
(Pop.: 1.742 – 354 m NN)
Seifartsdorf zieht sich als langer Straßenzug auf 354 Metern Höhe über einen Geländesattel des Drosener Rückens, genau dort, wo der Hang zum Wolkenflüsterwald abbricht und der Blick nach Osten über die flacheren Rückenwellen ins Blumenland geht. Im Dorf hat sich der Tåkebekk in eine schmale Mulde eingeschnitten. Der Bach kommt aus den sumpfigeren Senken des Waldes, läuft hier schon recht geordnet zwischen Ufersteinen, bevor er weiter ostwärts der Nova entgegenfließt. An klaren Tagen erkennt man in der Ferne die helleren Felder hinter Packelfeld, bei tiefen Wolken wirkt Seifartsdorf dagegen wie eine Kante zwischen Waldschatten und offener Flur. Die B55, die Flemmingen mit Hartmannsfeld verbindet, folgt diesem Rücken; die Z-14 quert den Ort und führt nach Meyen beziehungsweise als L14 hinunter ins Blumenland. Der nächste Bahnhof liegt vier Kilometer entfernt in Meyen, doch die meisten Pendler stellen sich morgens an der Bushaltestelle am Dorfanger, wo der Zubringerbus die Anschlüsse zur Linie 112 sichert.
Der Ortskern konzentriert sich entlang der Angerstraße. Zwischen leicht versetzten Hofeinfahrten öffnet sich der Dorfanger, eine grasbewachsene Rechteckfläche mit Spielgeräten, einzelnen Obstbäumen und einem gepflasterten Randweg. Auf seiner Nordseite steht ein flacher Backsteinbau, dessen breite Schiebetore die Funktionen verraten: Im linken Abschnitt parkt das Löschfahrzeug der Freiwilligen Feuerwehr, der mittlere Raum dient als Dorfgemeinschaftshaus, im rechten Flügel probt der Musikverein. An Werktagen sieht man hier oft nur den Aushangkasten und die Fahrradständer; abends leuchtet durch die Fenster entweder das kühle Licht der Gemeinderatssitzungen oder die warmen Lampen der Chorproben. Die Feuerwehr nutzt ihren Teil zusätzlich für Geräteschauen und als Stützpunkt, wenn im Herbst die Wildzählungen stattfinden und Funkgeräte, Stirnlampen und Reflektorwesten ausgegeben werden.
Seifartsdorf verdankt seinen Namen nach einer gängigen Dorfdeutung einem Siedler namens Seifart, der der Legende nach als erster eine Brücke über den Tåkebekk schlug. In der Ortschronik findet sich immerhin ein „Severin Seifhart“, der im 16. Jahrhundert als Wegemeister aufgeführt wird. Dass die Straße bis heute das Rückgrat des Ortes bildet, passt zu dieser Erzählung. Links und rechts der Angerstraße stehen Höfe und Wohnhäuser, viele mit Wirtschaftsgebäuden aus Bruchstein und Nachkriegsziegeln. Hinter den Höfen ziehen sich Weiden und kleinere Ackerstücke den Rücken hinauf; die offenen Hänge Richtung Hartmannsfeld werden für Schafhaltung genutzt, deren Lämmer später im „Rückenstuben-Hof“ auf den Teller kommen.

Die Kirche St. Aurelian liegt etwas abgerückt vom Verkehr an einem kurzen Stichweg, dem Kirchsteig. Ein schlichter Turm mit Satteldach wächst aus dem Langhaus; der Bau besteht aus hell verputztem Mauerwerk mit Sandsteinecken. Im Inneren fällt eine Holzdecke mit sichtbaren Balken auf, darüber ein niedriger Dachraum, in dem im Winter die Glockenschläge dumpf widerhallen. St. Aurelian fasst rund 300 Menschen, was für Taufsonntage und Konfirmationen reicht. Pfarrer Jonas Recker betreut von hier aus auch die umliegenden Gemeinden und ist häufig auf dem Rad unterwegs, um Gottesdienste in Hartmannsfeld oder Meyen zu übernehmen. In Seifartsdorf selbst ist die Kirche neben der religiösen Rolle auch Veranstaltungsort: Einmal im Monat findet ein „Tåkebekk-Abend“ statt, bei dem Musikschüler und kleine Ensembles den Kirchraum nutzen; erzählt werden dabei meist Geschichten vom Bach, von Hochwassern und von den Nebelbänken, die sich im Herbst im Tal sammeln.

