
(Pop.: 982 – 221 m NN)
Im Wildeck, am Rand der Ebene, beginnt der Drosener Rücken sich aufzuschieben, erst als sanfte Welle, dann als langer, ernster Höhenzug. Der Name wird Ihnen im Dorf gern mit einem Schulterzucken erklärt. Manche sagen: „Wilder Eck“, weil hier früher die Feldfluren endeten und die Viehweiden anfingen, wo der Rücken mit seinen Waldinseln „wilder“ war als die ordentliche Ebene. Andere behaupten, es habe einmal einen Vermesser gegeben, der in der Ecke eines Kartenblatts ausgerechnet Wildeck so sauber eingepasst habe, dass man den Ort fortan nach dem „Eck“ benannte. Das passt erstaunlich gut zu einem Dorf, dessen Friedhof später noch von einem Feldmesser erzählen wird.
Ankommen ist unkompliziert. Von Westen fährt man aus Richtung Huhndorf heran, die Straße zieht geradlinig durch offene Felder, und die Silhouette des Dorfes ist erst einmal nur ein kleines Bündel Dächer. Von Norden kann man über die Verbindung aus Richtung Somm kommen, und Richtung Osten liegen die Wege nach Essteehaus und weiter nach Gasston; wer mit dem Rad unterwegs ist, nutzt gern die ruhigen Nebenstrecken und Feldwege, weil man hier zwischen Gräben, Hecken und vereinzelten Baumgruppen ein fast grafisches Landschaftsbild erlebt. Wildeck ist kein Durchgangs-Ort mit Lärm, eher ein Knoten für Leute, die morgens pendeln und abends wieder heimwollen.

Im Zentrum steht die Kirche St. Corvinius-Aue in der Kirchstraße 4, und sie hat diesen leicht erhöhten, „hier wird’s still“-Charakter, den Dorfkirchen bekommen, wenn um sie herum das Alltagsleben vorbeigeht, aber nicht hineinplatzt. Der kleine Friedhof daneben ist eine Sehenswürdigkeit, ohne dass jemand ein Schild dafür aufstellen würde. Mehrere Grabsteine tragen die Berufe der Verstorbenen, nicht als Prunk, eher als letztes, knappes Protokoll: Feldmesser, Wasserbauer, Setzer. Wer hier entlanggeht, bekommt eine Ahnung, woraus der Kreis Drosen gemacht ist: aus Vermessen, Entwässern, Drucken, Reparieren, Weitergeben. In der Bankreihe ganz hinten sitzt sonntags oft eine ältere Dame, die den Fremden zublinzt. Wenn Sie Glück haben, erzählt sie nach dem Gottesdienst von „dem Setzer“, der früher für Drosener Betriebe Etiketten und Formulare gesetzt habe, „damit die Welt lesbar bleibt“.

Wildecks Alltag riecht im Herbst nach Apfel und nassem Holz. Schuld ist die kleine Mosterei am Mühlenweg 6. Sie verarbeitet Obst aus den eigenen Gärten und vor allem aus Huhndorf, wo Obstgärten und kleine Höfe die Straßen säumen. In der Presszeit genügt es, einmal am Mühlenweg vorbeizugehen: Es liegt dieser warme Duft in der Luft, süß und ein bisschen hefig, und wenn die Türen offenstehen, hört man das dumpfe Arbeiten der Presse, das Klirren von Kisten, das kurze Lachen, wenn jemand eine besonders krumme Birne hochhält wie eine Trophäe. Ein junger Mann namens Jorik (Mosterschürze, Hände immer ein bisschen klebrig) erklärt gern den Unterschied zwischen „Gartenmischung“ und „Huhndorfer Klar“, als hinge davon die Weltordnung ab. Und irgendwie tut sie das auch, wenigstens für Wildeck.
Für die Weltordnung im Magen gibt es im Dorf eine kleine Pizzeria, unprätentiös, mit zwei Tischen am Fenster und dem typischen Geräusch von Besteck, das zu schnell in die Schublade fällt. Die Karte ist kurz, die Stammgäste sind langjährig. Donnerstags, so sagt man, ist „Teigtag“: Dann bringt jemand aus der Schreinerei nebenan ein frisch gebautes Regal vorbei, die Tierarztpraxis schickt eine Assistentin für zwei Bleche Margherita, und am Nebentisch diskutiert ein älterer Herr, ob der neue Feldweg-Schotter „zu fein“ sei.

