(Pop.: 1472 – 139m NN)

An der Ostseite des gemächlich dahinströmenden Zento liegt Kleebaum, ein Dorf, das sich mit seinen rund 1.500 Einwohnern wie ein lebendiger Knotenpunkt in der weiten Ebene des mittleren Zentro-Landes ausbreitet. Wer aus Kornumünde heraufkommt, erkennt den Ort schon von weitem am Turm der Kirche St. Laurentius, der wie ein steinerner Zeigefinger über den Auen steht. Der Turm dient seit Jahrhunderten als Landmarke im Zentotal – früher für Schiffer, heute für Wanderer, Radfahrer und die Reisenden der Bahnlinien 108 und 109, die hier zusammentreffen. Kleebaum ist ein Ort, der sich nicht in den Vordergrund drängt, aber jedem, der verweilt, eine stille, freundliche Tiefe offenbart.

Der Name des Dorfes geht auf eine alte Fährstelle zurück, an der Händler aus dem Seeland ihre Waren umluden. Man erzählt sich, dass ein besonders geschäftstüchtiger Fährmann namens Laro Kleeb einst ein hölzernes Schild mit einem vierblättrigen Kleeblatt anbrachte, um seine Anlegestelle von den anderen zu unterscheiden. Ob es das Schild wirklich gab, weiß heute niemand mehr, aber die Geschichte wird gern im Gastraum des Restaurants „Zum Kleeblatt“ erzählt, wo die Wände mit alten Zeichnungen der Fährstelle geschmückt sind. Sicher ist nur: Die Lage am Fluss war schon immer entscheidend. Der Zento, der aus dem Zentralmassiv herabkommt und sich in breiten Schleifen durch die Ebene windet, brachte Waren, Menschen und Geschichten – und Kleebaum wurde zu einem Ort, an dem Wege sich kreuzen.

Der historische Kern des Dorfes liegt leicht erhöht über dem Fluss. Dort steht St. Laurentius, eine schlichte, aber eindrucksvolle Kirche aus hellem Stein. Ihr Turm wirkt fast romanisch streng, doch im Inneren überrascht ein warmes, hölzernes Gestühl, das nach Harz und Kerzen riecht. Pfarrerin Marit Ossen, die seit fünf Jahren hier wirkt, hat der Gemeinde neues Leben eingehaucht. Neben den Sonntagsgottesdiensten gibt es einen kleinen Kirchenchor, eine offene Bibelrunde am Mittwochabend und das beliebte Laurentiusfest im August, bei dem der Kirchhof mit bunten Wimpeln geschmückt wird und die Kinder des Dorfes ein kleines Theaterstück aufführen. Die Kirche ist nicht nur religiöser Mittelpunkt, sondern auch sozialer Treffpunkt – besonders im Winter, wenn die Menschen sich nach Wärme und Gemeinschaft sehnen.

Südlich der Kirche beginnt der Kleine Zentowald, ein Auenwald, der von schmalen Kanälen durchzogen ist. Holzstege führen über sumpfige Stellen, und an mehreren Beobachtungsplattformen kann man Reiher, Enten und manchmal sogar den scheuen Schwarzstorch sehen. Der Wald ist ein beliebtes Ziel für Spaziergänger, aber auch ein Ort, an dem die Dorfbewohner zur Ruhe kommen. Der pensionierte Feinmechaniker Jaro Mellenthin, der früher in der Kleebaumer Werkstatt für medizinische Präzisionsteile arbeitete, sitzt hier oft mit einem kleinen Fernglas und erzählt Besuchern gern, wie sich der Wald im Laufe der Jahreszeiten verändert. „Im Frühjahr riecht es nach nassem Holz und Hoffnung“, sagt er, „im Herbst nach Pilzen und Abschied.“

Die Werkstatt, in der Mellenthin jahrzehntelang tätig war, ist einer der wichtigsten Betriebe des Ortes. Sie stellt winzige Bauteile für medizinische Geräte her, die in Kliniken in Zentro und sogar in Seestadt verwendet werden. Daneben gibt es mehrere Handwerksbetriebe: eine Tischlerei, eine Schmiede, eine kleine Molkerei am nördlichen Ortsrand, die ihren Käse auf dem Wochenmarkt in Kornumünde verkauft. Die Molkerei wird von der Familie Rauschen betrieben, deren ältester Sohn gerade eine Ausbildung zum Milchtechnologen begonnen hat. Besucher können dort frischen Quark und einen milden Weichkäse probieren, der nach Kräutern aus dem Zentowald duftet.

Der Bahnhof von Kleebaum liegt etwas westlich des Ortskerns, nahe der alten Fährstelle. Er ist ein überraschend belebter Ort für ein Dorf dieser Größe, denn hier treffen sich die Linien 108 und 109 der Bierona-Zentravia-Ferrovia. Morgens stehen Pendler auf dem Bahnsteig, die nach Zentro oder Seestadt fahren, und am Nachmittag kommen Schüler aus Kornumünde zurück. Besonders charmant ist jedoch die Röxer Eisenbahn, die alle zwei Stunden mit einer kleinen Dampflok nach Röxe pendelt. Der Zug wird vom Verein „Röxer Eisenbahn e.V.“ betrieben, dessen Mitglieder mit sichtbarer Begeisterung an der alten Technik arbeiten. Wenn die Lok pfeifend in Kleebaum einfährt, bleiben selbst Einheimische stehen, um den Dampf aufzusteigen zu sehen. Der Schaffner, ein älterer Herr namens Benno Krall, begrüßt jeden Fahrgast persönlich und erzählt gern von der Geschichte der Strecke, die ursprünglich viel weiter hätte führen sollen, aber nach nur 9,5 Kilometern endete, als das Geld ausging.

