Wenn du in Altenroda am Flussweg entlanggehst, geh nicht „zur Kirche“, sondern geh erst einmal „zum Geländer“. Der Kirchberg beginnt dort, wo die Häusergruppen am Wasser auseinanderziehen und ein kurzer Stichweg nach oben führt. Kirchberg 1 steht nicht unten am Kleinen Teichfluss, sondern auf einer künstlich eingeebneten Terrasse über dem Dorf. Das ist Absicht: Der Bach ist hier ein kräftiger Lauf, der nach Regen schnell schmalen Raum sprengt. Das sieht man an den abgeriebenen Kanten der Brückenpfeiler und an den Ufersteinen. Die SEE19 folgt dem Wasser durch das Tal; wer von Teichdorf kommt, hört den Bach oft, bevor er die Kirche sieht.
Der Aufstieg ist kurz, aber technisch: Stufen, ein Geländer, eine Kurve, dann steht man vor dem Westturm. Im Winter hängen am Geländer Eiszapfen; bei Tauwetter tropft es von den Handläufen, und das Wasser läuft in dünnen Spuren über die Stufen. Links vom Weg steht die alte Tränke, eine steinerne Rinne, die früher Tiere versorgte und heute nach Starkregen wieder Wasser sammelt. Unten im Dorf ist das Gemeindehaus der zweite Fixpunkt. Dort finden die meisten Treffen statt, dort liegt Material, dort wird gekocht, dort hängt der Schlüsselplan. Altenroda ist klein, aber die Wege sind so gesetzt, dass man sich zwangsläufig begegnet: am Bus, am Gemeindehaus, am Anstieg zur Kirche.
St. Rochus ist dem heiligen Rochus gewidmet, und die Widmung wirkt in Altenroda nicht wie ein Traditionsrest, sondern wie eine Antwort. Im Ort kursiert dazu keine fromme Legende, sondern eine praktische Erklärung: Nach einer Phase von Krankheiten im Tal – man verweist auf „Fieberwinter“ nach Hochwasser und auf enge Wohnverhältnisse in den Häusergruppen am Wasser – habe man Rochus als Schutzpatron gewählt, weil er in der Frömmigkeit vieler Regionen als Helfer in Seuchen- und Krisenzeiten gilt. Dass Rochus in der Bildwelt häufig mit einem Hund verbunden ist, passt zu Altenroda, wo Hunde bis heute Arbeitsalltag sind: bei Forstarbeitern, bei Höfen, bei den Leuten, die am Hang Zäune kontrollieren und Durchlässe freihalten. In St. Rochus taucht das nicht als großes Gemälde auf, sondern als kleines, bewusst unscheinbares Objekt: eine geschnitzte Rochusfigur mit Hund in einem Wandschrank nahe der Sakristeitür, die nur bei Führungen herausgenommen wird, damit sie im Alltag nicht beschädigt wird.
Das Gebäude ist schlicht gebaut und wirkt über Proportion und Licht. Innen ist der Raum nicht groß; die Wirkung entsteht morgens, wenn das Licht schräg durch die Fenster fällt und helle Streifen auf den Steinboden zeichnet. Wer dann die Tür öffnet, sieht Staub im Lichtkegel stehen, weil kalte Luft nachströmt. Der Altar steht auf einem niedrigen Podest; davor genug Platz, dass Taufen und kleine Konzerte funktionieren, ohne dass man Bänke aufwendig räumen muss. Holz ist sichtbar, aber nicht als Dekor: Bankwangen, Emporenbrüstung, Türblätter. An mehreren Stellen erkennt man Reparaturgeschichte als Handwerksspur: andere Fugenfarbe, neu gesetzte Kantensteine, ein Stück Mauer, das anders „arbeitet“ als der Rest.

Die Baugeschichte erzählen die Altenrodaer nicht in Jahreszahlenketten, sondern in Abschnitten, die jeweils nach einem Problem benannt sind: „der Dachwinter“, „die Turmriss-Sache“, „der Frost im Westportal“. Der Turm ist das älteste Bauteil; innen sieht man an den Mauerfugen, wo Material gewechselt hat. Ein Abschnitt ist mit größeren, unregelmäßigen Steinen gesetzt, darüber folgen sorgfältiger behauene Quader. Der Kirchraum wurde später verlängert und nach einem Brand im Dachbereich neu gefasst – so erklärt es Küster Henrik Marnitz, der für Besucher ein kleines Heft bereithält, in dem nicht nur Termine stehen, sondern auch Befunde: „Rinne Westseite nachgelötet“, „Fenster II Nord: Kitt erneuert“, „Heizung: Entlüften vor Advent“. Marnitz ist in Altenroda nicht „der Mann mit dem Schlüssel“, sondern derjenige, der Dinge am Laufen hält: Wärmezeiten, Kerzen, Verbrauchsmaterial, kleine Reparaturen, Absprachen mit Handwerkern aus Teichdorf.
Neben dem Portal sitzen die Kerben im Stein, für die St. Rochus über das Dorf hinaus bekannt ist. Von weitem wirken sie wie zufällige Scharten. Wer nähertritt, erkennt Ordnung: Hochwasserstände, in Serie gesetzt, mit ergänzten Jahreszahlen. Wenn nach einem Starkregen jemand im Ort nachmisst, landet die Information nicht nur im Gespräch, sondern in Marnitz’ Heft. Die Kerben sind kein Schmuck. Sie sind ein Protokoll im Stein und erklären Gewohnheiten im Tal: zusätzliche Riegel an Kellertüren, Holzstapel nicht unten am Ufer, Kontrollgänge bei steigenden Pegeln. Wer Altenroda verstehen will, sollte erst diese Kerben lesen und dann erst den Altar anschauen.