Die Tierarztpraxis mit kleinem Tierheim ist überhaupt so ein Ort, an dem man viel vom Dorf erfährt, ohne dass es wie Klatsch wirkt. An der Pinnwand hängen Vermisst-Zettel (Katze, grau, hört nicht auf Namen), Fund-Zettel (Hahn, sehr selbstbewusst) und kleine Dankesnotizen. Die Tierärztin, Dr. Nele Aschmann, wirkt wie jemand, der bei jedem Gespräch gleichzeitig das Ohr für ein Winseln im Nebenraum offenhält. Wer hier mit Hund oder Kaninchen auftaucht, bekommt nebenbei Ratschläge, wo die Wege am Zaubernebelhain besonders matschig sind und an welchen Abenden der Fuchs am Feldrand zu sehen ist.
Wenn Sie Zeit haben, gehen Sie genau dorthin: In der Umgebung liegt der Zaubernebelhain, ein dunkleres Waldstück mit Bächen und kleinen Wegen, das auf der Karte wie ein grüner Fleck wirkt, in Wirklichkeit aber ein ganzes Repertoire an Geräuschen hat: Wasser, das über Steine schabt, Vögel, die im Unterholz verschwinden, und das seltene, metallische Klingen, wenn irgendwo ein Radfahrer an einem Gatter anhält. Zwischen Ebene und Rücken sind solche Waldinseln typisch: mal streng bewirtschaftet, mal wie zufällig stehengeblieben, und immer als Kontrast zu den offenen, geraden Flächen der Zento-Ebene.
Wildeck selbst hat Handwerk. Eine Schreinerei, die nicht nur Küchen baut, sondern auch das, was man auf dem Land wirklich braucht: stabile Türen, Reparaturen an Hoftoren, maßgeschneiderte Regalbretter für Keller, in denen Mostflaschen lagern. Wer vormittags vorbeigeht, hört die Säge, als würde jemand den Tag in Scheiben schneiden.

Eine besondere Route beginnt südöstlich des Ortes: eine alte Straße nach Meyen, heute nur noch ein Feldweg. Meyen liegt höher auf dem Rückenplateau, windiger, mit Waldnähe und Bahnanschluss; der Weg dorthin ist wie ein kleiner Lehrgang in Geografie, weil er die Stufe von der Ebene hinauf spürbar macht. Viele Wildecker nutzen ihn zum Spazierengehen, nicht zuletzt, weil man unterwegs die großen Himmelsflächen hat, die man in waldigeren Gegenden verliert. Wer dem Feldweg folgt, hört irgendwann weniger Traktor und mehr Wind.

Und dann gibt es noch die Geschichte, die man in Wildeck entweder mit leiser Stimme erzählt oder gar nicht: Sieben Kilometer hinter dem Dorf lag bis 1962 der Campus des Instituts 42, gegründet 1912, ab 1924 Sperrgebiet. Niemand hat je erfahren, was dort erforscht wurde, und wer dort angestellt war, schweigt bis heute. 1962 wurde das Institut aufgelöst und abgebaut; Gerätschaften und Akten gingen nach Norden zum Queck-Institut. Heute ist das Gebiet wieder zugänglich, aber sichtbar sind nur noch Grundmauern der Wohngebäude und der Kantine. Als Lost Place ist es kein „Gruselpark“, eher ein Ort mit leerer Sachlichkeit: Fundamentlinien im Gras, ein paar Betonstufen, die ins Nichts führen, und das Gefühl, dass hier einmal etwas stattgefunden hat, das aus irgendwelchen Gründen aus der Welt herausgeschnitten wurde. Manche nehmen ein Picknick mit, andere stehen nur still da, als würden sie auf ein Geräusch warten, das nicht mehr kommt.
Wildeck ist am Ende ein Dorf für Menschen, die Details mögen. Für den Geruch der Mosterei im Herbst. Für die schlichten Worte auf Grabsteinen. Für die Abende, an denen die Pizzeria voll ist, weil jemand im Tierheim ein besonders eigensinniges Tier vermittelt hat und alle es feiern, als hätte man ein kleines Wunder erledigt. Und für Spaziergänge, bei denen die Ebene hinter Ihnen liegt und der Rücken vor Ihnen, als würde Landauri hier einmal kurz zeigen, wie es gebaut ist.
Verkehrsverbindungen:
Straße: Landesstraße Z-8 (W: Huhndorf 10km, O: Essteehaus 8,5km); Z-11 (N: Somm 15,5km, S: Casekirchen 16km); Feldweg nach Meyen 20km

