(Pop.: 98 – 392m NN)

Ferkeltal wirkt wie ein Ort, der sich eher findet, als dass man ihn sucht: ein kleines Dorf mit knapp hundert Einwohnern, eingeklemmt zwischen dem rauschenden Zento und der hoch über ihm schwebenden Autobahntrasse zum Ferkelpass. Wer hier ankommt, spürt sofort, dass dieser Ort trotz seiner Nähe zur Kreisstadt Ferkelau eine eigene, stille Welt bildet.

Das Dorf liegt auf einer schmalen Terrasse über dem Fluss, dort, wo das Tal enger wird und die Hänge des Zentralmassivs bereits spürbar ansteigen. Die Häuser stehen locker verteilt, manche mit dunklen Schindeldächern, andere mit hellen Fassaden, die in der Nachmittagssonne warm aufleuchten. Ein paar Obstbäume, ein kleiner Dorfplatz, ein Brunnen, der eher dekorativ als notwendig ist – viel mehr braucht Ferkeltal nicht, um seinen Charakter zu zeigen. Die Menschen hier sagen gern, dass der Ort „zwischen Wasser und Wind“ liege: unten der Zento, der im Frühjahr anschwillt und die Luft mit feuchtem Duft füllt, oben die Autobahn, deren Fahrzeuge früher wie ferne Sturmvögel über das Tal rauschten. Seit dem Bau der Lärmschutzgalerien ist davon kaum noch etwas zu hören, und die Stille hat sich wieder ausgebreitet, als hätte sie nur darauf gewartet.

Die Geschichte des Dorfes ist eng mit der alten Zentotalstraße verbunden, die sich von der Kreisstadt Ferkelau aus in die Berge zieht. Ferkeltal war nie ein Handelsort, aber ein Rastpunkt – und genau dafür entstand im 15. Jahrhundert die kleine Kapelle St. Runa, die bis heute am Rand des Dorfes steht. Ihr Dach ist mit Holzschindeln gedeckt, die Fenster sind klein, und im Inneren riecht es nach Harz und Kerzenwachs. Der Legende nach soll die heilige Runa hier eine Nacht verbracht haben, als sie auf dem Weg zu den Klöstern des Drosener Rückens war. Ein Hirtenjunge habe ihr damals Wasser gebracht, und zur Erinnerung daran steht noch heute ein hölzerner Becher auf dem Altar, den niemand anzufassen wagt. Ob die Geschichte stimmt, weiß niemand, aber sie wird gern erzählt – besonders von Pfarrhelferin Liora Munt, die jeden Mittwoch die Kapelle öffnet und Besuchern mit sanfter Stimme erklärt, warum St. Runa „die Schutzpatronin der Wege“ genannt wird.

Gleich neben der Kapelle steht die alte Mühle, ein niedriger Bau mit breitem Dach und einem Wasserrad, das längst nicht mehr in Betrieb ist. Der Müllerhof gehört heute der Familie Rademann, die ihn liebevoll restauriert hat. Im Sommer sitzen Wanderer auf den Holzbänken vor dem Haus, trinken Apfelschorle oder Kräutertee und hören dem Zento zu, der hier besonders laut über die Steine springt. Die Rademanns erzählen gern, dass die Mühle früher nicht nur Korn mahlte, sondern auch als Treffpunkt diente: „Wer etwas wissen wollte, ging zur Mühle – und wer etwas erzählen wollte, auch.“ Ein wenig davon ist geblieben.

Der wichtigste Betrieb im Dorf ist die kleine Schindelwerkstatt von Hendrik Falmer, einem Mann mit wettergegerbtem Gesicht und ruhigen Händen. Falmer stellt Dachschindeln aus Bergfichte her, die in den Hütten am Queckberg und in den Kapellen der Umgebung verbaut werden. Er arbeitet meist allein, nur im Herbst helfen ihm zwei junge Männer aus Ferkelau, die sich mit dem Handwerk etwas dazuverdienen. Besucher dürfen manchmal zusehen, wie Falmer die Schindeln spaltet – ein Vorgang, der so präzise wirkt, als würde er mit dem Holz sprechen. „Man hört, ob es gut wird“, sagt er dann, und tatsächlich klingt jeder Schlag seines Beils ein wenig anders.

Gleich nebenan betreibt Imkerin Mara Lenz ihre Bienenstöcke. Ihr Honig aus Bergblüten ist in Ferkelau sehr beliebt, und wer Glück hat, trifft sie am Wochenende vor ihrem kleinen Verkaufsstand. Sie erzählt gern von den „Wanderbienen“, die im Frühjahr bis in die Hänge oberhalb des Dorfes fliegen, wo seltene Kräuter wachsen. Manche Gäste behaupten, im Honig einen Hauch von Fichtenspitzen zu schmecken, andere meinen, er rieche nach den warmen Steinen am Flussufer. Mara Lenz lächelt dann nur und sagt: „Der Honig schmeckt nach Ferkeltal. Mehr kann ich nicht sagen.“

Ein ungewöhnlicher Betrieb hat sich ebenfalls im Dorf angesiedelt: ein kleiner Familienbetrieb, der rosa Plüschferkel herstellt. Die Werkstatt gehört der Familie Kornfeld, die vor Jahren aus Ferkelau hierher zog, weil sie „mehr Ruhe für die Kreativität“ suchte. Die Plüschferkel sind inzwischen ein beliebtes Souvenir, und manche Wanderer kaufen sie als Glücksbringer für die Touren in die Berge. Die Kornfelds erzählen, dass die Idee aus einem Scherz entstand: Ein Gast im Gasthof habe einmal gesagt, er wolle „ein Ferkel aus Ferkeltal“ mitnehmen – und so begann alles.