Das Team der Kirchengemeinde ist klein und arbeitet über Zuständigkeiten hinweg. Pfarrerin ist (im Wechsel mit der Nachbargemeinde Teichquell) Svea Martensen. Sie hält in Altenroda bewusst kurze Gottesdienste mit klarer Form: Lesung, Auslegung, Fürbitten, Musik. Wenn die Bergstraße nach Tons oder Spee wegen Glätte problematisch ist, verlegt sie Treffen ins Gemeindehaus und lässt St. Rochus als „offene Kirche“ zu festen Zeiten aufschließen. Kantorin ist Nele Fichtner, die mehrere Orte im Landkreis betreut und in Altenroda mit wenig Technik auskommt: kleine Orgel, klare Registrierung, oft ergänzt durch eine Geige oder Flöte aus dem Ort. Für Proben nutzt sie nicht immer die Kirche, sondern den Trockenraum im „Haus Rodablick“ am Flussweg 9, weil dort Jacken, Notentaschen und nasse Stiefel gleichzeitig Platz haben und niemand empfindliche Böden scheut. Wirtin Meike Roda stellt dafür Tee und eine Schüssel mit Schlüsseln auf den Tisch: Kirchenschlüssel, Gemeindekastenschlüssel, Schrank für Noten.
Die Gemeinde lebt von Leuten, die sonst im Ort und Landkreis ohnehin aktiv sind. Ronja Hettler aus dem Kreisarchiv Teichdorf betreut im Gemeindehaus zwei Vormittage in der Woche eine Lerngruppe für jüngere Kinder; einmal im Quartal macht sie mit ihnen in St. Rochus eine „Kerben-Stunde“: Abreibungen einzelner Markierungen, Gespräch über Wasser und Risiko, und zum Schluss eine kurze stille Runde im Kirchraum, damit die Kirche nicht nur „Thema“, sondern Ort bleibt. Janis Ploetz, Vorsitzender der „Talrunde Altenroda“, organisiert im Sommer Abendspaziergänge, die häufig an der Kirche beginnen, weil man von der Terrasse den Verlauf des Tals, die SEE19 und die Häusergruppen am Flussweg in einem Blick bekommt. Wenn die Freiwillige Feuerwehr Übungsabend hat und unten am Gerätehaus Fahrzeuge auf dem Vorplatz stehen, bleibt die Kirche oft länger offen, weil dann ohnehin Leute im Dorf unterwegs sind.

Das Programm der Kirchengemeinde wirkt nicht wie ein Kalender aus der Stadt, sondern wie eine Reihe sinnvoller Anlässe. Es gibt Lesungen und Vorträge, die sich an den Bedingungen im Tal orientieren: Hochwasserhistorie (inklusive Vergleich der Kerben am Portal), Forstthemen zu Hangflächen, Wegepflege und Verkehrssicherheit an der SEE19. Dazu kommen kleinere Kulturabende, bei denen Nele Fichtner mit zwei bis drei Musiker:innen aus dem Ort arbeitet: kurze Stücke, klare Ansagen, kein Bühnenaufbau. Die Jugendgruppe nennt sich „Flussknoten“; sie trifft sich wechselnd im Gemeindehaus, im Turmraum oder auf der Kirchterrasse. Inhaltlich ist das ein Mix aus Handwerk und Gespräch: Kerzenziehen vor Advent, kleine Technikdienste bei Veranstaltungen, Diskussionen über Buszeiten nach Teichdorf und darüber, wie man im Sommer am Bach verantwortet unterwegs ist.
Die Umwelt- und Schöpfungspflege ist in Altenroda kein Schlagwort, sondern ein Arbeitsplan. Im Frühjahr organisiert die Gemeinde zusammen mit der Talrunde und dem Wasserverband einen Bachufer-Tag: Treibholz aus Engstellen ziehen, Müll sammeln, beschädigte Uferbefestigungen markieren, Durchlässe prüfen. Im Herbst wird am Kirchberg nachgesetzt: Heckenabschnitte, die die Terrasse stabilisieren, und Trittstufen, die bei Frost nicht brechen sollen. Marnitz führt dafür keine großen Reden; er legt Listen aus, verteilt Handschuhe, notiert, wer welchen Abschnitt übernimmt.
St. Rochus ist damit keine Kirche, die man „besichtigt“ und dann abhakt. Sie funktioniert als Speicher von Ortswissen: Kerben im Stein, Heft im Küsterschrank, Wegeplan am Gemeindehaus, Musikproben zwischen nassen Jacken. Wer hingeht, sollte Zeit für zwei Dinge einplanen: erst den Blick auf die Portalwand und die Pegelkerben, dann einen Rundgang um die Terrasse, um zu sehen, warum man diese Kirche genau hier oben gebaut hat – nah genug am Tal, um das Wasser nicht zu vergessen, weit genug weg, um bleiben zu können.

