ist keine Autowerkstatt, sondern eine Reparaturwerkstatt für Melkmaschinen, und praktisch jeder Milchbetrieb im Kreis kennt die Adresse. In der Einfahrt steht häufig ein Wagen mit Schlauchpaketen, Pumpenteilen, Dichtungen in Tütchen. Drinnen riecht es nach Gummi, Öl und warmem Metall. Inhaber ist René Hartwig, 52, gelernter Mechatroniker, der früher bei einem großen Anlagenbauer gearbeitet hat und dann in Siedlung angefangen hat, weil er die Wege kurz halten wollte: „Wenn’s steht, muss es heute laufen.“ Er repariert Vakuumpumpen, tauscht Pulsatoren, prüft Steuerungen und fährt bei Bedarf selbst raus, wenn ein Betrieb nicht bis morgen warten kann. Vor dem Tor liegen manchmal fertig reparierte Teile auf einem sauberen Holzbrett, damit sie beim Abholen nicht wieder in den Staub müssen. Wer mit einem Problem ankommt, bekommt kein langes Gespräch, sondern zuerst eine Frage, die alles sortiert: „Welche Anlage, welches Baujahr, was macht sie genau?“

Direkt neben der Werkstatt liegt die Feuerwehr. Das Gebäude ist funktional, ein großes Tor, ein kleiner Nebenraum, davor ein Übungsplatz, der zugleich Dorftreff ist. Am frühen Abend sitzen dort Leute auf der niedrigen Mauer, weil man sich dort unkompliziert trifft: Kinder mit Fahrrädern, Eltern, die kurz die Tagesplanung austauschen, und ältere Nachbarn, die nicht zu Hause warten wollen, bis es dunkel wird. Wenn die Feuerwehr übt, bleibt der Platz offen. Man sieht, wie Schläuche ausgerollt werden, wie Kupplungen klacken, wie jemand mit ruhiger Stimme Anweisungen gibt. Ortsbrandmeisterin ist Nora Seidel, 34, hauptberuflich Disponentin in Dermbach, in Siedlung diejenige, die aus den geraden Straßen ein Netz macht: Wer welchen Hydranten kennt, wer im Winter die Streukisten auffüllt, wer den Schlüssel für den Geräteschuppen hat. Nach den Übungen bleibt oft jemand noch stehen, weil man dabei sowieso zusammenkommt. Dann geht es nicht um Heldenhaftes, sondern um das, was im Alltag zählt: ein umgestürzter Baum am Feldweg, eine Alarmanlage, die falsch ausgelöst hat, ein Nachbar, der Hilfe beim Dachrinnenreinigen braucht.

Siedlung hat kaum alte Häuser, dafür viele, die man an Details erkennt. In der Ringstraße stehen Reihen von Einfamilienhäusern mit ähnlichen Grundrissen, aber jede Einfahrt erzählt anders. Bei Nummer 14 hängt eine Reihe Gummistiefel an Haken, fein säuberlich nach Größe; dort wohnt Maike Jürgens, 29, die im Radies-Wald forstlich arbeitet und oft früh raus muss. Bei Nummer 27 steht eine selbstgebaute Holzbank, breit genug für drei; dort sitzt an warmen Abenden häufig Herr Wrede, 73, ehemaliger Schäfer, der inzwischen nicht mehr treibt, aber noch jede Wolle im Griff hat. Wenn er redet, dann nicht über Romantik, sondern über Qualität: „Zu viel Heu drin, das sieht das Wollwerk sofort.“

