
(Pop.: 435 – 296m NN)
Toruma liegt auf 296 Metern auf dem Radieser Rücken, ein Dorf mit 435 Einwohnern. Wer von Westen über die B51 kommt, fährt erst durch offene Flächen, dann wird die Straße leicht höher, die Gräben flacher, und plötzlich steht Toruma da: ein paar dicht stehende Häuser, dahinter Höfe, und über allem diese Weite nach Westen, die man hier nicht als Aussichtspunkt feiert, sondern als etwas, das man täglich mitbekommt. An klaren Tagen sieht man lange Linien von Feldwegen und Zäunen, und man versteht, warum das Dorf so oft über Wind spricht – nicht als Wetterthema, sondern weil er bestimmt, ob Heu trocknet, ob die Schafe an der Kuppe bleiben oder lieber in die Mulden ziehen.
Der Verkehr ist präsent, aber nicht laut. Die B51 verbindet Toruma nach Westen mit Kaname und nach Osten mit Afro, und im Dorf merkt man daran vor allem die Uhrzeiten: morgens Lieferwagen, mittags Traktoren, abends Pendler. Wer lieber über Nebenwege kommt, nimmt die SEE11, die südlich Richtung Radies führt und nach Norden ins Nudelland weiterläuft, wo die Beschilderung irgendwann als NL212 nach Feldstedt zeigt. Dazu kommt die Zentralmassivbahnlinie ZMB 19, die alle zwei Stunden ihre festen Fahrten hat. Der Bahnanschluss ist für Toruma mehr als ein Fahrplan: Jugendliche nutzen ihn, wenn sie abends zurückkommen; Handwerker steigen mit Werkzeugkoffern aus; und wenn jemand in Dermbach einen Termin hat, wird im Dorf oft zuerst gefragt: „Nimmst du den Zwölf-nach?“ – als wäre das selbstverständlich die gleiche Uhrzeit für alle.
Toruma ist kein Ort mit einem Marktplatz, aber mit einer Straße, die alles trägt. Die Höhenstraße ist das Rückgrat, und an ihr liegen die beiden Adressen, die man auch außerhalb des Dorfes kennt: das Gasthaus „Rückenstube“ (Höhenstraße 2) und der Instrumentenbetrieb „Toruma Zithern & Hörner“ (Höhenstraße 9). Zwischen diesen beiden Punkten passiert das Alltägliche: eine kleine Bushaltestelle, eine Handvoll Vorgärten, in denen nicht dekoriert, sondern gearbeitet wird, und Hofeinfahrten, vor denen gelegentlich ein Anhänger steht, weil jemand kurz ablädt und dann weiter muss.

Die „Rückenstube“ ist ein Gasthaus, das nicht versucht, alles zu sein. Ein Raum, Holztische, eine Theke, eine Küche, die nachmittags nach Kaffee und abends nach Bratkartoffeln riecht. An der Wand hängen alte Notenblätter, vergilbt und in einfachen Rahmen. Sie stammen aus Dorffesten, bei denen die Stücke noch genutzt werden: Märsche, Polkas, ein paar Choräle, und immer wieder handschriftliche Hinweise am Rand – „langsamer“, „zweite Stimme lauter“, „Achtung Einsatz“. Wirtin ist Rika Morgenstern, 49, die nebenbei im Gemeinderat sitzt und deswegen oft schon vor dem ersten Bier weiß, was im Dorf diskutiert wird. Sie stellt Krüge hin, ohne zu fragen, wenn der Stammtisch kommt, und sie hat diese Art, Gespräche im richtigen Moment zu kürzen: ein Blick, ein „noch was zu essen?“, und schon redet man über etwas, das sich lösen lässt.
Dass Notenblätter hier nicht nur Schmuck sind, hat mit der Werkstatt an der Höhenstraße 9 zu tun. „Toruma Zithern & Hörner“ klingt nach Nische, ist aber im Kreis ein Begriff. Der Betrieb baut einfache Zithern, hölzerne Signalhörner für Vereine und repariert Blasinstrumente, auch aus Nachbarregionen. Wer die Tür öffnet, steht in einem Raum, in dem es nach Holzstaub, Metall und warmem Lack riecht. Auf einer Werkbank liegen Ventile, Polierlappen, Schraubendreher in Reihen, daneben Holzleisten, aus denen Zitherkästen werden. In der Ecke hängt ein Dutzend Signalhörner, roh und unlackiert, wie halbfertige Werkzeuge. Der Inhaber, Peer Jahn, 57, ist Instrumentenbauer und gelernter Metallarbeiter. Er hat sich das Handwerk über Jahre zusammengesetzt: Holzarbeit für die Zithern, Metall für die Hörner, Feingefühl für Reparaturen. Wenn jemand mit einer verbeulten Trompete kommt, nimmt er sie nicht wie ein Museumsstück, sondern wie etwas, das wieder funktionieren muss. Er fragt nach dem Problem, setzt die Brille ab, schaut in die Bögen, und man sieht, wie sein Blick den Weg der Luft nachzeichnet.