Die Straßen von Kleebaum sind ruhig, aber nicht verschlafen. Die Hauptstraße führt vom Bahnhof zum Dorfplatz, an dem das Rathaus, ein kleiner Dorfladen und die Bäckerei „Zentokrume“ liegen. Die Bäckerei wird von der Familie Henschel geführt, die seit drei Generationen Brot backt. Besonders beliebt ist das „Kleebaumer Krustenbrot“, das mit einem Muster aus vier kleinen Einschnitten versehen ist – eine Anspielung auf das berühmte Kleeblatt. Morgens duftet der ganze Platz nach frischem Gebäck, und viele Dorfbewohner holen sich hier ihren Kaffee, bevor sie zur Arbeit fahren.

Das Restaurant „Zum Kleeblatt“ ist das kulinarische Herz des Ortes. Es liegt in einem alten Fachwerkhaus mit Blick auf den Fluss. Die Küche setzt auf Produkte aus den umliegenden Höfen: Ziegenkäse aus Zentofeld, Gemüse aus Vogelhain, Fleisch von einem Hof bei Kornu. Die Wirtin, Liane Brömmel, ist eine energische Frau mit lauter Stimme und großem Herz. Sie begrüßt Gäste oft mit einem kräftigen Händedruck und empfiehlt gern das Tagesgericht – meist ein Eintopf oder ein Braten, der stundenlang im Ofen geschmort hat. Abends sitzen hier Wanderer, Bahnreisende und Einheimische zusammen, und nicht selten endet der Abend mit einer spontanen Runde Kartenspiel.

Übernachtungsmöglichkeiten gibt es in Kleebaum wenige, aber gemütliche. Zwei Bauernhöfe bieten Gästezimmer an, und im ehemaligen Fährhaus wurde vor einigen Jahren eine kleine Pension eingerichtet. Die Zimmer sind schlicht, aber freundlich, und vom Balkon aus kann man den Zento glitzern sehen. Viele Gäste schätzen die Ruhe des Ortes und nutzen Kleebaum als Ausgangspunkt für Radtouren entlang des Flusses. Die Radwege auf beiden Seiten des Zento sind gut ausgebaut und führen durch Wiesen, Felder und kleine Weiler. Besonders schön ist der Abschnitt südlich des Dorfes, wo der Fluss sich in einer breiten Kurve durch die Auenlandschaft zieht.

Das öffentliche Leben in Kleebaum ist geprägt von Vereinen und Gemeinschaft. Die Freiwillige Feuerwehr hat ein modernes Gerätehaus am Ortsrand, und der Sportverein betreibt einen kleinen Fußballplatz, auf dem sonntags die Jugendmannschaft trainiert. Im Gemeindehaus finden Filmabende, Bastelkurse und die Proben des Theaterkreises statt, der jedes Jahr ein Stück beim Laurentiusfest aufführt. Die Stücke sind meist humorvoll und beziehen sich auf lokale Geschichten – etwa die Legende vom Fährmann Kleeb oder die Anekdote über einen Dampflokführer, der einst versehentlich rückwärts aus dem Bahnhof fuhr und erst in Zentofeld bemerkte, dass er die falsche Richtung eingeschlagen hatte.

Wer Kleebaum besucht, sollte sich Zeit nehmen, den Alltag des Dorfes zu erleben. Morgens sieht man Kinder, die mit ihren Ranzen über den Dorfplatz laufen, während ältere Männer auf der Bank vor dem Rathaus sitzen und über das Wetter sprechen. Mittags hört man das Läuten der Kirchenglocke, das über die Felder hallt. Und abends, wenn die Dampflok der Röxer Eisenbahn ein letztes Mal pfeift und der Zento im Licht der untergehenden Sonne glitzert, versteht man, warum Kleebaum für viele ein Ort ist, an den man gern zurückkehrt – ruhig, freundlich, verwurzelt in seiner Geschichte und doch offen für jeden, der vorbeikommt.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: BZF Bierona-Zentravia-Ferrovia Linie 108 stündlich 5:52-20:52 nach Seestadt, der heutigen Hauptstadt des Seelandes; Linie 109 stündlich 6:46-20:46 über Kornumünde nach Zentro, 21:46 nach Kornumünde, 6:29-21:29 nach Ferkelau; Röxer Eisenbahn aller 2 Stunden 8:20-18:20 nach Röxe
Straße: B62 (S: Zentofeld 8km, N: Keinas 2,8km); Z-6 (W: Vogelhain 13km, O: Röxe 10km); Radwege am Fluß Zento auf beiden Seiten.