Die Wolle ist in Siedlung kein Nebenthema. Viele halten Schafe nicht als Hobby, sondern als Teil eines wirtschaftlichen Kreislaufs, der im Kreis Dermbach spürbar ist. In manchen Gärten stehen kleine Unterstände, hinter denen ein paar Tiere grasen; am Ortsrand gibt es größere Koppeln. Nach der Schur liegen die Säcke in Garagen, auf Paletten, oft mit Kreide beschriftet. Einmal pro Woche geht eine Lieferung nach Dermbach zum Wollwerk. Man merkt den Tag daran, dass am Vormittag plötzlich mehrere Anhänger Richtung SEE2 rollen. Zuständig für das Sammeln ist oft nicht eine Firma, sondern eine Person mit Organisationstalent: Franka Lemm, 46, arbeitet in Teilzeit im Dermbacher Wollwerk und koordiniert die Abholung in Siedlung. Sie fährt eine Liste ab, schaut in Garagen, hebt Säcke an, schätzt Gewicht, und wenn etwas zu feucht ist, sagt sie das direkt. Dann wird ein Sack wieder aufgeschnitten und umgefüllt, bevor er den Weg nach Dermbach antritt. Solche Handgriffe passieren nebenbei, aber sie halten den Kontakt zwischen Dorf und Kreisstadt lebendig.

Für Kinder gibt es in Siedlung eine kleine Kita, die in einem flachen Neubau am Sonnenweg liegt. Morgens stehen dort Lastenräder neben Kombis, und an der Eingangstür hängt ein Plan, wer heute „Waldgruppe“ hat. Die Grundschule ist nicht im Ort; der Schulbus sammelt die Kinder an der Kreuzung bei der SEE9 ein, und wer dort wartet, landet fast automatisch am Imbisswagen, weil die Klappe genau auf Augenhöhe der wartenden Erwachsenen ist. Anja Klose gibt den Kindern manchmal einen Kakao aus, wenn es kalt ist, und tut so, als sei das selbstverständlich. Die Eltern wissen, dass es nicht selbstverständlich ist, und lassen es trotzdem ohne großes Danke stehen – weil man hier gelernt hat, dass zu viel Kommentar eine Geste kleiner macht.

Einkaufen erledigt man in Siedlung pragmatisch. Es gibt einen Dorfladen mit Postschalter am Siedlungsring, geführt von Mehmet Polat, 38, der früher in Seestadt im Einzelhandel gearbeitet hat. Sein Laden ist schmal, aber gut sortiert: Brot, Milch, Konserven, Tierfutter, dazu ein Regal mit Dichtungsringen und Batterien, weil solche Kleinteile sonst im falschen Moment fehlen. Die Postfächer hinterm Tresen sind voll mit Paketen, die tagsüber abgeholt werden. Vor dem Laden stehen zwei Parkplätze, die immer belegt wirken, obwohl ständig jemand wegfährt – ein Kommen und Gehen, das zum Ort passt.

Wer als Gast nach Siedlung kommt, sucht selten ein Hotel. Es gibt zwei, drei Zimmervermietungen, meist in den großen Häusern mit Einliegerwohnung: bei Familie Lemm am Wiesenweg ein Dachzimmer mit Blick auf die Koppeln, bei den Polats ein kleines Gästezimmer über dem Laden, das Monteure nutzen, die im Kreis unterwegs sind. Abends isst man, wenn man nicht kochen will, entweder am Imbisswagen oder im Vereinsheim am Feuerwehrplatz, das freitags geöffnet ist. Dort gibt es einfache Gerichte, oft Eintopf oder Bratkartoffeln, und fast immer eine Käseplatte, weil jemand aus Kurzdorf etwas mitgebracht hat. Man sitzt an Tischen, die nicht zum Verweilen dekoriert sind, aber zum Bleiben taugen.

Siedlung ist kein Ort, der von Geschichte lebt. Es ist ein Ort, der von Funktion lebt – und genau darin liegt seine eigene Art Charakter. Die geraden Straßen machen die Wege leicht, die breiten Gärten lassen Platz für Tiere, Werkzeuge, Vorräte. Die Werkstatt am Siedlungsring 5 ist ein Anker für Milchbetriebe im ganzen Kreis, die Feuerwehr nebenan ein Anker für alles, was schnell organisiert werden muss. Und an der Kreuzung, wo SEE2 und SEE9 sich treffen, steht der Imbisswagen wie ein kleines Informationsbüro ohne Schild. Wer dort einmal gegessen hat, merkt: In Siedlung wird wenig inszeniert, aber viel geregelt – und das ist für einen jungen Ort vielleicht die deutlichste Form von Tradition.

Straße: SEE2 (W: Kohlfähre 16km, O: Radies 9km), SEE9 (N: Haseneck 8km, S: Quorzo 12km)