Nur wenige Minuten Fußweg trennen die Kirche vom Forsthof am Waldrand (Waldkante 7). Der Hof besteht aus einem Verwaltungsgebäude, einer Holzlagerfläche und einem einfachen Schuppen mit nummerierten Fächern. Hier werden Brennholzlose ausgegeben: wer sich anmeldet, bekommt ein markiertes Stück Kronenholz zugewiesen, das er selbst aufarbeiten darf. Besonders im Spätwinter sieht man Familien mit Motorsägen, Spaltäxten und Thermoskannen an den Waldwegen. Der Forsthof organisiert zudem die jährlichen Pilzkontrolltage, bei denen Sammler ihre Körbe von einem Mykologen prüfen lassen, bevor der Inhalt in Pfannen und Töpfen landet. Parallel dazu läuft die Wildzählung: Freiwillige zählen vom Hochsitz aus Rehe und Schwarzwild, tragen Sichtungen in vorbereitete Formulare ein und lernen nebenbei viel über Wildwechsel im Wolkenflüsterwald.
Der Tåkebekk prägt den unteren Teil des Dorfs. Mehrere kleine Brücken verbinden die Angerstraße mit den Wiesen am Gegenhang. An heißen Tagen kühlen Kinder hier die Füße im Wasser, während weiter bachabwärts Messlatten den Pegel anzeigen. Ein schmaler Uferweg begleitet das Gewässer; von hier aus gelangt man über kurze Steigungen wieder hinauf in die Siedlung oder folgt dem Bach ostwärts, bis er das Dorf Richtung Blumenland verlässt. An einer Stelle, wo der Bach eine kleine Stufe bildet, haben Jugendliche aus Steinplatten einen behelfsmäßigen Trittpfad gebaut; im Winter setzt sich hier Eis an, und man erkennt gut, wie der Bach sich Schicht für Schicht durch den Rücken gegraben hat.

Wirtschaftlich steht Seifartsdorf auf mehreren Beinen. Neben Landwirtschaft und Schafhaltung ist FlexiForm Kunststofftechnik ein wichtiges Standbein. Der Betrieb liegt am südlichen Ortsausgang zur B55 hin in einem Hallenkomplex mit blauem Logo. Rund 90 Mitarbeitende fertigen Spritzgussteile und technische Komponenten, darunter Gehäuse für Messgeräte, Befestigungslösungen für die Bahn und Spezialteile für Gewächshausanlagen. Im Inneren der Hallen stehen moderne Maschinenreihen; der Betrieb setzt stark auf Recyclinggranulate. Ein Lagerbereich ist mit Big-Bags gefüllt, die gebrauchte Kunststoffteile aus der Region sammeln, die dann vor Ort geschreddert und wiederverwendet werden. FlexiForm unterhält Kooperationen mit Schulen und bietet Praktika an; nicht wenige junge Seifartsdorfer lernen hier ihren Beruf im Bereich Mechatronik oder Verfahrenstechnik.
Kinder besuchen eine Grundschule im Ort, die unweit der Angerstraße liegt und mit der Sportwiese am Bach verbunden ist. Im Sachkundeunterricht laufen Projekte zum Tåkebekk: Schülerinnen und Schüler messen Wasserqualität, dokumentieren Kleintiere und beobachten, wie sich die Bachsohle nach Starkregen verändert. Ältere Jugendliche pendeln mit dem Bus nach Meyen und steigen dort in die Züge der Linie 112, die sie zu weiterführenden Schulen in Drosen oder Kreuzberg bringen.

