Tagebucheintrag – Freitag, 10. Oktober 2025
Ich weiß nicht, was sich Herr Drömer dabei denkt. Eine Samstagsprobe – und das im Oktober, wo der Nebel morgens noch zwischen den Erlen hängt und der Boden so nass ist, dass man die Gummistiefel kaum wieder auskriegt. 9:19 Uhr soll’s losgehen, „damit wir wach sind, wenn wir an den Eingangschor gehen“. Wach! Ich wäre ja lieber ausgeschlafen, wenn wir den singen.

Es geht natürlich ums große Projekt: Bachs Weihnachtsoratorium, Kantaten 1, 4 und 5. Als ob unser kleiner Chor aus Schittingen das stemmen könnte, aber Drömer hat sich das in den Kopf gesetzt. „Wir müssen über uns hinauswachsen“, sagt er immer und schwingt dabei die Hand so, dass man Angst hat, sie könnte den Taktstock aus Versehen ins Waschbecken schleudern. Heute hat er uns noch eine Nachricht geschickt: „Bitte pünktlich! Die Rezitative brauchen Struktur, sonst wird’s bei der Aufführung in Zajin peinlich.“ Peinlich wird’s eher, wenn der Sopran wieder zu hoch ausfällt – die Frieda Wahnke singt so schrill, dass die Schafe auf der Wiese zusammenzucken.
Ich hab eigentlich keine Lust auf morgen. Der freie Samstag ist heilig, und die Wolle für die Trocknung muss ich noch sortieren. Aber andererseits – die anderen kommen ja auch. Leni Brunner bringt meistens heißen Tee mit, und vielleicht schleppe ich selbst ein paar Quarkspitzen mit. Die kann man wenigstens noch essen, wenn die Stimmung kippt. Ich hab heute Abend schon Quark und etwas Zitronenschale aus der Molkerei in Papierstedt geholt. Wenn’s gut geht, sind sie morgen früh noch warm.
Drömer wird uns sicher wieder durch den Eingangschor jagen, bis er „mehr Leuchten“ hört. Und dann „Großer Herr und starker König“, wo die Bässe immer zu spät einsetzen. Ich sehe es schon kommen: Er stampft mit dem Absatz, die Brille rutscht, und er ruft „Ihr müsst’s atmen wie ein Organismus!“ – als wären wir Schafe an einer gemeinsamen Lunge.
Trotz allem: Wenn der Klang dann mal sitzt, wenn der Alt sauber liegt und der Sopran nicht schwankt, dann ist das schon was. Im Raum der Genossenschaftshalle, mit dem feuchten Geruch von Wolle und Dampf, hallt der Chorsatz wie aus einer anderen Welt. Da vergisst man kurz, dass draußen der Zajinbach rauscht und die Bretterstege wackeln. Vielleicht wird’s morgen ja doch ganz gut. Und wenn nicht – dann gibt’s wenigstens Quarkspitzen.
Tagebucheintrag – Samstag, 11. Oktober 2025
Die Probe ist vorbei. Dreieinhalb Stunden Bach in der Waschhalle – das muss man erstmal überstehen. Um 9:19 Uhr stand ich tatsächlich da, noch halb im Dunst, mit der Blechdose voller Quarkspitzen. Der Nebel hing so dicht zwischen den Erlen, dass man den Weg kaum sah. Nur der Dampf aus der Halle stieg auf wie ein zweiter Nebel – das heiße Wasser für die Wolle lief schon.
Drömer war natürlich früher da. Saß auf dem alten Wollhocker, Noten auf dem Schoß, Bleistift im Mundwinkel. „Wir fangen gleich an“, sagte er, „solange die Stimmen noch frisch sind.“ Frisch! Ich fühlte mich wie ein nasses Handtuch.
Wir haben den Eingangschor aus der ersten Kantate sicher acht Mal gesungen. Erst zu schnell, dann zu zaghaft, dann zu laut. Der Bass (also wir) kam wieder zu spät, und Frieda traf jedes „Jauchzet“ so spitz, dass die Tauben im Dach aufschreckten. Drömer wurde irgendwann ganz ruhig, was immer das gefährlichste Zeichen ist. Dann kam er näher, legte die Hand ans Notenpult und sagte leise: „Wir müssen uns bewegen wie der Fluss, nicht wie ein Wasserhahn.“ Niemand verstand das, aber alle nickten.

In der Pause hab ich die Quarkspitzen ausgepackt. Sie waren lauwarm, nicht mehr knusprig, aber süß genug, um uns kurz milde zu stimmen. Leni hatte Apfeltee dabei, den sie in einem alten Thermoskrug servierte. Wir saßen auf den Wollsäcken, die Finger klebrig vom Zucker, und für einen Moment war’s fast friedlich. Der Dampf hing über uns, die Sonne brach durch die Bretterrisse, und draußen hörte man die Schafe.
Dann wieder hinein: „Großer Herr, o starker König“ – unser Endgegner. Drömer stampfte, der Boden vibrierte, und ich sah, wie der Staub in den Lichtstrahlen tanzte. Wir klangen tatsächlich besser. Vielleicht, weil keiner mehr Kraft hatte, sich zu ärgern. Am Ende nickte er zufrieden, und das ist bei ihm fast ein Lob. „Jetzt ahnt man, was Bach wollte“, sagte er, und wir wussten nicht, ob das stimmt oder nur Trost war.
Als ich nach Hause ging, roch meine Jacke nach nasser Wolle und Quark. Der Steg war glitschig, die Bretter klangen hohl unter den Stiefeln. Ich summte leise den Anfang des Chores, ganz ohne Absicht – und es klang gar nicht so schlecht. Vielleicht hat die Probe doch etwas gebracht. Oder es war nur der Zucker.

