
Inga Johansson und die Kunst, das Dorf einzustricken. Schleuße ist ein Ort, in dem die Zeit noch anders tickt. Das beschauliche Dorf mit seinen 325 Einwohnern, eingebettet zwischen den Weiden für Hügelrinder und dem dichten Sturmgebirge, atmet den Charme einer längst vergangenen Epoche. Doch inmitten der Idylle hat sich ein Phänomen breitgemacht, das selbst die hartgesottensten Gemüter aus der Fassung bringt: gestrickte Unterwäsche. Das Epizentrum dieser kuscheligen Revolution? Der Lebensmittelladen „Bei Inga“, direkt neben dem idyllischen Bahnhof gelegen, und die kreativen Köpfe hinter diesem Phänomen sind die 37-jährige Inga Johansson und ihr Strickclub.
Ein Tag im Leben einer Lebensretterin (des Strickens). Irgendwann zwischen dem ersten Kunden, der dringend frische Brötchen und eine Tube Zahnpasta benötigt, und der zweiten Kanne Kaffee, die sie in sich hineinschüttet, hat Inga Johansson ihren Alltag als Seelenklempnerin, Nahversorgerin und hauseigene Marmeladenkönigin von Schleuße längst im Griff. Als Betreiberin des kleinen Ladens ist sie die heimliche Heldin des Dorfes, die dafür sorgt, dass niemand verhungert und niemand ohne ein Glas ihrer legendären Marmelade auskommen muss. Doch Ingas wahre Berufung beginnt erst, nachdem die letzte Tüte Milch über die Theke gewandert ist. Dann verwandelt sich die resolut-freundliche Dorfkönigin in die Hohepriesterin des Strickgarns.

Der Strickclub: Mehr als nur Socken. Von außen betrachtet, könnte man meinen, der wöchentliche Strickclub im alten Postamt – der ehemaligen kommunalen Herzkammer Schleußes – sei ein Hort beschaulicher Gemütlichkeit. Tatsächlich hat der Raum, der mit robusten Mauern und einem charakteristischen Ziegeldach ebenso Geschichte atmet wie die Erzählungen seiner Bewohner, schon weit Seltsameres erlebt. Und dennoch: Sobald sich die Tür des Gemeindehauses hinter den letzten Zögerlichen schließt, verwandelt sich die Runde in eine Nähstube der etwas anderen Art. Hier werden keine kitschigen Topflappen oder langweiligen Schals gefertigt. Hier entsteht Kunst. Kunst, die am Körper getragen wird. Kunst, die wärmt, kratzt und gleichzeitig für maximale Verwirrung beim unbedarften Betrachter sorgt. Die neueste Kollektion trägt den vielversprechenden Arbeitstitel: „Das wärmende Geheimnis“.

Ein Kleidungsstück, das Fragen aufwirft: Wie es Inge immer wieder schafft, selbst die größten Skeptiker im Dorf für ihre Vision von gestrickter Unterwäsche zu begeistern, bleibt ihr wohl gehütetes Geheimnis. Vielleicht ist es ihre ansteckende Begeisterung. Oder die simplen, aber wahren Worte: „Hat schon mal jemand versucht, mit einem Polyester-BH bei minus zehn Grad auf den Gefrierfachgang im eigenen Keller zu warten? Mein gestrickter Bralette hingegen…“ Die Argumente sind so überzeugend wie das Ergebnis selbst. Das kratzende Gefühl von Schafswolle an empfindlichen Stellen wird dabei elegant als „prickelndes Naturerlebnis“ umdefiniert. Fakt ist: Die Runde wächst. Nachdem anfangs nur die ganz Harten zum Club stießen – allen voran Noëlle Martin, die ehemalige Lehrerin, die den Geschichtsverein leitet und deren steifes Kreuz jedes Gram an Wolle zu schätzen weiß – hat sich mittlerweile eine eingeschworene Gemeinschaft gebildet. Es wird gekichert, gestrickt und über die neuesten „Vorfälle“ getratscht. Beispielsweise über den unbedarften Touristen im Gästehaus „Zur Weidenbrücke“, der völlig ahnungslos ein Paar gestrickte Unterhosen aus dem Geschenkkorb des Hotels mitnahm, weil er dachte, es handele sich um besonders grob gestrickte Topflappen.
Das letzte Wort gehört dem Bauchgefühl. Am Ende bleibt das Geheimnis von Ingas Erfolg so weich und unergründlich wie ihre Kunst selbst. Vielleicht ist es die kuschelige Wärme, die das Gefühl gibt, in eine flauschige Wolldecke des Lebens gewickelt zu sein. Oder der unvergleichliche Stolz, wenn man auf einer Party erwähnen kann: „Die Unterwäsche? Selbst gestrickt!“ Fakt ist: Die gestrickte Unterwäsche ist nicht mehr aus Schleuße wegzudenken. Sie ist längst ein fester Bestandteil der dörflichen Identität. Wie Inga selbst, die mit ruhiger Hand Lebensmittel verkauft, Menschen mit ihren Marmeladen beglückt und dabei beharrlich die Welt häkelt – nein, strickt –, Stich für Stich. Prost, Inga! Oder wie man in ihrer Branche sagt: „Guten Faden!“

