Bulmünde, 23. Dezember 2025

Heute Morgen saß ich noch lange im Büro neben der Sakristei von St. Ansgar und habe der Predigt für morgen den letzten Schliff gegeben: Ezechiel 37,24–28, die Zeilen über den einen Hirten, den Bund des Friedens und das Heiligtum mitten unter den Leuten. Draußen lag die Stadt ruhig, und selbst auf der Bulmünder Allee war nur das Nötigste unterwegs; am Fenster sieht man im Winter oft erst die Dächer mit ihren steilen Giebeln und die geschnitzten Holzbalken der älteren Häuser, bevor der Blick Richtung Küste aufreißt. Bulmünde ist nicht groß – 1.724 Menschen, 124 Meter über dem Meer – und doch liegt hier vieles dicht beieinander: das Westmeer, der Bul, der unten aus der Klamm kommt und in die Mündung läuft, und in klaren Momenten die Linie zum Bulberg, nur sechs Kilometer Luftlinie entfernt. Während ich an den letzten Sätzen arbeitete, musste ich an die Leute denken, die morgen in die Bänke kommen: Fischerfamilien vom Hafenplatz, ein paar Schichtarbeiter aus der Optik und einige, die einfach nur still sitzen wollen, ohne gefragt zu werden. St. Ansgar ist in Bulmünde so etwas wie ein Kreuzungspunkt – für Glauben, für Termine, für das, was man “Stadtleben” nennt.

    Mittags hat meine Frau aus der Bolognese vom letzten Sonntag eine Lasagne gebaut, und das ganze Haus roch nach dem langen Schmoren. Håkon (24) ist gerade in der Lehre bei der Himmelstein Optik GmbH und hat jetzt Urlaub; er war ehrlich begeistert, dass die Sauce nicht nur aus Rind, sondern auch aus Lamm-Knochenbrühe angesetzt war – “so muss das”, sagte er, und ich musste lachen, weil er inzwischen über Brühen so spricht wie andere über Fahrpläne. Himmelstein gehört hier längst zum Alltag; viele kennen noch die Geschichten aus den Anfangsjahren, als das Ganze in einer kleinen Werkstatt nahe dem Hafenplatz begann, und wie daraus das heutige Werk wurde. Liv (22), bei uns “Livvi”, ist Vegetarierin; für sie gab es eine zweite Form, fleischlos, mit einer Tomaten-Linsen-Basis, und sie hat sich gefreut, dass niemand das als Sonderfall behandelt hat.

    Nachmittags dann die letzten Einkäufe. Ich bin einmal quer durch die Stadt: am Marktplatz vorbei, wo man schon sieht, dass sich alles auf morgen sortiert, und weiter Richtung Hafenplatz. Auf der Liste stand vor allem Bier, Rotkraut und Vogelsand für die Wellensittiche. Das Bier gab es in Kisten, wie es sich gehört, das Rotkraut im Glas für den Notfall und zusätzlich einen frischen Kopf, weil meine Frau am liebsten selbst hobelt. Der Vogelsand war der eigentliche Stolperstein: Die letzte Tüte war leerer als gedacht, und ich habe im Laden zwei Sorten in der Hand gehabt, bis ich die nahm, die nicht nach künstlichem Duft roch. Auf dem Rückweg fielen mir an der Ausfallstraße wieder die Wegweiser auf: B3 Richtung Cendos und Dracna, B31 hinüber nach Buthaquell – 21 Kilometer, die man im Sommer fast blind fährt, im Winter aber mit Respekt.

    Zuhause habe ich als Erstes den Kartoffelsalat angesetzt, damit Livvi über die Weihnachtstage nicht von Beilagen leben muss, die eigentlich für alle gedacht sind. Es wurde die vegetarische Variante, wie sie sie mag: festkochende Kartoffeln, fein gewürfelte Gewürzgurken, Apfel für etwas Säure, rote Zwiebel nur kurz in heißem Wasser gezogen, damit sie nicht alles übertönt, und dann eine Marinade aus Gurkenwasser, Senf, etwas Brühe und Öl. Keine Speckwürfel, keine “Ach, ein bisschen geht doch” – einfach so, dass sie sich nicht jedes Mal erklären muss.

    Danach kam der große Topf auf den Herd: Gänsebrühe. Die Gans selbst wird erst morgen küchenfertig gemacht, aber Flügel, Hals und Innereien habe ich heute schon zu einer Suppe verarbeitet. Erst kräftig angeröstet, dann mit Wasser aufgesetzt, mit Wurzelgemüse und Pfefferkörnern, Lorbeer und ein bisschen Majoran, und dann lange ziehen lassen, bis aus “Teilen” wirklich Brühe wird. Håkon hat zwischendurch den Deckel gelupft und behauptet, er könne am Geruch erkennen, ob ich genug Zeit gegeben habe; Livvi blieb demonstrativ beim Kartoffelsalat und hat dafür später den Wellensittichen frischen Sand eingestreut, als wäre das der wichtigste Beitrag zum Fest.

    Als am Abend endlich alles da stand – Kartoffelsalat kaltgestellt, Brühe passiert, Einkaufszettel zerknüllt – habe ich mich an den Computer gesetzt und ein Feierabendbier aufgemacht. Es war keine große Flucht, eher ein leises Abschalten: ein paar Mails für morgen, der Plan für den Gottesdienst, ein kurzer Blick auf Fotos vom letzten “Himmelstein-Wissenschaftstag”, den wir vor Jahren zusammen mit Clara Himmelstein angeschoben hatten. Ich denke in diesen Tagen oft an sie; Bulmünde merkt sich solche Menschen lange. Dann habe ich den Bildschirm irgendwann dunkel werden lassen, das Bier ausgetrunken und noch einmal an die Predigt gedacht: Bund des Friedens – nicht als Satz, sondern als Arbeit, die man jeden Tag in kleinen Dingen sieht, in Lasagneformen, Einkaufstaschen, Kartoffelschüsseln und einem Topf Brühe, der still vor sich hinzieht.