Der Gasthof „Passblick“ ist das Herz des Dorfes. Er liegt am oberen Ende der einzigen nennenswerten Straße, mit einer Terrasse, die einen weiten Blick über das Tal bietet. Abends sitzen hier Wanderer, Handwerker, ein paar Einheimische und manchmal auch Gäste aus Ferkelau, die der Stadt für ein paar Stunden entfliehen wollen. Das Rauschen des Zento begleitet jedes Gespräch, und wenn die Autos über die Autobahntrasse zum Ferkelpass hinauffahren, sieht man ihre Lichter wie kleine Glühwürmchen durch die Dunkelheit ziehen. Die Wirtin, Rona Belter, serviert einfache, aber gute Gerichte: Bergkräutersuppe, Ziegenkäse aus Patz, Forelle aus dem Zento. Ihr Mann Eldor kümmert sich um die Zimmer – vier an der Zahl, schlicht, aber sauber, mit Blick auf die Hänge.

Ferkeltal ist ein idealer Ausgangspunkt für Wanderungen. Die alte Zentotalstraße beginnt praktisch vor der Haustür, und wer ihr folgt, erreicht nach einer Stunde die Holzmühle am Queckberg, nach zwei Stunden die ersten Aussichtspunkte über dem Tal. Viele Wanderer starten früh am Morgen, wenn der Nebel noch zwischen den Bäumen hängt und die Luft nach feuchtem Moos riecht. Andere kommen erst am Nachmittag, um den Sonnenuntergang über den Hängen zu sehen. Der Weg ist gut ausgeschildert, und die Einheimischen geben gern Tipps – besonders Jonas Rademann, der Sohn des Müllers, der jeden Stein im Tal zu kennen scheint.

Das Dorf selbst hat nur wenige Straßen, aber ihre Namen erzählen Geschichten: die Runagasse, die zur Kapelle führt; der Mühlenweg, der am Zento entlangläuft; die Schindelsteige, die zur Werkstatt von Falmer hinaufführt. Die meisten Häuser sind schlicht, manche mit geschnitzten Fensterläden, andere mit kleinen Gärten, in denen Kräuter wachsen. Kinder spielen oft am Fluss, obwohl ihre Eltern ihnen immer wieder sagen, sie sollen Abstand halten – der Zento kann tückisch sein, besonders nach Regen.

Ein kleines Gemeindehaus gibt es ebenfalls, in dem sich die Feuerwehr trifft, der Wanderverein seine Karten aktualisiert und im Winter ein Bastelkreis stattfindet, der von Frau Elvira Kornfeld geleitet wird. Einmal im Jahr, im Spätsommer, findet das Runafest statt: ein kleines Dorffest mit Musik, Kuchen, Honigverkostung und einer Prozession zur Kapelle. Es ist kein großes Ereignis, aber eines, das die Menschen hier zusammenbringt.

Einkaufsmöglichkeiten gibt es im Dorf kaum – ein mobiler Händler kommt zweimal pro Woche, und wer mehr braucht, fährt nach Ferkelau. Eine Postagentur, eine Bankfiliale oder eine Arztpraxis sucht man hier vergeblich, doch die Bewohner nehmen das gelassen. „Wir haben die Berge“, sagt Hendrik Falmer, „und die Berge haben uns.“

Trotz seiner Abgeschiedenheit ist Ferkeltal gut erreichbar. Die B62 führt hinunter nach Ferkelau, die A5 liegt nur wenige Minuten entfernt, und die Ferkeltalstraße verbindet das Dorf mit der Holzmühle und dem Queckberg. Der Abzweig zur Queck Research Area ist zwar gesperrt, aber viele Wanderer bleiben ohnehin lieber auf den offiziellen Wegen.

Wer Ferkeltal besucht, sollte Zeit mitbringen – nicht, weil es viel zu sehen gäbe, sondern weil der Ort seine Wirkung langsam entfaltet. Man sitzt auf der Terrasse des Passblick, hört den Fluss, sieht die Berge, und irgendwann versteht man, warum die Menschen hier bleiben. Ferkeltal ist kein spektakulärer Ort. Aber es ist einer, der bleibt.


Verkehrsverbindungen:
Straße: A5 (W: Seestadt, NO: Tremo); B62 (S: Ferkelau 5km); Ferkeltalstraße über die Holzmühle zum Queckberg, Abzweig zur Queck Research Area (restrichted access)