
(Pop.: 871 – 299 m NN)
Flemmingen mit seinen 871 Einwohnern liegt auf rund 299 Metern Höhe auf einer leichten Kuppe des Drosener Rücken. Die B55 schneidet den Ort von Nord nach Süd, ein Ast der Z-13 verbindet ihn mit Meyen. Von der Straße aus fallen zuerst die langgezogenen Häuserzeilen auf, die sich beidseits eines leicht gekrümmten Kamms entlangziehen; dahinter liegen Felder, Weiden und kleine Streuobststücke. Bei klarer Sicht erkennt man nach Süden die dunkle Kante des Wolkenflüsterwaldes, nach Norden öffnet sich der Blick in Richtung Gasston. Wie in vielen Orten der Inselwelt Landauri bestimmen Handwerk, kleine Forschungsstellen und ein dichter Vereinsalltag das Dorfleben.

Herzstück des Ortes ist die Werkstraße, ein quer zur B55 verlaufender Strang mit niedrigen Werkstattgebäuden und gepflasterten Einfahrten. Am Anfang sitzt der Sattlerbetrieb Hennicke & Sohn. In der offenen Halle hängen Lederriemen, Gurte und Halfter an Holzbügeln; auf einem langen Tisch liegen Schablonen für Traktorensitze und Gurtsysteme für Transportkisten. Viele Kunden kommen aus den landwirtschaftlich geprägten Dörfern des Landkreises, aber auch aus Zentro, wo der Betrieb Spezialaufträge für die Universität ausführt, etwa gepolsterte Halterungen für Messgeräte.

Ein paar Schritte weiter arbeitet die Metallbaufirma Kral & Partner. Hier entstehen Treppenelemente, Geländer und vor allem robuste Rahmen für Glas- und Druckkisten. Funken schlagen, wenn Bleche geschnitten werden, und auf dem Hof stapeln sich verzinkte Winkelprofile, die später zu Transportgestellen zusammengefügt werden. Den Abschluss der Reihe bildet die Kistenmacherei Flemminger Kistenwerk. In der großen, nach Harz riechenden Werkhalle werden Holzbretter zugeschnitten und zu Transportkisten montiert, die an Druckereien in Drosen, an Glaswerkstätten im Blumenland und an kleinere Betriebe im ganzen Kreis gehen. Auf vielen Kisten ist ein kleiner Rückenriss aufgedruckt, ein schlichtes Logo, das den Drosener Rücken mit drei Linien andeutet. Wenn Lastwagen die Werkstraße rückwärts hinunterrangieren, wird deutlich, welche Bedeutung diese Handwerksachse für das Dorf hat.

Die Dorfkirche St. Vitalius liegt etwas erhöht am Kirchweg 3. Von der Straße aus sieht man den gedrungenen Turm und das lange Hauptschiff; erst beim Näherkommen fällt das niedrige Seitenschiff auf, das wie eine angebaute Halle wirkt. Innen dient dieser Seitenteil als Vereinsraum. Auf Stapelstühlen sitzen an einem Abend die Imker, die ihre Stockkarten vergleichen, am nächsten diskutieren Wegewarte über beschädigte Markierungen an Wanderwegen. An Probenabenden des Chors schiebt Küsterin Hella Brenner die Trennwand zum Hauptschiff auf, damit der Klang sich besser entfalten kann. Der Chor bereitet hier seine Beiträge für das jährliche Chorfest in der Stadtkirche St. Lucian in Drosen vor; wer mitreist, trifft dort auf Chöre aus Flemmingen, Meyen, Seifartsdorf und anderen Orten des Kreises.
Einen ungewöhnlichen Akzent im Dorf setzt das Institut für Pflanzenbiologie und Biodiversität. Die Einrichtung liegt am oberen Ortsrand in Nähe der Felder, ein kleiner Campus aus zwei flachen Laborgebäuden und einem Gewächshauskomplex. Forschende untersuchen hier Wildpflanzen des Drosener Rückens, vergleichen Weinbergkräuter aus Meyen und Pölau mit Waldarten aus dem Wolkenflüsterwald und beobachten, wie sich Anbauformen auf die Artenvielfalt auswirken. Vor den Gewächshäusern stehen Versuchsbeete mit beschrifteten Reihen: alte Linsensorten, trockenheitsverträgliche Kleearten, Blühstreifenmischungen für Bestäuber. Das Institut arbeitet eng mit der Universität in Zentro zusammen und bietet Praktikumsplätze für Studierende der Botanik an, die für einige Wochen im Ort Quartier nehmen.