Einmal in der Woche kommt ein Paketdienst direkt zur Werkstatt, weil Peer Jahn Reparaturen auch per Versand annimmt. Dann liegen auf dem Tisch Kartons mit Absendern aus Xylopolis oder aus Richtung Viehdorf, oft von Musikvereinen, die nicht warten können, bis sich eine Fahrt lohnt. Peer macht keine großen Worte daraus. Er arbeitet die Aufträge ab, schreibt kurze Notizen in ein Heft und hängt sie mit Klebeband an die Instrumente: „Stimmzug klemmt“, „Polster neu“, „Delle am Becher“. Wenn er fertig ist, geht er die paar Schritte zur Rückenstube und trinkt einen Kaffee. Nicht als Pause, die man romantisiert, sondern weil im Dorf vieles so funktioniert: kurze Wege, klare Abläufe, und ein Ort, an dem man jemanden trifft, der noch schnell etwas wissen muss.
Toruma lebt nicht nur von Musik, sondern auch von Wolle. Schafwolle aus Toruma wird ans Dermbacher Wollwerk geliefert, und das ist einer der stillen Kreisläufe, die hier den Jahreslauf markieren. Wenn geschoren wird, stehen Säcke in Scheunen, in Garagen, manchmal auch einfach unter Planen hinterm Haus. Auf den Säcken sind Kreidestriche, Zahlen, Namen. Am Abholtag fährt ein Transporter durch die Höhenstraße, hält kurz an, zwei Leute laden, und weiter. Viele im Dorf kennen die Anforderungen inzwischen gut: trocken, nicht zu viel Heu, nicht zu lange liegen lassen. Es ist kein großes Thema, aber eines, das fast jeder mit in der Hand hat, weil Schafhaltung auf dem Rücken naheliegt: Weiden sind nah, Zäune sind überschaubar, und die Tiere kommen mit dem Wind besser zurecht als mancher Mensch.

Wer Toruma genauer sehen will, geht nicht „in die Ortsmitte“, sondern macht einen kurzen Rundgang: von der Haltestelle die Höhenstraße entlang, einmal am Gasthaus vorbei, dann hoch zur Werkstatt, und von dort über den Kammweg, der am Ortsrand beginnt. Der Kammweg ist ein schmaler Weg zwischen Zäunen und Feldern, nicht ausgeschildert als Wanderroute, aber so eindeutig, dass man sich nicht verläuft. Von dort fällt der Blick nach Westen, und man sieht, warum Toruma oft als „Dorf mit weitem Blick“ beschrieben wird. Gleichzeitig sieht man die Arbeit: Weiden mit Schafen, Tränken, Unterstände, und dazwischen kleine Reparaturen, die man erst bemerkt, wenn man stehen bleibt – ein neu geflicktes Tor, ein frisch gesetzter Pfosten, ein Stück Draht, das gespannt wurde.
Im Dorf selbst gibt es keine große Einkaufslage. Es gibt einen kleinen Laden in der Seitenstraße Am Hang 3, der vormittags offen hat und eine Postannahme als Nebenleistung betreibt. Betreiber ist Kamil Renz, 36, der das Geschäft als Mischung aus Krämerladen und Paketstelle führt: Brot, Milch, Konserven, Batterien, Tierfutter – Dinge, die man braucht, ohne dafür nach Dermbach zu fahren. Wer mehr will, fährt ohnehin in die Kreisstadt, und viele kombinieren das mit der Bahn, weil es einfacher ist, als einen Parkplatz zu suchen. Für Kinder gibt es eine kleine Kita im ehemaligen Schulhaus an der Höhenstraße 17; die eigentliche Schule liegt nicht im Dorf, die älteren Kinder fahren morgens Richtung Dermbach oder Radies. Man sieht das an den Zeiten: kurz vor acht stehen Gruppen an der Haltestelle, Rucksäcke auf, Jacken zu, und die Gespräche sind schon halb im Tag.

Eine Kirche steht in Toruma nicht als dominantes Gebäude, aber es gibt eine kleine Kapelle am Rand des Dorfes, Kapellenweg 1, ein schlichter Raum mit Holzbänken und einem Fenster, das am Nachmittag Licht auf den Boden wirft. Sie wird für Gottesdienste genutzt, aber auch für kurze Anlässe: eine Trauerfeier, eine Andacht, manchmal eine Probe des kleinen Dorfchors, wenn in der Rückenstube kein Platz ist. Der Chor ist kein Prestigeding, sondern eine Gruppe, die bei Dorffesten singt, bei der jemand die Töne hält und jemand anders die Notenblätter von der Wand holt, weil sie dort nicht zufällig hängen.
Für Gäste ist Toruma ein Ort, in dem man nicht „Programm“ bekommt, aber Struktur. Übernachten geht in zwei Zimmervermietungen, meist in Einliegerwohnungen, die sonst leer stehen: ein Zimmer am Kammweg mit Blick über die Felder, ein anderes nahe der B51, praktisch für Durchreisende. Essen gibt es verlässlich in der Rückenstube, und wer dort am Abend sitzt, merkt schnell, wie das Dorf zusammenhängt: jemand kommt aus der Werkstatt, jemand hat gerade Wolle verladen, jemand wartet auf die Bahn. An der Wand hängen die Notenblätter, und manchmal nimmt tatsächlich jemand eines ab, legt es auf den Tisch und zeigt mit dem Finger auf eine Stelle, weil er sich erinnert, wie man das Stück früher gespielt hat.
Toruma wirkt im ersten Moment unspektakulär, bis man merkt, dass es ein Dorf ist, das über Handwerk und wiederkehrende Treffen funktioniert. Die Höhenstraße verbindet Gasthaus und Werkstatt, die Bahn hält den Kontakt in die Umgebung, die Wolle bindet Toruma ans Dermbacher Wollwerk, und der Blick nach Westen erinnert daran, warum man hier oben überhaupt siedelt: weil man Raum hat, Weiden, Wind – und genug Nachbarn, um Dinge gemeinsam zu regeln, ohne sie groß zu erklären.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: ZMB 19 aller 2 Stunden 6:36 – 20:36 nach Viehdorf, 6:12 – 20:12 nach Xylopolis, 22:12 nach Dermbach
Straße: B51 (W: Kaname 6km, O: Afro 3km); SEE11 (S: Radies 8km, weiter als NL212 N: Feldstedt (Nudelland) 9km)