Für Gäste und Einheimische ist der „Rückenstuben-Hof“ an der B55, Hausnummer 19, eine feste Adresse. Der Gasthof ist in einem ehemaligen Vierseithof untergebracht; im Innenhof stehen Bänke aus dicken Bohlen, drinnen ein niedriger Schankraum mit Kamin. Die Küche arbeitet mit einem kleinen, wechselnden Menü: meist ein Lammgericht aus Hartmannsfelder Weiden, dazu Bohnen oder Linsen, im Herbst auch Pilze aus den Wäldern. Als Getränk wird fast immer Most aus Pölau empfohlen; der Wirt notiert auf einer Tafel, von welcher Pressecharge die aktuelle Lieferung stammt. Sonntags nach dem Gottesdienst bildet sich an der Theke eine Schlange – die „Kirchenrunde“, bei der Gemeindemitglieder kurz einkehren, bevor sie die Nachmittage in Garten oder Wald verbringen.
Einkaufsmöglichkeiten bieten ein Dorfladen an der Angerstraße mit kleiner Postagentur, eine Bäckerei mit offenem Ofen und ein mobiler Metzgerwagen, der zweimal pro Woche auf dem Dorfanger hält. Der Laden führt neben Grundbedarf auch Brennholzbriketts vom Forsthof und einfache Outdoor-Ausrüstung wie Regenponchos und Wanderkarten für den Wolkenflüsterwald. Ein kleiner Bankautomat an der Fassade ersetzt eine eigene Filiale. Arztpraxen befinden sich in den Nachbarorten; einmal pro Woche hält ein Praxisbus in Seifartsdorf und übernimmt Routineuntersuchungen.
Kulturell lebt der Ort stark von Vereinen. Im Dorfgemeinschaftshaus probt nicht nur der Musikverein, sondern auch eine Theatergruppe, die jedes Jahr ein Stück mit Bezug zum Wald aufführt – Titel wie „Der verschwundene Förster“ oder „Tåkebekk im Nebel“. Die Aufführungen finden im Saal der Angerstraße statt, manchmal auch open air auf dem Dorfanger. Die Feuerwehr richtet im Sommer das Angerfest aus, bei dem es Wasserspiele für Kinder, eine Geräteschau von FlexiForm und abends Livemusik gibt. Im Herbst organisiert der Forsthof gemeinsam mit den Vereinen den „Waldabend“: Nach einer geführten Dämmerungswanderung durch den Wolkenflüsterwald kehrt man in die Rückenstuben ein, wo Pilzgerichte und Wildgulasch serviert werden.
Ein Rundgang durch Seifartsdorf beginnt idealerweise an der Brücke über den Tåkebekk, folgt der Angerstraße mit ihren Höfen und dem Dorfanger, macht Station am Backsteinbau mit Feuerwehrdepot und Gemeinschaftssaal und biegt dann über den Kirchsteig zur St.-Aurelian-Kirche ab. Von dort gelangt man in wenigen Minuten zum Forsthof und weiter in die ersten Höhenwege des Wolkenflüsterwaldes. Wer sich Zeit nimmt, erkennt unterwegs, wie eng hier Waldnutzung, Bachlandschaft, Kunststoffindustrie und dörflicher Alltag verflochten sind – eine Kombination, die Seifartsdorf zu einem geeigneten Ziel für Reisende macht, die mehr sehen wollen als nur Weinberge und Stadtgassen.
Verkehrsverbindungen:
Straße: B55 (N: Flemmingen 5km, S: Hartmannsfeld 15,5km); Landesstraße Z-14 (W: Meyen 4km, O: weiter als L14 nach Packelfeld ins Blumenland 7,5km)
Nächster Bahnhof in Meyen (4km): Bierona-Zentravia-Ferrovia Linie 112 stündlich 7:03-20:03 über Paulstedt nach Bundorf ins Zentralmasssiv, 21:03 nach Paulstedt; 7:13-20:13 über Drosen und Wisnitz nach Kreuzberg, 21:13 nach Wisnitz, 22:13 nach Drosen