Die Präsenz des Instituts ist auch im Alltag spürbar. Auf dem Wochenmarkt, der zweimal pro Woche an einem kleinen Platz nahe der B55 stattfindet, verkaufen Mitarbeitende Informationsbroschüren über Heckenpflege und Blühflächen. Grundschulklassen aus Flemmingen besuchen die Gewächshäuser und legen auf einer kleinen Fläche hinter der Schule eigene Beobachtungsbeete an. Einige Dorfbewohner verdienen sich zusätzlich etwas dazu, indem sie Flächen für Langzeitversuche bereitstellen oder als Feldhelfer bei Kartierungen mitwirken.
Wer einen Eindruck vom sozialen Mittelpunkt des Ortes gewinnen möchte, geht am Abend in die Schankstube „B55-Ecke“ (B55, Nr. 77). Das Haus steht unmittelbar an der Kurve, wo die Werkstraße auf die Bundesstraße trifft. Innen gibt es einen Tresen, ein paar Holztische und eine Tafel, auf der das Tagesgericht steht: oft ein Eintopf mit Bohnen und Wurzelgemüse, an Freitagen ein einfaches Fischgericht, das von Lieferungen aus der Zento-Ebene stammt. Mittags sitzen hier Handwerker aus der Werkstraße, Fahrer, die Kisten abholen, und Mitarbeitende des Instituts; abends mischen sich Dorfleute dazu, die nach Chorprobe oder Imkerstammtisch noch ein Glas Rückenwein aus Meyen oder Pölau trinken. Wenn die Linie-112-Züge im Tal unterwegs sind, hört man bei offenem Fenster ihr entferntes Rattern – ein leiser Hinweis auf die Verbindung über den Rücken ins Zentralmassiv.
Zu den bekannten Personen im Ort gehört die Friseurin Kirsten O’Connor. Ihr Salon liegt in einem umgebauten Wohnhaus in der Schulstraße. Die Bestuhlung ist schlicht, doch die Terminbücher sind gut gefüllt. Kirsten hat in Zentro gelernt und dort einige Jahre in einem größeren Salon gearbeitet, bevor sie nach Flemmingen zurückkehrte. Heute schneidet sie vielen Bewohnern des Drosener Rückens die Haare; Winzer aus Meyen, Techniker von FlexiForm aus Seifartsdorf und Beschäftigte des Instituts gehören zu ihrer Stammkundschaft. Nebenbei notiert sie für Forschungsprojekte, welche Pflanzen an den Feldrändern gerade blühen – Informationen, die sie aus Erzählungen ihrer Kundschaft zusammenträgt und anonymisiert an das Institut weitergibt.
Musikalisch prägt die Geigerin Anna Hoffmann das Kulturleben. Sie arbeitet als freiberufliche Musikerin, pendelt regelmäßig zu Proben nach Drosen und Kreuzberg und unterrichtet im Seitenschiff von St. Vitalius junge Dorfbewohner. Einmal im Quartal organisiert sie zusammen mit dem Institut kleine „Pflanzenkonzerte“, bei denen im Hof zwischen Versuchsfeldern Streichquartette oder Duos spielen. Die Programme orientieren sich an Jahreszeiten und Blühphasen; im Frühjahr steht leichte Kammermusik auf dem Zettel, im Spätsommer kräftigere Stücke, während die Sonne langsam über den Rücken wandert.
Flemmingen verfügt über die üblichen Einrichtungen eines Dorfes dieser Größe. Es gibt eine Grundschule, eine Kita und einen Sportplatz am südlichen Ortsrand, auf dem der TSV Flemmingen Fußball und Leichtathletik anbietet. Im Dorfladen an der B55, der gleichzeitig Postagentur und Paketshop ist, hängen neben den Preislisten für Brot und Milch auch Hinweise des Instituts und Aushänge der Werkstraße. Die Bäckerei „Rückenkranz“ liefert Brötchen und ein kräftiges Mischbrot, das sich gut für Pausen in Handwerk und Labor eignet. Ärzte und größere Einkaufsmöglichkeiten liegen in den Nachbarorten; ein Linienbus verbindet Flemmingen mit Meyen und Seifartsdorf, wo der Anschluss an Bahn und weitere Dienste besteht.
Die Geschichte des Ortes ist eng mit seiner Handwerkstradition verbunden. Ältere Einwohner erzählen, dass die Werkstraße schon im 19. Jahrhundert als „Schmiedegasse“ bekannt war, weil dort Hufschmiede, Wagenbauer und ein Stellmacher arbeiteten. Mit dem Aufkommen moderner Transporttechnik wandelten sich die Betriebe: Aus dem Stellmacher wurde die Kistenmacherei, die nun robuste Holzkisten für Glas und Drucksachen fertigt; der ehemalige Wagenbauer liefert heute spezielle Gestelle für Maschinenteile. Die Umstellung gelang, weil die Betriebe stets eng mit den Verkehrsachsen und der Industrie im Umland verbunden blieben – eine typische Entwicklung für den Kreis Drosen, in dem Durchgangsverkehr und lokale Produktion ineinandergreifen.
Ein Rundgang durch Flemmingen beginnt sinnvollerweise an der B55-Ecke, führt von dort in die Werkstraße mit ihren offenen Hallentoren, biegt am Ende zur Kirche St. Vitalius ab und folgt dann dem Kirchweg hinunter zu den Feldern, wo die Gebäude des Instituts für Pflanzenbiologie und Biodiversität stehen. Unterwegs begegnet man Handwerkern, die Metallprofile laden, Studierenden mit Klemmbrettern, die Pflanzen zählen, und Bewohnern, die gerade vom Haarschnitt oder von der Chorprobe kommen. So lässt sich gut erkennen, wie in Flemmingen Forschung, Handwerk und dörflicher Alltag ineinandergreifen und dem Ort auf dem Rücken eine klare, arbeitsame Prägung geben.
Verkehrsverbindungen:
Straße: B55 (N: Gasston 9km, S: Seifartsdorf 5km); Landesstraße Z-13 (SW: Meyen 5km)

